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London, Regierungsviertel

Mitten in London scheint die Sonne an diesem Nachmittag besonders hell. Ihr Licht setzt den Westminster Palace ins beste Licht. Und die zahlreichen Reporterinnen und Reporter, die sich im St. James’s Parc aufbauen, um ihre Aufsager für die Nachrichtensendungen einzusprechen, ebenfalls. Die einen stehen auf dem Rasen vor dem Parlamentsgebäude, eine andere sitzt mit gemütlich ausgestrecktem Arm auf einer Bank im Schatten, kurz vor der Mauer zur Themse verrenkt sich ihr Kameramann, um sowohl die Kollegin als auch die Architektur gut ins Bild zu setzen.

Einige Schritte weiter stehen dutzende Kamerateams vor dem Gebäude, in dem gerade der oberste Gerichtshof darüber diskutiert, ob die Beurlaubung des Parlaments gesetzeskonform ist. Eine Handvoll Demonstranten mit „Brexit now“-Transparent haben sich vor dem Eingang aufgebaut. Dutzende Polizist*innen stehen mit unbewegten Minen um das Gebäude und die Fernsehteams herum. Ein tarnfarbener Hubschrauber kreist über der Szene.

Auf der Westminster Bridge steht derweil ein Hütchenspieler neben dem nächsten. Asiatische Tourist*innen drängen sich um die Herrschaften mit den silberfarbenen Becherchen und lassen sich dazu bewegen, absurde Summen zu setzen. „40 Pounds, Madam, that is a good offer for such an easy task.“

Von Polizisten ist hier weit und breit nichts zu sehen. Nach dem ersten Unverständnis darüber, dass man mit dieser Masche noch immer durchkommen kann, legt sich meine Überraschung über die fehlenden Ordnungshüter mitten im Zentrum der politischen Macht dieser Stadt. Wer weiß, wo die Herren und Damen mit den schicken Uniformhüten die größeren Betrüger vermuten.

Freitag, der 13.

Katzenrelief auf einem ZaunWann wenn nicht heute, einem Freitag, dem 13., könnte ich über eine Outdoor-Ausstellung schreiben, die wir im Urlaub gesehen haben? Da ging es nämlich – ganz genau – um Aberglaube. Darum, welche Aberglauben es gibt, wo sie herkommen und wie man sie möglichst plakativ darstellen kann. Mitten in Boulogne-sur-mer, zwischen Belfried und Rathaus, ist die kleine Aktion aufgebaut. Malerisch drapiert zwischen bunt blühenden Blumen.

Das gibt es jedes Jahr – einen improvisierten Garten mitten in der Stadt. Dieses Jahr schon zum – genau, 13. Mal.

Das mit der schwarzen Katze von links kennen wir ja alle. Dass aber auch Eulen gefährlich werden können, und dass es den armen Uhus und Käutzchen, die zu nah an Häuser herankamen, oft schlecht erging und man sie zur Abwehr der von ihnen angeblich angekündigten Unglücke mit ausgebreiteten Flügeln an das Hoftor nagelte, das wusste ich bisher nicht.Künstliche Eule an einer Gartenhütte

Natürlich gibt es auch die Glücksbringer und Schutzpflanzen: vierblättrigen Klee, Haselsträucher, Maiglöckchen, Knoblauch. Und Bommeln, die roten von den Matrosenmützen. Die zu streicheln oder – noch besser – als Trophäe zu erbeuten, bringt Glück, Reichtum und Gesundheit.Maiglöckchen aus Email

In Frankreich gibt es natürlich bergeweise Aberglauben rund ums Essen: 13 Menschen am Tisch, das soll nicht sein, auch gekreuzte Messer bringen Unglück. Brot darf nicht aufrecht auf dem Tisch liegen (weil so früher das Brot für den Henker gekennzeichnet wurde), man darf kein Salz verstreuen, …

Babywiegen dürfen nicht mit dem Kopf nach Norden stehen, Spiegel dürfen nicht zerbrechen und Regenschirme darf man nicht im Haus öffnen. Wobei letzteres durchaus einen ernsten Hintergrund hat, denn die ersten Schirme waren so schwer und sperrig und ihr Gestänge so spitz, dass es regelmäßig zu schweren Unfällen kam, wenn man sie in der Nähe anderer Menschen aufspannte, und in Häusern sind natürlich häufiger Menschen in der Nähe, denen man ganz ungeplant ein Auge ausstechen kann…

 

Natürlich haben wir den kleinen Ausstellungsgarten am Ende durch eines der Tore verlassen, an denen die Hufeisen richtig herum (mit der Öffnung  nach oben, um das Glück aufzufangen) hingen, man kann ja nie wissen… 🙂

 

Zum Greifen nah – wie aus einer Realität eine Illusion wird

England leuchtet. Im Nachmittagslicht strahlen die Kreidefelsen der englischen Südküste weiß in der Sonne. Oben auf dem Cap auf der anderen Seite des Ärmelkanals stehen wir und können mit bloßen Augen hinübersehen. Mit dem Fernglas – es ist ein gutes, aber bei weitem kein Profigerät – erkennen wir sogar großeAntennen und Fabrikschornsteine. Fast kommt es uns so vor, als wäre die Insel ganz nah, beinahe in Kirschkernspuckweite, als müsse nur eine Ebbe mit dem richtigen Koeffizienten kommen, um trockenen Fußes hinübergehen zu können. Hier wirkt es fast so, als sei da gar keine Grenze, als gehöre das Nachbarland ganz selbstverständlich dazu.

Aber dann richte ich den Blick in die direkte Umgebung und schon wird klar, dass die optische Täuschung auch eine politische ist – und dass das in dieser Gegend auch nicht neu ist. Festungsanlagen gab es hier schon zu Zeiten Cäsars und vermutlich sogar schon davor. Wahlweise, um sich vor einer Invasion der Briten zu schützen oder um den eigenen Angriff vorzubereiten und durch stabile Nachschublinien zu sichern.

Wir stehen da, wo Ludwig XIV. stand und befahl, ein Fort zu bauen. Wir gehen den Weg, den Napoleon abschritt, als er erstmals das Kreuz der Ehrenlegion verlieh an die Soldaten, die mit und für ihn England erobern sollten. (Was dann abgesagt wurde, weil er sich mit Österreich schlug – Eilmärsche an die Donau, man mag sich das gar nicht vorstellen.) Nur wenige hundert Kilometer weiter erzählt die Tapisserie de Bayeux von der Schlacht um den englischen Thron und dessen Eroberung durch Wilhelm den Eroberer. Und natürlich gibt es überall Zeugnisse aus dem Zweiten Weltkrieg: Bunker, Raketenabschussanlagen, Soldatenfriedhöfe.

Jahrhunderte, Jahrtausende voller Streit und Krieg, Machtstreben und Geldgier. Ungezählte Jahre voller Leid und Gewalt, Unsicherheit und Sorgen für die „normalen“ Menschen diesseits und jenseits des Kanals, Jahrtausende voller Ideologie und dem unbedingten Willen, zu dominieren.

Die vielen mehrsprachigen Schilder, die freundlichen Erinnerungen ans Rechtsfahren für die britischen Autofahrer*innen, die Schilder für den Tunnel und das Fährterminal in Calais zeugen davon, dass all das für Jahre hinter uns lag.

Doch die Zeit der Sicherheit ist vorbei. Unter unserem Balkon sitzen einige ältere Damen und Herren auf einer Bank. Sie unterhalten sich sehr laut – die Hörgeräte kämpfen mit dem Wellenrauschen und so müssen sie fast schreien. Sie erzählen sich von Gott und der Welt, von der Taufe des Enkelkindes, dem neuen Freund der Nachbarin. Und vom Brexit und den Sorgen, die sie sich machen. Das ist wie bei Asterix, nur spinnen die Briten, nicht die Römer sagt der eine. Leider darf man aber nicht hingehen und sie verprügeln, so wie Obelix, seufzt die Sitznachbarin. Ob die hiesigen Fischer überleben, wenn die dortigen sich an keine Regeln mehr halten? Ob geliebte Produkte teurer werden? Ratlos wechseln die Senioren das Thema.

Im Sonnenuntergang färben die weißen Klippen sich orange-rot, dann verschwinden sie in der Dämmerung. Kurz vor der Dunkelheit sieht man vom Balkon unserer Ferienwohnung nur noch die Reste des Fort de l’Heurt, einer Befestigungsanlage, die langsam aber sicher im Meer zerfällt. Wie sehr ich mir wünschte, das Verrotten der Wahrzeichen der Trennung zwischen Kontinent und Insel wäre das letzte Kapitel dieser Geschichte gewesen.

Was schön war: Wo Jesus wohnt

Ausreichend vor der Zeit tragen wir ein paar Bistro-Tische auf die „Piazzetta“, den kleinen Platz vor der Dorfkapelle. Von Oktober bis März kann man sie nicht nutzen, denn dann kann man sich darin Erfrierungen zuziehen. In diesen Tagen des Sommernachschlags aber ist sie mit ihrer schlichten, frischen Kühle perfekt für ein Taizégebet. Als wir ins Gemeindezentrum zurückgehen, um auch noch ein paar Gläser zu holen, geht gerade eine Familie mit einem vielleicht gerade so Kindergarten-Kind und einem Baby im Tragetuch vorbei. Staunend bleibt der kleine Junge stehen und sieht uns beim Schleppen zu. Dann geht er weiter und erklärt seinen Eltern sehr ernst und mit lang ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung Kirche: „Da wohnt der Jesus drin.“

Mein partner in crime preparation und ich schauen uns an und lächeln. Wir lächeln noch, als wir die Bänke in der Kapelle herumgeschleppt haben und vermuten, dass bei dem schönen Wetter die Schar der Gäste wohl nur klein sein wird. Und lächeln noch, als später alle Plätze gefüllt sind und die Menschen in den Bänken eng zusammenrücken.

Wir lächeln noch immer, als wir nach einem sehr schönen, sehr ungezwungenen und sehr fröhlichen Ausklang bei Wein Brot und Frischkäse auf der Piazzetta die Kerzen auspusten und die Bänke zurückrücken. Einen Abend lang die kirchenpolitischen Fragen kirchenpolitische Fragen sein lassen und das feiern, was die Menschen an diesem Abend zusammenbringt. Das hat der kleine Junge uns ganz unbewusst, aber überdeutlich ins Bewusstsein gerufen.

This time of the year…

Die Shorts mit den bunten Motiven und die T-Shirts mit den Fantasy-Figuren identifizieren die Gruppe Jungs, die vor mir in den Supermarkt drängelt, eindeutig als Gamer. It’s this time of the year again: Gamescom. Schon im Zug gab es Horden von Jungs – und deutlich weniger Mädchen, davon aber viele mit grünen, blauen oder pinken Haaren – die ganz hibbelig diskutierten, welche Spiele man zuerst ausprobieren müsse und wo man unbedingt die Merchandising-Produkte mitnehmen muss. Und was man sich dann kauft, oder eben auch nicht und ob es dort wohl auch T-Shirts vom Lieblingsspiel gibt und und und… die sonst so gelangweilte Pendler-Bahn bebt von der Aufregung und Vorfreude.

Im Supermarkt kaufen die Jungs Smoothies („Besser als Cola, da sind Vitamine drin“ – „Uuund Zucker“), Studentenfutter und Müsliriegel „mit extra viel Eiweiß“. An der Kasse steht ein Ständer mit den Sonnencreme-Resten der Saison. Einer streckt die Hand danach aus, die anderen lachen ihn lauthals aus. „In der Sonne verbringen wir heute ja wohl die allerwenigste Zeit.“ Und dann endet der Satz doch tatsächlich mit „…, dude“.

Von Grenzen

Da sitze ich mit der ehemaligen Arbeitskollegin, die eine Freundin geworden ist. Längst arbeiten wir beide woanders – ich in der gleichen Stadt, sie noch nicht einmal im gleichen Land wie damals. Aus Asien kommt sie gerade, macht einen Zwischenstopp, um die Schwiegerfamilie in Spe zu besuchen. Fliegt dann weiter, die Kinder in Sommercamps in zwei weiteren Ländern einsammeln, den Liebsten dazusammeln und dann auf in die neue Heimat, immerhin sind wir diesmal auf dem selben Kontinent.

Wir sehen uns selten, verfolgen die Wege der anderen – die immer ähnlichen bei mir und die weltweiten bei ihr – online, winken uns ab und an virtuell zu und genießen die wenigen Stunden beim Kaffee, beim Mittagessen oder wie heute beim Frühstück. Unausgeschlafen beide, aber nur eine gejetlagged.

Wir erzählen uns von unseren Erfahrungen, unseren Leben. Wir zeigen uns Fotos, knüpfen an gemeinsame Erinnerungen an und kommen vom Austausch der Eckdaten schnell zu Wesentlicherem. Wir gleichen unsere Erfahrungen mit Gleichberechtigung ab, staunen darüber, welche tollen Menschen und vor allem Frauen wir kennen und darüber, dass wir dazugehören, zu diesen Frauen. Wir berichten uns von Träumen und Projektideen, von kleinen Alltagsstreitereien und den große Konflikten, die entstehen, wenn unterschiedliche Weltanschauungen so aufeinanderprallen, dass der eine dem anderen die seine nicht lassen will oder kann. Wir erzählen uns von den bitteren Momenten, die man online so selten zeigen mag und davon, wie wir sie durchschritten haben. Wir lachen zusammen, bekommen Gänsehaut von dem, was die jeweils andere erzählt und zwischendurch schweigen wir einfach und genießen es, Zeit miteinander zu teilen.

Das Auftauen und Annähern überspringen wir und sind quasi direkt wieder vertraut, als hätten wir erst letzte Woche einen langen Abend miteinander verbracht. Die Grenzen, die das Leben zwischen uns legt, wir überspringen sie mühelos.

Mit den geographischen Grenzen ist das hingegen ganz anders. Mit ihrem Pass, den kein EU-Land ausgegeben hat, überwindet die Freundin die Grenzen eben nicht mühelos. Die Stempel darin erzählen die Geschichte immer nur von der Erfolgsseite, zeigen, wo Grenzen sich geöffnet haben, überwunden wurden. Sie sagen nichts darüber aus, wie sehr die weniger Privilegierten sich anstrengen müssen, um diese Grenzen zu überwinden. Sie erzählen nichts von den nagenden Fragen bei der Einreise, von der allzu oft klebrigen Neugier und den unverhohlen feindlichen Blicken.

Sie halten die bohrenden Fragen nicht fest. Nur einen Tag in unserem Land? Was wollen Sie denn hier? Haben Sie ein Ticket, mit dem Sie auch sicher wieder verschwinden? Geht das hier alles mit rechten Dingen zu? Wo waren Sie vorher? Oha, ist das nicht dieses Land in dem [hier beliebiges abwertendes Vorurteil einsetzen]? Und was haben Sie da alles dabei? Ist die Reisetasche nicht verdächtig klein oder groß? In jedem Fall verdächtig.

Als ich selbst noch zum humanitären Reiseclub gehörte, und sei es nur als Gast-Außenseiterin, war das anders. Zum einen hatte mein Pass das richtige Titelbild, zum anderen waren die Blicke eher anerkennend, so, als stünde ich auf der richtigen Seite. Heute stuft man sie als ‚Gutmensch‘ ein, eine seltsam Verrückte, die man misstrauisch beäugt.

Und die Moral von der Geschicht‘? Was weiß denn ich. Aber heute ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich es noch weniger verstehe als sowieso schon, wieso das Abgrenzen und Ausschließen so in Mode gekommen sind. Und an denen ich mir wünsche, dass wir Wege zueinander finden, egal ob die Grenzen geographische sind oder solche, die wir in unseren Köpfen und Herzen errichtet haben.

Was schön war

Auf dem Heimweg ins Wochenende fängt es an zu regnen. Nach den ersten schüchternen Tropfen regnet es schnell richtig. Einen lange ersehnten, kräftigen Sommerregen schüttet der Himmel aus dunklen Wolken aus.

Es riecht nach warmem Teer, nach nassem Staub und Sand. Nach Sommerflieder und gerade verblühenden Rosen. Nach Reifengummi und alter Grillkohle. Ein wenig Wind kommt auf und weht den Duft nach nassem Gras und Kräutern aus einem der Gärten herüber. Augustschwere liegt in der Luft und weckt Erinnerungen an beabsichtigte und unabsichtliche Regenspaziergänge. An nasse Haare im Gesicht und fröhliche Gesellschaft.

Ein paar Vögel krächzten empört und Möwen fliegen streitend Richtung Rhein.  Zwei Grünfinken drängeln sich unter der kleinen Haube einer Futterstation zusammen und machen sich die Körner streitig.

Noch ist das Gewitter fern und ich kann einen Umweg über Feld und Waldrand gehen. Ich packe den Schirm nicht aus und genieße das Gefühl der platzenden Regentropfen auf meinen Armen.

Erinnerungen an den Annaberg

Zehn Jahre war sie alt, als „die Russen“ ihre Großmutter erschossen. Auf einem Mäuerchen habe sie gesessen mit einer Freundin. da seien die Russen in den Hof gekommen. „Aber es waren gar nicht alle Russen“, sagt sie, „nur zwei.“ Sie wollten sich auf die Tante stürzen und die Großmutter habe gesagt, sie sollen die junge Frau in Ruhe lassen. „Und bumm, bevor man einmal atmen konnte, hatten sie sie zusammengeschossen. Einfach so. Weil sie gesagt hat, sie sollen die Tante nicht anfassen.“ Diese beiden jungen Soldaten, sagt sie, „die waren nicht nett. Schlechte Menschen. Böse. Gemein gegen Menschen. Und frumm waren sie auch nicht, denk ich.“

Danach waren sie lange traurig auf dem kleinen Hof. Sehr lange. Aber es gab genug Arbeit, die gemacht werden wollte, jeden Tag. Und es gab neue Russen, die kamen. „Dann kamen andere Russen, die waren nett. Eine Frau, die konnte gut kochen. Und ein netter Mann, der half meiner Mutter mit dem Zaun. Und Kinder, die waren nett, die konnten ja nichts für die gemeinen anderen.“

Weit über 80 Jahre ist sie heute. Im Nachbarbett in meinem Krankenhauszimmer erinnert sie sich an ihr Kindheit und Jugend in Oberschlesien. Die Familie ihre Bruders lebt heute noch dort. Einmal im Jahr bringen ihre Kinder und Enkelkinder sie dorthin, für einige frohe Sommerwochen. „Wissen Sie, dort ist es anders .Viel ärmer und einfacher. Aber wir sind eine große Familie und sind dann alle zusammen. Wir sitzen im Garten und das ist schön.“

Das Wallfahrtslied ihrer Kindheit kann sie noch immer auswendig. Man kann hören, wie schön ihre Stimme in ihrer Jugend gewesen sein mag. „Die Wallfahrten waren das schönste. Da kamen Prozessionen aus allen Richtungen. Mit Blaskapellen und Fahnen und Lachen und Beten. Aus allen Richtungen kamen sie.“

„Ich war eine Frau, aber ich habe immer eine Arbeit gehabt. Ich war auf einer Schule für Hausarbeit. Und dann bin ich mit dem Fahrrad jeden Tag 12 Kilometer hin und 12 Kilometer zurückgefahren zu meiner Arbeit. Auch im Regen. Oft im Regen. Jeden Tag.“ Das mit dem Fahrrad sei die Idee ihrer Mutter gewesen. „Sie hat für mich gespart. ‚Mit einem Fahrrad bist du unabhängig‘, hat sie immer gesagt und Geld zur Seite gelegt. ‚Mit einem Fahrrad kannst du ein eigenes Leben haben und musst nicht hoffen, dass der Nachbar oder der Onkel dir Geld gibt, wenn du für sie schuftest.‘ Denn wenn ich immer da gewesen wäre, dann hätten die gedacht, sie müssen mich nicht bezahlen.“ Sie zieht die Nase kraus. „Manche Menschen sind so, die denken nur an sich.“

„Du musst für einen guten Mann beten“, habe ihre Mutter ihr gesagt, da war sie noch nicht einmal ein Teenager. „Ich habe gedacht: Ich habe einen guten Vater, da können die Männer doch nicht schlecht sein.“ Aber gebetet habe sie trotzdem. Auch für einen guten Mann. Jeden Tag. Und dann habe sie einen bekommen, einen schlauen und guten Mann. Fotograf sei der gewesen, er habe sich nicht geschont. Und er habe ihr gezeigt, wie man gute Fotos macht. Sie hat ihm das Stativ aufgebaut, oder die Menschen für Gruppenbilder aufgestellt. Sie weiß, wie man im Gegenlicht fotografiert und wie man den Lichteinfall in einer Kirche nutzt, dass die Priester keine Schatten im Gesicht haben. Und dann ist ihr Mann gestorben – vermutlich vergiftet von den Dämpfen in der Dunkelkammer.

Nachmittags kommen die Kinder und Enkel zu Besuch. Jeden Nachmittag. Sogar Urenkel gibt es in großer Zahl. Jeden von ihnen ermahnt sie, für einen guten Mann oder eine gute Frau zu beten. Die jungen Leute kennen die Geschichten längst in- und auswendig. Aber genervt ist keiner. Lieber planen sie gemeinsam die Reise nach Schlesien im Sommer und lachen gemeinsam.

Was schön war

Wochenlang durfte ich nicht Fahrrad fahren. Und wenn ich es gegen den ärztlichen Rat versuchte, rächte sich mein Körper mit Schmerzen. Jetzt aber geht es wieder. Juhu, juhu, juhu. Allerdings bin ich unterwegs und sitze in der großen Stadt im Süden, ganz ohne Rad.

Beim Abendessen erzähle ich meinen Gastgeberinnen, dass ich nun endlich wieder fahren dürfe und wie sehr ich mich darüber freue. Und was tun Menschen, die den Werken mehr Wert beimessen als den Worten (weil sie das beim heiligen Ignatius gelernt haben)? Sie leihen mir für den nächsten Tag ein Rad, um gemeinsam zu einem Termin am anderen Ende von München zu radeln. Lukas heißt es und ist knallrot, es glänzt in der Sonne und strahlt mindestens so wie ich.

Da ich nicht weiß, wie es um meine Kondition bestellt ist, planen die beiden extra mehr Zeit ein – aber ich kann problemlos mithalten und wir kommen in der normalen halben Stunde ans Ziel. Ich steige strahlend vom Rad, genieße den Tag und besonders die Rückfahrt, die ich allein antrete, um noch rechtzeitig meinen Zug zu erreichen. Fröhlich radle ich durch Felder und Stadtviertel, lasse mich von Feierabend-Rennradlern überholen und überhole selbst Kinder auf Kettcars. Ein altes Wort fällt mir ein, eines, das zwei Gefühle zusammenwirft, das ein wenig überkandidelt erscheint, ein fast ausgestorbenes. Aber es passt genau: Glückselig. Genau so fühle ich mich.

Die Sonne scheint, ein leichter Wind umstreicht meine Arme und Beine und ich kriege das Grinsen noch lange nicht mehr aus dem Gesicht. Ob die beiden wissen, was für ein Geschenk sie mir damit gemacht haben? Ich hoffe, sie haben es an meinen Augen gesehen.

Was schön war

Ich habe was dazu gelernt und das nicht nur mit einer großartigen Dozentin (ich kann ab sofort nicht nur das Kännchenblog und die Newsletterautorin, sondern auch die Dozentin Vanessa Giese empfehlen – wenn ihr was über gute Geschichten im Netz und anderswo lernen wollt: Große Empfehlung!) sondern auch in wunderschöner Umgebung.

Die direkte Nachbarin des Haus‘ Busch ist die Biologische Station Umweltzentrum Hagen.

 

Dank dieser gibt es rund um die Seminargebäude einen liebevoll angelegten Naturpfad mit dutzenden Nistkästen, alten Bäumen, wilden Wiesen, einem Insektenhotel, Bienenstöcken und Hummeln, unzählige Hummeln in verschiedenen Farben und Größen. Hummeln kann es ja gar nicht genug geben – an mein Herz, ihr kleinen pelzigen Flügeltierchen.

Den Abend zwischen den Seminartagen habe ich also für einen ausgedehnten Spaziergang durch das kleine Wäldchen genutzt, über gemähte und noch blühende Wiesen, durch Gras und Brennesseln, über verwesendes Laub und Tannenzapfen und, und, und … Dabei umsummten mich neben den Hummeln auch Bienen, Schwebwespen und Marienkäfer, überall zwitscherten verschiedene Vögel und überhaupt war es wunderbar friedlich.

Eine Umgebung, die sich natürlich auch bestens für die morgendliche Meditation eignet und so war ich schon vor dem Frühstück wieder draußen und hachzte fröhlich vor mich hin. So kann der Sommer gerne weitergehen. <3