Archiv für den Monat: Juni 2026

Geschmolzene Gedanken

Die extreme Hitze ist fürs Erste vorbei. Es ist immer noch sommerlich warm, aber wenigstens nicht mehr um die 40 Grad draußen. Ich kann wieder klarer denken – und bin dennoch nicht weniger verwundert als an diesem Wochenende mit den Hitzerekorden.

Während in Köln (also quasi um die Ecke) ein Notlazarett für überhitzte, dehydrierte Menschen aufgebaut werden musste, während eine Regionalbahn bei Bonn liegenblieb, evakuiert wurde und danach keine weiteren mehr fuhren wegen Hitzeschäden, während in Essen (quasi um zwei Ecken), die Straßenbahnschienen sich verborgen, während Autobahnen aufplatzten oder schmolzen, Notaufnahmen, Rettungs- und Pflegedienste am Limit arbeiteten und Medien von mehr als 400 Millionen Euro Verlust pro Extremhitzetag berichteten – während all dies geschah, machten Menschen aus der CDU den Vorschlag, die Industrie zu stärken. Und zwar ausgerechnet durch den Abbau von Klimaschutzmaßnahmen. Ich lese das zweimal, ja doch, Abbau steht da, nicht Ausbau oder Wettbewerb um die besten Ideen für neue Klimaschutzmaßnahmen.

Ich habe zuletzt als Schülerin und Studentin in der Industrie gearbeitet und in Fabrikhallen Dinge zusammengeschraubt. Das ist rund 25 Jahre her. Und auch wenn sich vieles verändert hat, vermute ich stark, dass ungeschmolzene Straßen und Schienen, nicht durchgebrannte Maschinen und gesunde Mitarbeiter:innen auch heute gut wären für die Industrie und alle anderen Wirtschaftszweige. Funktionierende Abläufe, Logistik und Absatzmöglichkeiten, diese Zutaten klingen so, als seien sie in einem kapitalistischen System erstrebenswert. 400 Millionen Euro Verluste pro Tag klingen dagegen weniger attraktiv. Und das gilt nicht nur für Beschäftigte in den betroffenen Wirtschaftszweigen, sondern für uns alle, in Anbetracht der Tatsache, dass die aktuell geplante Rentenreform vorsieht, das Anlegen eines Teils der Rentenbeiträge am Kapitalmarkt verpflichtend zu machen.

Ich arbeite für eine internationale Organisation; keine, die mit Industrie oder Kapitalmärkten zu tun hat. Und doch sehe ich beim Blick über unseren kleinen deutschen Tellerrand, dass es andere – durchaus erfolgversprechende – Ansätze zur Lösung von Krisen wie der unseren gibt, als Reiche noch reicher zu machen und (nach uns die sprichwörtliche Sintflut) die Zukunft anderen zu überlassen. Es wäre schön, würden die Verantwortungsträger:innen aus den klimatisierten Büros und den gekühlten Verbrennerautos mal in die Realität der Mehrheit zurückkehren und zuhören, was die Menschen mit den geringen und durchschnittlichen Einkommen so brauchen. Nicht nur für PR-Termine mit Pflegekasak oder Sicherheitshelm. Könnte doch sein, dass sich aus einem solch ernsthaften Dialog neue Perspektiven ergeben.

Aber was weiß ich schon.