Archiv des Autors: Frau ArGueveur

Bayern vor der Wahl

In Augsburg regnet es in Strömen und ich komme aufgrund von Sperrungen und Umwegen durch die Baustelle am Bahnhof irgendwo heraus, wo die Freundin, die mich abholt, nicht ist. Gelobt sei der Erfinder der Smartphones, denn bevor ich zum dritten Mal an diesem Tag völlig durchweiche, ist das Auto da. Zur gemeinsamen Planungs-Spätschicht gibt es Wasser und einen richtig guten Single-Malt-Whisky. Ein liebevoll gerichtetes Gästezimmer und richtig guten Kaffee und eine frische Brezel zum Frühstück.

In Neuburg begrüßen uns am nächsten Morgen drei gemütlich wiederkäuende Alpakas und viele strahlende Gesichter. Wir sprechen darüber, wie die Tiere den alten Menschen auf einer Pflegestation gut tun, was man tun kann, damit Menschen, die aufgrund ihres Alters und ihrer Krankheiten nur noch einen sehr begrenzten Lebens- und Erfahrungsraum haben, teilhaben können an unserer Welt, am Leben außerhalb ihres Krankenzimmers. Ich treffe Menschen, die ihren Alltag damit verbringen, sich für andere einzusetzen, die gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen – die die Probleme sehen und erkennen und nicht jammern und schimpfen, sondern an- und zupacken.

Im Nachbarraum sitzt eine Gruppe von Männern und Frauen zusammen. Die Nähmaschinen surren, es entstehen Patchworkarbeiten, Quilts und kleine Dekostücke, die sie beim Weihnachtsbasar für einen guten Zweck – für Menschen in Not – verkaufen werden.Blauer Hmmel mit zahlreichen weiße Wolken über einer grünen Wiese

Am Abend sitze ich in einer fröhlichen Frauenrunde in Passau. Es gibt Tee und Bier und gute Gespräche. Die Frauen haben im Sommer 2015 gesehen, was gebraucht wird und einen Teil ihres Anwesens, in dem sie vorher Gäste empfingen,  geöffnet; nun wohnen dort acht geflüchtete Frauen und sechs Kinder. Leicht gefallen ist ihnen das anfangs nicht und vom Zerrbild der romantisierenden Heldinnen, die die Probleme vor lauter rosaroter Billen nicht sehen wollen oder können, sind sie weit entfernt. Ganz offen und sehr aufrichtig erzählen sie von ihren Erfahrungen in den vergangenen Jahren. Den guten und den schweren. Den enttäuschten Hoffnungen und denen, die sich erfüllt haben. Von den Anstrengungen, die es bedeutet, wenn Menschen, die sich eigentlich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt eingerichtet hatten, im Rentenalter noch einmal eine solche Herausforderung meistern. Von den Glücksmomenten, die entstehen, wenn man sich trotz fehlender gemeinsamer Sprache verständigen kann, wenn man gemeinsam kocht und isst, Weihnachtslieder singt oder eine junge Schwangere zur Entbindung begleitet.

Die jungen Frauen aus aller Herren Länder berichten in einem wilden Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Arabisch das Gleiche. Von furchtbaren Erfahrungen auf der Flucht, von dem Moment, wo sie sich zu Hause, angekommen fühlen durften. Von der Hilfsbereitschaft der Nachbarinnen, wenn eines der Kinder sich die Knie aufschlägt oder ein Brief ankommt, den sie nicht verstehen. Von Kochrezepten aus der Heimat und solchen, die sie neu kennengelernt haben. Kinder klettern mir auf den Schoß und sind fasziniert von meiner Brille und dem Anhänger an meiner Halskette, so, als hätten sie nie Krieg und Gewalt erlebt.

Auf dem Rückweg dann ein Unwetter und stundenlange Verspätung in der Bahn. Menschen, die sich zu Fahrgemeinschaften verabreden, sich gegenseitig Kopfhörer zustecken, um die Wartezeit mit Musik zu verkürzen, Bücher, die hin und her gereicht werden, weil einer sie ausgelesen hat und die andere sie gerne anlesen würde. Geteilte Butterbrote und Wasserflaschen, da es im Bordbistro nichts mehr zu kaufen gibt.

In all dem: Kein Wort über die Wahl.

Aber am Ende des langen Wochenendes ein wenig mehr Hoffnung, dass da unter der lauten, krawalligen, menschenfeindlichen Oberfläche, hinter den Fassaden mit den immergleichen Politikerplakaten mit den austauschbaren Wahlversprechen, hinter den beängstigenden Umfragewerten und gebrüllten Parolen, dass da Menschen sind, denen komplexe Zusammenhänge nicht zu kompliziert sind. Menschen, die bereit sind, etwas von sich selbst einzusetzen für andere, egal wer sie sind, woher sie kommen und wie gesund oder krank sie sind. Menschen, die da sein werden, auch wenn das gesellschaftliche Klima noch rauer wird. Die es aushalten können und wollen, wenn andere anderer Meinung sind, weil sie die Grundhaltung sehen und suchen, die uns alle verbindet. Die Kritik äußern, dabei aber sachlich bleiben. Die sich dem Dialog nicht entziehen und immer wieder neu die Ärmel hochkrempeln. Die Hoffnung, dass diese Menschen, dass wir es sein werden, die den längeren Atem haben.

Wir sind viele

Als wir ankommen, ist der Roncalliplatz schon voll. Voller fröhlicher Menschen. Voller bunter Fahnen, Plakate und Seifenblasen. Menschen von jung bis alt, von klein bis groß, von alternativ bis bürgerlich.

Ein breites Bündnis gegen Hass und für Solidarität und Mitmenschlichkeit. Viele verschiedene Meinungen – eine gemeinsame Haltung.

Am Ende sind es rund 10.000 Menschen, die gemeinsam feiern, singen, und vor allem Gesicht zeigen #kölnstehtzusammen

Was so einfach und überzeugend klingt, ist es für mich nicht. Ich bin keine Freundin großer Menschenmengen. Eine solche Demo liegt außerhalb dessen, was man heute „Komfortzone“ nennt. Ich war nicht oft demonstrieren – in den 90ern gab es Lichterketten auch am Fuß des Schwarzwalds und als junge Journalistin habe ich über eine NPD-Demo in dem damals wie heute beschaulichen Kleinstädtchen berichtet. Und dann kam lange kaum etwas bis zur Demo für Meinungsfreiheit nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Ich war keine von denen, die immer vorweg auf die Straße gingen. Der direkte Dialog, auch mit Kommilitonen, Kolleginnen und Kollegen, Bekannten und Freunden, die anderer Meinung waren (und sind), ist mehr meine Sache. Diesen Dialog führe ich noch immer. Und doch überwinde ich mich immer öfter, selbst auf die Straße zu gehen. Mit dem Pulse of Europe, der Seebrücke und eben jetzt mit #kölnstehtzusammen.

Denn mir machen die Bilder Mut, die zeigen, dass es wirklich eine Mehrheit für Menschlichkeit, Menschenwürde und Solidarität gibt. Dass wir viele sind, die nicht zulassen wollen, dass der Hass gewinnt, die Vernunft unter Aggression begraben wird, Menschen nicht mehr als Menschen anerkannt und respektiert werden. Und so waren der Lieblingsmensch und ich heute zwei von am Ende 12.000 Menschen in Köln, die gezeigt haben: #wirsindmehr

Sich sichtbar machen ist anstrengend, es kostet Kraft und Zeit, Geduld und Vertrauen. Aber wenn ich nicht bereit bin, das für eine offene und freie Gesellschaft einzusetzen, wird es die irgendwann vielleicht nicht mehr geben.

Blasse Jungs in schwarzen Shirts

Am Morgen ist die Regionalbahn sehr gut gefüllt, obwohl noch Sommerferien sind. Doch statt in die üblichen müden Pendlergesichter blicke ich in aufgeregte, junge Augen und strahlende Münder. Sie können kaum stillstehen, checken in ihren Handys wieder und wieder Hallenpläne und Standlisten, diskutieren über Prioritäten, wo man zuerst hinmuss, um „Merch abzugreifen“ und darüber, mit wem man unbedingt ein Selfie machen will und ob es eigentlich noch Selfie heißt, wenn man das Handy nicht selber hält, sondern ein Kumpel das Foto macht, denn das ist ja besser vong Qualität her.

Ich bin noch ein wenig verschlafen, aber dann fällt es mir ein: Es ist mal wieder GamesCom. Die Jungs (es sind kaum Mädchen und junge Frauen darunter) sind keine geübten Zugfahrer, an jedem Unterwegshalt muss der Lokführer durchsagen, dass die Lichtschranken freigemacht werden müssen, damit es weitergeht. Doch das hilft nicht. Neben mir greift sich ein beherzter Mann zwei Rucksackgriffe und zieht die Jungs von der Tür weg: „Lichtschranke ist das, wo ihr drin steht. Ihr kommt jetzt rein.“ Das neu gewonnene Wissen bleibt leider nicht hängen und so wiederholt sich die Szene an jedem Bahnhof, nur der Tonfall des Herrn im Anzug wird von Mal zu Mal etwas genervter.

In Köln kommt mir am Straßenbahnbahnsteig eine Gruppe junger Koreaner entgegen. Sie suchen nach jemandem, der Englisch kann. „Sorry Ma’am“ hat mich vermutlich auch noch niemand angesprochen. Sie wollen nach – vorsichtiges Stocken und Nachschauen auf dem Handy, wie mag man das Wort ‚Deutz‘ wohl aussprechen? GamesCom? sage ich. Sie sind ganz erstaunt und erfreut. ‚How do you know, we do not look nerdy.“ Ich versuche mit aller Kraft, nicht zu lachen und zeige ihnen, wo die Straßenbahn zum Messegelände abfährt, welche Nummer die Fahrzeuge haben und wie viele Stationen sie fahren müssen. Woran sie denn erkennen, dass sie angekommen sind, fragt einer. Keine Sorge, da wo viele Jungs mit schwarzen T-Shirts aussteigen, sage ich. Freundliches Lächeln, bevor sie mit einem lang gezogenen, gequiekten „Thank youuuuu“ über die grüne Ampel rennen und in die Bahn springen.

Am nächsten Morgen kommen die Jungs mir an fast der gleichen Stelle wieder entgegen – allerdings auf der anderen Straßenseite. Sie winken ausladend und schreien aufgeregt. „Hello Ma’am, do yo remember? Do you remember? Helloooooo“ Ich winke zurück – Have Fun! „We will!“

Auf dem Heimweg ist die Bahn wieder überfüllt. Nur schauen die blassen, schwarz gekleideten jungen Menschen jetzt nicht mehr in ihre Handys, sondern zeigen sich die ergatterten Schätze. Der eine hat ein Römerschild aus Pappe, der andere balanciert vorsichtig eine nahezu lebensgroße Plüschfigur seines Lieblingshelden auf seinen Schuhspitzen, wieder andere tragen Pappboxen mit „coolstes Merch wo ich kriegen konnte, voll abgefahren“, die Umstehenden stecken die Köpfe zusammen und ahen und ohen gebührend beeindruckt.

Schließlich zücken einige doch noch ihre Telefone, die sie gar nicht mehr zum Telefonieren nutzen, und checken ihre Kalender, man muss sich schließlich verabreden, um die neuen Spiele gemeinsam einzuweihen. Ein Mädchen nimmt sich stöhnend die blaue Langhaarperücke ab. „Alle hatten blau, nächstes Jahr nehme ich grün“, sagt sie zu ihrem Nachbarn. „Mir reicht’s, wenn dein Avatar bunte Haare hat“, nuschelt der zurück.

Ich steige aus dem Zug und schlendere lächelnd nach Hause. Der Lieblingsmensch hat zwar kein schwarzes Shirt an. Zu einem Spiel überreden lässt er sich trotzdem.

 

Großflächig anwenden

Ich erinnere mich an viele Gerüche meiner Kindheit. An den Geruch von Spinatpfannkuchen mit Käsesoße zum Beispiel (konnte ich damals üüüberhaupt nicht ausstehen, wie ich heute weiß, ein kolossaler Fehler). Oder den Hagebuttentee, den es auf einer Ferienfreizeit so lange als Standardgetränk gab, bis wir eine Meuterei anfingen inklusive Fußmarsch durch den Wald, um irgendwo Zitronenteepulver zu kaufen. Es gab dann Wasser. Himmlisch. Oder die Mischung aus mit Nelken gespickten Orangen und heißem Bienenwachs als adventlichen Grundton.

Und dann gab es die Gerüche, die zum Gesundwerden passten. Nummer eins war der Zwiebeltee – einer der gruseligsten Gerüche (und leider auch Geschmäcker), die ich kenne.

Stundenlang siedete das Gebräu in der Erkältungssaison vor sich hin und selbst, wenn wir Kinder wieder gesund waren, roch das Haus noch tagelang nach dieser undefinierbaren Mischung aus süßlich, bitter und ranzig. Allein der Hinweis, es werde nun Zwiebeltee aufgesetzt machte mich schon halbwegs gesund – zumindest behauptete ich das standhaft; und musste das Gebräu dann trotzdem trinken. Da halfen auch Kandiszucker und eine zugehaltene Nase nicht.

Das zweite Hausmittel, auf das meine Mutter schwor, roch ähnlich intensiv, beduftete das Haus mindestens ebenso langanhaltend, aber im Gegensatz zum Zwiebeltee mochte – und mag – ich den Duft immer sehr. Das geheime Hausmittel war Ringelblumensalbe. Selbstverständlich selbst gekocht.

Die Ringelblumen blühten vor ihrem Einsatz in der Küche gelb-orange im Garten und waren für uns Kinder kein besonderes Highlight. Ganz hübsch, aber nicht so wunderbar wie Gänseblümchen, mit denen man Kränze flechten, Hüpfkästchen markieren oder romantisch-philosophische Gedanken machen konnte (aber das ist eindeutig eine andere Geschichte). Sie zogen nicht so viele Bienen und Schmetterlinge an wie andere Blüten und probieren konnte man sie auch nicht, wie die Brunnenkresse, deren Blüten auch noch strahlender leuchteten.

Kaum gepflückt und in den Kochtopf gewandert, wurden die Ringelblumen aber Superstars.  Ihre Salbe hilft vor allem gegen Mückenstiche (und außer dem Lieblingsmenschen liebt mich vermutlich niemand so sehr wie Stechmücken; ich sehe den halben Sommer aus wie Streuselkuchen, die Viecher stechen durch Socken und Hosen, durch T-Shirts und dicke Leinenblusen, in Knöcheln, Zehen, Handgelenke, Arme, Beine, hinter die Ohren, in die Nase,… sie lassen nichts aus). Also die Ringelblumen halten die Viecher nicht fern, aber sie lindern den Juckreiz. Langanhaltend. Juhu.

Außerdem ist selbstgemachte Ringelblumensalbe schön fettig und hilft wunderbar gegen rissige Haut, aufgeplatzte Lippen, Hornhaut an den Füßen. Sie zieht angenehm schnell ein und hinterlässt nur diesen sanften Blumenduft, der auch einsame Winterabende und klebrig-warme Sommernächte erträglicher macht.

Da ich schon immer viel schwitze – vor allem im Gesicht – hilft Sonnencrème wenig. Gegen eine juckende rote Nase hilft… naja, ihr wisst schon. Gegen kleine Schürfwunden, zur Ermutigung nachwachsender Haut unter Blasen und gegen schwere, müde Beine nach einem langen Tag wirkt das Zeug natürlich auch. Es ist schließlich aufgetankt mit viel Sonne, mit Wasser, das in großen Kannen durch den Garten getragen wurde, mit Zeit zum Wachsen und Kochen – und mindestens ebenso viel Liebe.

Und so sitze ich nun hier, bin sehr dankbar und gerührt über das kleine Päckchen, das ich heute von meiner Mutter bekommen habe, habe den Mückenstichen den Kampf angesagt und rieche von Kopf bis Fuß nach Ringelblumensalbe. Hach.

Blick aus dem Leuchtturmfenster

Der Sommer ist da und bringt dem Lieblingsmenschen und mir in diesem Jahr keine längeren Ferien. Aber auf das Internet ist ja Verlass und einige machen nicht nur Urlaub, sondern nehmen die Daheimgebliebenen ein wenig mit. Zum Beispiel ins Finistère, da hachze ich hier natürlich sehr herum. Das könnt ihr ab dem verlinkte Beitrag alles lesen. Und anschauen. Hatte ich schon „haaaach“ gesagt?

Oder wollt ihr lieber nach Südfrankreich? Bittesehr.

Lesen und leben auf Eiderstedt.

Jonny ist wieder da und ich wische mir Tränen aus den Augen.

Ein Familientreffen der besonderen Art im Odenwald.

Vom Wunsch, weg zu kommen und einer Alternative.

Geschichten vom und über den Balkan.

Kein Urlaub, aber ein besonderer Ort in Wien.

Vom Abschiednehmen.

Warum es wichtig ist, #metwo nicht nur im Augenwinkel wahrzunehmen, sondern sich darauf einzulassen.

 

 

Rot und schön

Es ist eine kleine Völkerwanderung. Dutzende Menschen streben in Richtung der Felder hinter unserem kleinen Dorffriedhof. Halblaute Grüße, stilles Nicken und fröhliches Winken bei den Kindern zeigen an, dass man sich kennt. Wer die Hitze nicht gut verträgt, kommt mit dem Auto, andere versuchen mit dem Fahrrad, den besten Standpunkt zu finden. Die einen haben Wasser dabei, die anderen Wein, wieder andere Kamera und Stativ.

Eine kleine Gruppe Wanderer kommt uns entgegen, sie wollen einmal um das Dorf herumgehen und das Naturschauspiel aus verschiedenen Perspektiven genießen.

Auf dem Feldweg ist es voll geworden. Groß und klein, jung und alt, Alteingesessene und Neubürger stehen in kleinen Gruppen zusammen und warten. Noch ist es zu hell. Der Blick gen Westen bietet aber auch ein wunderbares Schauspiel. Hinter dem Türmchen der kleinen Kapelle hat der Himmel sich gelb-orange-rosa-lila-blau gefärbt.Sonnenuntergang bei der MOndfinsternis 2018 im Vorgebirge

Die Raffinerie einige Kilometer weiter hat irgendein Problem und fackelt Gas ab, gerade rechtzeitig wird die Flamme kleiner. Denn da, ganz blass noch und kaum zu erkennen, wird er plötzlich sichtbar, knapp über dem hügeligen, baumbestandenen Horizont: der Mond im Schatten der Erde.sehr blasser MOnd bei der Mondfinsternis 2018

„Was guckt ihr denn da alle, das ist doch nicht sonderlich beeindruckend“, schimpft ein vorbeigehender Herr mit Hund. „Das wird noch, es ist noch zu hell“, tönt es ihm aus verschiedenen Kehlen entgegen.blasser Mond bei der Mondfinsternis 2018

Und plötzlich interessiert auch er sich für das Phänomen. Bleibt stehen, lässt den Hund über die Felder laufen, doch schon bald kommt der zurück und legt sich hechelnd auf das warme Gras am Wegesrand.

Murmelnd unterhalten sich die Zuschauer, die sich über den langgestreckten Weg verteilt haben. Zücken Handys und versuchen mithilfe von Apps, die Sterne und Planeten zu identifizieren, die nun immer besser sichtbar werden. Jupiter, Venus. Und der immer besser sichtbare rote Mond.Blutmond 2018

Der Lieblingsmensch schaut gerne aufs Meer, mag dabei aber gerne nicht nur schauen, sondern auch beobachten und hat daher im Frühjahr an der Fernglasfront etwas aufgerüstet. Mit dem Vergrößerungsglas sieht das Schauspiel nochmal deutlich beeindruckender aus. Wir lassen das Glas herumgehen, der Lieblingsmensch zeigt, wie man scharf stellt und zoomt.

Leise aahs und oohs zeigen an, dass der Mars seinen großen Auftritt hatte, Kameraauslöser klicken leise, Hände zeigen in den Himmel. Irgendwann fliegt die ISS aus der gegenüberliegenden Himmelsrichtung so schnell vorbei, dass wir sie kaum sehen. Kurz nach Mitternacht klappt das besser und wir winken Astro-Alex und seiner Kollegin und Kollegen zu.Blutmond und Mars bei der Mondfinsternis 2018

Der Mond wird dabei schon wieder nach und nach honiggelb. Die Venus ist weitergezogen. Auf dem Heimweg steht er so hoch, dass wir ihn zwischen den Giebeln der Häuser sehen können. Nach und nach zerstreut sich die Menge, biegen alle dorthin ab, wo sie wohnen.

Eine fast vergessene, fröhliche, stille Gemeinschaft hat uns an diesem Abend vereint. Gemeinsam waren wir beeindruckt und entzückt von der Größe des Universums um uns herum und der Tatsache, dass wir da wirklich und tatsächlich auf den Schatten unsere Planeten schauen. Dass es den Menschen gelungen ist, ein multinationales Projekt wie die ISS zu schaffen und zu bemannen (und befrauen – @AstroSerena) und dort Forschung zu betreiben, die uns allen zugute kommen wird bei der Bekämpfung von Krankheiten und so vielem mehr. (Das Horizons-Blog kennt ihr sicher alle, nicht wahr?)

Im Mittelpunkt standen für einen sommerwarmen, windstillen, mondroten Abend lang nicht unsere Meinungen und Unterschiede, sondern unser gemeinsames Menschsein. Das war für mich mindestens genauso schön wie das Himmelsschauspiel über uns.Blutmond und Mars bei der Mondfinsternis 2018

Sommerregen und Erinnerungen

Und dann regnet es plötzlich wirklich. Es fängt gerade an, als ich aus dem Zug steige. Die meisten Menschen eilen Richtung Bahnhofsvordach, aber einige – so wie ich – stellen sich mitten in den Regen und fangen an zu strahlen. Langsam gehe ich über die Straße, auf der die dicken Tropfen platzen und in kleineren Tröpfchen um meine Füße herumtanzen.

Ich atme tief ein und da ist er. Dieser ganz spezielle Geruch nach nassem, heißen Asphalt. Dieser wunderbare Sommergeruch nach Straße und Staub und Teer und Kindheit. Dieser Geruch ist eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen. In der Sackgasse spielten wir Fangen oder Verstecken oder Schnitzeljagd oder lieferten uns Wettkämpfe in Hüpfgummihüpfen oder Langsam-Fahrradfahren. Und dann regnete es plötzlich diese langsamen, schweren, großen Landregentropfen. Und in der Luft liegt in Sekundenbruchteilen dieser ganz besondere, spezielle, wunderbare Geruch einer staubigen, wenig befahrenen Straße im Sommer. Kein Gedanke daran, mit dem Spielen aufzuhören und ins Haus zu laufen. Der Regen kühlt die Luft nicht ab, wenigstens nicht sofort. Und meistens hört er genauso schnell wieder auf, wie er gekommen ist.  Vorher drehen wir uns im Kreis und versuchen, einen Regenbogen zu entdecken, weit kann die Sonne schließlich noch nicht sein.

So ist es noch heute. Ich gehe langsam, mit erhobenem Kopf durch den prasselnden Regen, ich lächle vor mich hin und atme besonders tief ein und aus und genieße das, was mein Sommergeruch ist, mehr noch als sonnengecremte Haut oder windgetrocknete Bettwäsche.

Nach dem Duft nach Staub, Teer und nassem Asphalt kommt der nach nassem Gras. Durch die lange Trockenheit riecht es mehr wie feuchtes, staubiges Heu. Auch einer meiner Sommer-Lieblinge.

Von irgendwoher treibt der Wind schweren, süßen Blütenduft herbei und ich überlege, ob ich einen Umweg mache. Ich spüre die Tropfen auf den bloßen Armen, die ersten Tropfen laufen mir aus den zu langen Ponyfransen ins Gesicht. Die näher kommenden Blitz und Donner bringen mich von der Idee ab, den Spaziergangs durch das kleine Waldstück um die Ecke zu verlängern.

Als ich ein paar Minuten später die Haustür aufschließe, lässt der Regen schon wieder nach. Noch einmal atme ich tief ein, schon ist er wieder weg, der Sommer-Erinnerungs-Lieblings-Duft und von irgendwoher höre ich die erste Hummel, die sich unter einer großen Blüte verborgen hatte und nun wieder Richtung Lavendelbusch brummelt.

Waffeln backen für den Weltfrieden

Zynisch sei ich geworden, beschwerte sich neulich der Lieblingsmensch. Er muss sich mein Geschimpfe anhören über das, was Seehofer und Co für den Willen des Volkes halten und ich für menschenverachtende *hier Schimpfwortkette einsetzen*.

Was hilft? Weniger lesen, mehr machen. Eine alte Weisheit, aber dieses Internet beinhaltet eben nicht nur Hass-Auskotzer, sondern auch Menschen, die einem so etwas im richtigen Moment nochmal in Erinnerung rufen.

Und so backen wir Waffeln auf einem Fest, schneiden die Hecke schon wieder zurück, so dass die Nachbarn wieder näher am Zaun parken und die Müllmänner ohne frühmorgendliches Dauerhupen durchfahren können. Das Ding scheint das einzige zu sein, das in diesem Wüstensommer in unserem Garten gedeiht wie Hulle. Aber wir, die wir mit dem genauen Gegenteil eines grünen Daumens gesegnet sind, freuen sich ja auch über sowas. Die Heckenschere weniger und gibt den Geist auf. Stielbruch ist mal eine kreative Form von Arbeitsverweigerung.

Hier ein mittelprächtiges Technikproblem lösen, da ein Interview führen mit einer, die gerade von einem längeren Besuch in Südkorea zurückkommt und dort unter anderem Essen an Menschen ohne Mittel ausgeteilt hat. Die wenigsten sahen auch so aus, viel häufiger war ein erst auf den dritten Blick fadenscheiniger Anzug, eine zerschlissene Aktentasche und ein höflicher Gruß. Für die von Freiwilligen gekochte warme Mahlzeit fragt niemand nach dem Woher und Wohin. Was übrig bleibt, fahren die Freiwilligen mit kleinen Wägelchen zu Menschen, die ihre Hütten nicht verlassen können.

Mitfreuen mit jemandem, der eine neue Stelle anfängt und bei der alten angemessen großartig verabschiedet wird.

Die Leere mit aushalten, da, wo jemand für immer fehlen wird.

Notebook und Drucker ins Auto packen und durch mehrere Staus schleichen, um jemandem ohne Kraft für Bürokratieberge ein wenig Korrespondenz abzunehmen.

Quer durchs Land fahren und konstruktiv arbeiten, unterschiedliche Meinungen nicht auflösen müssen, sondern als Bereicherung begreifen und am Ende des Tages mehr auf dem Tisch liegen haben als die Summe der von jeder vorbereiteten Einzelteile.

Mit den Freunden in Frankreich über den zweiten Stern freuen.

Mit rund 6.000 anderen für Seenotrettung und Menschlichkeit demonstrieren.

Ich glaube, jetzt kann ich den Regler für den Welt-Wahnsinn wieder ein bisschen hochfahren.

Nicht schießen, das sind doch Menschen

Als Napoleons Truppen 1794 die Stadt Köln einnehmen wollten – und es auch taten – richteten sie die Waffen auf die Stadtsoldaten. Die waren, sagt man, weder gut ausgebildet noch gut bezahlt, vor allem aber waren sie fassungslos. Da kamen doch wirklich Soldaten und schossen. Die Legende erzählt, dass die entrüsteten „roten Funken“ den französischen Truppen entgegenriefen: Nicht schießen, das sind doch Menschen!

Als ich nach Köln zog, wurde mir diese Geschichte oft milde lächelnd erzählt. Zurzeit muss ich wieder oft an sie denken. Und stelle fest, dass ich sie gut verstehen kann, die entsetzen Stadtsoldaten. Das sind doch Menschen, über die wir da reden. Menschen, die ertrinken (und andere Menschen, die die Rettung der Ertrinkenden verhindern).

Das sind doch Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie lieber die gefährliche Fahrt übers Meer wagen, als in dem Horror zu bleiben, der hinter ihnen liegt.

Menschen, die sich sehnen nach einer Zukunft, in der sie nicht nur überleben, sondern leben. Die ihren Kindern ein besseres, sichereres, satteres, beschützteres, gebildeteres, leichteres, lebendigeres Leben wünschen und schaffen wollen.

Menschen mit – sicher oft völlig überzogenen, unrealistischen – Träumen und Hoffnungen, Wünschen und ja, auch Ansprüchen.

Menschen mit Problemen, Traumata, anderen Ansichten, Meinungen und – deutlich schwerer auszuhalten – Haltungen. Menschen mit eigenen Vorstellungen, die mit unseren nicht immer leicht überein zu bringen sind.

Menschen, die keiner haben will und auf deren Rücken Machtspiele ausgetragen werden von anderen Menschen, die sie als Probleme, als Schwierigkeit, als … bezeichnen. Ich mag die Worte hier gar nicht wiederholen, die glauben machen sollen, dass es hier um alternativlose Zwänge gehe; um Dinge; um Bedrohungen. Dabei geht es immer um Menschen. Lebendige Menschen. Wie du und ich.

Ich kenne keine Lösung für die Probleme, die verzweifelte Menschen aus verschiedenen Gründen zur Flucht treiben. Aber ich sehe auf einer größeren Ebene auch keine erfolgversprechenden Bemühungen, diese zu lösen. (Im Kleinen gibt es unendliche viele Belege dafür, dass Menschlichkeit immer zu einer besseren Lösung führt als Hass, aber die scheinen so schwer „skalierbar“ zu sein.)

Aber genau das müsste jetzt passieren: Dass wir gemeinsam nach Lösungen für mehr Menschlichkeit, mehr Frieden, mehr Solidarität, mehr Respekt, mehr Komplexitätstoleranz, mehr Konkretes-Tun suchen. Dass wir die Mehrheit, die für Menschlichkeit steht, aktivieren und mithelfen, dass die vielen kleinen Einzelinitiativen immer größere Kreise ziehen;  dass aus diesen Kreisen Hoffnung und Zuversicht darauf wächst, dass es Lösungen geben kann, die allen helfen, die mehr Gerechtigkeit, mehr Unterstützung, mehr Solidarität brauchen.

Statt über Probleme zu lamentieren und immer entmenschlichtere Wörter zu erfinden, müssten wir Lösungen finden, wie wir Kriege beenden und Frieden schaffen können; wie wir Menschen in Armut und Hoffnungslosigkeit dabei helfen, Perspektiven zu entwickeln für sich und ihre Gemeinschaften; wie wir Menschen erreichen können, die vor lauter Angst und Egoismus und Hass blind geworden sind für die Menschlichkeit der anderen; wie wir so leben und miteinander reden können, dass der Hinweis, dass Helferinnen und Helfer Menschenrechte kompromisslos ernst nehmen, kein Vorwurf gegen die Helfenden mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit (ja, ZEIT-Redaktion, ich schaue euch an).

Ich weiß nicht, wie der Weg dahin aussehen wird. Aber er wird nur gelingen, wenn eines unverbrüchlich feststeht: Das sind doch Menschen.

#seebrücke #teamretten #fightforhumanity

Unterwegsmomente

Die Bahn trägt mich einmal quer durchs Land. Beim Aussteigen stelle ich fest, dass ich fast vergessen hatte, dass es Sommer auch ohne tropische Luftfeuchtigkeit gibt. Ich muss ich an Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ denken, das ich in meinem ersten Sommer unter der rheinischen Dunstglocke gelesen habe, voll Sehnsucht nach dem Höllentäler Wind am Abend (innen wie außen).

An frisch renoviertem historischem Ort und in direkter Nachbarschaft zu jetzt schon reifen Augustäpfeln, Blumenmeer und Hummelfamilien, Treffen mit einer Freundin. Feststellen, dass solch kleine, dazwischengeschneite Momente tief und ehrlich und fröhlich und vertraut und ganz einfach wunderbar sein können. Wir sehen uns selten, aber leben im Wissen von- und umeinander und verlieren den Faden nicht, auch wenn lange stille Zeiten dazwischen liegen. Ein Geschenk.

Abends Planen, Spazierengehen, Eis essen und spontane Fußballfreude in der Fußgängerzone. Mitten in Bayern stehen Fans der spielenden Nationen um uns herum und feuern leidenschaftlich ihre Mannschaften an. Ganz eindeutig haben sie einen Hintergrund, der dem führenden politischen Teil des Landes nicht behagt. Hier wird leidenschaftlich gebrüllt und gestöhnt und gejubelt. Schlachtrufe und Gesänge in Sprachen, die ich nicht verstehe, schallen durch die Nacht. Die unparteiischen Einfachnurgucker dazwischen schauen sich ab und an vorsichtig um – ist hier Gefahrenpotential? Müssen wir gleich schnell gehen oder schonmal das Handy für den Notruf zücken? Nach dem entscheidenden Elfmeter Jubel bei den einen, Enttäuschung bei den anderen. Man beäugt sich, dann sagt einer zur Bedienung: Bringen sie uns neun Halbe und eine kleine Limo bitte. Seine Kumpels zählen nach, da stimmt doch was nicht. Das steht doch ab, wenn man zu früh bestellt. Neinnein, das ist schon richtig. Die Verlierer sollen auch was bekommen. Zusammen bangen, zusammen trinken. So macht man das hier. Die Leute mit dem einheimisch rollenden R rücken zusammen, machen Platz für die, die sich durcheinander gratulieren und trösten.

Am nächsten Tag bringt die Bahn mich zurück quer durchs Land. Zwei junge Typen mit langen Bärten und Pluderhosen diskutieren in fröhlicher Slangvielfalt mit einem breit hessisch babbelnden Jeansträger über Hip-Hop und finden, dass da Vieles deutlich zu krass geworden ist, jetzt aba echt mal. So vong Sprache her. Und vong Meinung. Voll verachtend, also so für Menschen. Aber was willste erwarten, wenn die Typen mit der Macht so arme Trottel einfach absaufen lassen. Und dann aufregen von wegen Sittenverfall. Ratloses Schulterzucken. Nächste Playlist durchgehen? Ja, aber habta schon gespendet? Klar. Geht ja sonst gar nicht.

Vor dem Fenster leuchten die Stoppeln von abgeernteten Getreidefeldern golden in der Abendsonne. Sommer in Deutschland.