Archiv des Autors: Frau ArGueveur

Geheimtipp: Phare du Petit Minou

Ein abgelegener, wildromantischer Strand zwischen dicht bewachsenen Felsen, ein steiler Aufstieg, auf dem sich immer wieder fantastische Ausblicke auf die Rade de Brest und den Parc Naturel Marin d’Iroise bieten. Nach etwa der Hälfte des Weges sieht man schon eine Leuchtturmspitze und wenn man oben angekommen und einmal um das Areal herumgewandert ist, eröffnet sich ein Blick wie aus dem Bilderbuch. Was ihr seht ist – tatatataaa – der Phare du Petit Minou, der Leuchtturm des kleinen Kätzchens.

phare-du-petit-minou-mit-bunker

In unserem Reiseführer ist der beeindruckende Turm nur mit eineinhalb Zeilen unter „Ziele in der Umgebung“ erwähnt, in vielen anderen ist er gar nicht verzeichnet. Aber zum Glück gibt es ja Blogs und die großartige Facebookseite von Kristell, so dass wir den Leuchtturm und die spektakuläre Aussicht etwas außerhalb von Plouzané trotzdem gefunden haben.

Blick auf den Phare du Petit Minou hinter gelben Blüten

Technisch ist der Petit Minou sicher nicht der herausragende Vertreter seiner Zunft (wer sich dafür interessiert, findet hier ausführliche Infos). Und auch sein Nachbar, der halb verfallene Radarturm der Marine, ist keine Schönheit. Da er bereits mehrfach aufgebrochen wurde und es wirklich gefährlich ist, in dem Bauwerk ohne Brüstung und vielfach ohne Fenster ganz nach oben zu klettern (ein heftiger Windstoß aus unerwarteter Richtung und wer sich nicht gut festhält, wird ins Meer geweht), soll er bald abgerissen werden. So wie übrigens auch das alte Leuchtturmwärterhaus, das schon verschwunden ist.Phare du Petit Minou mit dem alten Radarturm der Marine daneben

Bei unserem Ausflug hat uns aber am Ende gar nicht die kleine Wanderung um die Landspitze herum am besten gefallen. Auch nicht der wahrhaft spektakuläre Blick auf den Leuchtturm, das ihn umgebende Fort du Minou (von Vauban erbaut) oder die Bunker, die von der deutschen Besetzung während des Zweiten Weltkrieges zeugen.

Am nettesten war das Gespräch mit einem freundlichen Herrn, der anbot, den Lieblingsmenschen und mich vor der berrauschenden Kulisse des in allen Farben zwischen grün und dunkelblau schimmernden Meeres zu fotografieren.Blick auf die Rade de Brest vom Phare du Petit Minou in Plouzané aus

Wie das in der Bretagne so schnell geht, wenn man einige Worte französisch spricht, waren wir blitzschnell in ein angeregtes Gespräch über die Gegend vertieft. Unser freundlicher Gesprächspartner ist Rentner, wohnt um die Ecke, kommt quasi jeden Tag zum Phare, um die Landschaft zu genießen und Fotos der vorbeifahrenden Schiffe zu machen. Die meisten sind Marineschiffe auf dem Rückweg in den Hafen von Brest. Die französischen kennt er alle in- und auswendig, hat er doch mehr als dreißig Jahre auf der Marinebasis gearbeitet und die Flotte gewartet. Besonders gefallen im deutsche und amerikanische Schiffe, kürzlich sei die Fregatte Bayern vorbeigefahren und auch die „Hessen“, die zuletzt Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet hat, hat er schon fotografiert.Französische Fregatte fährt am Phare du Petit Minou vorbei in Richtung Brest

In seiner aktiven Zeit habe er solche Schiffe natürlich auch von innen kennengelernt. Gegen eine gute Flasche Wein (für die deutsche Besatzung) oder Mousseux (für die Amerikaner) habe man ihn gerne herumgeführt. Dabei habe man so manch sehr netten Abend zusammen verbracht.

Den Leuchtturmwärter des Minou kannte er noch persönlich. Ehrensache, war sein Großvater doch Leuchtturmwärter auf Ouessant, im berühmten Phare du Chréac’h. Und seinen Onkel habe ich vermutlich vor knapp 20 Jahren zumindest von ferne kennengelernt, als ich beim Salon du livre insulaire auf Ouessant war, denn dort ist er Fotograf und freier Journalist. Wie klein die Welt doch ist…

Übrigens kann man mit dem Auto auch direkt zum Fort du Minou fahren. Viel schöner ist es aber, auf dem Parkplatz am Plage du Minou eine Bucht weiter westlich zu parken und die Landspitze zu Fuß zu umrunden. Falls ihr also in der Nähe seid: Der Abstecher lohnt sich unbedingt.

Der kleine, abgeschiedene „Plage du Minou“.Kleiner abgeschiedener Sandstrand am "Plage du Minou"

Beim „Aufstieg“ auf die Klippen bieten sich faszinierende Ausblicke und nach einigen Metern kann man die Spitze des Leuchtturms schon sehen.Kleine Naturbrücke am Plage du Minou in Plouzané im Finistère

plage-du-minou-spitze-des-leuchtturms

Auf den Steinen sonnen sich dutzende Eidechsen.Eidechse sonnt sich auf den warmen Steinen am Leuchtturm Phare du Petit Minou

Die Spuren der deutschen Besatzung sind in der Landschaft noch deutlich sichtbar.Bunker aus der Zeit der Besatzung der Bretagne durch die Nazis

Deutscher Bunker in einen Hügel eingegraben

Und natürlich noch ein paar Ansichten des Phare du Petit Minou <3Der Phare du Petit Minou im Sonnenschein

Weg zum Leuchtturm und Leuchtturm Petit Minou in der Sonne

Sonnenuntergang am Ende der Welt

Bei der aktuellen Hitze tut der ein oder andere Gedanke ans Meer und die gar nicht mal so leichte Brise dort so richtig gut. Und so kriegt ihr heute ein paar erfrischende Urlaubserinnerungen. Aber wehe, einer sagt, in der Bretagne sei das Wetter immer schlecht. Von wegen. Gar nicht mal so selten kann man ein Sonnenuntergangs-Schauspiel erleben, das mit den schnulzigsten Kitschfilmen mithalten kann. Nur eben live und in Farbe. Und eine ganze Stunde später als zu Hause. Hach. <3

Extra für euch (und für mich natürlich auch) habe ich ein paar Fotos vom Logenplatz auf den Klippen direkt vor der Haustür unseres Lieblingsferienhäuschens gemacht. Der Leuchtturm, den man auf einem der Fotos in der Ferne sieht, ist übrigens der Phare de l’Île Vierge. Von dem erzähle ich euch ein anderes Mal. Für heute kriegt ihr erstmal die volle Dröhnung Meer und Sonnenuntergang. 3…2…1…Blick auf den Naturhafen Kours Vihan in Kerlouan kurz vor SonnenuntergangDie Bucht von Kours Vihan in Kerlouan kurz vor SonnenuntergangBlick auf den Phare de l'ile Vierge in der Ferne im orangenen Licht des SonnenuntergangsGelber Sonnenball vor orange-rotem Himmel knapp über der WasserlinieSonnenball ist bereits halb von der Wasserlinie verdecktHimmel in allen Farben von gelb über orange zu rosa und rot als nur noch ein kleiner Punkt der Sonne über der Wasserlinie des ruhigen dunkelblauen Meers zu sehen ist

 

 

Akrotiri: Von Inseln und Tempeln und fehlenden Rohstoffen

Endlich mal wieder positive Nachrichten aus Griechenland. Denn dort kann man zu zweit unglaublich viel Saß haben. Zumindest auf dem Brett und auch nur, wenn man ganz passabel englisch spricht. Denn übersetzt wurde dieser Spielehit bisher nicht. Inseln anlegen, Fährverbindungen schaffen, Rohstoffe anbauen und mit Schiffen zum Handelsplatz bringen, Geld verdienen und neue Schatzkarten kaufen, historische Tempel entdecken und Punkte sammeln: So lässt sich der Ablauf von Akrotiri zusammenfassen.Spielplan von Akrotiri mit einigen angelegten Inselkärtchen

Doch von vorn: Im klassischen Griechenland haben unsere Boote vor der Insel Thera Anker geworfen. Doch natürlich sind wir Entdecker und haben nicht vor, einfach gemütlich am Strand herumzuliegen. Daher ziehen wir in jeder Runde ein Plättchen mit Inselteilen und Rohstoffvorkommen, Häfen und Schiffahrtsverbindungen und legen es so an Thera an, dass die Verbindungen und Rohstoffe unseren Schatzkarten möglichst dienlich sind. Die Karten zeigen, wie die Rohstoffe auf den Inseln verteilt sein müssen, damit wir historische Schätze entdecken können. Mal müssen zwei Holzvorräte südlich des Grabungsvorhabens sein, zudem ein Steinbruch westlich und ein See östlich. Vielleicht gilt es aber auch, Lavaströme nördlich, Holz westlich und Seen östlich zu finden, oder… die Kombinationen sind vielfältig. Und nur, wer seine Inselkärtchen so platziert, dass sowohl die Rohstoffvorkommen als auch die Verbindungen passend gelegen sind, kann anschließend mit seinem Boot zur entsprechenden Insel segeln und dort Rohstoffe einladen. Danach gilt es, zum Handelsplatz zurückzufahren, die Rohstoffe schnell zu verkaufen (denn wer zuerst kommt, bekommt in der Regel mehr Geld), um dann zu einer Expedition aufzubrechen, bei der man Tempel entdecken und ausgraben kann.

Je erfolgreicher man als Archäologe ist, desto mehr Aktionen darf man pro Runde durchführen, denn jeder Tempel, der vom eigenen Spielplan auf eine Insel umzieht, enthüllt neue Handlungsoptionen.Spielplan von Akrotiri, auf dem bereits einige Tempel entnommen und dadurch zusätzliche Aktionen aktiviert wurden

Punkte gibt es am Ende vor allem für die Tempel(schatz)karten, die unterschiedlich wertvoll sind. Doch auch zusätzliche Aufgabenkarten, die man im Laufe des Spiels einsammelt, bringen Punkte – zum Beispiel für jeden Tempel, den man auf einer Insel bauen konnte, auf der es einen Steinbruch gibt. Oder für jeden Tempel, der auf einer Insel steht, die keine direkte Fährverbindung mit Thera hat (und zu der man sein Boot zum Tempelbau umständlich über kleinere dazwischen liegende Inseln schleppen musste), oder…

Das klingt verwirrend und ist es auch. Der Lieblingsmitspieler und ich sind im Prinzip ständig am Stöhnen. Entweder man hat ein Kärtchen mit einem unpassenden Rohstoff gezogen oder die Fährverbindungen sind ungünstig. Ein anderes Mal sind die Rohstoffpreise gerade in den Keller gesunken, wenn man endlich voll beladen auf Thera ankommt. Dann wiederum hat der Gegner gerade einen Tempel auf der Insel entdeckt, auf der wir die meisten Punkte hätten einheimsen können und so weiter und so fort."Rohstofflager" mit kleinen farbigen Holzklötzchen und Schatzkarten des Brettspiels Akrotiri

Doch während wir noch Stöhnen und Meckern, sehen wir aus den Augenwinkeln eine weitere Insel aus dem Meer auftauchen und siehe da, dort wachsen Bäume und einen kleinen See könnten wir auch noch anbauen und dabei gleichzeitig einen schiffbaren Hafen erschaffen. Und schon sind wir wieder im Spiel. Und wenn gar nicht mehr geht, kann man ja immer noch das Orakel befragen.

Bei den ersten Partien fällt es durchaus schwer, immer den Überblick zu behalten. Und auch, wenn man zu den geübten Akrotiri-Spielern gehört, kann man nicht immer vorhersagen, wer nach der Endabrechnung die meisten Punkte hat. Der Wiederspielreiz ist auch wegen der hübschen grafischen Gestaltung und kleiner liebenswerter Details (zum Beispiel gibt es sehr detailverliebt gestaltete Fische, die helfen, die eigenen Aktionen zu zählen und auch das Startspielerkärtchen ist ein optischer Hingucker) sehr hoch. Ein kleiner Wermutstropfen ist jedoch die schlechte Gestaltung der Boote und Rohstoffe: Beide passen nicht immer gut ineinander und so muss man die kleinen, bunten Rohstoff-Holzwürfel immer mal wieder mit der Hand in Richtung Thera bugsieren, weil sie nicht in das Boot passen. Bei dem nicht ganz günstigen Preis könnte man hier ein wenig mehr Qualität erwarten.Rundenmarker von Akrotiri - kleine ovale Papp-Plättchen mit gezeichneten Fischen im antiken Stil

Davon abgesehen begeistert den Lieblingsmenschen und mich jedoch die Kombination verschiedener Spielmechanismen. Durch das Ziehen und Anlegen der Inselplättchen ist der Glückseffekt überraschend hoch und zu Beginn zurechtgelegte Langzeitstrategien werden schnell vom Gegner durchkreuzt. Spätestens ab dem dritten Zug ist aus dem Strategie-Plan eine taktische Wasserschlacht geworden. Und es ist immer wieder spannend abzuwägen, ob es sich lohnt, ein Wettrennen um die besten Rohstoffe anzustrengen, oder ob man besser sein leeres Boot schnappt und es über eine Insel schleppt, um in entfernteren Gefilden einen Tempel zu entdecken.

Ukraine: Gastfreundschaft und Suche nach Hoffnung

„Sie kennen mich vom Boxen. Da gibt es maximal zwölf Runden.“ Sagt der Oberbürgermeister von Kiew. „Wie viele Runden wir jetzt schon hinter uns haben. Ich weiß es nicht. Wie viele noch kommen. Ich weiß es nicht. Es fühlt sich mehr an wie ein Marathonlauf und es ist egal, wie stark ich bin. Nur gemeinsam können wir die Aufgabe meistern.“ Vitali Klitschko sieht müde aus.Vitali Klitschko vor einem Mikrofon im kiewer Rathaus bei einem Gespräch mit Journalisten und dem ASB

Die Aufgabe, von der er spricht, ist die Versorgung der 1,3 Millionen Binnenvertriebenen von der Krim und aus dem Osten der Ukraine. 170.000 Menschen sind es in der Hauptstadt Kiew. Doch mehr noch als die rein materielle Versorgung gilt es, den Menschen, von denen viele im wahrsten Sinne des Wortes alles verloren haben, Hoffnung zu geben. Hoffnung darauf, dass sie eine Zukunft haben. Dass sie mehr finden als nur ein Dach über dem Kopf. Dass es Menschen gibt, die für sie da sind. Dass das Leben lebenswert bleibt. Hoffnung auf Frieden.Zwei Helferinnen des Kiewer Samariterbundes mit einer Tüte volle Hilfsgüter

Menschen wie Marina. Eine Mutter aus dem Donbas, die mit ihren kleinen Kindern vor den ständigen Scharmützeln, vor Angriffen und Kämpfen, vor Unsicherheit und Angst nach Kiew floh. Die dort eine kleine Wohnung mieten konnte, so dass ihre kleine Familie sich sicher fühlen kann. Und die nicht tatenlos herumsitzen wollte. Sie erfuhr, dass die Kiewer Samariter Vertriebenen helfen, die nicht alleine überleben können. Sie fuhr an den Rand der Stadt in die Lagerräume, in denen Freiwillige jeden Monat 1.500 Tüten mit Lebensmitteln packen und fragte, wie sie helfen kann. Marina bekam eine gelbe Schürze und packte mit an. Verteilte Nudeln und Konserven, Öl und Reis und Seife in Pakete und Tüten. Im Hintergrund. Hundertfach. Tausendfach.Auf einem Tisch ist der Inhalt einer Hilfsgütertüte aufgebaut

Unsichtbar und doch unersetzlich. Mittlerweile ist sie beim Kiewer Samariterbund beschäftigt und koordiniert die Logistik der Lebensmittelhilfe. „Ein dünner Besen zerbricht, wenn man zu stark damit kehrt“, sagt Marina. „Daher arbeiten wir hier alle zusammen, um den Stiel des Besens stark und fest zu machen, damit er lange hält und wir noch vielen Familien helfen können.“Die blau-gelbe-Flagge der Ukraine weht über dem Maidan in Kiew

In den vergangenen Tagen war ich dienstlich in der Ukraine unterwegs. Genauer gesagt in Kiew und Charkiw. Ich erzähle euch sicher in der nächsten Zeit noch mehr davon. Falls ihr helfen wollt, klickt hier.

Erinnerungen an Harry Rowohlt

Als ich den Lieblingemenschen kennenlernte, entdeckte ich ziemlich schnell in seinem Bücherregal ein Buch, dass vorher irgendwie an mir vorbeigegangen war, dass ich aber unbedingt und sofort ausleihen musste. Und so verliebte ich mich nicht nur in meinen Mann, sondern auch in einen Bären von sehr geringem Verstand.

Pu der Bär war gleichzeitig meine erste Begegnung mit Harry Rowohlt. Mit den Jahren wurde ich eine begeisterte Leserin von Pooh’s Corner in der Zeit und las irische Bücher, die ich sicher nie entdeckt hätte, einzig und allein, weil sie von Rowohlt übersetzt waren.

Vor einigen Jahren haben wir ihn in Köln lesen hören. Wobei eine Lesung mit ihm ja immer eine Art Erlebnis, ein Event für alle Sinne war. Als wir durch die Fußgängerzone Richtung Buchhandlung bummelten, überholten wir einen sehr langsam vor sich hinschlurfenden Menschen mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und gesenktem Kopf. Erst als wir schon fast vorbei waren, wurde uns klar, wer das ist. Fast unsichtbar hatte er sich gemacht. Umso sichtbarer wurde er während des Abends, der für uns unvergesslich blieb.

Natürlich wollten wir am Ende auch ein Autogramm auf unser Hörbuch. Die beiden Damen vor uns unterhielten sich lange mit ihm und wir warteten geduldig, aber auch nicht eben kurz. Was uns in den Genuss brachte, dass Harry Rowohlt auch mit uns etwas ausführlicher plauderte. Die beiden Damen vor uns waren wohl aus der Kantine vom Lindenstraßen-Set und da er einige Folgen lang nicht vorgekommen war, hatte man Erzähl-Nachholbedarf. Ob wir gewusst hätten, dass er sich selbst für die Rolle vorgeschlagen hätte? Habe er. Und das, obwohl er dafür regelmäßig von Hamburg nach Köln kommen müsse.

Es gibt viele lange Nachrufe, aber Isabel Bogdan sagt es mit wenigen Worten besonders treffend. Er wird uns fehlen.

 

Die Küste des Finistère im Frühjahr, oder: éclats de rose

Im Frühjahr färben sich die Dünen des Finistère rosa. Grund dafür ist die gewöhnliche Grasnelke, auch Strand-Grasnelke genannt. Ihr französischer Name klingt natürlich viel poetischer: armerie maritime. In der Liste meiner Lieblingspflanzen hat sich dieses kleine Gewächs gerade ganz weit nach vorn geschoben.Strandgrasnelke mit Bucht und Felsen im Hintergrund

Strand-Grasnelke mit Felsen und Meer im Hintergrund

Büschel rosa blühender Strand-GrasnelkenHang einer Düne voller Büschel von rosa-blühenden Stand-GrasnelkenStand-Grasnelke vor dem Strand bei Ebbe

Bemerknisse* in der Vorsaison

Der Lieblingsmensch und ich waren im Urlaub. Yeah. Und mittlerweile ist es ja fast schon Tradition, daher dürft ihr in den nächsten Wochen immer mal wieder daran teilhaben. Ich habe nämlich festgestellt, dass das Aufschreiben der Erinnerungen und das Aussuchen der Fotos mir jedes Mal einen kleinen Urlaubsflash verschafft und somit die Erholung in den Alltag hinein verlängert.Reiher in der Digue von Kerlouan im Abendlicht Ätsch 🙂

Falls ihr davon unwiderstehliche Lust bekommt, auch mal an dieses wunderschöne Fleckchen Erde zu fahren, seid ihr jetzt jedenfalls schonmal vorgewarnt. Strandnelken bei Ebbe an der mit Felsen übersähten Côte des légendes im Finistère

Zum Einstieg in die Erinnerungen (und Aussteig aus dem Urlaub – wie wunderbar, wenn das so großartig zusammenpasst), schreibe ich euch ein paar Bemerknisse* auf. Denn auch wenn wir nun schon zum dritten Mal am selben Fleck waren, entdecken wir immer noch neue Dinge. Es ist ganz erstaunlich.

  • Ende Mai ist es im Finistère um Mitternacht noch nicht dunkel genug, um in Ruhe die Millionen von Sternen zu bewundern, die man in einer Ecke ohne Straßenbeleuchtung im Herbst so wunderbar sehen kann. Sonnenuntergang kurz vor halb elf: großartig!Sonnenuntergang an der Küste bei Kerlouan im Nordfinistère
  • Außerhalb der Saison ist nichts los? Von wegen. Wenn man Glück hat, sitzt an einem ganz gewöhnlichen Samstagnachmittag ein älterer Herr mit Drehleiher unter den Gästen der Auberge de Meneham und schon findet sich eine Gruppe junger, mittelalter und durchaus auch alter Menschen zusammen, die auf dem „Dorfplatz“ zusammen tanzt. Mit den kleinen Fingern eingehakt. Hach.
  • Blühender Ginster ist zwar kein Ersatz für prachtvolle Hortensienblüten, schleicht sich aber ganz unbemerkt mit den Tagen ins Herz und belegt dort vordere Plätze. So schöööön.

Gelb blühender Ginster und Heidekraut an den Hänger der Pointe du Van

  • Die Zeiten von Ebbe und Flut reichen im Finistère nicht aus, um Wattwanderungen richtig zu planen. Fast noch wichtiger ist der Koeffizient, denn seine Höhe gibt vor, wie weit man sich ins Meer hinauswagen kann und wie schnell man wieder umkehren muss. Daher diesmal: Kein Spaziergang zum Phare de l’Île-Vierge.
  • Durchsagen, die man bei der französischen Bahn durchaus hören kann: „Bitte beachten Sie, dass wir unseren Zielort einige Minuten vor der geplanten Ankunftszeit erreichen.“ Sncf, you rock!
  • Moderne Chauffeure von Limousinenservices halten nicht mehr Schilder mit den Namen ihrer Fahrgäste vor sich, sondern Tablets. Bevor man sich dran erinnert, dass man ja zu Fuß weiter will, wünscht man sich ganz kurz, dafür aber inständig, dass der „Comic sans“-Liebhaber nicht uns meint 🙂

Wellen brechen sich an Felsen bei Kerlouan

Wellen brechen sich bei Flut an einem Felsen und spritzen vor dem vom Sonnenuntergang rosa gefärbten Himmel meterhoch

* Das Wort „Bemerknisse“ habe ich sozusagen von Frau Gminggmang adoptiert. Dass man das darf, habe ich unter anderem von Frau Nessy und Herrn Buddenbohm gelernt. Blogsafaris – auch so ein wundervolles Urlaubsvergnügen.

Zeche Zollverein

Blick über Förderturm und Gelände der Zeche Zollverein vom Panoramadach ausMan lebt in den spannendsten Gegenden und erlebt doch viel zu selten, was man um einen herum sehen, fühlen, hören und riechen kann. Hören und riechen? Ja genau, das geht im Ruhr Museum mitten in der Zeche Zollverein in Essen. Und dank eines Familienausflugs waren wir jetzt endlich auch mal da. Juhu!

Bis man sich allerdings zu den erwähnten Hör- und Riechstationen (da kann man Asphalt und Hochofenwärme und alles mögliche andere riechen und solche Dinge wie Hochofenabstich, Bioschwein, Kreuzkröte oder andere Geräusche aus dem Umfeld der Zeche anhören) – also, bis man sich bis dahin durchgefunden hat, hat man schon Etliches gesehen, was wirklich beeindruckend ist. Alles ist groß in der Zeche. Zahnräder, Kessel, Schrauben, Hebel.Rohr mit sehr großer Mutter und Schraube und Hebel

Gelber Kessel auf großen grauen Rohren in der Zeche Zollverein in Essen

Großes rotes Rad mit einem Messgerät davor in der Zeche Zollverein in EssenRiesige Schraube mit Mutter und sehr dicken Kabeln in der Zeche Zollverein in EssenEin großes orange-brauen Rohr mit einem großen Verschluss in der Zeche Zollverein in Essen
Ich finde es beeindruckend mir vorzustellen, dass all das eine große Maschine war. Von Menschen im Schweiße ihres Angesichts betrieben. In der alles ineinander griff und die dazu beitrug, die Welt grundlegend zu verändern. Großes grün-graues Etwas mit einem Handschalter in der Zeche Zollverein, Weltkulturerbe in Essen

Und innerhalb weniger Jahre findet hier wieder ein großer Wandel statt. Natürlich ist vieles Welterbe-Romantik, zum Beispiel der kleine Elektrozug, das Besucherzentrum, der 360°-Film mit besonders viel Menscheln und einer Extraportion Emotionen, die Cafés und der Souvenirshop mit Kohlebadesalz (nur für Badewannen ohne Risse, für Verfärbung wird keine Haftung übernommen). Und trotzdem beeindruckt mich das Konzept, das hier so konsequent umgesetzt wird.  Zahnrad in der Zeche Zollverein in Essen

orange beleuchtetes Treppenhaus im Ruhr Mesum in der ehemaligen Kohlenwäsche des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen

Auch überraschend großartig: Das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche. Da geht es um das Ruhrgebiet früher und heute. Es gibt Ausgrabungsgegenstände und Tierskelette (Mammuts!), alte Siegel und Urkunden, Statuen und Kleidungsstücke aus quasi allen Epochen. Hier findet man auch die bereits erwähnten Stationen, an denen man typische Geräusche und Gerüche hören und riechen kann.Kleine runde Platte im Boden mit dem Text "Hochofenabstich". Beim Betreten der Platte erklingt das entsprechende Geräusch

Eine beeindruckende Fotosammlung zeigt den Strukturwandel der letzten 30 Jahre. Und eine Reihe von Alltagsgegenständen schlagen den großen Bogen durch die Zeitgeschichte und verknüpfen diese mit unserem Leben. Senkrechtes Rohr mit strahlenförmig davon ausgehenden Stüzpfeilern im "Kinosaal" der Zeche Zollverein

Beeindruckend zum Beispiel das versteinerte Zeugnis eines Blitzes und die liebevoll gepflegten Fahnen der Bergmannsvereine. Ja, genauso durcheinander sieht das aus, aber wenn man durchgeht, ergibt das alles eine rote Linie und man sieht den Sinn. Vertraut mir.

Den tiefsten Eindruck hinterließ bei mir ein Glad abgekochtes Wasser. Eine Mutter hatte Einmachgläser mit abgekochtem Wasser mit in den Bunker genommen, um dort Babynahrung zubereiten zu können. Als sie von den Amerikanern befreit wurden, waren noch zwei Gläser übrig. Eines davon steht jetzt in Essen.

Virtine im Ruhr Museum in Essen mit dem Zitat: "Man hatte doch nichts."

Blick über das Zechengeländer der Zeche Zollverein mit drei hohen SchornsteinenVersteinerte Überreste eines Blitzes im Ruhr Museum in Essen

Roll for the galaxy

Würfelberg mit vielen bunten Würfeln aus Roll for the galaxyNeue Welten entdecken und Planten erforschen, fortschrittliche Techniken entwickeln und Handel mit Außerirdischen treiben: für den Lieblingsmenschen klingt das wie unbegrenzter Riesenspaß. Darum haben wir auch Race for the galaxy im Spieleregal. Aber warum Karten nehmen, wenn man auch würfeln kann? Und genau darum gibt es seit einigen Wochen nun auch Roll for the galaxy bei uns zu Hause. Und was soll ich sagen: Es hat innerhalb weniger Stunden der Kartenvariante den Rang abgelaufen.

Das Spielprinzip des Würfelspiels ist ganz ähnlich wie das seines Karten-Originals: Jeder Spieler überlegt im Geheimen, welche der fünf Phasen (entdecken – erforschen – besiedeln – Waren produzieren – Handel treiben) er spielen will. Gespielt werden dann alle Phasen, die die Spieler ausgesucht haben: Entweder so viele verschiedene, wie es Spieler gibt, oder eben nur eine, wenn alle sich für die gleiche Phase entschieden haben. Beim Vorausahnen, was die Gegner Mitspieler wohl wählen, kann man sich ganz schön verzetteln, nur, um am Ende dann doch das Gleiche rauszulegen. Ewiges Taktieren lohnt sich also meist nicht, ganz außer Acht lassen sollte man diesen Aspekt jedoch trotzdem nicht. Außerdem gibt es in der Zwei-Spieler-Variante zusätzlich eine Phase, die erwürfelt wurde. Aber auch hier kann man Pech haben und insgesamt nur eine Option bekommen.

roll-for-the-galaxy-weltenDie Wahl der Phasen erfolgt bei Roll for the galaxy jedoch nicht über Karten, sondern durch Würfel – unabhängig vom gewürfelten Symbol. Zu Beginn hat jeder Spieler drei aktive und zwei inaktive weiße Würfel. Die übrigen Würfeln (die man nicht zur Wahl der Spielphase eingesetzt hat) werden den Phasen zugeordnet, deren Symbol sie zeigen. Wird diese Phase durch einen eigenen Würfel oder die Wahl eines Mitspielers ausgelöst, kann man die entsprechende Aktion mit den eigenen Würfeln durchführen. Durch taktischen Einsatz der Würfelergebnisse kann man so nach und nach weitere Würfel und/oder Sonderfähigkeiten hinzugewinnen. Die Würfel können dann, je nach Vorgabe der hinzugewonnenen Welten, entweder direkt im eigenen Würfelbecher oder aber als Ware auf einer neu entdeckten Welt landen. Kann ein Spieler diese Waren verkaufen, gewinnt er Siegpunkte oder Geld, mit dem man wiederum bereits benutzte Würfel zurück in den Würfelbecher legen und in der nächsten Runde wiederverwenden kann.

Das mag auf den ersten Blick unübersichtlich wirken, ist aber deutlich leichter zu überblicken als beim Kartenspiel, wo die Karten sowohl Geld als auch die Welten und Waren abbilden.

Auswahl der Phasen eines Spielers bei Roll for the galaxyDie grafische Gestaltung der auszulegenden Pappkärtchen orientiert sich natürlich ebenso am Kartenspiel-Original wie auch der Ablauf der verschiedenen Phasen. Allerdings ist die Variationsvielfalt dank der Würfel, die nicht alle die gleiche Verteilung der Phasensymbole haben, doch deutlich spannender als beim Kartenspiel. Vor allem, weil man eben nicht in jeder Runde alle Würfel zur Verfügung hat und sich den aktuellen Würfelsatz mithilfe des Geldes für jede Runde neu zusammenstellen muss.

Nehme ich lieber mehr rote Würfel dazu, die häufiger die Symbole für Entdecken und Besiedeln zeigen, oder möchte ich handeln und brauche einen lila Würfel, der das dafür benötigte Raumschiff-Symbol gleich auf drei Seiten trägt und beim Verschiffen von Waren zusätzliche Siegpunkte bringt? Versuche ich, Welten zu entdecken, die mir gelbe Würfel bringen, weil diese auf jeder zweiten Würfelseite einen Joker mitbringen? Oder brauche ich neue Kärtchen und Geld und würfle dafür lieber mit weißen Standardwürfeln, die das Augensymbol doppelt mitbringen?

Andere Würfelanordnung bei Roll for the galaxyHinzu kommt, dass der Glücksfaktor beim Würfeln sich, zumindest für uns, deutlich besser anfühlt als beim Kartenziehen. Vielleicht liegt es daran, dass man beim Schwenken und Umdrehen des Bechers wenigstens das Gefühl hat, etwas beeinflussen zu können – auch wenn man weiß, dass es natürlich nicht so ist: Vielleicht ist es aber auch wirklich nur ein Gefühl, weil man eben etwas mehr tut, als eine Karte zu ziehen.

Alles in allem eine wirklich großartige Ergänzung unserer Spielesammlung. Mit zwei kleinen Wermutstropfen. Erstens: Das Spiel ist bisher nicht auf deutsch erschienen und die englische Variante ist recht schwer zu ergattern und (Importversion) teuer. Zweitens: Wie schon das Kartenspiel ist auch Roll for the galaxy in einigen Komponenten nicht besonders hochwertig. Die Würfel sind nicht geprägt, sondern bedruckt, und bei einem Würfel löste sich ein Symbol bereits ab, bevor wir das Spiel zum ersten Mal gespielt hatten. Bei einem anderen Würfel ist eine Ecke etwas angeschlagen. Kein Drama, aber bei dem gehobenen Preis doch ein Ärgernis. Das aber durch den Spielspaß bisher voll aufgewogen wird.

Meeple zum Zählen des Kontostandes bei Roll for the galaxy