Archiv für den Monat: Mai 2026

Rom auf repeat

Es ist Mai und die Stadt riecht nach Jasmin. Nicht nur eine Gasse, nein, quasi hinter jeder zweiten Ecke weht mir der süße, schwere Duft in die Nase. Er stammt von tausenden Blüten, von riesigen Büschen am Straßenrand oder von Stauden, die sich um Haustüren, Fenster, aus Blumenkästen und um Balkongitter winden. Überall wuchert das saftige Grün mit den herrlichen, hellen Blüten. Bienen und Hummeln summen um die Blüten herum und begleiten den süßen Geruch mit ihrem fröhlichen Brummen.

Eine der Möwen, die um das Tagungshaus herumfliegen, schnattert wie die Königin der Nacht in ihrer berühmten Arie, als kenne sie den Text und die Melodieführung genau. Jeden Morgen lausche ich ihrem Geschrei und muss schmunzeln, denn der Hölle Rache wird in meinem Herzen durch das krächzende Stakkato absolut nicht zum Kochen gebracht. Das würde die Weltlage schon eher hinkriegen, aber die sperre ich auf meinen Spaziergängen am Tiber entlang und durch Trastevere einfach mal aus.

Die Streetartists in der Gegend haben großflächige Aufkleber für sich entdeckt. Da gibt es verschiedene Sorten von Nonnas, die einen mit Nudelteig und Schürze, die anderen mit Glitzerleggins und pinken Turnschuhen. Von einer gelben Wand an, von der der Putz langsam abplatzt, lächelt Superwoman huldvoll auf die Passant:innen hinab. Einige Schritte weiter entdecke ich eine erst dreinblickende Dame im schwarzen Gewand mit protestantischem Spitzenkragen. Stellt sie eine strenge Lehrerin da, die in den letzten Wochen des Schuljahrs zu Fleiß mahnt? Ist sie ein spöttischer Kommentar an die katholischen Männer, die noch immer versuchen, herauszufinden, was eine Frau denn nun ist und was sie alles dürfen sollte, wenn es nach ihnen ginge? Ist sie ein Versuch, KI-generierter Einförmigkeit eine individuelle Botschaft entgegenzusetzen? Es bleibt den Betrachter:innen überlassen, das zu bestimmen, denn einen Kommentar hat die Künstler:in nicht hinterlassen.

Die Hokusai-Ausstellung zieht viele junge Menschen an – die berühmte Welle ist als Meme so oft verwendet worden, dass das Ausstellungsplakat vermutlich magnetische Wirkung haben kann. Vor dem Werk zu stehen, beeindruckt mich mehr, als ich gedacht hatte. Hingerissener bin ich allerdings von den Alltagsszenen, die der japanische Künstler gezeichnet und dann mithilfe von handgeschnitzten Platten und unglaublicher Handwerkskunst hat drucken lassen. Die Frauen, die waschen und sich unterhalten und deren Kleidung dabei die Bewegungen und deren Schatten so detailreich einfängt. Die Wasserfälle, die man fast zu hören vermag, wenn man lange genug vor ihnen verweilt und sich von der Kraft der Bewegung in den reglosen Bildern mitreißen lässt. Die Kraniche, die im Morgenlicht Nahrung suchen und in ihrer Majestät mit dem Fuji im Hintergrund mehr als mithalten können. Die Geister, Bewohner:innen uralter Legenden, die sich mit kleinsten Strichen und Farben in unsere Wirklichkeit schleichen. Die Kämpferin mit dem Schwert, die in der Natur fast verschwindet, aber eine solche Kraft ausstrahlt, dass mein Blick immer wieder zu ihr hinschweift.

Wer in der Ausstellung den Blick hebt, findet sich in einer völlig anderen Welt wieder. Die großformatigen, bunten barocken Fresken und Statuen, Rahmen und Ranken kontrastieren mit der zurückgenommenen Farbwelt, dem haarlinienfeinen Malstil des japanischen Meisters, Doch beide Kulturen kommen hervorragend miteinander aus, finden freundschaftlich zueinander, die eine leiht die Großzügigkeit ihrer Räume der anderen, die sich mit der Detailverliebtheit ihrer kleinen Formate, mit verweilenden Besucher:innen, neuer Beleuchtung und so entstehenden neuen Perspektiven auf das Altehrwürdige bedankt. Könnten wir Menschen uns doch etwas von den Kunstwerken hier abgucken.

Die Eisdiele in der Nähe meines römischen Büros liegt in einer dieser nach Jasmin duftenden Straßen. Jasmin-Eis gibt es hier nicht, aber die größte Menge Eis für mein Geld, die ich seit langem gesehen habe. Der Herr hinterm Tresen freut sich sichtlich an meiner Überraschung über den Eisberg. Er dreht sich mit meinem Eis in der Hand nochmal um und steckt eine extra große Eiswaffel auf die Eistüte. Buon gelato sagt er und reicht mir das Eis über den Tresen.

In einem kleinen Laden mit lauter schönen Dingen kaufe ich ein Mitbringsel. Die Verkäuferin ist nicht mehr jung und spricht ausschließlich Italienisch. Englisch? Nein. Deutsch oder Französisch? Erst recht nicht. Meine paar Brocken Spanisch findet sie lustig, aber auch nicht wirklich hilfreich. Trotzdem erklärt sie mir wortreich ihre Auswahl, zeigt mir verschiedene Farben und erklärt, wie ich auf die verschiedenen Schätze achtgeben muss, damit sie beim Reisen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie sagt alle Sätze doppelt, einmal schnell und mit vielen Handbewegungen und dann nochmal langsam mit ausgestreckten Armen. Ich verstehe überraschend viel, nur antworten kann ich nicht so, dass sie mich versteht, also nicke ich zustimmend und murmle ab und an „molto bello“ oder „belissimo“. Schließlich entscheide ich mich für eines der schönen Stücke in ihrem Laden und sie fragt, ob es für mich ist oder ein Geschenk sein soll. Als ich Geschenk sage, sucht sie einen besonders hübschen Karton aus und legt den kleinen Gegenstand vorsichtig hinein. Dann fragt sie, ob ich tedesci sei, Deutsche also und ob ich bei den suori tedesci wohne, die gar nicht so weit weg leben. Ich nicke und sie strahlt übers ganze Gesicht. Die seien nette Frauen, würden immer so freundlich grüßen und vor einiger Zeit sei eine Schwester aus Brasilien bei ihr im Laden gewesen und hätte gleich mehrere Kleinigkeiten für ihre Mitschwestern gekauft. Das hat ihr gefallen. Ich nehme also Grüße mit und werde mit einem Küsschen rechts und einem links und dann nochmal einem rechts und vielen Segenswünschen aus dem Laden begleitet.

Die suori tedesci heißen in Spanien Irlandesas und in Deutschland wurden sie lange Englische Fräulein genannt. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, woher eine kommt und welche Sprache sie spricht. Wenn wir bereit sind, unsere Herzen mitreden zu lassen, kann Begegnung entstehen. Wenn wir zuerst den Menschen uns gegenüber sehen und die Chance, etwas Neues zu lernen, irgendeine Art von Verbindung aufzubauen – wie intensiv oder flüchtig sie auch sein mag – vielleicht ist es uns dann möglich, das woher und wohin, das wieviel und wozu zurückzustellen und gemeinsam zu schauen, wie wir unser Leben so gestalten können, dass es für alle reicht. Verständigung gelingt, wenn wir mit offenen Augen, offenen Ohren, mit Mut und Vertrauen aufeinander zugehen, wenn wir anerkennen, dass wir unterschiedliche Herkünfte, Hintergründe, Erfahrungen haben und das nicht als etwas Trennendes sehen, sondern als Grundlage dafür, uns besser zu verstehen.