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Distanzkaffee (juhuuu)

Diese Woche ist die erste seit dem 14. März, die in meiner Wahrnehmung nicht komplett verschwimmt. Das liegt mit Sicherheit an den Highlights, die sie mitbrachte. Vielleicht auch an den Rosen im Garten, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Am Regen (Regen!!!1!!11!!! <3)

Eine Skype-Kneipe am Whisky-Tag, bei der ich Wein trank (ja, sowas merke ich mir dann und ihr könnt gerne den Kopf schütteln, taten die anderen auch). Ein virtuelles Wiedersehen mit einer Kollegin von ganz früher und hach, was war das schön.

Sommerschnitt der Ligusterhecke und Kampf dem Mehltau am Kirschlorbeer. Ungehandschuter Engtanz mit einer Brennnessel, die sich dreist unter den Rosenblättern versteckt hatte.

Gespräche über die Pandemie und ihre Folgen in Großbritannien und Italien und Uganda am Rande von Arbeitsmeetings. Über den dortigen Fortschritt von Tracing-Apps und ihre Wahrnehmung diskutiert. Erfahren, wie der Blick der Kolleg*innen auf Deutschland ist (Anerkennung für die guten Zahlen und die hohe Testfrequenz, aber auch besorgte Fragen: Gibt es wirklich diese Demos mit den Judensternen?)

Mein erster Fraisier und meine erste Crème patissière (ist es zu glauben?). Und das erste Mal googeln: Wie rette ich eine viel zu flüssige crème pat?

Ein Telefonat mit einer lieben Freundin und ganz viel Nähe aus der Ferne.

Und der Haupthöhepunkt am Feiertag: Distanzkaffeetrinken mit einer der Besten auf der Terrasse. Echter Besuch. Für einen ganzen Nachmittag. Live und in Farbe. Mit Abstand und allem, was dazugehört. Aber zusammensitzen und klönen und keine Eile haben und überhaupt. Hach, hach hach. Hatte ich schon hach gesagt? Hachz!!!!

Ohne Happy End

Mittlerweile war sie größer als ich. Und breiter. Und das will wirklich etwas heißen. Sie hatte mehr als ein Dutzend Knospen. Und ließ sich deutlich mehr Zeit mit dem Blühen, als ich vor mehr als 2 Wochen vermutet hatte. Da hatte ich die Größe ihrer Knospen erstmals wahrgenommen.

In unserem kleinen Garten habe ich ihre Artgenossen konsequent ausgemacht. So wie die Brennesseln und den Löwenzahn. Aber hier, am Wegesrand in dem kleinen Wäldchen am fast ausgetrockneten Bach, da durfte sie wachsen. Groß werden und größer. Immer noch einen Trieb und noch einen.

Sie war nicht die einzige, aber doch die erhabenste. Seit Wochen spazierten wir immer und immer wieder an ihr vorbei. Sie wurde unsere Feierabendspaziergangsvertraute. Wir freuten uns, als sie unsere Kniehöhe überschritt, dann die Hüfte, dann die damals kaputte Schulter. Der Lieblingsmensch hielt uns zusammen im Bild fest, als wir gleich groß waren. Noch gestern versuchte ich, auf Zehenspitzen einen Blick auf die höchste Knospe zu erhaschen. Wir schätzten, wie lange sie wohl brauchen würde, um die ersten violetten Strahlen herauszulassen auf dem hüschen Knubbel, der eine Blüte werden sollte. Und wunderten uns, dass das viel länger dauerte, als wir zunächst gedacht hatten.

Wir hatten sie ins Herz geschlossen. Selbst wenn wir sonst schweigend und einträchtig nebeneinander gingen, kamen wir unserer neuen Freundin näher, tauschten wir Vermutungen aus, wie sie jetzt wohl aussehen mochte.

Und heute – heute ist fast nichts mehr von ihr übrig. Jemand hat sie mutwillig zerschlagen. Ihr festen Stängel abgebrochen, ihre Blütenansätze zertreten. Da war niemand pflegend am Werk und wollte die Ausbreitung des „Unkrauts“ verhindern. Niemand, der den Spazierweg auch für Menschen mit Beinträchtigung und Rollator besser begehbar machen wollte. Niemand, hinter dessen Tun irgend ein Sinn erkennbar wäre. Rohe Kraft, sinnlose Zerstörung. Im besten Fall gedankenloses Auslassen von Übermut oder Wut. Aber da muss jemand schon eine ganz schöne Wucht angewandt haben.

Jetzt ist sie weg, die größte Distel, die ich je bewusst gesehen habe. Und an jedem Feierabendspaziergang werden die abgeknickten Stängel, die zertretenen Stiele, Blätter und Knospen mich an diese unnütze, überflüssige Idiotie erinnern.

Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich daraus eine Parabel auf die aktuelle gesellschaftliche Situation machen soll. Aber dieser Quatsch bleibt einfach so für sich stehen. Meine Enttäuschung auch.

Doublefacepalm

Ich werde mich vermutlich nie an dieses seltsame Zeitgefühl gewöhnen. Zack, Woche vorbei, kaum gemerkt und währenddessen passiert so viel, dass ich gar nicht fassen kann, wie das in diese beschleunigten Zeit überhaupt hineinpassen konnte.

In dieser Woche hatte ich überdurchschnittlich oft das dringende Bedürfnis, die Hände vors Gesicht zu schlagen – beide, because sometimes, one facepalm just isn’t enough. Wie tröstlich, dass es dieses Video gibt (10 Stunden, in Worten: zehn Stunden, yeah!)

Gründe dafür gab es genug und verschiedene.

Verschwörungs- mir fällt gar kein passendes Wort ein. -theoretiker mag ich nicht sagen, denn was sie da verzapfen, hat mit Theorien nichts zu tun. -mystiker mag ich auch nicht, denn Mythen und Märchen sind viel zu wertvoll und schön, um sie von solchen Lügen vereinnahmen zu lassen. #covidioten lese ich und mag auch das nur in der ersten Verzweiflung. Denn die einen tun das, um Profit daraus zu schlagen, die Situation für sich und ihre politischen, wirtschaftlichen oder persönlichen Ziele auszunutzen. Um Aufmerksamkeit zu bekommen oder Zustimmung oder – was weiß denn ich. Die anderen sind aus Unsicherheit dabei, aus Verzweiflung, getrieben von der Sehnsucht, etwas zu haben, das nicht unsicher ist, um sich an etwas festhalten zu können, das in all dem Neuen und Unsicheren und sich ständig Verändernden stabil bleibt. Idioten sind weder die einen noch die anderen. Aber wie kann man mit Menschen reden, die nicht wahrhaben wollen, dass es eben für manche Fragen keine einfachen Antworten gibt? Wie kommunizieren mit denen, die lieber einfache Lügen glauben als komplexe Wahrheiten? Ganz zu schweigen von denen, die ein Interesse daran haben, die Zahl genau dieser Menschen zu steigern.

Von den kirchlichen Verschwörungschwurblern und denen, die das mit einem Schulterzucken hinnehmen, fange ich gar nicht erst an.

Auch bei der Arbeit gibt es immer mal wieder Facepalm-Momente. Vermutlich auch solche, wo andere wegen meinereiner und über mich die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Damit kann ich leben – also wechselseitig (wobei ich versuche, die Anlässe von meiner Seite möglichst gering zu halten, aber I never know…)

Und dann war da in dieser Woche Zeit, um auch andere politische Themen wahrzunehmen als Corona und die Flüchtlingskrise und was macht eigentlich dieser Verkehrsminister beruflich? Und wieso macht er das immer noch?

Auch #maennerwelten hat mir den ein oder anderen Facepalmmoment beschert. Gibt es wirklich noch Menschen, die das Problem bisher nicht wahrgenommen haben? An denen Aufschrei und Metoo komplett vorbeigegangen sind? Gibt es wirklich Menschen, die das Problem von Frauenhass und Belästigung und Misshandlung und Missbrauch und … bisher nicht gesehen haben? Oder woher kommt diese Verwunderung? Und was könnte ich dazu beitragen, dass die Wahrnehmung, dass es hier nicht um einzelne Fälle geht, sondern um einen Fehler im System, dieses Mal nicht wieder verpufft in meinem Umfeld?

Eine Faceplam ganz anderen Kalibers gab es, als eine Freundin sich wunderte, dass ich like, wenn „so ein alter Schauspieler“ auf Twitter Shakespear-Sonnette vorliest, „noch nicht mal auswendig rezitiert und manchmal mit Fehlern“.  Der Schauspieler ist Patrick Stewart. DER Sir Patrick Stuart und … naja, auf jeden Fall führten wir dann ein Gespräch, bei dem ich mein Geek-tum voll ausbreiten durfte.

Gar nicht zum Hände vors Gesicht oder über dem Kopf zusammenschlagen, sondern ganz das Gegenteil, waren die vielen schönen Gespräche. Mit Freund*innen und Bekannten.

Mit dem Postboten (der wie ich den Kopf schüttelte über den in Plastik eingeschweißten Berg Altpapier, aka Telefonbuch und gelbe Seiten, den er zum Glück nicht ausliefern musste, der schon vor ihm da war – das kurze Gespräch war so nett, dass ich gar nicht zum facepalmen kam, und den Mist einfach direkt entsorgte).

Das virtuelle Arbeitstreffen das ich moderieren durfte, bei dem alle Beteiligten motiviert und konstruktiv und gut vorbereitet und neugierig und überhaupt ganz wunderbar waren. Das andere Meeting, wo ich als Technikfee gebucht war und tatsächlich überhaupt gar nicht gebraucht wurde. Wie schön zu sehen, wo diese Art des Digitalen, bei der Technik nicht mehr als Mittelpunkt und Hürde, sondern als Tool im besten Sinne des Wortes wahrgenommen und genutzt wird, bei der es um die Menschen an den Geräten und nicht die Geräte geht, so weit verbreitet ist.

Und besonders schön: Die Rosenblüten im Garten: Die gelbe Rose gibt alles und treibt immer neue Blüten, die rote hat sich angeschlossen und sogar die kleine buschige mit den rosa Blüten setzt nun Knospen an – mindestens ein Dutzend. Das wird herrlich.

Schwarzes Loch. Aber mit Glitzer.

Es ist absurd, wie sehr immer noch alles ineinander verschwimmt. Als habe sich in der Zeitlinie ein schwarzes Loch gebildet, das alles ansaugt und einsaugt. Immer schneller verschwindet die Zeit und schon wieder ist eine Woche vorbei.

Doch während ich darin bin, in dieser irrsinnig, absurd schnell vergehenden Zeit, dehnt sie sich paradoxer Weise aus wie Kaugummi. Die einzelnen Tage scheinen, so lange sie dauern, lang. Sehr lang. Und am nächsten Tag sind sie auf Kekskrümelkleinheit zusammengeschrumpft.

So viel ist geschehen in dieser Woche.

Ich habe gearbeitet. Viel gearbeitet und auch schnell Dinge erledigt. Doch es kommen immer mehr dazu als ich wegarbeite. Ergeben sich aus dem Erledigten. Und auch nach Wochen und Monaten nehmen die „Wie geht das“-Fragen nur wenig ab. Ich habe kurz überlegt, ob ich „Sendung-mit-der-Maus“ in meine Jobbeschreibung aufnehmen lassen möchte. Und dann habe ich in dieser Woche ein Video er- und dabei festgestellt, dass ich dafür selber Erklärvideos bräuchte und dann doch keine Mail an den Chef geschrieben.

Der Marathon aus Video- und Telefon- und Videokonferenzen ist so sehr Alltag geworden, dass ein Tag ganz ohne etwas davon aus dem Wabern der Zeit heraussticht wie ein Berggipfel.

Einen ersten Tag seit fast zwei Monaten im Büro gearbeitet. Freude über das Wiedersehen mit zumindest mit einem Teil der Kolleg*innen (und der formidablen Kaffeemaschine). Ein Gespür dafür bekommen, wie schnell sich ein Gefühl von Normalität einstellen kann. Doch mein Unverständnis für die Menschen, die die Lockerungen nun so verstehen als wäre alles vorbei, bleibt. Nicht zu reden von den Konspirationsdemonstrat*innen, den Verschwörungsschwurbler*innen und den Alu-Pileolus-Trägern und – ach, lassen wir das.

Skype-Arbeitsdate mit der Kollegin in Rom. Weiten des Blicks, nicht nur dienstlich, sondern auch persönlich. Die Bildschirmumarmung wirklich spüren. Haben wir uns wirklich vor 3 Monaten das erste – und einzige – Mal live und in Farbe getroffen? Dass das Internet kein unechter Raum, kein virtuell-gefühlloses Etwas, sondern Möglichkeit für echtes, wahres, menschliches Leben und Begegnen sein kann, ich weiß es seit langem. Aber in diesen Tagen freue ich mich bewusster daran.

Neben der Arbeit gab es viele schöne „Kleinigkeiten“, die in meinem Herzen aber ganz groß geworden sind. Feierabendspaziergänge mit dem Lieblingsmenschen und einer Distel, die mittlerweile fast so hoch und mindestens so breit ist wie ich – und das will wirklich was heißen.

Päckchen zur Post gebracht, von denen ich hoffte, dass sie anderen eine Freude machen (was geklappt hat), eine Orchidee verschickt für jemanden, die nicht ohne Orchidee sein sollte.

Die erste Rose im Garten hat angefangen zu blühen. 4 Tage hat sich die erste Blüte mit dem vollständigen Öffnen Zeit gelassen. Als prüfe sie erst einmal die Lage, als schicke sie ein halbes Blütenblatt vor wie einen Spion, als traue sie sich nicht so richtig hinaus in diese seltsame Zeit. Aber dann …

Von Twitter inspirierte Bäckerei und eine Brioche-Himbeermarmeladen-Orgie auf der Terrasse.

Einen ganz unerwarteten Anruf bekommen und mich sehr darüber gefreut. Alte Freundinnen sind etwas so Wunderbares. Man hat sich wochenlang nicht gehört und dann ergibt sich plötzlich eine Lücke in der verplanten Zeit und man redet, ohne lange Vorrede, direkt über Wesentliches, muss nichts erklären, weil man weiß, dass man sich versteht – nicht nur mit Worten. Und wenn die Zeitlücke vorbei ist, läuft man trotzdem weiter herum und denkt aneinander und dieses Herumlaufen und aneinander denken macht etwas mit mir, das ich mag.

Skype-Kneipe mit den einzigen Frauen, die ich Mädels nenne und sogar mit Nairobi. Hach. Hach. Hach.

Virtuelle Tabletop-Schlacht um Hogwarts mit Cidre und Plausch und Sommerkleider aus dem Lieblinsgladen, online geshoppt. Der erste Sommer seit Jahrzehnten, in dem ich exzessiv Kleid und Rock tragen werde. Juhu.

Ein langes Telefonat mit einem der besten über Philosophie und Politik und das große Ganze. Über die Freude, dass wir beide in Zusammenhängen leben, in denen Menschen sich auf das viele Neue eingelassen haben. Dass es gut tut zu merken, dass in unserem direkten Umfeld die Solidarität weitergeht, das Nachdenken über Dinge, die wir behalten möchten aus diesen Wochen des Rückzugs. Dass es in unserem direkten Umfeld nicht die Lobbyisten sind, die sich durchsetzen. Nicht die, die am lautesten schreien und die das meiste Geld haben und die einflussreichsten Freunde. Wie wenig selbstverständlich diese kleinen Gesten mit einem Mal wieder erscheinen. Und wie gut es tut, sich davon zu erzählen. Es mag nur anekdotische Evidenz sein, aber ich habe Angst, dass diese kleinen Freundlichkeiten verschwinden, wenn wir sie nicht mehr sehen, nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr weitererzählen.

Darum ein Hoch auf die Freundin, die sich dafür einsetzt, dass zumindest der Vorraum unserer Dorfkirche geöffnet wird, damit Menschen dort beten, eine Kerze für andere anzünden können.

Ein Hoch auf die andere, die sich in einem Krisenstab müde arbeitet und so Kollegen entlastet, die kranke Familienangehörige zu Hause haben und daher geschützt werden müssen.

Eins auf diejenigen, die noch immer die Kreide-Schnitzeljadgden für die Kinder unseres Dorfs auf Gehwege und Feldwege malen, so dass wir bei unseren Spaziergängen immer wieder auf einem Bein hüpfenden, Lieder singenden, Rätsel lösenden, Gedichtfetzen vor sich hinmurmelnden Eltern und Kindern begegnen.

Ein Hoch auf die Arzthelferinnen im Vorraum der Praxis, die mit einer Engelsgduld die Hygieneregeln erklären und zeigen, wie man sich die Hände korrekt desinfiziert – denn nein, dreimal kurz in die Hände klatschen hilft nicht.

Ein Hoch auf die, die mir Alpaka-Fotos schickt und eines auf den, der einen ganz persönlichen und nachdenkstarken, mitfühlenden und über sich hinausweisenden Artikel über ein zurückliegendes Unglück veröffentlicht hat.

Ein Hoch auf Caroline Ehmcke, die in ihrem Corona-Tagebuch Woche für Woche meinen Blick öffnet und Worte findet, die mich berühren, meine Perspektive erweitern oder verändern oder mir ganz einfach aus der Seele sprechen. Und für den Fischreiher.

Eines auf Frau Novemberregen, die jeden Abend auf Twitter fragt, was wir so gemacht haben und die mir mit diesen kurzen Tagesrückblicken hilft, mich zu fokussieren und mir gleichzeitig die Möglichkeit gibt, durch das Lesen der anderen aufzutauchen aus meinem Klein-Klein.

Ein Hoch auf den Paketauslieferer, der mit mir einen Abstandstanz aufführt, um das schwere Päckchen, dass für die Nachbarn bestimmt ist und bei uns warten soll, in unserem kleinen Flur abzustellen, ohne meinen Rücken zu belasten und gleichzeitig, ohne mir zu nah zu kommen. Und der dabei unter seiner Maske so freundlich lächelt, dass ich es auch an den Augen erkennen kann.

Und ein Lobgesang auf den Backofen, in dem die nächste Brioche heranbackt und auf die Vorfreude, sie später mit anderen zu teilen – wenn auch durch Vorbeibringen und getrenntes Verzehren. Aber immerhin mit Telefonschalte und Kaffeeplausch dabei.

Immer so weiter

Die Tage verschwimmen noch immer ineinander, als wäre das alles ein Zeit-Brei. Die Arbeit wird nicht weniger, es kommt immer neue hinzu, ohne dass die alte schon beendet wäre und ich wühle mich hindurch, manchmal ohne einen Anfang und ein Ende sehen zu können. Ab nächste Woche findet Arbeit wieder ab und an im Büro statt – ich bin gespannt, ob das etwas verändert.

An manchen Abenden bin ich innerlich so leer, dass es nicht mehr dazu reicht, ein Buch aufzuschlagen, meine eigentlich so geliebte Blog-Timeline zu lesen, jemanden anzurufen oder auch nur eine Messenger-Nachricht zu schreiben. Ich kuschle mich an den Lieblingsmenschen, schaue ins Abendrot oder in den Regen (juhu, Regen) und mehr passiert nicht.

Und dann passiert doch eine Menge:
Ein virtueller Geburtstag mit einer Mischung aus lustigen Memes und ernsten Gesprächen und Nachbars-Katzen, die ins Bild laufen, um – von uns neidvoll beobachtet – bekuschelt zu werden. Skype-Kneipen-Dates mit Pommeau und Darth-Vader-Eiswürfeln (weil er Maske trägt und weil meine wunderbare Schwester mir die Eiswürfel-Förmchen geschenkt hat – welcher Biergarten würde uns das servieren?). Online-Brettspiele-Abende, bei denen mein Ruf als Nerd-Girl durch widerspenstige Hardware ernsthaft in Gefahr gerät.

Gespräche und Nachrichten schreiben mit Menschen, die weit voneinander entfernt trauern – sich aus der Ferne ein wenig festhalten. Hoffe ich wenigstens.

Erste Schneller-Lauf-Versuche. Ich bringe es nicht übers Herz, das schon Joggen zu nennen und Kondition (in Beinen und Atemwegen und überhaupt) ist irgendwo, wo ich nicht bin, aber ich freue mich trotzdem.

Pesto auf der Türschwelle und ein Hauskreis-Flashmob, bei dem wir Distanz-Besuch mit Trompete bekommen und in gebührendem Abstand gemeinsam singen.

An einem späten Abend komme ich dazu, eines der Hauskonzerte von Igor Levit nachzuhören und bin von einem Werk von Morton Feldmann so berührt, dass ich Tränen in den Augen habe. An einem anderen Tag kämpfe ich im Garten mit Unkraut und tänzle fröhlich zu französischer Popmusik aus den 90-ern zur Biotonne. Ich wusste das schon vorher, aber: Wie toll ist denn bitte die Viefalt von Musik.

Ich stelle fest, dass meine Toleranz engere Grenzen hat. Dass ich mich mehr ärgere über Dinge, die ich in anderen Zeiten vermutlich mit einem Achselzucken abgetan oder für die ich Verständnis aufgebracht hätte. Dass ich weniger Information ertrage, da die so oft absurde bis menschenverachtende Meinungen mit anspült, für dich ich aktuell keine Kraft mehr habe. Dass ich nachtragender bin, verletzlicher, manches Mal härter in meinen Urteilen.

Die bleierne Müdigkeit hat ein wenig nachgelassen, aber der Genervtheitsfaktor hat sich auf einem hohen Grundpegel eingependelt. Ich bin sogar kurz auf die riesige Elster sauer, die eine halbe Ewigkeit stolz auf der Wiese vor dem Heimbüro sitzt, mir beim Arbeiten zusieht und sich durch gar nichts aus der Ruhr bringen lässt. Bis ich sie – in Zeitlupe und wirklich gaaaanz vorsichtig – fotografieren möchte. Da ist sie bei der allerkleinsten ersten Bewegung auf und davon.

Die Eitelkeit kommt zurück. Diese Woche gab es keinen Tag nur obenrum ordentlich und unten mit Schlumpfhose im Homeoffice. Ich sitze zum Beispiel tatsächlich mit dem neuem Sommerkleid und Ohrringen und ordentlich frisiert vor dem Rechner und ziehe mir zum Einkaufen ein T-Shirt an, das zur Mund-Nasen-Maske passt. (Und bestelle noch ein paar modischere Modelle, das wird uns ja noch eine Weile erhalten bleiben und da können Flamingos sicher nicht schaden). Der Lieblingsmensch will mich im Garten fotografien und darf erst den 5. Versuch behalten.

Wir kommen immer nur so weit, wie die Ideen uns tragen, wie der Mangel uns treibt, sang Spaceman Spiff. Wenn das stimmt, dann geht’s hier noch eine Weile weiter.

Schon wieder eine Woche vorbei

Die Zeit kommt mir noch immer extrem beschleunigt vor. Zack, schon wieder eine Woche vorbei. Die Arbeit wird nicht weniger. Auch die Dankbarkeit dafür, dass sowohl der Lieblingsmensch als auch ich uns keinerlei Existenzsorgen in diesem Bereich machen müssen hält an. Und die Freude darüber, dass ich mit meinem Tun ein wenig dazu beitragen kann, Menschen miteinander zu vernetzen, ist auch schön.

Was auch anhält ist die Gleichzeitigkeit von so Vielem. Der Löwenzahn wächst gerade erst heran, blüht schon, ist Pusteblume und schon vom Winde verweht – alles an einer einzigen Pflanze. So geht es mir auch. An einem Abend stille Tränen um einen Menschen, die es nicht geschafft hat. Zwei Täge später wieder Tränen – Freundentränen diesmal, für die Freundin, die endlich nach Hause darf. Schwach noch, aber geheilt.

Sorge um Freundinnen, die Lehrerinnen sind und seit Jahren berichten, dass sie Seife und Handtücher selbst mitbringen müssen, wenn sie wollen, dass die Schüler*innen sich die Hände waschen. Freude mit einer anderen, die – ach, ist ja auch egal, ich freu mich einfach mit.

Immer noch viel Telefonieren. Immer noch wenig Kraft zum Lesen über Berufliches hinaus. Aber Musik hören. Und beim Spazieren gehen Hummeln beobachten. (Hummeln <3) Und ins Abendrot schauen auf der Terrasse. Shakespeare-Sonnette vom besten Captain aller Zeiten.

Ein Spieldate mit der Koop-Spielrunde, ein Whiskydate, Hauskreis digital, Familienchat. Wie schön, dass dieses Online-Leben nun von so vielen als Teil des echtes Lebens wahrgenommen und geteilt wird.

Und Dankbarkeit für die Verbundenheit, die durch so viele kleine Gesten sichtbar wird und die die Distanz überwindet: Das freitägliche Teilen von Brot und Wasser („denn der Weg ist noch weit“). Ein Arzt, der eine weniger ermutigende Nachricht in so viel Humor packt, dass ich sie gut ertragen kann. Unerwartete kleine Grüße per Post – wie schön Brieffreundschaften doch sind. Kleine geteilte Gedanken und Alltäglichkeiten. Blogtexte, die gut tun. Eine Umarmung des gar nicht mehr so neuen Homeoffice-Kollegen einfach so zwischendurch. Ein abendlicher Blumengruß.

Notizen im Dazwischen

Im Insektenhotel der Nachbarn sind die ersten Bienen eingezogen. Unseres wird boykottiert, ebenso wie der Nistkasten. Dass das Fenster, vor dem eine der Nachbarskatzen mir nun regelmäßig neugierig beim Arbeiten zusieht, ganz in der Nähe ist, mag etwas damit zu tun haben – auch wenn 3 Höhenmeter dazwischen liegen. Trotzdem nehme ich den Viechern ihre Abwesenheit übel. Bei einer Videokonferenzpartnerin war neulich sogar ein Eichhörnchen auf dem Balkon.

Die einzigen Tiere, die uns beehren, sind Wespen, die versuchen, in den Rolladenkasten einzuziehen. Und da lasse ich nicht mit mir diskutieren. Die Antwort ist nein. Denn auch wenn der Lieblingsmensch nicht gegen sie allergisch ist, sind das dann doch nicht die Haustiere, die ich mir immer gewünscht hatte.

Das Telefon ist plötzlich zum Lebensmittel geworden. Es verbindet uns mit Freunden, die allein leben, mit Eltern, Tanten und Onkeln. Kleine Nachrichten, Bilder, kurze Gedanken, die hin und hergehen, Signale, dass wir aneinander denken.

Auch Tränen können Lebensmittel sein. Satt machen. Ausgelöst von Schmerzen einer Schulterentzündung laufen sie nächtliche Minuten lang lautlos über die Wangen. Und nehmen einiges an Sorgen mit.

Mitfühlen den Frust derer, deren lang vorbereitete Pläne, für die sie viel auf sich genommen haben, nun platzen. Mitfreuen die Freude derer, die die gewonnene Zeit für neue kreative Ideen nutzen können. Mitdenken die Konzepte derjenigen, die neue Projekte entwickeln. Mitfiebern mit einer, die mitten im Neuen eine neue Stelle antritt, mitzittern mit einem, der seinen Arbeitsplatz verloren hat. Mitgähnen mit denen, die nachts nicht mehr gut schlafen. Und dann wird das abstrakte Virus plötzlich ganz konkret. Eine Kerze anzünden und beten für die, die im künstlichen Koma beatmet wird.

Den Feierabendspaziergang auf die Nacht verschieben und mit dem Lieblingsmenschen im Vollmondlicht herumgehen. Nicht viel sagen. Sich immer mal wieder anstupsen und mit dem Kinn zeigen, wenn man den Mond hinter einem Giebel erspähen kann, wenn die Wolken besonders schöne Muster auf die Mondoberfläche zeichnen.

Keine Routine, aber so oft wie möglich: Klaviermusik hören am digitalen Lagerfeuer in Igor Levits Wohnzimmer. Mir Sonnette vorlesen lassen von Sir Patrick, JL forever.

Die Wette verlieren, wann die Knospen der Sträucher am Bach sich öffnen, keinem den Sieg (auf den Tag genau) mehr gönnen als dem Lieblingsmenschen.

Hoffnungsbilder zugesandt bekommen, mit kleinen Ausschnitten der Wirklichkeit, die manchen von uns die Welt bedeuten können. Mich an den Tulpen freuen, die langsam aufgehen.

Eine Osterkerze gestalten.

Den von einer Freundin selbst getöpferten Teller heraussuchen für die Gründonnerstagsliturgie. Das Lieblingsglas dazustellen. Brot brechen. Wein teilen.

Momentaufnahmen

Die Vögel sind viel lauter als sonst. Irgendwo las ich in diesen Tagen eine Erklärung. Mein Gehirn hat sie sich nicht gemerkt. Aber beim Aufwachen, beim Gang in den Garten in der Mittagspause und beim Feierabendspaziergang freue ich mich darüber.

Die Sumpfdotterblümchen und der Löwenzahn am Wegesrand geben alles. Sie leuchten mit der Sonne um die Wette. Die Knospen an den Büschen, die den Bach säumen, werden jeden Tag ein bisschen größer und praller. Der Lieblingsmensch und ich versuchen, den Zeitpunkt zu schätzen, an dem sie sich öffnen. Mal sehen, wie nahe wir dran sind.

Die Bauern haben die Felder gepflügt, manche schon eingesät. Die Schutzfolien kräuseln sich ein wenig im lauen Wind. Die ersten Mückenschwärme mischen sich unter die Pollen. Zwei Hasen hoppeln flink vor uns davon. Oder vor dem Bussard, der wachsam über dem Feld kreist.

Die Schafe sind auf eine andere Weide gebracht worden. Der Hinweis, dass man maximal trockenes Brot füttern darf, hängt einsam und verlassen am Tor. Ein bisschen ahne ich, wie er sich fühlt.

Die Kolleg*innen haben sich schnell an den wöchentlichen Meeting-Rhythmus in diesem Internet gewöhnt. Es geht nicht mehr um Technik, sondern um Wesentliches, für die Arbeit, für uns. Große politische Fragen werden angerissen, organisatorische Kleinigkeiten geklärt. Es ist gut, uns untereinander und die großen Themen im Blick zu behalten und im Blick behalten zu wissen.

Eine kleine Verschnaufpause zwischen Telefon- und Videokonferenzen und ein Blick in den Briefkasten. Post einer alten Dame, die ich nicht persönlich kenne. Über eine gemeinsame Bekannte und gemeinsame Überzeugungen sind wir verbunden. Dass sie krank ist und nun keinen Besuch bekommen kann, dass ich zu Hause bin und wenig anderes tun kann, um zu helfen, hat uns zu Brieffreundinnen gemacht. Wir erzählen uns von unserem Alltag. Lauter kleine Dinge, die über die räumliche und durch die Postzustellung auch zeitliche Distanz Gewicht bekommen und behalten.

Elektronische Post aus Italien. Mit Bildern, die die Kinder der Kollegin und Freundin gemalt haben. Ein schneller Skype-Call, um uns auf den neusten dienstlichen Stand zu bringen, persönliche Worte, eine Umarmung über den Bildschrim. Nähe, über all die neuen Grenzen hinweg.

Mit meiner Schwester ein kleines Dankeschön planen für die Hausgemeinschaft meiner Eltern, die sich so wundervoll sorgt, wo wir zu weit weg sind. Und die uns so dankbar machen.

Eine Messenger-Nachricht einer alten Freundin mit einem schnellen Gruß. Ein Foto von einer anderen Freundin. Ein Stoßseufzer per Mail. Ein Foto auf Twitter, das eine besondere Erinnerung lebendig werden lässt, geteilte Bilder von Lieblingsorten auf Facebook. Ein Mensch, der eine Idee hat, die unter die Haut geht, egal, was am Ende daraus wird oder auch nicht.

Endlich einmal Zeit, um Texte zu lesen. Von Carolin Emcke, von Smilla Dankert, der Kaltmamsell. Bei Anke Gröner einen Comic finden, der seit einigen Jahren in Nürnberg an St. Klara hängt und von dem ich bei jedem Vorbeigehen angerührt werde – wenn auch nicht jedes Mal auf die gleiche Weise.

Der ISS winken, die an über uns hinwegfliegt und an deren Zeitplan DLR_Next auf Twitter so zuverlässig erinnert.

Schimpfen mit dem Scanner, der Mucken bekommt und die innere Zicke rauslässt. Dann halt nicht, du [hier ein Schimpfwort eurer Wahl einsetzen]. Und dann lachen, weil ich mir vorstelle, wie die viel besser gewählten Worte in den Büchern auf den Regalbrettern um mich herum die Augen verdrehen. Als hätten wir ihr nichts beigebracht. Mit der kann man ja auch wirklich nirgendwo hingehen. Na dann habt ihr ja Glück gehabt. #staythefuckathome #gehtgleichwieder

Gleichzeitig. Und dankbar. Und müde.

Es fühlt sich an wie eine andere Welt. Und gleichzeitig schon so vertraut. „Geht auseinander!“ dachte ich am Wochenende beim Ansehen der letzten Folge Picard. Und habe seither das alte Lied von Wir sind Helden mit diesem Titel im Kopf. So vertraut ist das Abstand halten und Ausweichen schon geworden.

Lächeln, nicken, Platz machen beim Feierabendspaziergang über die Feldwege. Den Akku des Telefons (ja, wir haben noch ein Festnetztelefon) regelmäßig aufladen, weil es jetzt an den Abenden ständig im Dienst ist. Ganz normal ist das alles geworden. Als lebten wir schon lange so.

Und gleichzeitig fühlt es sich auch immer noch neu an und fremd und ungewohnt. Als wäre es erst gestern gewesen, dass ich zu meinen Exerzitien aufgebrochen bin – mitten heraus aus der sich anbahnenden Corona-Lage. Und doch völlig ahnungslos. Ich hatte es mir nicht vorstellen können, dass die Welt, in die die Fähre mich 6 Tage später zurückbringen würde, eine ganz andere geworden sein würde. Aber genau so fühlte es sich an. Wie eine andere Welt. Und weil der Alltag mir gar keine Chance ließ, mich langsam daran zu gewöhnen, stolperte ich mitten hinein in das Neue. Auf Funktionsmodus umschalten. Nicht erstmal Ankommen und Umschauen. Gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Aber direkt losgehen. Navigieren auf Sicht. Aber fahren. Es gibt hunderte Bilder. Es blieb kaum Zeit, sie mir bewusst zu machen. Es ging einfach gleich los.

Ich bin in meinen Jobs die Onlinerin und es ist schön, dass meine Fährigkeiten jetzt dazu beitragen können, Menschen miteinander zu verbinden. An ein paar Stellen physical distancing vergessen und social caring real zu machen. „Online only“ könnte hier quasi rund um die Uhr stattfinden. Abschaltknöpfe (außer die Kanäle für Notfälle) sind eine tolle Erfindung.

Diese Gleichzeitigkeit von alles-schon-so-gewohnt und alles-noch-so-neu, sie macht müde. Und albern. Und hungrig. Und müde. Sehr müde. Manchmal kommen die Sorgen ganz nah. Dann wenden wir gemeinsam Kraft auf und schieben sie weg. Spazieren sie weg. Umarmen sie weg.

Dass der Lieblingsmensch und ich beide von zu Hause arbeiten können. Dass ich darin in den letzten Jahren durch eine zweite berufliche Aufgabe und im letzten Jahr durch einen unwilligen Kreislauf einige Übung habe. Dass wir uns keine Sorgen machen müssen um unseren Arbeitsplatz, unsere Existenz. Privilegien um die wir wissen. Für die wir dankbar sind.

Dankbar dafür, dass der Lieblingsmensch der Lieblingsmensch ist und somit derjenige, mit dem ich tatsächlich am liebsten von allen isoliert bin. Dass wir zusammen sind, dass da jemand ist, dem ich auch ganz praktisch nah sein kann. Dass wir schnell neue Alltagsrituale gefunden und alte „umgebaut“ haben. Dass wir nicht nur unseren Alltag teilen, unser Büroleben (wie schön es ist, wenn mein Schatz mir nachmittags einen Kaffee für die neue Nasa-Kaffetasse kocht), sondern auch unsere eigene kleine Hauskirche sind, mit Kerze und Blümchen aus dem Garten (welch Dankbarkeit für diese kleine grüne Oase).

Dankbar dafür, dass die jüngeren Mieter im Haus meiner Eltern eine WhatsApp-Gruppe gegründet haben, in der sie mitteilen, wann und wohin sie zum Einkaufen gehen. So dass die älteren Mieter Einaufszettel schicken können und zuverlässig mit dem Nötigsten – und darüber hinaus mit Zuwendung und lieben Worten versorgt werden. Dafür, dass keiner unserer Liebsten bisher so schwer erkrankt ist, dass wir um sein oder ihr Leben fürchten müssten.

Dankbarkeit für diesen Geburtstag neulich, bei dem ich mitten in der körperlichen Distanz so viel Nähe und Verbundenheit und Freundschaft und Liebe spüren konnte, wie schon lange nicht mehr. Für die Damen der KFD hier im Ort, die Masken nähen für soziale Einrichtungen – und für den Lieblingsmenschen und mich. Für die Menschen aus unserem Hauskreis, die kleine Links schicken und Gedanken. Die Menschen anrufen, die einsam sind. Und die sich nächste Woche auf ein virtuelles Experiment einlassen.

Die Welt ist klein geworden und gleichzeitig so groß. Die Polarisierung ist ganz nah gekommen. Sie ist spürbar zwischen der Anfeindung von Menschen aus Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen (Ischgl, Heinsberg, …) und völlig unerwarteter Nachbarschaftshilfe. Zwischen Fakenews (gut gemeinten und zerstörerischen) und guten Nacheichten, die der Briefträger in einem Umschlag mit Blumenaufkleber einwirft. Und sie ist spürbar mitten in mir.

Ich werde wieder früh zu Bett gehen, mich von Igor Levit zur Nacht mit Musik trösten lassen – live habe ich es heute wieder nicht geschafft. Wenn ich nicht schlafen kann in der Nacht lasse ich mir von Patrick Stuart oder Helen Mirren Shakespeare rezitieren. Und freue mich daran, dass Arnold Schwarzenegger ein Pony und einen kleinen Esel hat und dass ich nun weiß, wie sie heißen.

Und dann stürze ich mich morgen wieder hinein in diese seltsam fremd-vertraute Wirklichkeit. Mit Augenringen, die man aber in der Videokonferenz nicht sieht, weil die Morgensonne das Homeoffice freundlich beleuchtet.

Habt es gut, da wo ihr diese besondere Zeit erlebt.

Matisse zu Weihnachten

In der Chapelle du Rosaire in Vence hat Henri Matisse für die Bemalung gesorgt. Mit den bekannten Strichen und den prägnanten Figuren. „Ave“ steht auf einer der Wände. Daneben sitzt Maria, mit dem Kind auf dem Schoß.

Eine alltägliche Szene, eine Mutter mit einem Kind. Sie hält es auf dem Schoß, sicher und geborgen. Der Kleine erkundet die Umgebung, schaut sich um. Und breitet die Arme aus.

„Das größte Weihnachtswunder ist, dass Gott weiß, wohin er gehört.“ Dieses Zitat von Fulbert Steffensky und das Bild aus der Rosenkranzkapelle sind mir in dieser Adventszeit zugefallen – das eine ganz neu, das andere als eine Erinnerung beim Aufräumen.

Ich habe festgestellt, dass sie für mich gut zusammengehen: Gott weiß, wohin er gehört. Mitten in die Nacht, die Kälte, die Einsamkeit. Mitten in die Unsicherheit, ins Unterwegssein, ins Wachsen von Neuem, in den Geburtsschmerz neuer Menschen und neuer Ideen. Mitten hinein in das, was unser Leben, unser Mensch-Sein ausmacht.

Und er weiß nicht nur, dass er zu uns gehört. Er bringt auch ein Geschenk mit – das größte von allen. Erlösung. Die Zusage, dass es am Ende gut wird. Auch dann, wenn es gar nicht gut aussieht. Auch dann, wenn das Ende auf den ersten Blick so bitter und traurig und brutal und unwürdig aussieht wie der Herr am Kreuz. Die Zusage, dass wir nicht alleine sind. Und dass das schon angefangen hat. Dass die Erlösung schon greifbar, erfahrbar, weitertragbar ist. Dass wir einander menschlich begegnen können. Dass wir vergeben können – auch uns selbst. Dass wir neu anfangen können. Nicht nur am Jahresanfang mit guten Vorsätzen, sondern immer wieder neu.

Dass die kommenden Tage Ausdruck dieser Hoffnung, dieses Vertrauens, dieser Zusage seien. Dass wir alle etwas von dieser Wahrheit spüren können. Das wünsche ich uns. Und von Herzen frohe Weihnachten.