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Zum Greifen nah – wie aus einer Realität eine Illusion wird

England leuchtet. Im Nachmittagslicht strahlen die Kreidefelsen der englischen Südküste weiß in der Sonne. Oben auf dem Cap auf der anderen Seite des Ärmelkanals stehen wir und können mit bloßen Augen hinübersehen. Mit dem Fernglas – es ist ein gutes, aber bei weitem kein Profigerät – erkennen wir sogar großeAntennen und Fabrikschornsteine. Fast kommt es uns so vor, als wäre die Insel ganz nah, beinahe in Kirschkernspuckweite, als müsse nur eine Ebbe mit dem richtigen Koeffizienten kommen, um trockenen Fußes hinübergehen zu können. Hier wirkt es fast so, als sei da gar keine Grenze, als gehöre das Nachbarland ganz selbstverständlich dazu.

Aber dann richte ich den Blick in die direkte Umgebung und schon wird klar, dass die optische Täuschung auch eine politische ist – und dass das in dieser Gegend auch nicht neu ist. Festungsanlagen gab es hier schon zu Zeiten Cäsars und vermutlich sogar schon davor. Wahlweise, um sich vor einer Invasion der Briten zu schützen oder um den eigenen Angriff vorzubereiten und durch stabile Nachschublinien zu sichern.

Wir stehen da, wo Ludwig XIV. stand und befahl, ein Fort zu bauen. Wir gehen den Weg, den Napoleon abschritt, als er erstmals das Kreuz der Ehrenlegion verlieh an die Soldaten, die mit und für ihn England erobern sollten. (Was dann abgesagt wurde, weil er sich mit Österreich schlug – Eilmärsche an die Donau, man mag sich das gar nicht vorstellen.) Nur wenige hundert Kilometer weiter erzählt die Tapisserie de Bayeux von der Schlacht um den englischen Thron und dessen Eroberung durch Wilhelm den Eroberer. Und natürlich gibt es überall Zeugnisse aus dem Zweiten Weltkrieg: Bunker, Raketenabschussanlagen, Soldatenfriedhöfe.

Jahrhunderte, Jahrtausende voller Streit und Krieg, Machtstreben und Geldgier. Ungezählte Jahre voller Leid und Gewalt, Unsicherheit und Sorgen für die „normalen“ Menschen diesseits und jenseits des Kanals, Jahrtausende voller Ideologie und dem unbedingten Willen, zu dominieren.

Die vielen mehrsprachigen Schilder, die freundlichen Erinnerungen ans Rechtsfahren für die britischen Autofahrer*innen, die Schilder für den Tunnel und das Fährterminal in Calais zeugen davon, dass all das für Jahre hinter uns lag.

Doch die Zeit der Sicherheit ist vorbei. Unter unserem Balkon sitzen einige ältere Damen und Herren auf einer Bank. Sie unterhalten sich sehr laut – die Hörgeräte kämpfen mit dem Wellenrauschen und so müssen sie fast schreien. Sie erzählen sich von Gott und der Welt, von der Taufe des Enkelkindes, dem neuen Freund der Nachbarin. Und vom Brexit und den Sorgen, die sie sich machen. Das ist wie bei Asterix, nur spinnen die Briten, nicht die Römer sagt der eine. Leider darf man aber nicht hingehen und sie verprügeln, so wie Obelix, seufzt die Sitznachbarin. Ob die hiesigen Fischer überleben, wenn die dortigen sich an keine Regeln mehr halten? Ob geliebte Produkte teurer werden? Ratlos wechseln die Senioren das Thema.

Im Sonnenuntergang färben die weißen Klippen sich orange-rot, dann verschwinden sie in der Dämmerung. Kurz vor der Dunkelheit sieht man vom Balkon unserer Ferienwohnung nur noch die Reste des Fort de l’Heurt, einer Befestigungsanlage, die langsam aber sicher im Meer zerfällt. Wie sehr ich mir wünschte, das Verrotten der Wahrzeichen der Trennung zwischen Kontinent und Insel wäre das letzte Kapitel dieser Geschichte gewesen.

Was schön war

Wochenlang durfte ich nicht Fahrrad fahren. Und wenn ich es gegen den ärztlichen Rat versuchte, rächte sich mein Körper mit Schmerzen. Jetzt aber geht es wieder. Juhu, juhu, juhu. Allerdings bin ich unterwegs und sitze in der großen Stadt im Süden, ganz ohne Rad.

Beim Abendessen erzähle ich meinen Gastgeberinnen, dass ich nun endlich wieder fahren dürfe und wie sehr ich mich darüber freue. Und was tun Menschen, die den Werken mehr Wert beimessen als den Worten (weil sie das beim heiligen Ignatius gelernt haben)? Sie leihen mir für den nächsten Tag ein Rad, um gemeinsam zu einem Termin am anderen Ende von München zu radeln. Lukas heißt es und ist knallrot, es glänzt in der Sonne und strahlt mindestens so wie ich.

Da ich nicht weiß, wie es um meine Kondition bestellt ist, planen die beiden extra mehr Zeit ein – aber ich kann problemlos mithalten und wir kommen in der normalen halben Stunde ans Ziel. Ich steige strahlend vom Rad, genieße den Tag und besonders die Rückfahrt, die ich allein antrete, um noch rechtzeitig meinen Zug zu erreichen. Fröhlich radle ich durch Felder und Stadtviertel, lasse mich von Feierabend-Rennradlern überholen und überhole selbst Kinder auf Kettcars. Ein altes Wort fällt mir ein, eines, das zwei Gefühle zusammenwirft, das ein wenig überkandidelt erscheint, ein fast ausgestorbenes. Aber es passt genau: Glückselig. Genau so fühle ich mich.

Die Sonne scheint, ein leichter Wind umstreicht meine Arme und Beine und ich kriege das Grinsen noch lange nicht mehr aus dem Gesicht. Ob die beiden wissen, was für ein Geschenk sie mir damit gemacht haben? Ich hoffe, sie haben es an meinen Augen gesehen.

Was schön war

Ich habe was dazu gelernt und das nicht nur mit einer großartigen Dozentin (ich kann ab sofort nicht nur das Kännchenblog und die Newsletterautorin, sondern auch die Dozentin Vanessa Giese empfehlen – wenn ihr was über gute Geschichten im Netz und anderswo lernen wollt: Große Empfehlung!) sondern auch in wunderschöner Umgebung.

Die direkte Nachbarin des Haus‘ Busch ist die Biologische Station Umweltzentrum Hagen.

 

Dank dieser gibt es rund um die Seminargebäude einen liebevoll angelegten Naturpfad mit dutzenden Nistkästen, alten Bäumen, wilden Wiesen, einem Insektenhotel, Bienenstöcken und Hummeln, unzählige Hummeln in verschiedenen Farben und Größen. Hummeln kann es ja gar nicht genug geben – an mein Herz, ihr kleinen pelzigen Flügeltierchen.

Den Abend zwischen den Seminartagen habe ich also für einen ausgedehnten Spaziergang durch das kleine Wäldchen genutzt, über gemähte und noch blühende Wiesen, durch Gras und Brennesseln, über verwesendes Laub und Tannenzapfen und, und, und … Dabei umsummten mich neben den Hummeln auch Bienen, Schwebwespen und Marienkäfer, überall zwitscherten verschiedene Vögel und überhaupt war es wunderbar friedlich.

Eine Umgebung, die sich natürlich auch bestens für die morgendliche Meditation eignet und so war ich schon vor dem Frühstück wieder draußen und hachzte fröhlich vor mich hin. So kann der Sommer gerne weitergehen. <3

Abend und Morgen in der Gaststadt

Am Abend hat der Regen aufgehört und der Nebel hat sich über die Stadt gesenkt. Es ist so dunkel, dass man ihn nicht sehen könnte, hätte die Stadt sich nicht schon in ihr Weihnachtslichtergewand gekleidet. Viele kleine Lämpchen funkeln an Hauswänden und in Bäumen und machen es dem Nebelkönig unmöglich, sein Reich unbemerkt zu vergrößern.

Bei Kerzenschein und Tee sitzen wir in einem oberen Stockwerk und schauen den grauen Schwaden beim Einzug zu. Langsam kriechen sie vorwärts und abwärts. Sie sind nur mit einer kleinen Abordnung gekommen und können nicht die ganze Stadt einhüllen in ihr wolkiges Gewand. Aber für einige Straßen, ein paar Häuserspitzen, Kirchtürme, Baukräne reicht es dann doch. Sind wir nicht hübsch? – lassen sie den Wind ihr Gesäusel weitertragen. Und wie, denke ich im warmen Zimmer mit den vielen Büchern, den einfachen, aber beseelenden Bildern an den Wänden und der so langjährigen und tragenden Freundschaft im Herzen.

Am Morgen haben die Nebelschlieren sich eine Etage höher gelegt und geben den Blick frei auf den Turm der so schönen Bibliothek im Winterzauber. Das Glockenspiel klingt durch die Straßen bis in mein offenes Fenster. Ganz nachtschwarz ist es noch und wären die Lichter der Häuser und der Weihnachtsdekoration nicht, man könnte glauben, der Tag habe uns vergessen. Doch langsam, langsam mischt sich ein wenig Blau in die Schwärze und nach Laudes, Messe und Frühstück ist es grau geworden. Wieder klingt das Glockenspiel in mein Zimmer und an meinen Schreibtisch.

Noch ist es das einzige Geräusch. Doch schon bald folgen ihm eilige Schritte auf dem Kopfsteinplaster, klappernde Türen, aufheulende Motoren, das Scheppern von Baustellengeräuschen aus der Ferne und in der Nähe ein paar schüchterne Vogelstimmen. Mit den Geräuschen kommen auch Gerüche zu mir herein. Nasser Asphalt mischt sich mit dem Holzrauch des Nachbarkamins und mit Kakaoduft.

Zur vollen Stunde gibt es ein wenig mehr Glockenmusik. Ich hole mir noch einen Kaffee, um die letzten Nachtreste auch aus meinem Kopf zu vertreiben. Der Tag kann kommen.

 

Vier Jahre Erinnerung

Vier Jahre lang. Woche für Woche für Woche. Vom 28. Juli 2014 bis zum 11. November 2018 gab es diese Rubrik im Gemeinde-Infoblatt von Kerlouan. „Commémoration du centenaire de la guerre 14-18“.

Vier lange Jahre erinnerte die Gemeinde Woche für Woche an den Krieg, den Verlauf der Frontlinien in der jeweiligen Woche vor 100 Jahren. Beschrieb wichtige politische Entscheidungen, relevante Truppenbewegungen, große und kleine Randnotizen von der Front und dem, was sie für die Menschen in Frankreich, in der Bretagne, im Finistère, in dem Dorf am Ende der Welt bedeuteten. Und sie gedachte der Toten aus Kerlouan. Erinnerte an die jungen und alten Männer, Fischer und Bauern, Handwerker und Arbeiter. An den Mittzwanziger aus der Straße an der Kirche, den Endvierziger, der in der Nähe der Metzgerei gewohnt hatte. An den Sohn der Witwe in der Avenue …, die nun nach Mann und Bruder schon den dritten Verlust zu betrauern hatte.

Sachlich wurde da berichtet. In weniger Sätzen zusammengefasst, was weltpolitisch passierte und wie es die Menschen am Ende der Welt betraf. Fast schon lakonisch stand da, wie der große Krieg in die kleine Welt am Ende des Endes der Welt einbrach. La Der des Ders –  la dernière des dernières (guerres) -, wurde der Krieg später genannt. Der letzte der letzten Kriege sollte es gewesen sein, der weite Teile Frankreichs vernichtete. Dass er nicht der letzte war, dieser Krieg, den die Franzosen aufgrund der Verwüstungen auf ihrem Territorium bis heute die „grande guerre“ nennen, dass da mehr und Schlimmeres bevorstand, das mochte sich damals niemand vorstellen.

Noch heute gibt es in Frankreich Zones rouges, die nicht betreten werden können. Der Krieg, der die Männer aus dem Finistère und aus allen anderen Regionen holte und auf dem Schlachtfeld vernichtete. Etwa 240.000 Männer aus der Bretagne sind gefallen, jeder vierte, der in den Krieg zog – überdurchschnittlich viele (im Durchschnitt starb jeder achte französische Soldat). Viele von ihnen konnten kaum oder kein Französisch, und seien es die Sprachprobleme, oder die Vorurteile oder noch viel komplexere Ursachen, die dafür sorgten, dass es die Fischer, die Bauern, die Handwerker und Arbeiter aus der Bretagne waren, die besonders oft in die ersten, aussichtslosen Reihen und Schützengräben geschickt wurden, es waren viele, die nicht zurückkamen und kaum eine Woche vergeht, in der das kleine Gemeindeblatt nicht vom Sterben eines Sohnes, eines Ehemanns, eines Vaters und Großvaters aus der Kommune zu berichten hat.

Vier lange Jahre stehen die kleinen Meldungen inmitten von Hinweisen zum Umgang mit der asiatischen Hornisse, zu Ausschreibungen von Flurstücken, zur Reparatur von Wasserleitungen, zu Sonnenbrillen und Autoschlüsseln, die im Fundbüro abgegeben wurden. Sie stehen neben den Anzeigen des Traiteur und der verschiedenen Coiffeurs, über den Hinweisen der Sportvereine und der Restos du coeur.

Der Krieg, auch er hat stattgefunden, während das Leben andernorts weiterging. Manchen brachte der Krieg sich auch vor 100 Jahren so in Erinnerung wie uns, wenn wir in den vergangenen Jahren als Touristen einige Wochen in der kleinen Gemeinde verbrachten und freitags das Infoblatt auf der Post mitnahmen, um ein wenig mitzubekommen, was die Menschen um uns herum bewegt (und wann es sich besonders lohnt, nicht selbst zu kochen, sondern beim Traiteur einzukaufen). Man hörte hin und wieder Nachrichten, erfuhr von Gräueln und dem Hin und Her der Front. Doch man lebte weiter.

Anderen rief der Krieg sich ganz anders in Erinnerung. Durch Gewalt und Schlachten, durch Flucht und Vertreibung, durch den Tod geliebter Menschen, durch Verletzung und Verstümmelung, durch …

Vier lange Jahre dauerte der Krieg. Und gab es zum 100. Geburtstag seines Anfangs unzählige Artikel, Buchveröffentlichungen und Veranstaltungen, geht sein Ende deutlich ruhiger vonstatten (natürlich gibt es das große Gedenken in Paris und … – und doch ist es ruhiger.

Dabei lohnt es sich, auch das Ende des Krieges zu betrachten. Innezuhalten und zu sehen, was es bedeutet, wenn die Waffen schweigen.

Clémenceau scheint davon geahnt zu haben, als er in der Stunde der Verkündung des Sieges nicht nur den Gefallenen dankte, sondern auch – im Voraus – den Überlebenden, die nun vor der Mammutaufgabe des Wiederaufbaus standen.

Was geschah nach dem Hissen der Trikolore und dem Läuten der Glocke. Das kleine Bulletin vermerkt:

Lundi 11 novembre : à 2h, du matin, les délégués allemands font savoir au maréchal Foch qu’ils sont à sa disposition. La séance s’ouvre aussitôt. La convention est relue et discutée article par article. A 5h, les signatures sont apposées sans qu’aucune modification importante ait été apportée. Il a été convenu que les hostilités cesseraient à 11h de la même matinée. Plus tard, il arrivera aux allemands de prétendre que seule la menace de révolution intérieure les a obligés à capituler et que leurs troupes ont été « poignardées dans le dos ». Ce ne furent pas les révolutionnaires de l’intérieur qui eurent finalement raison des armées du Reich,
ce fut le courage, l’opiniâtreté des soldats alliés ; ce fut aussi l’esprit de sacrifice des marins chargés d’assurer le blocus ; ce fut enfin le génie militaire du maréchal Foch.
[…]

… Später gaben die Deutschen vor, dass allein die Bedrohung einer Revolution von innen sie gezwungen habe zu kapitulieren und dass ihre Truppen ‚von hinten erdolcht worden seien‘. Doch es waren nicht Revolutionäre aus den eigenen Reihen, die die Armeen des Deutschen Reichs besiegten, es war der Mut, die Beharrlichkeit der alliierten Soldaten; es war auch der Opfergeist der Marinesoldaten, die die Seeblockade aufrecht erhalten haben; es war schließlich das militärische Genie des Marschall Foch.

Und auch das steht da:

L’ivresse légitime de la victoire empêche de distinguer combien cette victoire, toute glorieuse soit-elle eue été chèrement payée, chèrement par la France, chèrement par la civilisation dont la France était le sel.

Die legitime Siegestrunkenheit verdunkelt den Blick darauf, wie viel dieser Sieg, wie ruhmreich er auch gewesen sein mag, wie viel er gekostet hat, wie teuer er bezahlt wurde von Frankreich, von der Zivilisation, deren Salz Frankreich gewesen ist.

Ich habe nicht jede Woche online in die Gemeindemitteilungen geschaut. Aber ab und an habe ich nachgelesen, was geschah vor 100 Jahren. In der Welt, in Frankreich, in dem kleinen Ort am Atlantik, der uns so ans Herz gewachsen ist. Was mich dabei am meisten gefreut hat ist etwas, das nicht in Worten formuliert werden musste: Dass da jemand erzählt hat ohne Ressentiments. Sachlich und doch anteilnehmend. Mit Blick auf die historischen Fakten und die menschlichen Auswirkungen. Dass es möglich ist, dass aus Feinden – „Erbfeinden“ – Menschen werden, die sich in Frieden lassen, in Frieden leben, Freunde werden. Ich habe es gerade in Frankreich oft genug erlebt und es ließ sich auch zwischen den Zeilen der „commémoration“ finden. Dass Menschen, die es nicht schafften, miteinander zu sprechen, sich auf Wahrheiten zu einigen, Fakten anzuerkennen – dass es ihnen gelang, den Hass zu überwinden. Eine kleine Hoffnung. Aber eine Hoffnung.

800 Meter in Pasing

Auf der Straße kommen mir zwei Kinder entgegen gerannt. Atemlos spielen sie fangen. Einer der Jungen versteckt sich hinter mir und kichert dabei so sehr, dass er sich an meinem Bein festhalten muss, um nicht umzufallen. Ich muss lachen, denn dabei kitzelt er mich in der Kniekehle. Zwei junge Männer und zwei junge Frauen kommen den beiden nachgelaufen. „Entschuldigung, Entschuldigung“, rufen sie schon ein paar Meter entfernt. „Aber warum denn“, frage ich. „Ich habe es nicht eilig und freue mich über die fröhlichen Jungs“ lächle ich. „Wir sind so – äh – froh – froh sagt man, nicht?“ – sagt eine der Frauen. Sie trägt ein kunstvoll zum Turban geschlungenes Kopftuch und lächelt ein wenig schüchtern. „Froh“, sage ich, „genau“. „Als Baby hat er immer nur geweint“, sagt einer der Männer. Er tritt heran und nimmt vorsichtig die Hand der Frau. „Krieg, Aleppo“, sagt er. Ich nicke. „Wie schön, dass Sie hier in Sicherheit sind“, sage ich und fast entsteht ein Gespräch, aber die beiden Wirbelwinde finden das Gerede der Erwachsenen langweilig. Längst sind sie weitergerannt und kommen nun mit empörten Gesichtern zurück. „Schneller, schneller“, rufen sie und „fangen, schneller fangen“. Schon düsen sie wieder los, die Erwachsenen im Eilschritt hinterher.

Auf dem Marienplatz haben die Bäumchen in den rot gewandeten Bottichen längst alle Blätter abgeworfen. Im Sommer wirkten sie in ihrer Blätterpracht schon fast wie ausgewachsene Bäume, als ich in ihrem Schatten lesend schöner gewartet habe als am zugigen Bahnhof. Nun stehen die Stühle unter ihnen leer und stumm herum, einige sind so zueinander gedreht, dass man meinen könnte, in Ermangelung von Besuchern plauderten sie nun eben miteinander. Die goldene Marienstatue sieht novemberlich aus. Kein Sonnenstrahl bringt sie heute zum Funkeln, auch die Perlenkette aus Regentropfen, die ihr bei meinem letzten Besuch so gut stand, hat sie nicht angelegt. Still schaut sie auf die Stühle und die novembergrauen Bäumchen hinab.

Auch vor der Eisdiele einige Schritte weiter stehen Stühle, tapfer aufgestellt und mit den sommerfarbenen Auflagen einladend ausgestattet. Mutig hat sich ein Pärchen dort niedergelassen, in dicken Fliesjacken und Schals bis über die Ohren. Der Keller nähert sich ihnen mit einem großen Tablett. „After-Eight-Becher“ ruft er so laut, dass viele Passanten sich nach ihm umdrehen und den beiden mutigen Eisliebhabern anerkennend zunicken.

„Magst du Stollen?“, fragt ein Mann eine Frau an der Straßenverkaufstheke des Bäckers. „Nein, bloß nicht, die Rosinen, das Orangeat und was da sonst noch alles drin ist“. Man sieht, wie sie sich allein beim Gedanken daran schüttelt. „Aber mit Marzipan und Mandeln?“, fragt er schon deutlich weniger enthusiastisch. „Keine Ahnung“, sagt sie und schnaubt empört, als er „einen Mandelstollen bitte“ über die Theke ruft. Als die Verkäuferin den Stollen über die Theke reicht, sieht sie immer noch missgelaunt aus. „Und ein Mohnschnecke“, sagt der Mann und die Sonne geht auf in den Augen der Frau. „Das hast du dir gemerkt?“ Er lächelt zurück. „Ach weißt du was, ich probiere deinen Stollen, wenn wir zu Hause sind“, sagt sie. Mit ineinandergehakten Armen bummeln sie davon.

„Heute auf Gleis 10“ fährt mein Zug ein. Ein ältere Dame tippelt schnellen Schrittes im Gleisabschnitt hin und her, in dem „mein“ Waggon halten soll. Eine andere Dame im gleichen Alter steigt als eine der letzten aus und die beiden fallen sich begeistert um den Hals, halten sich eng umschlungen fest und tun das noch, als ich sitze, eingecheckt habe und nochmal kurz aus dem Fenster sehe.

Des einen Freud…

Wir fühlen uns, als wären wir in eine lebende Kitschpostkarte gefallen. Dabei wussten der Lieblingsmensch und ich doch genau, was uns erwartet, wenn wir nach Brügge fahren. Wie in fast allen alten flämischen Städten gibt es hier Spätmittelalter-Romantik in Hülle und Fülle. Prachtvolle Backsteinhäuser, einen beeindruckenden Belfried, reich verzierte Fassaden und prachtvolle Kirchen. Das kennt man j aus Brüssel (OK, das ist nicht flämisch), aus Gent, aus Leuven, … In Brügge fühlt sich das alles allerdings tausendfach potenziert an.Häuer und eine Gracht in Brügge

Schon als ich Anfang der 2000er Jahre bei einem Praktikum dort war, gab es Touristen ohne Ende in der Stadt. Seit es in Zeebrügge das große Kreuzfahrtterminal gibt, hat sich auch die Zahl der Touristen potenziert, sie kommen busladungsweise und eilen freizeituniformierten Ausflugsbegleitern mit Schirmchen in Unternehmensfarben hinterher.

Wären da nicht die vielen Touristen und die dazugehörige Infrastruktur (Pommesbuden, Souvenirläden, Waffelstände), man könnte meinen, in Brügge wäre die Zeit stehengeblieben. Kein Krieg, kein großflächiges Feuer hat die Altstadt zerstört.Oude Markt, der Alte Markt, in Brügge

In Hamm wurde unsere Hochzeitsgesellschaft darauf hingewiesen, dass wir in einem von nur einer Handvoll historischen Häusern getraut würden ;der Rest ein Opfer des Krieges – Kunstpause – des dreißigjährigen Krieges. Die Kölner Innenstadt ist seit 1945 nicht wiederzuerkennen. In Rennes hatte ein Feuer einen großen Teil der Altstadt hinweggerafft – am Kranz der Fachwerkhäuser um die Innenstadt kann man die Brandlinie noch heute gut erkennen. Nur in Brügge ist noch fast alles, wie es war. Zeugt von Macht (der Herzöge von Burgund), von Reichtum (durch die Textilindustrie) und wirtschaftlichem Selbstbewusstsein (selten habe ich so schlecht gelaunte steinerne Türwächter gesehen wie am Rathaus von Brügge, die Mitglieder der Handelskontore umschmeicheln – hier nicht).Häuser in der Altstadt von Brügge

Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass das alles so gut erhalten ist, zeugt auch von Machtverlust, Armut und Bedeutungslosigkeit. Denn mit der Neuzeit kam die Versandung des Zwin, ohne Nordseezugang kein Handelszentrum, ohne Handelskontore und Adelssitz keine Einnahmen, ohne renommierte Universität keine wissenschaftliche Bedeutung. Jahrhundertelang lebte man nicht mehr in Brügge, sondern überlebte, mit Ach und Krach.

Gerne hätte man wohl teilgehabt an der Industrialisierung. Aber ach, Antwerpen und all die anderen mit sandfreien Meereszugängen, mit großen, schiffbaren Flüssen und attraktiven Konditionen für Investoren, waren so viel attraktiver. Fabriken und Arbeitsplätze? Entstehen andernorts. Kanalisation? Wird zuerst woanders gebaut. Gut gefüllte Marktstände? Nur dort, wo auch Menschen waren, die die Produkte bezahlen konnten.Altstadt von Brügge

Wer durch die Straßen und Gässchen schlendert, über die Brücken der Reies (so heißen hier die Grachten) geht, im Café am Oude Markt eine der besten Waffeln ever isst, sieht diesen Teil der Geschichte nicht. Dabei hat gerade sie die heutige Pracht möglich gemacht. Wer arm ist, reißt die bestehenden Häuser nicht ein, um neue, dem aktuellen Zeitgeist entsprechende zu bauen. Wer ums Überleben kämpft, zieht keine Stararchitekten an. Wer am Hungertuch nagt, bewahrt Traditionen und klöppelt Spitze – und ist gezwungen, sie zu einem Hungerlohn zu verkaufen.

Sollen wir also alle mit einem schlechten Gewissen durch das Schmuckkästchen spazieren? Natürlich nicht. Aber der Gedanke, dass das, was wir als schon immer dagewesene Tradition begreifen, das, was wir auf den ersten Blick schnell als romantisch und verwunschen einstufen, bei einem zweiten Blick vielfältiger, vielschichtiger, komplexer ist als wir vermuteten – dieser Gedanke könnte uns auch begleiten, wenn wir zurückgekehrt sind in unseren weniger kitschigen, aber immer wieder auch auf den ersten Blick erfassbar scheinenden Alltag.

Bayern vor der Wahl

In Augsburg regnet es in Strömen und ich komme aufgrund von Sperrungen und Umwegen durch die Baustelle am Bahnhof irgendwo heraus, wo die Freundin, die mich abholt, nicht ist. Gelobt sei der Erfinder der Smartphones, denn bevor ich zum dritten Mal an diesem Tag völlig durchweiche, ist das Auto da. Zur gemeinsamen Planungs-Spätschicht gibt es Wasser und einen richtig guten Single-Malt-Whisky. Ein liebevoll gerichtetes Gästezimmer und richtig guten Kaffee und eine frische Brezel zum Frühstück.

In Neuburg begrüßen uns am nächsten Morgen drei gemütlich wiederkäuende Alpakas und viele strahlende Gesichter. Wir sprechen darüber, wie die Tiere den alten Menschen auf einer Pflegestation gut tun, was man tun kann, damit Menschen, die aufgrund ihres Alters und ihrer Krankheiten nur noch einen sehr begrenzten Lebens- und Erfahrungsraum haben, teilhaben können an unserer Welt, am Leben außerhalb ihres Krankenzimmers. Ich treffe Menschen, die ihren Alltag damit verbringen, sich für andere einzusetzen, die gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen – die die Probleme sehen und erkennen und nicht jammern und schimpfen, sondern an- und zupacken.

Im Nachbarraum sitzt eine Gruppe von Männern und Frauen zusammen. Die Nähmaschinen surren, es entstehen Patchworkarbeiten, Quilts und kleine Dekostücke, die sie beim Weihnachtsbasar für einen guten Zweck – für Menschen in Not – verkaufen werden.Blauer Hmmel mit zahlreichen weiße Wolken über einer grünen Wiese

Am Abend sitze ich in einer fröhlichen Frauenrunde in Passau. Es gibt Tee und Bier und gute Gespräche. Die Frauen haben im Sommer 2015 gesehen, was gebraucht wird und einen Teil ihres Anwesens, in dem sie vorher Gäste empfingen,  geöffnet; nun wohnen dort acht geflüchtete Frauen und sechs Kinder. Leicht gefallen ist ihnen das anfangs nicht und vom Zerrbild der romantisierenden Heldinnen, die die Probleme vor lauter rosaroter Billen nicht sehen wollen oder können, sind sie weit entfernt. Ganz offen und sehr aufrichtig erzählen sie von ihren Erfahrungen in den vergangenen Jahren. Den guten und den schweren. Den enttäuschten Hoffnungen und denen, die sich erfüllt haben. Von den Anstrengungen, die es bedeutet, wenn Menschen, die sich eigentlich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt eingerichtet hatten, im Rentenalter noch einmal eine solche Herausforderung meistern. Von den Glücksmomenten, die entstehen, wenn man sich trotz fehlender gemeinsamer Sprache verständigen kann, wenn man gemeinsam kocht und isst, Weihnachtslieder singt oder eine junge Schwangere zur Entbindung begleitet.

Die jungen Frauen aus aller Herren Länder berichten in einem wilden Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Arabisch das Gleiche. Von furchtbaren Erfahrungen auf der Flucht, von dem Moment, wo sie sich zu Hause, angekommen fühlen durften. Von der Hilfsbereitschaft der Nachbarinnen, wenn eines der Kinder sich die Knie aufschlägt oder ein Brief ankommt, den sie nicht verstehen. Von Kochrezepten aus der Heimat und solchen, die sie neu kennengelernt haben. Kinder klettern mir auf den Schoß und sind fasziniert von meiner Brille und dem Anhänger an meiner Halskette, so, als hätten sie nie Krieg und Gewalt erlebt.

Auf dem Rückweg dann ein Unwetter und stundenlange Verspätung in der Bahn. Menschen, die sich zu Fahrgemeinschaften verabreden, sich gegenseitig Kopfhörer zustecken, um die Wartezeit mit Musik zu verkürzen, Bücher, die hin und her gereicht werden, weil einer sie ausgelesen hat und die andere sie gerne anlesen würde. Geteilte Butterbrote und Wasserflaschen, da es im Bordbistro nichts mehr zu kaufen gibt.

In all dem: Kein Wort über die Wahl.

Aber am Ende des langen Wochenendes ein wenig mehr Hoffnung, dass da unter der lauten, krawalligen, menschenfeindlichen Oberfläche, hinter den Fassaden mit den immergleichen Politikerplakaten mit den austauschbaren Wahlversprechen, hinter den beängstigenden Umfragewerten und gebrüllten Parolen, dass da Menschen sind, denen komplexe Zusammenhänge nicht zu kompliziert sind. Menschen, die bereit sind, etwas von sich selbst einzusetzen für andere, egal wer sie sind, woher sie kommen und wie gesund oder krank sie sind. Menschen, die da sein werden, auch wenn das gesellschaftliche Klima noch rauer wird. Die es aushalten können und wollen, wenn andere anderer Meinung sind, weil sie die Grundhaltung sehen und suchen, die uns alle verbindet. Die Kritik äußern, dabei aber sachlich bleiben. Die sich dem Dialog nicht entziehen und immer wieder neu die Ärmel hochkrempeln. Die Hoffnung, dass diese Menschen, dass wir es sein werden, die den längeren Atem haben.

Unterwegsmomente

Die Bahn trägt mich einmal quer durchs Land. Beim Aussteigen stelle ich fest, dass ich fast vergessen hatte, dass es Sommer auch ohne tropische Luftfeuchtigkeit gibt. Ich muss ich an Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ denken, das ich in meinem ersten Sommer unter der rheinischen Dunstglocke gelesen habe, voll Sehnsucht nach dem Höllentäler Wind am Abend (innen wie außen).

An frisch renoviertem historischem Ort und in direkter Nachbarschaft zu jetzt schon reifen Augustäpfeln, Blumenmeer und Hummelfamilien, Treffen mit einer Freundin. Feststellen, dass solch kleine, dazwischengeschneite Momente tief und ehrlich und fröhlich und vertraut und ganz einfach wunderbar sein können. Wir sehen uns selten, aber leben im Wissen von- und umeinander und verlieren den Faden nicht, auch wenn lange stille Zeiten dazwischen liegen. Ein Geschenk.

Abends Planen, Spazierengehen, Eis essen und spontane Fußballfreude in der Fußgängerzone. Mitten in Bayern stehen Fans der spielenden Nationen um uns herum und feuern leidenschaftlich ihre Mannschaften an. Ganz eindeutig haben sie einen Hintergrund, der dem führenden politischen Teil des Landes nicht behagt. Hier wird leidenschaftlich gebrüllt und gestöhnt und gejubelt. Schlachtrufe und Gesänge in Sprachen, die ich nicht verstehe, schallen durch die Nacht. Die unparteiischen Einfachnurgucker dazwischen schauen sich ab und an vorsichtig um – ist hier Gefahrenpotential? Müssen wir gleich schnell gehen oder schonmal das Handy für den Notruf zücken? Nach dem entscheidenden Elfmeter Jubel bei den einen, Enttäuschung bei den anderen. Man beäugt sich, dann sagt einer zur Bedienung: Bringen sie uns neun Halbe und eine kleine Limo bitte. Seine Kumpels zählen nach, da stimmt doch was nicht. Das steht doch ab, wenn man zu früh bestellt. Neinnein, das ist schon richtig. Die Verlierer sollen auch was bekommen. Zusammen bangen, zusammen trinken. So macht man das hier. Die Leute mit dem einheimisch rollenden R rücken zusammen, machen Platz für die, die sich durcheinander gratulieren und trösten.

Am nächsten Tag bringt die Bahn mich zurück quer durchs Land. Zwei junge Typen mit langen Bärten und Pluderhosen diskutieren in fröhlicher Slangvielfalt mit einem breit hessisch babbelnden Jeansträger über Hip-Hop und finden, dass da Vieles deutlich zu krass geworden ist, jetzt aba echt mal. So vong Sprache her. Und vong Meinung. Voll verachtend, also so für Menschen. Aber was willste erwarten, wenn die Typen mit der Macht so arme Trottel einfach absaufen lassen. Und dann aufregen von wegen Sittenverfall. Ratloses Schulterzucken. Nächste Playlist durchgehen? Ja, aber habta schon gespendet? Klar. Geht ja sonst gar nicht.

Vor dem Fenster leuchten die Stoppeln von abgeernteten Getreidefeldern golden in der Abendsonne. Sommer in Deutschland.

Umarmung am Bahnsteig

Während um mich herum die Welt immer verrückter zu werden scheint (was genau halten diese CSU-Menschen eigentlich noch für menschlich, europäisches Leistungsschutzrecht, Kinder, die ihren flüchtenden Eltern weggenommen werden, Debatten, die immer sofort emotional eskalieren, …), passiert am Bahnsteig, an dem ich aussteige, fast jeden Morgen Folgendes:

Die Türen öffnen sich, viele Menschen strömen auf den Bahnsteig und drängeln in Richtung Treppe. Wenn der Zug pünktlich oder der Gegenzug gleichviel verspätet ist – man glaubt es kaum, aber das ist überraschend oft der Fall -, passiert am Nachbargleis genau das selbe.

Mitten im Gewusel entsteht dann ein kleiner Stau, eine kleine Insel. Eine Frau aus meinem und ein Mann aus dem Zug in die Gegenrichtung fallen sich kurz in die Arme, küssen sich innig, laufen wieder in ihren jeweiligen Zug zurück, rufen sich kleine Nettigkeiten, Uhrzeiten für ein Telefonat oder Pläne fürs Wochenende zu. „Ich hab dir noch einen Link zu einem Küchenstudio geschickt, schau mal, ob dir das gefällt.“ – „Ich habe im Keller die Sackkarre wiedergefunden, falls wir die mal brauchen.“ – „Soll ich die Kinokarten für Freitag reservieren? Kommen die anderen auch mit?“ …

Bis sich die Türen wieder schließen, schauen sie über die dahinhetzenden Menschen hinweg und strahlen sich an. Die meisten Menschen auf dem Bahnsteig huschen um die beiden herum, die meisten stumm, hin und wieder schimpft jemand, dass die zwei im Weg sind. Manchmal aber lassen sich andere, lasse ich mich anstecken, von ihrem Schwung, ihrem Strahlen. Dann lächeln wir uns verschmitzt zu, wenn wir die Treppe hinuntereilen, in die Straßenbahn springen oder ins Büro weitergehen. Das Ganze dauert immer nur ein paar Sekunden, aber die erwärmen mich deutlich länger.