Aussterbende Traditionen

Vor kurzem waren wir auf einen Geburtstag eingeladen. Sogar zu zwei runden, zu denen die Gastgeber ein gemeinsames Fest veranstalteten und zu dem sie Menschen aus allen Himmelsrichtungen und allen Zeiten ihres Lebens eingeladen hatten. Ein schönes, ein rauschendes Fest mit liebevoller Dekoration, guten Gesprächen, leckerem Essen, fröhlichen Vorträgen und Reden – und mit Musik. Viel Musik.

Einer der Gäste war ein geübter (Vor-)Sänger und stimmte Lieder an, die alle mitsingen konnten. Oder doch zumindest fast alle. Alte Hits aus der „Mundorgel“, Lieder, die wir als Kinder auf langen Autofahrten mit unseren Eltern oder im Zeltlager am Lagerfeuer sangen, Volkslieder, Allzeit-Beliebt-Klassiker, die wir mit der Stadtkapelle ungezählte Male bei Volksfesten zum Besten gegeben haben. Wer sich nicht zu singen traute oder eine Melodie nicht kannte, der konnte bei einigen Liedern aufstehen oder winken, wenn ein bestimmtes Wort gesungen wurde.

Später setzte sich jemand ans Klavier, ein anderer hatte seine Gitarre mitgebracht und das eigens gestaltete Liederheft mit kölschen Klassikern (mit den abgedruckten Texten für die „Immis“) wurde herumgereicht.

Die Gastgeber hatten mit einer heiteren Vorstellungsrunde dafür gesorgt, dass ihre Gäste einen Überblick bekamen, wer von denen, die man noch nicht kannte (und auch von denen, die man bereits kannte) gemeinsame Interessen teilt und dabei hatte man schon sehen können, dass etwa ein Drittel der Anwesenden die Vorliebe der Geburtstagskinder für Chorgesang ebenfalls ihr eigen nennen. Doch mitsingen konnten noch viel mehr.

Auch bei einem Familienfest in der Eifel wurde vor einiger Zeit ganz selbstverständlich das ein oder andere Lied angestimmt. Alle Menschen meines Alters und darüber konnten mitsingen, die meisten auch ohne Textblatt.

Ich bin auf dem Land großgeworden, wo runde Geburtstage mit Spielen und Späßen gefeiert wurden. Ich habe in einem symphonischen Blasorchester gespielt, mit dem wir neben der „ernsten“ Musik auch Umzüge, Volksfeste, Frühschoppen und andere Veranstaltungen umrahmt haben. Dort kannten die Besucher natürlich die diversen Strophen des Badnerlieds, ‚Tief im Odenwald‘, ‚Hoch auf dem gelben Wagen‘, und wie sie alle hießen, waren Lieder aus der böhmischen Tradition und Oberkrainer Polkas allgemein bekannt, so dass sie fröhlich mitgesummt wurden, bei diversen – immer vorhersehbaren und daher immer im richtigen Moment aufgelegten – Märschen wurde mit dem Bierkrug der Takt mitgeklopft und der Kapelle dann von jemanden, der gerade nicht erst den ersten Krug leerte, eine Runde ausgegeben.

Dinge, die ich nicht vermisst habe und die in meinem Leben üblicherweise keine Rolle mehr spielen. Vor allem, wenn es um Liedtexte geht, die klassische Geschlechterrollen feiern, indem sie Männer als tollkühne Eroberer und Frauen als hübsche Heimchen am Herd besingen, bin ich froh, dass das vorbei ist. Die verschwanden allerdings vor mehr als 25 Jahren schon nach und nach aus den „Playlists“ – aber vermutlich sind sie noch immer irgendwo im Einsatz.

An dem Festabend neulich wurde mir bewusst, dass diese Art des Beisammenseins, diese Art von Gemütlichkeit und Gemeinschaft eine Tradition ist, die – zumindest in meinem Umfeld – nach und nach aussterben wird. Mein städtisch geprägter Freundeskreis kennt das alles nicht oder nicht mehr. Feste werden anders gefeiert, Gemeinschaft entsteht durch andere Riten. Wenn der Lieblingsmensch in einigen Jahren rundet, wird es kein Liederheft geben und niemanden, der spontan aufsteht und Rümcher und Verzällcher anstimmt. Es wird uns nicht fehlen. Aber bemerkenswert finde ich es doch.

 

Erinnerungen an Notre Dame

Gestern um diese Zeit haben wir davon erfahren: Notre Dame steht in Flammen. Noch bevor ich die Bilder vom Brand gesehen habe, waren da andere Bilder in meinem Kopf, in meinem Herzen. Erstaunlich viele Bilder. Und je länger ich darüber nachdachte, warum mich die Nachricht so traurig machte, umso mehr Erinnerungen kamen mir.

In Notre Dame habe ich Zuflucht gesucht als ich während eines Praktikums vom Tod eines guten Bekannten in der Heimat erfuhr.

In Notre Dame habe ich mit einer Freundin ein Orgelkonzert gehört, das mit „freiem Eintritt“ warb und bei dem man am Ausgang von den Wärtern mehr als unfreundlich gebeten wurde, etwas zu spenden – mit Angabe von Summen, die die Organisatoren sich dabei gedacht hatten. Etwas geben wollten wir gerne – aber so viel, das war für uns Studentinnen nicht möglich. Und so stellte ich fest, dass ich in der gar nicht mehr ganz so neuen Sprache durchaus erfolgreich Streitgespräche führen konnte.

An einem Palmsonntag wollte ich gerne den bekannten Kardinal Lustiger in Notre Dame erleben. Doch schon bei der Palmprozession auf dem Vorplatz sah ich, dass da noch ein Kardinal war. Von meinem Sitzplatz in der Kirche konnte ich dank einer Säule den Zelebranten nicht sehen, doch die Stimme und den Akzent erkannte ich direkt, auch ohne dass der Herr neben mir erfurchtsvoll in die Runde flüsterte, „oh, le cardinal Ratzinger“. Ich überlegte, ob ich wieder gehen sollte (ein Fan war ich noch nie), und dachte dann, dass er es ja ebenso mit mir unter diesem Dach aushalten müsse wie ich mit ihm.

Die kürzeste Eucharistiefeier meines Lebens habe ich in Notre Dame erlebt, 23 Minuten (mit Chor). Und während wir Gläubigen noch zur Kommunion gingen, hatte der Priester die Messe schon zu Ende gelesen und war im Eilschritt davongelaufen, die Messdiener ungeordnet hinterherstolpernd.

Während der Abendgottesdienste werden die Besichtigungen fortgesetzt. Ich habe mich in Notre Dame nicht nur einmal wie ein Tier im Zoo gefühlt. Katholikin, seltenes Exemplar, vom Aussterben bedroht, bitte nicht füttern.

Staunend habe ich den Blick erhoben zu den Rosetten und mich am wechselnden Farbspiel der Fenster erfreut. Ich konnte mich nicht satt sehen an den langen, eleganten Säulen und dem hohen Dach. Hand in Hand mit dem Lieblingsmenschen ging ich durch den Chorumgang und bewunderte die Strebepfeiler des Chores.

Wie oft fuhr ich mit der Metro von der Gare de l’Est und später von der Gare du Nord zur Gare de Montparnasse und wann immer ich genug Zeit zum Umsteigen hatte, stieg ich an der Haltestelle Cité aus, um einen Blick auf die Seine und die gotische Schönheit zu werfen.

Mit meiner besten Freundin saß ich stundenlang auf einem Mäuerchen mit Blick auf die Zwillingstürme und redete über Gott und die Welt. Mit einem guten Freund trank ich einige Tage später einen überraschend guten Wein in einem Bistro um die Ecke. Und natürlich hatte ich meinen zerlesenen Victor Hugo in der Handtasche, um darin zu lesen, falls er sich verspätete.

In einem kleinen Antiquitätenladen um die Ecke kauften der Lieblingsmensch und ich zwei Trinkgläser, die wir bis heute nicht nur, aber immer zu besonderen Anlässen nutzen.

Ich mochte das Abendlicht und das Licht der tief stehenden Novembersonne auf ihren Außenmauern – was war ich oft im November in Paris.

Ich schaute schnell zu ihr hinüber, wenn ich zur Sainte-Chapelle ging, die ich lange so sehr gerne hatte, und ich hatte ihr Bild vor Augen, als ich Stefan Zweigs Marie Antoinette vor einigen Jahren wieder las, liegt doch die Concièrgerie gleich um die Ecke.

Noch am Freitag gab ich einer Freundin, die bald zum ersten Mal nach Paris fährt, Tipps und natürlich durfte Notre Dame nicht fehlen.

Die große Kirche mit ihrer Wucht und ihrem Pomp, ihrer beeindruckenden Größe und ihrer wunderbaren Helligkeit war nie mein Lieblingsort in Paris. Und doch hat sie sich mit den Jahren in mein Herz geschlichen. Und dort wird sie bleiben, egal, wie lange der Wiederaufbau dauern wird.

Blick aus dem Leuchtturmfenster

Ich komme mal wieder nicht zum Schreiben, Lesen klappt aber ganz gut (Bahnverspätungen lassen grüßen, und manche nutzen die deutlich kreativer als ich).

Lässt Liebe sich aufwiegen?

Das Brexit-Getöse im britischen Parlament ist sicht- und hörbar, was hinter den Kulissen im Leben der ganz normalen Menschen passiert, sieht man nicht sofort.

Hühner im Winter. Die Bilder erinnerten mich überraschender Weise an die Beerdigung meines Großvaters vor rund 35 Jahren. Mein Großvater war Bauer und natürlich gab es Hühner auf dem Hof. Am Tag der Beerdigung wurden wir vom Hahn geweckt und etwas später begann es zu schneien. Die prunkvolle Federpracht im Schnee ist ein Bild, das sich mir eingeprägt hatte, ohne dass ich es gemerkt habe. Trotz des Anlasses eine schöne Erinnerung.

Bei Geschichten und Meer fand ich den Hinweis zu diesen Überlegungen zur Wertschätzung von Ehrenamt und zum bedingungslosen Grundeinkommen.

Marie Jaëll, eine französische Komponistin und Gedanken über Emanzipation im frühen und späten 19. Jahrhundert und über den Stand heute.

Durch Kälte visualisiertes Vogelgezwitscher.

Noch eine Erinnerung: Französische Poesie.

Bienen können zählen.

 

 

Weihnachten 2018

Du kommst mir ganz nah
klein und nackt und verletzlich.

Du begibst dich auf Tuchfühlung mit mir
in der Nacht, in der Kälte, in der Einsamkeit.

Du kommst mir entgegen
ganz ohne Hintergedanken.

Du belässt es nicht beim Wort
sondern machst Ernst, nimmst Wohnung mitten unter uns.

Wo bin ich in dieser Nacht?

Lasse ich mich ein auf die Zeichen, die ich sehen kann und folge dem Stern?
Öffne ich meine Augen und Ohren für die Engel, die du mir schickst und ihre Botschaft?
Traue ich dem Ruf und fürchte mich nicht?
Mache ich mich auf den Weg zu dir?
Lasse ich mich anrühren von den  kleinen Dingen; einem Lächeln, einer Berührung, einer Begegnung?
Lasse ich mich ansprechen von deinem Wort?
Lasse ich deine Wirklichkeit in meine einbrechen und in mir wohnen?

Wo bin ich in dieser Nacht?
Und wohin gehe ich, wenn ihr Glanz vergangen ist, ihr Zauber verblasst?

Wenn die Lichter ausgegangen sind, der Stern vom Alltag überstrahlt wird,
will ich sie finden, die Menschen guten Willens und den guten Willen in mir,
will ich mich anrühren lassen von der Gnade dessen, der vom Frieden nicht nur redet,
will ich ihm nachgehen auf seinen Wegen mit uns Menschen,
will mir den Blick bewahren für das Unverständliche, das mich übersteigt und
will ich mich öffnen und trösten lassen von der Nahbarkeit dieses Gottes, der Mensch geworden ist.

Für uns. Mit uns. Unter uns. Und über alles hinaus.

Ohne Bedingungen

Unter dem Glockenturm liegt eine Plane. Groß und weiß ist sie. Übrig geblieben vermutlich vom Abdecken der Schubkarre und Baumaterialien zum Ausbessern von irgendetwas. Doch diesen Zweck hat sie nicht mehr. Heute ist sie Bettdecke und Schutzfolie zugleich. Ein Mann hat sich in einen Schlafsack und die Plane gewickelt. Nur die Mütze schaut heraus, als ich vor dem Gottesdienst vorbeigehe. Ganz eng zusammengerollt um seine Tasche liegt er da und kehrt dem Schneeregen den Rücken zu.

„Da fragten ihn die Scharen: Was sollen wir also tun? [Johannes] antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso!“ hören wir den vertrauten Lukas-Text.

Von der Predigt über Gaudete bekomme ich kaum etwas mit. Der oft gehörte Satz hat mich zu sehr getroffen. Überrumpelt. Nachdenklich gemacht. In meinem durchgeplanten Alltag sind Fenster eingebaut fürs Helfen. Ich versuche, den Auftrag ernst zu nehmen, anzupacken, wenn ich gefragt werde, auch ungefragt Hilfe anzubieten, mich anrühren zu lassen und Herz, Hände und auch das Portemonnaie zu öffnen. Und auch, wenn ich längst nicht genug tue und auch in den konkreten Fällen nicht immer genügend, denke ich doch, dass ich mit offenen Augen lebe.

Es gibt Projekte, für die ich regelmäßig spende, zum Geburtstag machen meine Gäste Kindern in Not eine Freude, ich habe in diesem Jahr erstmals eine Gedankenkiste gepackt, … Ich arbeite bewusst im sozialen Sektor, versuche mit meiner Arbeit dazu beizutragen, Unrecht sichtbar zu machen und Not zu lindern, ganz grundsätzlich. Laut zu sein und Gemeinschaft zu organisieren für Solidarität, Toleranz, Respekt. Die sichtbar zu machen, die Hand anlegen und konkret helfen.

Aber nahe an mich heran lasse ich das ganz alltägliche Elend ehrlicherweise nur selten. „Was sollen wir also tun?“ Da steht nichts davon, lange über die Strukturen zu diskutieren, die dem Unrecht zugrunde liegen. Auch wenn das wichtig und bedeutsam ist.  Vom Geben ist da die Rede, nicht von Bedingungen. Und so stecke ich dem mittlerweile wach gewordenen Herrn etwas Geld zu, als wir nach Hause gehen und warte nicht auf eine Antwort. Denn vom Dank ab- und erwarten steht da auch nichts.

Lebkuchen-Gugl

Lebkuchen-GuglhupfSo wie die Weckmänner, die ich fast jedes Jahr backe, gibt es noch ein Rezept, das ich seit über 20 Jahren quasi jedes Jahr mache. Als Kastenform, als Muffins mit Marzipan-Deko, als Kuchenpralinen oder Cannelés, … Das Rezept stammt von einer meiner Tanten aus dem Saarland und da alle das Rezept wollen und ich es selbst auch hier am schnellsten wiederfinde, schreibe ich es auf:angeschnittener Lebkuchen

450 g Rübenkraut (vielleicht kennt ihr es auch als Zuckerrübensirup)
100 g Zucker (im Original stehen 450 g – aber das ist mir viel zu süß – aber falls ihr Süßschnäbel seid, dann probiert es aus)
6 Eier
2 Tassen Milch
2 Päckchen Lebkuchengewürz
1 kg Mehl
2 Päckchen Backpulver

Das Rübenkraut mit dem Zucker und den Eiern gut verrühren, dann langsam die Milch unterrühren, bis eine glatte Masse entstanden ist. Diese dann auf höherer Stufe schön luftig aufschlagen. Das Mehl mit dem Backpulver und den Gewürzen mischen und nach und nach unterrühren. Es entsteht ein schwerer, dunkler, glänzender Teig.

In die gewünschten Formen füllen und bei 180°C etwa 45 bis 50 Minuten backen (Guglhupf oder Kastenform). Kleinere Formen wie Muffins oder die Tannenbäumchen brauchen etwas weniger lang. Die Stäbchenprobe zeigt euch, wann der Lebkuchen fertig ist.

Wenn ihr einen zickigen Backofen habt, so wie ich, dann kann ein großer Guglhupf auch mal knapp zwei Stunden backen, aber da kann der Lebkuchen nichts für…Kaffeetafel für den Adventskaffee mit Plätchenteller und Lebkuchenguglhupf

Heut‘ ist Nikolausabend da…

Wer mich seit einigen Jahren kennt und in räumlicher Nähe wohnt, ist sehr wahrscheinlich schon einmal Zeuge einer ganz besonderen Familientradition geworden. Zumindest hier im Rheinland sorgt sie immer wieder für Verwunderung, denn Weckmänner heißen hier Martinsmännchen und haben daher rund um den 11. November – Sankt Martin eben – Hochsaison.

Doch im Schwarzwald haben die „Dambedeis“ einen anderen Haupt-Feiertag: den Nikolaustag.

In meiner Familie wurde der immer am Vorabend begangen. Mein Vater zog sich vor den Augen von uns Kindern und einer Horde Nachbars- und Freundeskinder den Rauchmantel an, legte den Bart um, setzte sich eine Mitra auf und nahm den Holzstab in die Hand. Er ging aus dem Wohnzimmer, kam wieder herein und – eine Lieblingsgeschichte meiner Mutter – wir Kinder waren ganz aufgeregt und wollten unbedingt den Papa holen, damit er den Nikolaus nicht verpasst. Es hat wohl einige Jahre gedauert, bis wir alle das Spiel durchschauten.

Im Grundschulalter machten meine Schwester und ich dann irgendwann einen Kinderbackkurs mit und lernten einen einfachen Quark-Öl-Teig für Dambedeis, Stutenkerle, Weckmännchen – nennt sie, wie ihr wollt. Auf jeden Fall waren alle von den kleinen Gebäckstücken so begeistert, dass es sie von da an jedes Jahr gab. Der Teig ist schnell gemacht* und je nachdem, wie viel Zeit man hat, kann man einfache oder aufwändiger dekorierte Weckmänner herstellen.

Egal, wo ich lebte, wenn es irgendwie ging, habe ich seither an jedem 5. Dezember gebacken und die kleinen Weckmännchen am darauffolgenden Tag an Freunde oder Kolleginnen und Kollegen verschenkt.

Und nicht nur ich… Als ich vorhin in der Küche stand und gerade das erste Blech Dambeideis in den Ofen schob, da kamen Messenger-Nachrichten von meiner Schwester und meiner Mutter. Die beiden hatten auch gerade gebacken… Hach <3

Nikolause aus dem Schwarzwald …

 

 

 

 

 

… und aus der Pfalz

Habt einen schönen Nikolausabend!

* Rezept für den Quark-Öl-Teig:

1 Ei
250 g Magerquark
10 EL Öl
10 EL Milch
80 g Zucker
2 Pck. Vanillezucker
1 Prise Salz
500 g Mehl
1,5 Pck Backpulver

Alle Zutaten außer dem mit Backpulver gemischten Mehr verrühren, dann das Mehl nach und nach unterkneten. Weckmänner formen, mit Eigelb bepinseln und bei 200°C ca. 15 Minuten backen.

Was schön war (kleine Schritte sind auch Schritte)

Vor ein paar Tagen habe ich einem kleinen Jungen an einem Bahnhof angeboten, an meiner Hand die Treppe zum Gleis hochzugehen. Seine Mama war mit dem Buggy schon ein paar Stufen gegangen und er stand noch unten und maulte rum. Ich hielt ihm die Hand hin und fragte, ob er mit mir zusammen hinauf gehen möchte. Erstaunt nahm meine Hand und kraxelte neben mir bis nach oben. Dort lächelten wir uns an wie zwei erfolgreiche Verschwörer.

Normalerweise mache ich so etwas nicht. Ich traue mich nicht, fremde Kinder anzusprechen. Ich hätte Mitgefühl verspürt mit der jungen Frau, wäre aber einfach weitergegangen.

Aber nun ist es so, dass ich versuche, offener zu sein, Dinge – eigentlich Menschen, auch solche, die mir nicht nahe sind – näher an mich heranzulassen.

Und so war ich vermutlich genauso erstaunt wie der kleine Junge, als der mich abschätzig musterte – so richtig von oben bis unten und zurück und mit tief in die Augen schauen – und dann überraschend entschlossen und fest meine Hand nahm und gemeinsam mit mir die Treppe hinauf stapfte.

Ich bewunderte seine Schuhe mit roten Blinklichtern und wurde mit einem großen Strahlen belohnt. Zwischendurch hörten wir ein Martinshorn und vor Aufregung sah der kleine Mann nicht nach vorn und tapste mit dem Fuß in die Luft, statt auf die nächste Stufe. Intuitiv hielt er sich an mir fest, schaute zu mir hoch und dann ging es weiter.

Die Mutter wartete oben, bedankte sich, ging in die Hocke und ließ sich das Abenteuer mit brabbelnden Lauten nochmal erzählen.

Ich winkte zum Abschied und bekam ein begeistertes Winken zurück. Ich winkte, er winkte und die müde aussehende Mama lächelte und winkte auch.

Was schön war? Das. Und wie.

Abend und Morgen in der Gaststadt

Am Abend hat der Regen aufgehört und der Nebel hat sich über die Stadt gesenkt. Es ist so dunkel, dass man ihn nicht sehen könnte, hätte die Stadt sich nicht schon in ihr Weihnachtslichtergewand gekleidet. Viele kleine Lämpchen funkeln an Hauswänden und in Bäumen und machen es dem Nebelkönig unmöglich, sein Reich unbemerkt zu vergrößern.

Bei Kerzenschein und Tee sitzen wir in einem oberen Stockwerk und schauen den grauen Schwaden beim Einzug zu. Langsam kriechen sie vorwärts und abwärts. Sie sind nur mit einer kleinen Abordnung gekommen und können nicht die ganze Stadt einhüllen in ihr wolkiges Gewand. Aber für einige Straßen, ein paar Häuserspitzen, Kirchtürme, Baukräne reicht es dann doch. Sind wir nicht hübsch? – lassen sie den Wind ihr Gesäusel weitertragen. Und wie, denke ich im warmen Zimmer mit den vielen Büchern, den einfachen, aber beseelenden Bildern an den Wänden und der so langjährigen und tragenden Freundschaft im Herzen.

Am Morgen haben die Nebelschlieren sich eine Etage höher gelegt und geben den Blick frei auf den Turm der so schönen Bibliothek im Winterzauber. Das Glockenspiel klingt durch die Straßen bis in mein offenes Fenster. Ganz nachtschwarz ist es noch und wären die Lichter der Häuser und der Weihnachtsdekoration nicht, man könnte glauben, der Tag habe uns vergessen. Doch langsam, langsam mischt sich ein wenig Blau in die Schwärze und nach Laudes, Messe und Frühstück ist es grau geworden. Wieder klingt das Glockenspiel in mein Zimmer und an meinen Schreibtisch.

Noch ist es das einzige Geräusch. Doch schon bald folgen ihm eilige Schritte auf dem Kopfsteinplaster, klappernde Türen, aufheulende Motoren, das Scheppern von Baustellengeräuschen aus der Ferne und in der Nähe ein paar schüchterne Vogelstimmen. Mit den Geräuschen kommen auch Gerüche zu mir herein. Nasser Asphalt mischt sich mit dem Holzrauch des Nachbarkamins und mit Kakaoduft.

Zur vollen Stunde gibt es ein wenig mehr Glockenmusik. Ich hole mir noch einen Kaffee, um die letzten Nachtreste auch aus meinem Kopf zu vertreiben. Der Tag kann kommen.

 

Vier Jahre Erinnerung

Vier Jahre lang. Woche für Woche für Woche. Vom 28. Juli 2014 bis zum 11. November 2018 gab es diese Rubrik im Gemeinde-Infoblatt von Kerlouan. „Commémoration du centenaire de la guerre 14-18“.

Vier lange Jahre erinnerte die Gemeinde Woche für Woche an den Krieg, den Verlauf der Frontlinien in der jeweiligen Woche vor 100 Jahren. Beschrieb wichtige politische Entscheidungen, relevante Truppenbewegungen, große und kleine Randnotizen von der Front und dem, was sie für die Menschen in Frankreich, in der Bretagne, im Finistère, in dem Dorf am Ende der Welt bedeuteten. Und sie gedachte der Toten aus Kerlouan. Erinnerte an die jungen und alten Männer, Fischer und Bauern, Handwerker und Arbeiter. An den Mittzwanziger aus der Straße an der Kirche, den Endvierziger, der in der Nähe der Metzgerei gewohnt hatte. An den Sohn der Witwe in der Avenue …, die nun nach Mann und Bruder schon den dritten Verlust zu betrauern hatte.

Sachlich wurde da berichtet. In weniger Sätzen zusammengefasst, was weltpolitisch passierte und wie es die Menschen am Ende der Welt betraf. Fast schon lakonisch stand da, wie der große Krieg in die kleine Welt am Ende des Endes der Welt einbrach. La Der des Ders –  la dernière des dernières (guerres) -, wurde der Krieg später genannt. Der letzte der letzten Kriege sollte es gewesen sein, der weite Teile Frankreichs vernichtete. Dass er nicht der letzte war, dieser Krieg, den die Franzosen aufgrund der Verwüstungen auf ihrem Territorium bis heute die „grande guerre“ nennen, dass da mehr und Schlimmeres bevorstand, das mochte sich damals niemand vorstellen.

Noch heute gibt es in Frankreich Zones rouges, die nicht betreten werden können. Der Krieg, der die Männer aus dem Finistère und aus allen anderen Regionen holte und auf dem Schlachtfeld vernichtete. Etwa 240.000 Männer aus der Bretagne sind gefallen, jeder vierte, der in den Krieg zog – überdurchschnittlich viele (im Durchschnitt starb jeder achte französische Soldat). Viele von ihnen konnten kaum oder kein Französisch, und seien es die Sprachprobleme, oder die Vorurteile oder noch viel komplexere Ursachen, die dafür sorgten, dass es die Fischer, die Bauern, die Handwerker und Arbeiter aus der Bretagne waren, die besonders oft in die ersten, aussichtslosen Reihen und Schützengräben geschickt wurden, es waren viele, die nicht zurückkamen und kaum eine Woche vergeht, in der das kleine Gemeindeblatt nicht vom Sterben eines Sohnes, eines Ehemanns, eines Vaters und Großvaters aus der Kommune zu berichten hat.

Vier lange Jahre stehen die kleinen Meldungen inmitten von Hinweisen zum Umgang mit der asiatischen Hornisse, zu Ausschreibungen von Flurstücken, zur Reparatur von Wasserleitungen, zu Sonnenbrillen und Autoschlüsseln, die im Fundbüro abgegeben wurden. Sie stehen neben den Anzeigen des Traiteur und der verschiedenen Coiffeurs, über den Hinweisen der Sportvereine und der Restos du coeur.

Der Krieg, auch er hat stattgefunden, während das Leben andernorts weiterging. Manchen brachte der Krieg sich auch vor 100 Jahren so in Erinnerung wie uns, wenn wir in den vergangenen Jahren als Touristen einige Wochen in der kleinen Gemeinde verbrachten und freitags das Infoblatt auf der Post mitnahmen, um ein wenig mitzubekommen, was die Menschen um uns herum bewegt (und wann es sich besonders lohnt, nicht selbst zu kochen, sondern beim Traiteur einzukaufen). Man hörte hin und wieder Nachrichten, erfuhr von Gräueln und dem Hin und Her der Front. Doch man lebte weiter.

Anderen rief der Krieg sich ganz anders in Erinnerung. Durch Gewalt und Schlachten, durch Flucht und Vertreibung, durch den Tod geliebter Menschen, durch Verletzung und Verstümmelung, durch …

Vier lange Jahre dauerte der Krieg. Und gab es zum 100. Geburtstag seines Anfangs unzählige Artikel, Buchveröffentlichungen und Veranstaltungen, geht sein Ende deutlich ruhiger vonstatten (natürlich gibt es das große Gedenken in Paris und … – und doch ist es ruhiger.

Dabei lohnt es sich, auch das Ende des Krieges zu betrachten. Innezuhalten und zu sehen, was es bedeutet, wenn die Waffen schweigen.

Clémenceau scheint davon geahnt zu haben, als er in der Stunde der Verkündung des Sieges nicht nur den Gefallenen dankte, sondern auch – im Voraus – den Überlebenden, die nun vor der Mammutaufgabe des Wiederaufbaus standen.

Was geschah nach dem Hissen der Trikolore und dem Läuten der Glocke. Das kleine Bulletin vermerkt:

Lundi 11 novembre : à 2h, du matin, les délégués allemands font savoir au maréchal Foch qu’ils sont à sa disposition. La séance s’ouvre aussitôt. La convention est relue et discutée article par article. A 5h, les signatures sont apposées sans qu’aucune modification importante ait été apportée. Il a été convenu que les hostilités cesseraient à 11h de la même matinée. Plus tard, il arrivera aux allemands de prétendre que seule la menace de révolution intérieure les a obligés à capituler et que leurs troupes ont été « poignardées dans le dos ». Ce ne furent pas les révolutionnaires de l’intérieur qui eurent finalement raison des armées du Reich,
ce fut le courage, l’opiniâtreté des soldats alliés ; ce fut aussi l’esprit de sacrifice des marins chargés d’assurer le blocus ; ce fut enfin le génie militaire du maréchal Foch.
[…]

… Später gaben die Deutschen vor, dass allein die Bedrohung einer Revolution von innen sie gezwungen habe zu kapitulieren und dass ihre Truppen ‚von hinten erdolcht worden seien‘. Doch es waren nicht Revolutionäre aus den eigenen Reihen, die die Armeen des Deutschen Reichs besiegten, es war der Mut, die Beharrlichkeit der alliierten Soldaten; es war auch der Opfergeist der Marinesoldaten, die die Seeblockade aufrecht erhalten haben; es war schließlich das militärische Genie des Marschall Foch.

Und auch das steht da:

L’ivresse légitime de la victoire empêche de distinguer combien cette victoire, toute glorieuse soit-elle eue été chèrement payée, chèrement par la France, chèrement par la civilisation dont la France était le sel.

Die legitime Siegestrunkenheit verdunkelt den Blick darauf, wie viel dieser Sieg, wie ruhmreich er auch gewesen sein mag, wie viel er gekostet hat, wie teuer er bezahlt wurde von Frankreich, von der Zivilisation, deren Salz Frankreich gewesen ist.

Ich habe nicht jede Woche online in die Gemeindemitteilungen geschaut. Aber ab und an habe ich nachgelesen, was geschah vor 100 Jahren. In der Welt, in Frankreich, in dem kleinen Ort am Atlantik, der uns so ans Herz gewachsen ist. Was mich dabei am meisten gefreut hat ist etwas, das nicht in Worten formuliert werden musste: Dass da jemand erzählt hat ohne Ressentiments. Sachlich und doch anteilnehmend. Mit Blick auf die historischen Fakten und die menschlichen Auswirkungen. Dass es möglich ist, dass aus Feinden – „Erbfeinden“ – Menschen werden, die sich in Frieden lassen, in Frieden leben, Freunde werden. Ich habe es gerade in Frankreich oft genug erlebt und es ließ sich auch zwischen den Zeilen der „commémoration“ finden. Dass Menschen, die es nicht schafften, miteinander zu sprechen, sich auf Wahrheiten zu einigen, Fakten anzuerkennen – dass es ihnen gelang, den Hass zu überwinden. Eine kleine Hoffnung. Aber eine Hoffnung.