Zum ersten Mal

In den vergangenen Wochen haben der Lieblingsmensch und ich erstaunlich viele Dinge zum ersten Mal getan. Man denkt ja, nach nahezu 20 Ehejahren habe sich so etwas wie Routine eingeschlichen, liebgewonnene Rituale und Wiederholungen. Und selbst auf bevorstehende Premieren wähnten wir uns gut vorbereitet. Wie das mit solchen Vorstellungen ist – sie wollen, wenn sie dann eintreten, einfach nicht den Planungen entsprechen. Sie brechen aus der imaginierten Welt aus, wo immer sie nur können. Die Realität ist dann … irritierend anders als man es sich so gedacht hatte, um es mal freundlich zu formulieren.

Jedenfalls haben wir zum ersten Mal unter Druck einen Pflegeheimplatz für eine demente Verwandte gesucht. Das war erwartbar schwierig. Dass wir dabei am Telefon nur selten freundlich beraten, viel häufiger ausgelacht, beleidigt, bemitleidet, beschimpft und mit uns vorher unbekannten Worten abgewiesen werden würden, hatte auf meinem Planungszettel niemand notiert.

Erstmals vor lauter Überforderung in einem Krankenhaus geweint. Check. Denn eine vermutlich überforderte Krankenhausperson wies uns nicht eben charmant darauf hin, dass durch den Notfall des Familienmitglieds ein Bett blockiert werde und man sich daher bei der Rettungsleitstelle für Schlaganfallpatient:innen habe abmelden müssen. Wenn nun also jemand stürbe, dann läge das durchaus auch an uns, weil wir uns nicht genug kümmerten. Sie für ihren Teil würde die Verwandte mit der Gangstörung jedenfalls an Tag X vor die Tür setzen; wenn sie sich dann zu Tode stürze, sei das nicht ihre, sondern unsere Verantwortung. Auch wenn das Hirn weiß, dass das Unfug und sicher der Überlastung des Gegenübers zuzuschreiben ist, war das eine Premiere, auf die mein Herz gut und gerne hätte verzichten können.

Noch so ein erstes Mal: Wir haben hautnah erlebt, wie ein lieber Mensch, der krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage ist, komplexe Sachverhalte zu erfassen, einen durchaus nicht so einfach zu durchdringenden Sachverhalt wie einen Krankenhausaufenthalt und einen von dort direkt erfolgenden Umzug in eine völlig neue Umgebung verarbeitet. Oder zumindest versucht, irgendeinen Sinn in den verschiedenen Schritten des Prozederes zu erkennen.

Erstmals haben wir versucht, ein Zimmer so einzurichten, dass es gleichzeitig vertraut und neu wirkt; dass es ein Leben und seine vielen Erinnerungen widerspiegelt und doch keine Scheinwelt bildet; dass es heimelig und tröstend wirkt und gleichzeitig dazu einlädt, das Neue zu erkunden, die Nachbar:innen kennenzulernen und Freude an Gemeinschaft zu erleben.

Erste Suche nach einem Hausarzt in einer Region, wo die Praxen in der Regel dankend abwinken, wenn es darum geht, neue Patient:innen anzunehmen. Immerhin, aus Erleichterung wird Dankbarkeit, wenn dann jemand ja sagt und sich gleichzeitig auch noch als super hilfsbereit entpuppt.

Nach Ende der Eingewöhnungsphase bekommen wir rundum gutes Feedback der Einrichtung. Durchschlafen, ohne sich Sorgen zu machen – beste Premiere überhaupt.

 

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