Negativ

Nach 14 Tagen Quarantäne bin ich negativ getestet worden und darf mich wieder frei bewegen. Woohoo. Quarantäne ist defitiv nicht mein Lieblingsevent bisher, 1 von 5 Punkten, bitte nicht wieder.

Den 1 Punkt und nicht 0 Punkte bekommen die letzten beiden Wochen, weil da liebe Menschen um mich herum waren. Zuallererst der Lieblingsmensch. Dass wir nach 15 Jahren Ehe diese zwei Wochen miteinander gut überstehen würden, war uns beiden total klar. Wir wissen aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und freuen uns darüber und übereinander.

Und dann waren da unsere Freund*innen. Die eingekauft haben und Blumen vor die Tür stellten, die anriefen und Nachrichten schickten, sich sorgten und uns umsorgten. Während im Großen die Welt zu einem Wahnsinn aufläuft, die ich nie für möglich gehalten hätte, sind die Menschen im Nahen so wunderbar wie ich es mir nicht mal wünschen konnte. Während auf der politischen Bühne Menschen mit dem Hin- und Herschieben von Verantwortung, dem Ablehnen von Maßnahmen, dem Ausschließen von Handlungen und dem Abstreiten von Verantwortung beschäftigt sind, haben die Menschen auf der nicht vorhandenen Bühne im Privaten einfach die Ärmel hochgekrempelt, ihre Herzen aufgemacht und getan, was anlag.

Und ich weiß, dass diese Menschen nicht nur um mich herum sind, sondern dass sie die große Mehrheit sind. Die solidarischen, mitfühlenden, handelnden, helfenden, für andere einstehenden, sich abmühenden, müden, überlasteten und trotzdem bereitstehenden Menschen, sie sind die große Mehrheit.

Umso weniger verstehe ich, dass diese Mehrheit, diese Menschen, die unsere Gesellschaft prägen und am Laufen halten, diese Menschen, die eben nicht laut sind, die nicht ohne Maske, dafür aber mit Duschhaube und dicken Stiefeln laut „ich, ich, ich“ schreiend durch die Straßen ziehen, dass diese Menschen in den Entscheidungen der politisch Verantwortlichen nicht die Hauptrolle spielen. Dass diese Menschen, die Mehrheit der Vernünftigen und Solidarischen, der Verantwortungsbewussten und Verantwortung Übernehmenden, dass die einfach links liegen gelassen werden. Dass ihre Sorgen kaum etwas zählen im Vergleich zu denen, die sich „besorgt“ nennen. Dass ihre Solidarität mit Füßen getreten wird. Dass die Verantwortung, die sie übernehmen, konterkariert wird, damit man „die Gesellschaft nicht spaltet“. Als würden diese Menschen die Gesellschaft spalten. Als hätten sich nicht vielmehr die schon längst selbst abgespalten, die Solidarität schreien und Egoismus meinen, die Freiheit rufen und dabei partout nicht sehen wollen, dass diese ohne Verantwortung zu Willkür wird, die vor lauter Kreisen um die eigenen Vorstellungen keine Emathie mehr empfinden können, die sich lautstark und unflätig beschweren, weil es Menschen gibt, die Verantwortung so definieren, dass sie Adventsfeiern und private Feste und wasweißich absagen, schweren Herzens. Die kann ich mit meinem Wunsch nach einer höheren Impfbereitschaft, meiner Zustimmung zu einer Impfpflicht, meiner Befürwortung von Maßnahmen, mit denen man auch Kinder und Jugendliche schützen kann, gar nicht mehr abspalten, die sind längst weg. Daher erwarte ich, dass die Menschen, die gewählt sind, um Verantwortung zu übernehmen, diese auch annehmen und tragen und nicht aus Angst vor Menschen, die eh nicht mehr zu erreichen sind, den Kopf in den Sand stecken.

Nun steht hier absolut nichts Neues – alles längst von anderen gesagt und geschrieben, in besseren Formulierungen und mit treffenderen Worten. Ich schreibe es trotzdem auf. Damit ich nicht vergesse, die vielen nahen und wunderbaren, müden und wütenden, erschöpften und hilfsbereiten, mitfühlenden und solidarischen Menschen zu sehen, wenn es in den nächsten Tagen und Wochen immer wilder wird auf der großen Bühne. Und damit ich mich daran erinnere, dass resignieren keine Lösung ist.

Positiv

Hallo ich bin Frau Argueveur und ich bin corona-positiv. Trotz doppelter Impfung und sehr großer Vorsicht. Und ich bin genervt davon, wie schlecht das alles auch fast zwei Jahre nach Beginn der Pandemie organisiert ist. Und weil ich nunmal diese Ecke hier im Internet habe, schreibe ich das auf.

Das wird jetzt etwas länger und wer keine Lust hat, das alles zu lesen, für die und den kommt das tl; dr gleich vorweg:
Es geht mir mittlerweile viel besser. Der Impfung sei Dank hatte ich einen leichten Verlauf (nein, trotzdem nicht vergnügungssteuerpflichtig). Aktuell bin ich noch in Quarantäne, bin aber nicht mehr krankgeschrieben und arbeite von zu Hause. Ein paar Nachwirkungen spüre ich noch, aber es geht aufwärts.

Für die, die mehr lesen wollen, kommt hier die Langfassung:

Es beginnt am vorletzten Freitagabend mit laufender Nase. Ich setze mich nicht mit zwei geimpften Freunden und dem Lieblingsmenschen an den Brettspieletisch, sondern gehe früh ins Bett – den Infekt ausschlafen, denke ich. Ich wähle das Gästezimmer, um den Lieblingsmenschen nachts nicht unnötig zu stören. Mit Corona rechne ich nicht – ich teste mich regelmäßig selbst, außer bei einem Arztbesuch und einem Einkauf (beides mit FFP2-Maske) habe ich im infrage kommenden Zeitraum nur geimpfte Menschen getroffen und nicht mehr als fünf gleichzeitig. Auch in der Corona-Warn-App gibt es keinen roten Hinweis.

Am Samstag Morgen geht es mir leider nicht besser. Ich koche Tee, sage den Besuch bei meinem Onkel und meiner Tante ab und stecke das Wärmeschaf in die Mikrowelle, damit es mir warme Füße machen kann. Leichtes Fieber habe ich auch. Gegen Mittag beginnt der Husten und ich mache einen Selbsttest. Positiv. Und wie.

Ich versuche also zu recherchieren, was man jetzt am Wochenende damit macht. Eine Option ist natürlich, bis Montag zu warten, dann beim Arzt anzurufen und einen PCR-Test machen zu lassen. Da es mir aber immer weniger gut geht und ich gerne schnell Gewissheit hätte – auch, um andere zuverlässiger warnen zu können, – würde ich gerne noch an diesem Tag einen Test machen lassen. Meine Hausarztpraxis hat ein Notfallhandy eingerichtet für abends und am Wochenende, ich hinterlasse eine Nachricht auf der Mailbox. Dann rufe ich beim Gesundheitsamt an – vielleicht läuft ja ein Band mit Infos oder so. Da läuft ein Band, aber das sagt nur: „Unter dieser Nummer ist niemand erreichbar. Der Anrufer wird aber per SMS über ihren Anruf informiert.“ Prima. (Ihr hört hoffentlich die Ironie…) Auf der Website von Gemeinde und Kreis sind die Infos nicht wirklich hilfreich. Ich habe auch zu starke Kopfschmerzen, um mich bis in die fünfte oder hunderste Ebene durchzuklicken.

Vom Lieblingsmenschen habe ich mich separiert. Er hat alles sehr gut gelüftet, desinfiziert was geht und stellt mir frischen Tee und ein bisschen Obst vor die Zimmertür. Wenn ich ins Bad gehe oder er zum Gästezimmer, tragen wir FFP2-Maske und desinfizieren uns die Hände.

Ich recherchiere online nach Testzentren in der Nähe, doch keines, das Google mit verschiedenen Suchanfragen auflistet, bietet am Wochenende PCR-Tests an. Bei einem erfahre ich das erst, nachdem ich ein Kundenkonto anlegen musste, um buchbare Termine angezeigt zu bekommen, die dann zwar als existent und frei angezeigt, aber eben nicht buchbar sind, weil:  Wochenende.

Der Lieblingsmensch schreibt mir eine Nachricht und schlägt vor, die 116117 anzurufen. Dort komme ich überraschend schnell durch und ein freundlicher Mensch erklärt mir, dass Krankenhäuser am Wochenende PCR-Tests vornehmen würden. Ich solle dort anrufen und mir einen Termin geben lassen. Gesagt, getan. Die – wirklich bewundernswert freundliche – Mitarbeiterin im Krankenhaus erklärt mir (und ich kann die verdrehten Augen trotz der Freundlichkeit durch die Leitung hören), dass diese Info seit Beginn der Pandemie von der 116117 rausgegeben werde, aber auch seit Beginn der Pandemie falsch sei. Sie würden zwar testen, aber eben nur alle Menschen, die ins Krankenhaus aufgenommen würden. PCR- und sonstige Tests für die Allgemeinheit gebe es bei ihnen nicht. Sie weiß aber ein Testzentrum in erreichbarer Nähe, das am Wochenende PCR-Tests anbietet. Das hatte die Google-Suche mir nicht ausgespuckt, mit dem Wissen um Namen und Standort finde ich es aber doch und kann tatsächlich für den frühen Abend noch einen Termin buchen.

Trotz positivem Selbsttest muss ich den PCR-Test selbst bezahlen. Die frierende junge Mitarbeiterin auf dem Parkplatz (es ist ein Drive-In-Center) hat strenge Vorgaben vom Chef und weiß nichts von anderslautenden Infos auf der RKI-Website. Mir geht es nicht gut genug, um zu streiten und so unterschreibe ich die SEPA-Lastschrifterklärung fürs Labor. Ich bekomme einen QR-Code zum Scannen mit der Corona-Warn-App und (das hätte mich direkt stutzig machen sollen), zwei weitere Infoblätter mit Anleitungen, was ich tun kann, um ans Ergebnis zu kommen, wenn dieses auch nach 24 Stunden nicht in der App angezeigt wird.

Am Sonntagnachmittag scanne ich den Code – Ergebnis liegt noch nicht vor. 24 Stunden nach dem Test ist die Anzeige immer noch die gleiche. Ich folge also den Tipps auf den Infozetteln, kann das Ergebnis mit den Zugangsdaten auf den Zusatzzetteln problemlos von der Website des Labors herunterladen (positiv) und informiere alle Menschen, mit denen ich in der Woche vor Symptombeginn zusammengewesen bin.

Da ich dienstags und mittwochs im Büro war, sage ich dem Chef Bescheid und erstelle eine Liste der Kolleg*innen, mit denen ich länger als ein oder zwei Minuten zusammen in einem Raum war. Auch diese ist kurz und alle sind geimpft. Trotzdem bietet mein Arbeitgeber (bester Arbeitgeber einfach) allen Betroffenen noch am Sonntagabend an, einen PCR-Test auf Kosten der Firma zu machen. Die Kolleg*innen waren so nett, mir Bescheid zu geben: alle negativ. Auch die kleine Spielerunde von Allerheiligen, der Nachbar, mit dem ich im Garten geplaudert habe und Schwiegermutter, Schwager und Schwägerin, die wir eine Woche vorher getroffen haben, sind negativ.

Was am Sonntag noch passiert: Die Ärztin vom Notfalltelefon ruft zurück, nimmt sich Zeit, fragt alle Symptome ab, kann mich beruhigen, dass die dank der Impfung vermutlich nicht mehr schlimmer werden. Symptome zu diesem Zeitpunkt: Fieber, Schnupfen, Husten, Kopfschmerzen aus der Hölle, Kurzatmigkeit, Sprechen fällt schwer und Aufstehen um das Fenster zu öffnen fühlt sich an wie Hochleistungssport – ich bin danach jedes Mal stärker aus der Puste als nach einem Spurt zur Bahn, wenn ich zu spät aus dem Haus gegangen bin. Sie bietet mir an, montags kurz vor Ende der Mittagspause auf dem Parkplatz der Arztpraxis im Auto zu warten – dort misst sie dann den Blutsauerstoffgehalt und macht eine Befragungsanamnese durchs Autofenster. Da ich vom Gesundheitsamt noch nichts gehört habe, schreibt sie mich für die ganze Woche krank.

Dem Gesundheitsamt habe ich gemailt und eine automatische Antwort bekommen, die sinngemäß sagt, es sei sehr viel zu tun und es könne dauern. Auf der Webste finde ich ein Formular, mit dem ich meiner Verpflichtung, Kontaktpersonen zu benennen, nachkommen kann. Pflichtfelder: Vorname, Nachname, Privatadresse, Geburtsdatum, Beschreibung der Kontaktsituation. Doof ist, dass ich von den Kolleg*innen weder Privatadresse noch Geburtstadtum kenne (zumindest nicht auswendig und ich fühle mich wirklich nicht fit genug, um mich am Dienstrechner anzumelden und die Geburtsdaten nachzuschlagen). Ich gebe also die Dienstadresse an und irgendein Datum als Geburtsdatum und vermerke das jeweils im Bemerkungsfeld. Freiwillig kann ich meine Symptome melden und mir das Formular auch per Mail zusenden lassen – was ich tue und möchte. Ich bekomme also postwendend eine automatisierte Mail, die mich beglückwünscht, dass ich keine Symptome habe und mich nach 5 Tagen freitesten kann – und gleichzeitig den Nachweis anhängt, dass ich ganz korrekt Symptome angeklickt habe und mich eben nicht freitesten kann. Wenn der Kopf nicht so weh täte, würde ich ihn gerne auf den Tisch schlagen.

Von den Kolleg*innen erfahre ich, dass das Gesundheitsamt sich freitags – fast eine Woche nach Testergebnis – bei Ihnen gemeldet hat. Gut, dass ich sie schon am Sonntagabend warnen konnte.

Donnerstags bringt die Post die Quarantäneverfügung mit dem Hinweis, man müsse den Umschlag unbedingt aufbewahren, denn dort sei das Datum der Zustellung eingetragen. Das hat der Postbote vermutlich nicht gewusst. Auf jeden Fall steht im entsprechenden Feld: Nichts.

Dem sehr juristischen Schreiben ist ein netter Standard-Begleitbrief des Bürgermeisters beigefügt, in dem man sich für die „manchmal leider sehr wenig verbindlich(en)“ Formulierungen in der Verfügung entschuldigt. Diese weist wenig verbindlich u.a. darauf hin, dass ich meine Kontaktpersonen melden muss. Sollte ich das noch nicht getan haben, muss ich es am Tag der Zustellung nachholen. Kann ich das nicht online tun, soll ich eine Telefonnummer anrufen. Ihr ahnt es vermutlich schon. Es ist die Nummer, bei der auch am Montag das Band lief, dass man dort niemanden erreichen kann. Was machen Menschen ohne Internetanschluss oder mit wenig digitaler Erfahrung?

Der Lieblingsmensch hatte übrigens am Dienstag auch Symptome – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Da ich das Testergebnis noch immer nicht in der App angezeigt bekomme, habe ich es am Montagabend händisch eingetragen (durch Anruf bei einer Nummer, die meinen Namen, Geburtsdatum und Name des Labors abfragt, mich zurückruft und mir eine sehr lange TAN durchgibt). Nun ist seine Corona-Warn-App rot und er kann trotz negativem Selbsttest beim Hausarzt einen PCR-Test machen lassen. Als geimpfte Kontatperson 1 hatte er dieses Recht nicht. Holt euch also die App – aus so vielen Gründen, aber auch aus diesem. Ich weiß, dass das trotzdem nicht überall so reibungslos klappt, hier war es aber zum Glück problemlos. Am Mittwochmorgen ist sein Ergebnis da – positiv. In der App angezeigt wird es ihm aber nicht, dort steht weiterhin, dass sein Ergebnis nicht vorliege. Und das steht da noch tagelang, bis er den Test löscht und das schon bekannte Spielchen mit TAN und händischem Eintrag macht.

Bis heute – eine Woche später, hat der Liebste nichts vom Gesundheitsamt gehört, weder telefonisch noch per Post. Natürlich hat er seinen Kontakt online gemeldet. Ja, Kontakt in der Einzahl, denn er hatte sich ja gemeinsam mit mir ab Samstag isoliert und weil nur nach Kontakten ab zwei Tagen vor Symptombeginn gefragt wird, musste er nur mich angeben. Nach allem, was wir wissen, ist damit die Infektionskette beendet und ich habe sonst niemanden angesteckt. Puh. Gut, dass auch er einen super Arbeitgeber hat, der gute Besserung wünscht und kein Problem damit hat, die notwendgen Unterlagen irgendwann nachgereicht zu bekommen.

Mir ist klar, dass die hohen Infektionszahlen die Mitarbeiter*innen an den damit befassten Stellen fordern und überfordern. Denen mache ich auch keinen Vorwurf. Wirklich nicht. Den Menschen, die es in fast zwei Jahren nicht geschafft haben, ein System aufzubauen, das die Mitarbeiter*innen vor völliger Überlastung schützt und Menschen, die weniger digitalaffin sind oder denen es schlechter geht als mir, bei einer Infektion zu unterstützt, denen gelten deutlich weniger freundliche Gedanken, to say the least. Das unerträgliche Geschachere um Booster-Impfungen und das jetzt schon absehbare Chaos nach der anstehenden Zulassung der Impfung für Kinder ab 5 Jahren macht mich noch fassungsloser.

Was allerdings wirklich wunderbar ist, das ist die Unterstützung, die wir bekommen. Ganz viele liebe Menschen bieten an, für uns einzukaufen und tun das auch. Per Telefon und Messenger erkundigen sich die Freund*innen nach unserem Befinden. Manche schicken Links zum Schmunzeln, andere Tipps zum Lesen, wieder andere einfach Grüße und Fotos von draußen, aus der Nicht-Quarantäne-Welt. Blumen werden uns kontaktlos vor die Tür gestellt und Einhorngummibärchen, sogar eine Horoskopzeitschrift, damit wir was zu Lachen haben.

Pünktlich zur Besserung der anderen Symptome haben sich bei uns beiden Geruchs- und Geschmackssinn verabschiedet, aber Einhorngummibärchen sind trotzdem großartig. Auch Dinge wie Backofenkartoffeln mit Senfsaat oder überbackene Enchiladas mit schwarzen Bohnen, frischen Tomaten und Paprika sind klasse. Der Lieblingsmensch ist super kreativ und kocht Dinge, die ein spannendes Mundgefühl erzeugen. Das ist zumindest ein ehrenwerter Ersatz für Geschmack.

Wir fühlen uns geliebt, umsorgt und verwöhnt und sind sehr, sehr dankbar. Liebe Menschen um uns herum: Ihr seid nicht nur großartig und wunderbare Freund*innen, sondern wirklich und wahrhaftig und von ganzem Herzen die aller-, allerbesten! <3 <3 <3

Neulich. Golden.

Ein goldenes Netz spinnt die Sonne ins ablaufende Wasser. Ganz plötzlich hat sie sich durch die Wolkendecke gedrängelt, hat den Wind überredet, ihr eine Lücke ins Grau zu reißen und nun tobt sie sich aus, die Sonne. Auf meinen Schuhen, die ich nicht schnell genug ausziehen kann, auf den Strümpfen, die direkt folgen, auf den hochgekrempelten Hosenbeinen und meinen nackten Füßen im Watt – wie schnell da nichts mehr ist, wo gerade noch die Wellen ans Ufer leckten.

Ich folge dem Wasser, tanze über Muscheln und Wattwürmer, weiche kleinen Krebsen aus und schaue den Möwen beim Plantschen in Pfützen zu. Ich habe Musik im Herzen und freue mich wie ein Kind.

Und dann ist da plötzlich ein goldenes Netz. Es umfängt meine Knöchel und spielt mit meinen Zehen. Es ist zerbrechlich und zuverlässig haltbar zugleich. Es zerstiebt beim kleinsten Schritt und schnalzt zurück, sobald ich stillstehe. Es umfängt mich ganz und ist so weit wie mein Auge reicht. Und doch hält es mich nicht fest. Ein magisches Netz zu sein, das mich nicht fängt, sonder frei macht, mich nicht anbindet, sondern mir Weite und Energie verleiht. Es ist aus Sonne geknüpft und aus Wasser, aus Wellen und Sand, aus dem ewigen Kreislauf von Ebbe und Flut und von Licht, das sich bricht.

Wenn ich an unsere Ferien an der Küste zurückdenke, fällt mir dieses Netz ein. Wie schön diese unerwartete Sonnenstunde im Meer war. Wie fröhlich und frei und unbeschwert. Und mitten im Novembergrau stelle ich fest, dass ich mir etwas bewahren will von diesem goldenen Zaubernetz. Seine Fäden lassen sich auch in meinem Alltag finden – in kleinen Gesprächen an der Kaffeemaschine und beim gemeinsamen Erstellen einer Präsentation, bei der die Kreativität einer Kollegin mich beflügelt. Beim Austausch mit einer Freundin, die sich in Neuland wagt und beim Weinen mit einem Herzensmenschen, der trauert. Da sind Goldfäden bei Buch und Tee am Abend,  beim Telefonieren und beim Brettspielen, beim Spaziergang im Regen und beim Kuchenbacken.

Ich halte Ausschau nach den Lichtfäden, um das Netz weiterzuknüpfen. Bunt oder grau, flexibel oder stabil, groß und weit oder ganz klein und unscheinbar, laut oder leise, im Regen oder im Sonnenschein oder auch alles zusammen.

Segen

Ich fahre in der Dunkelheit nach Hause. Wie so oft. Früher. Da war der Zug um halb sechs ab München mir vertraut. Nun sitze ich hier – zum zweiten Mal seitdem alles anders wurde. Die vertraute Landschaft zieht am Fenster vorbei, die Wiesen und die Weiden mit den Kühen, die Zwiebeltürme und die Bahnübergänge, die kleinen Städte und die großen und irgendwann, als die Sonne untergegangen ist – und nachdem sie spektakuläre violette und dunkelblaue Wolkenbänder in den Himmel gemalt hat – erkenne ich auch die Lichter wieder. Die Werbung für das Bead&Breakfast kurz vor Stuttgart, die Brückenleuchten, die sich vor Mainz im Wasser spiegeln, die Werbebotschaften der Industrie- und Gewerbegebiete rund um Mannheim, die Hochhäuser in Frankfurt und natürlich das Henkelmännchen und der Dom in Köln.

Erfüllt bin ich, voller guter Begegnungen und lieber Blicke und warmer Worte. Voller intensiver Gespräche und ehrlichem Austausch, voller Farben aus dem Garten in der Pause und voller Mückenstiche vom Abend im Park.

Erfüllt bin ich auch von Menschen, die ich nur flüchtig kenne, mit denen ich aber Wesentliches teile und die Wiederzusehen mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Erfüllt davon, dabei zusehen zu dürfen, wie alte Bekannte, Weggefährtinnen, Freundinnen sich wiedersehen – manche seit vielen Jahren das erste Mal. Einige haben Glücksgrübchen in den Wangen, weil sie den Ort vermisst haben, für andere ist es überhaupt der allererste Besuch und mit großen Augen entdecken Sie die Kapelle, die Bilder, den Garten.

Laut war es – und dann auch wieder ganz leise. Fröhlich und froh, aber das Leid und der Tod wurden in den Gesprächen nicht ausgespart. Gemeinsam, so scheint es, lässt solches Unbill sich besser ertragen.

An einem solchen Tag ist nie genug Zeit, um mit allen genug zu reden – aber nach all dieser Zeit, all diesem Werweißwaswird und Wennwirunsdannirgendwannmalsehen und Wennichjetztdawäre und SagGrüßeandiejenigendiezualtoderkrankfüronlinetreffen sind, ist jedes Wort, jedes Winken, jedes Zwinkern und jeder Blick durch den großen, langen Raum ein Geschenk, ja ein Segen. Und sogar die lange Fahrt, die sich sonst so oft immer länger anfühlte, wie ein zu lange gekautes Kaugummi: Heute fühlt sie sich schön an, wie ein Nachklingen, ein Abschiedsgruß, eine Überleitung in den Alltag – ein wenig von dem Segen dieser Stunden nehme ich dorthin mit.

Unterwegs

In den Zug steigen, einmal umsteigen, fünf Stunden später wieder aussteigen. Mit Menschen zusammensein. Geimpft oder genesen. Mit einer langjährigen Bekannten anstoßen und nun auch ganz offiziell „Du“ sagen. Mit anderen Menschen Erinnerungen an eine gemeinsame Reise auffrischen und neue Erinnerungen schaffen. Von erfüllten Leben hören, von Durststrecken und Hoch-Zeiten. Gänsehaut haben, weil da Junge und Ältere gemeinsam feiern und miteinander Ja sagen zu Hoffnung und Zukunft. Sonne und Grün genießen, und Sonnenblumen und Regen. Jemanden in den Arm nehmen und mich auf die Wange küssen lassen. Mich im Unbekannten verlaufen und trotzdem irgendwie zu Hause fühlen. Ein Fest feiern. Mit allen Vorsichtsmaßnahmen und Abständen und Masken. Aber ein Fest.

Das verändert nichts an der Lage der Welt im Großen und Ganzen, nichts an der Lage der Menschheit im Allgemeinen. Das macht mich nicht weniger hilflos dem Weltgeschehen gegenüber und nicht weniger fassungslos in Anbetracht vieler Wahlkampfparolen. Aber es weitet mein Herz und meinen Blick. Wie gut das tut.

Eine Umarmung

Ich lebe hier ja quasi im Pandemie-Luxus, denn ich habe die ganze Zeit den Lieblingsmenschen in meiner Nähe und kann ihn umarmen und von ihm umarmt werden, wann immer uns danach ist; naja, fast, in Videokonferenzen mit eingeschalteter Kamera (und davon gibt es hier nach wie vor viiiele) verzichten wir dann doch darauf. OK, neulich gab es eine beginnende Schultermassage, bevor das Gelächter der Gesichter auf dem Bildschirm den Lieblingsmenschen vertrieb, aber davon wollte ich gar nicht erzählen. Denn gestern, gestern, also gestern gab es endlich die so lange ersehnte Umarmung mit dem besten Freund. Kein „Wenn ich jetzt da wäre, würde ich dich in den Arm nehmen“-Konjuktiv, kein „Fühl dich gedrückt aus der Ferne“-Ersatz, kein passend rausgesuchtes Knuddel-GIF, sondern eine ganz echte, herzliche, freudige, feste Umarmung. Und dann noch eine. Und noch eine. Wenn wir schon mal die Gelegenheit haben.

Es ist ja durchaus so, dass das Zusammen-Zeit-Verbringen für uns auch in Pandemie-freien Zeiten etwas seltener ist. Entweder, wir wohnen sehr weit voneinander entfernt oder aber wir haben Terminkalender, die nicht zueinander passen. Da konnte es schonmal sein, dass wir uns am besten in Paris trafen, wo wir beide nicht leben. Oder in München, wo das gleiche gilt. Oder auf der Durchreise zum Meer irgendwo am Ende der Welt.  Und jetzt trennen uns nur gut zwei Stunden Fahrt, aber dann ist da diese Pandemie und mitten zwischen uns auch noch eine Grenze.

Nun aber sind wir beide geimpft und auch die 14-Tage-Frist zum größtmöglichen Schutz ist verstrichen. Und da diesmal nicht nur die Terminkalender, sondern auch bürokratische Vorgaben zu berücksichtigen waren, stand nach ein wenig Recherche fest, dass die einfachere Variante diejenige war, die dazu führte, dass ich mich den dringenden Empfehlungen des Auswärtigen Amtes und der belgischen Behörden widersetzen und nach (festhalten) Belgien reisen würde. Wobei die dringenden Hinweise sich auf das heftige Abraten von nicht-essentiellen Reisen beschränken. Und wir waren uns beide einig, dass diese Reise als absolut essentiell einzuschätzen sei.

Am Morgen der Reise habe ich daher das „Formular zur Lokalisierung Reisender im Interesse der öffentlichen Gesundheit“ ausgefüllt, ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und per Mail an die belgische Gesundheitsbehörde geschickt. Ich musste dort mein Autokennzeichen und eine Menge anderer Infos angeben sowie die Adresse des Freundes.

Wäre ich länger geblieben als den einen Tag, bzw. länger als 48 Stunden, hätte ich mich in Quarantäne begeben oder alle möglichen Zusatzdinge machen müssen, um die ich mich nicht gekümmert habe. Es gab dann aber keinerlei Feedback auf das Formular, keinen Kontrollanruf, keine Mail oder sonst irgendwas.

Ich habe dann eine Rouzte rausgesucht, die nicht auch noch über die Niederlande führt (für den Fall der Fälle, wir müssen es ja nicht komplizierter machen, als es sowieso schon ist) und habe mich mit dem Auto ins Abenteuer gestürzt.

Netterweise hörte es passend zu unseren Planungen ungefähr 500 Meter vor dem Treffpunkt auf, in Strömen zu regnen, und so konnten wir den Tag wie geplant draußen verbringen. Unter anderem in einer wildromatischen Abteiruine, durch die hindurch eine Schnellbahnstrecke führt – ein absurdes Gefühl und auch eine absurde Ansicht, aber irgendwie fühlte sich das ganz passend an.

In der Bistro-Außengastronomie mussten wir keine Kontaktdaten angeben, kein Zettel zum Ausfüllen und kein QR-Code weit und breit. Wir hätten auch problemlos drinnen sitzen können, aber wir zogen Vogelgezwitscher als Gesprächsuntermalung vor. Auch im Tauch-Shop, wo der Freund etwas abholte, gab es keine Kontaktnachverfolgung. Und er hätte dort auch ganz ohne Vorbestellung etwas einkaufen können, ohne Termin und ohne zugangsbeschränkende Schilder am Eingang.

In den belgischen Innenräumen, in denen ich war, habe ich tatsächlich keinerlei Kinnmasken oder freiliegende Nasen gesehen und keinen einzigen maskenlosen Menschen (OK, gut, ich war wirklich nicht viel drinnen, aber trotzdem). Auch draußen trugen überraschend viele Menschen OP-Maske oder FFP2-Maske, selbst bei eingehaltenen Abständen an der Bushaltestelle undsoweiter.

Es war kein sonniger Tag, eher grau und kühl, daher waren vermutlich weniger Menschen unterwegs, aber insgesamt erlebte ich das Zusammensein von doch einer Menge Menschen im öffentlichen Raum als entspannt. Respektvoll. Und fröhlich.

Wir haben den längsten Tag des Jahres voll ausgenutzt (hier müsst ihr euch ein im Hinblick auf den Klimaschutz mit lautem Seufzen versehenes Lob auf die beleuchteten belgischen Autobahnen vorstellen) und heute sitze ich mit sehr kleinen Äugelchen vor den zahlreichen Videoterminen. Ich bin die erste, die dafür einsteht, dass auch virtuelle Meetings echte Treffen sind und echte Begegnung ermöglichen. Aber das gestern, das war schon ein besonders schönes Stück für meine innere Erinnerungsschatztruhe.

 

Dankbar und glücklich

Was für ein Wochenende.

Am Samstag gab es einen Spaziergang durch Sonne und kalte Frühlingsluft mit ganz viel Freude an grünen Blattknospen und Forythien und Magnolien und Tulpen und Osterglöckchen und überhaupt so viel Farbe und Vogelstimmen. Mir ging im wahrsten Sinne das Herz auf und ich lief grinsend wie das sprichwörtliche Honigkuchenpferd und mit mehr Gefühlen im Herzen als seit Wochen durch unser kleines Dorf. Was tat das gut zu spüren, dass ich um Freude nicht nur im Kopf wissen, sondern sie wirklich noch körperlich spüren kann.

Wirklich und wahrhaftig beim Friseur gewesen. Zu Hause festgestellt, dass es durchaus überraschend sein kann, wo die Friseurin das entsprechende Körperteil vermutet, wenn eine mit FFP2-Maske im Gesicht kinnlange Haare wünscht. Noch überraschter festgestellt, dass es trotzdem gut aussieht.

Am Nachmittag mit den Gefährtinnen online getroffen, geplaudert und wie immer sehr schnell zu Wesentlichem und Bewegendem gefunden. Gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Mich sehr gefreut über diese großartigen Frauen.

Und als wäre das nicht alles schon wunderbar genug, gab es am Sonntag einen digitalen Geburtstag. Mit einem offenen Videokanal anstelle einer offenen Haustür, mit Besucher*innen aus nah und fern, die sich dort in überraschend vielfältigen Runden trafen und miteinander verstanden, ob sie sich nun kannten oder nicht. Mit einem noch warmen Stück der leckersten Bärlauchquiche als Überraschungsgeschenk zum Mittagessen, mit Nachrichten über geahnte und ungeahnte Kanäle, Telefonaten und Geburtstagsständchen mit Abstand vor der Haustür. Mit leuchtend-bunten Blumen und so passend und liebevoll ausgesuchten Geschenken. Mit ganz viel Rührung und Freundschaft und Liebe und Glück.

Da ist in zwei Tagen mehr passiert als in den ganzen letzten Wochen zusammen und du meine Güte, wie tut das gut.

Ein Jahr

Heute ist es genau ein Jahr her. Vor einem Jahr kam ich zurück von den Schreibexerzitien auf Norderney. Im Zug verfolgte ich online die Pressekonferenz des Ministerpräsidenten, bei der die Schulschließungen verkündet wurden. Eine Woche zuvor war ich ausgebrochen, schon befasst mit Kommunikation zur Pandemie. Aber nach diesen Tagen auf der Insel, weit weg vom Alltag und aufgefüllt mit Kreativität und Ruhe und Meeresrauschen, mit neuen Bekanntschaften und überraschen Persepktiven, nach dieser Auszeit fühlte es sich an, als käme ich in eine andere Wirklichkeit zurück.

Samstags begann die Arbeit mit Absagen von Veranstaltungen, montags war der Lieblingsmensch nochmal im Büro, um seine Unterlagen zu holen, dienstags ich. Und seither gibt es hier eine neue Realität. Die sich immer wieder verändert hat, aber im Grunde ist heute Jahrestag.

Wir haben uns eingelebt in diesem Alltag – noch immer glücklich, dass wir keine Existenzsorgen haben müssen. Uns sehr bewusst, dass wir als Kinderlose keine Homeschooling-Homebetreuungs- Homeallessonstiges-Mehrfachbelastung haben. Dass wir mit einer stabilen Internetleitung und den passenden Geräten ausgestattet sind. Dass wir verständnisvolle und flexible Arbeitgeber*innen haben. Wir sind zu zweit und grundsätzlich glücklich miteinander, auch das ein Luxus, den wir Tag für Tag sehen und schätzen. Wir haben Freunde, die das Digitale nicht für einen Gegensatz zur Realität halten und andere, die sich auf diese neue Variante von Realität eingelassen haben. Ich erlebe Verbundenheit auch über die Distanz hinweg und bin sehr dankbar dafür.

Die Zeit verschwimmt noch immer, ohne die Ankerpunkte von außerhalb. Die Sorge um Freund*innen, die die Krankheit überstanden haben, ist noch immer und leider auch manchmal neu präsent. Auch ein Trauerjahrestag rückt näher. Die Sorge um ältere Familienmitglieder kann absehbar kleiner werden – Impftermine sind in Sicht, auch wenn man manche noch mit dem Fernglas suchen muss.

Die Spazierwege in der Umgebung sind begangen, in allen Varianten und Richtungen, in allen Tempi, zu allen Tages- und sogar Nacht- und nun auch allen Jahreszeiten. Der Lieblingsbaum ist noch immer der Lieblingsbaum und die Referenzmagnolie trägt wieder dicke lila Knospen. Die Rosen im Garten fangen an, neue Blätter zu treiben und im Hochbeet beginnt die nächste Saison. Die Freude am Fahrradfahren (beste Anschaffung des vergangenen Jahres) ist geblieben. Die Freude am Musikhören auch, alleine oder mit dem Lieblingsmenschen. Nur so nebenher, aber viel häufiger ganz bewusst und manchmal mit Tränen in den Augen. (Sonst weine ich im Kino, nun eben bei Morton Feldmann, Bach, Tschaikowsky oder Debussy.) Nahezu täglich bekomme ich barocke Blockflötenmusik live gespielt – in die letzte Stunde meines Homeofficealltags hinein, die Freude daran und die Metafreude an der Freude des Lieblingsmenschen sind geblieben.

Was auch geblieben ist, ist das Unverständnis. Für die politische Situation im Allgemeinen und im Speziellen. Ich bin enttäuscht und genervt von all den vielen Mutlosigkeiten und Ratlosigkeiten, von all den Zögerlichkeiten, die noch immer keine gangbaren Auswege und Alternativen sichtbar machen. Von allem Schwarz-Weiß und der Polarisierung und … ach …

Little did we know, lese ich allenthalben. Wie gut, dass ich nicht vorher wusste, was kommt. So nehme ich einen Tag nach dem anderen, verändere mich mit der Situation (beruflich vor allem, aber eben nicht nur) und wundere mich über meine absurden Träume, von denen mir morgens oft nicht mehr bleibt als das bestimmte Gefühl, extremen Unfug durchlebt zu haben.

Ich glaube, ich habe Spaceman Spiff hier schon einmal zitiert – eine Hymne als Mitbringsel von der Insel-Auszeit. Ich spiele sie heute wieder: „Wir sind lange schon auf Reisen und kommen immer nur so weit, wie die Ideen uns tragen, wie der Mangel uns treibt.“ Wie sehr ich mir wünsche, dass ich das im nächsten Jahr wieder auf andere Umstände beziehen kann…

Weiße Weite

Wir trinken Whisky mit den Freunden in unserer kleinen Skype-Kneipe und es schneit. Erst nur ein wenig, dann immer mehr. Irgendwann verabschieden wir uns, denn es zieht uns in den Schnee. Der Lieblingsmensch und ich ziehen uns warm an, ich setze meinen Pussyhat auf (Danke LittleB, er ist einfach jedes Mal wunderbar) und los geht es in die verschneite Nacht.

Nachbars Steinteddy trägt eine schicke weiße Mütze, wir bauen einen kleinen Schneemann und setzen ihn unserer Haustür gegenüber auf eine kleine Verkehrsinsel. Viel Verkehr muss er nicht überwachen.

Still ist es. Man hört nichts außer dem Knirschen unserer Schritte auf dem Schnee. Ich hatte fast vergessen, wie sehr ich dieses Geräusch liebe. Schnee hat einen ganz eigenen Klang, der mich immer schon glücklich macht. Am Bachlauf fallen größere Schneestückchen leise platschend ins Wasser. Dicke Flocken treffen meine Nasenspitze und tauen fröhlich vor sich hin. In den Büschen raschelt es – welche Tiere sich da wohl ein warmes Plätzchen suchen?

Überraschend hell ist es. Der Schnee reflektiert die Lichter der Dörfer in der Umgebung. Das Licht im Gewächshaus der Kräutergärtnerei verzaubert die umliegenden Beete in ein Schattenspieleparadies. Wir spazieren eine große Runde über die Felder. Kohl und Wintergetreide und Rollrasen haben sich zudecken lassen und leuchten uns den Weg.

Die Stille um uns breitet sich aus, mäandert in mich hinein, füllt mich aus. Gehen, atmen, den Schnee hören und riechen und schmecken. Die Weite macht Raum für tiefe Gespräche und einvernehmliches Schweigen.

Wir sind nicht die ersten hier, aber immer wieder stoßen wir auf unberührte Wege, auf denen noch keine Füße und keine Pfoten gelaufen sind. Zeit zum Albern sein. Auf einer großen, unberührten Schneefläche hopse ich wie ein Pinguin, als wäre ich 3 und nicht 43 Jahre alt. Und mache lachend ein Erinnerungsfoto.

Je näher wir auf dem Rückweg dem Dorf kommen, desto mehr Menschen begegnen uns. Hundebesitzer*innen, Spaziergänger, einzeln oder zu zweit. Wir nicken uns zu, lächeln, sind verbunden in der Freude über die unerwartete Pracht. Verzückte Komplizinnen in diesem nächtlichen Genuss.

Wenn wir in diesem Jahr nicht zum Schnee kommen können, kommt er schließlich und endlich doch noch zu uns. Hach, was schön.

Ein quasi französischer Vorsatz

Schon ist das neue Jahr beinahe zwei Wochen alt und ich stolpere so herum. Ich habe all die euphorischen „Jetzt ist der Mist endlich vorbei“-Jahreswechsel-Elogen nicht verstanden. Wobei: Verstanden, wie das kommt, habe ich irgendwie schon. Aber Verständnis dafür war keines in mir übrig. Aber mir ist ja im vergangenen Jahr sowieso das Verständnis für das Konzept Mensch in weiten Teilen verloren gegangen. Mein Verständnis für Menschen so ganz allgemein (was glücklicherwiese ganz gegenläufig war zum Verständnis für und Vertrauen in die konkreten Menschen um mich herum). Der Mittwoch mit dem Sturm auf das Kapitol und sowieso die allgemeine Nachrichtenlage helfen nicht akut beim Zurückgewinnen.

Was ist feststelle ist, dass ich, ohne es bewusst zu wollen und zu überdenken, anscheinend einen Neujahrsvorsatz gefasst habe. Und der heißt Zuversicht. Ich will zuversichlich sein – da ist ja die Impfung am Horizont und der Frühling. Da ist ein virtuelles Gefährtinnentreffen in ganz naher Zukunft, das in diesem meinem Arbeits- und Lebensinternet ein Licht anzündet. Da sind Gespräche, die mich berühren und anrühren und Bücher, auf die ich mich freue. Da ist der Artikel, der besagt, dass das, was der Lieblingsmensch und ich seit dem vergangenen März exzessiv betreiben – nämlich Spazierengehen – jetzt eine Trendsportart sei und das bringt mich tatsächlich zum Schmunzeln. Ich betreibe eine Trendsportart, wenn das kein Grund zur Zuversicht ist.

Ich will zuversichtlich sein. Der Weihnachtsbaum ist abgeschmückt und entsorgt, aber die Weihnachtspost, die von liebevollen und dauerhaften Verbindungen zeugt, die darf bleiben. Auch, weil sie mir Zuversicht spendet für Tage, an denen ich abends mit niemandem mehr reden mag und von Verbindung über alle Einschränkungen hinweg kündet.

Ich will zuversichtlich sein. Nicht diese Art von Zuversicht, dass ich in diesem Jahr alles schaffe, was seit Ewigkeiten liegengeblieben ist und die mich nur unter Druck setzt, weil ich meinen eigenen hohen Ansprüchen dann doch wieder nicht gerecht werde. Nicht diese naive Art von Vorstellung, dass Dinge sich plötzlich auf wundersame Weise ändern und alles so wird, dass ich es als vernünftig empfinde. Sondern die Art von Zuversicht, in der Vertrauen eine Rolle spielt und Geduld (auch in mich und mit mir selbst) und Nachsicht – und ab und an auch Unverständnis und Gereiztheit, weil die Zustände eben so sind wie sie sind. Aber ich lebe in ihnen und mit ihnen und tue eben das, was ich kann. Und sei es nur, einige Tage weniger Nachrichten zu konsumieren und mehr zu lesen (also Literatur, nicht Analysen zur Nachrichtenlage).

Quasi eine französische Art von Zuversicht. Denn da gibt es kein eigenes Wort, sondern man sagt „confiance“ und das meint gleichzeitig Zuversicht und Vertrauen und Zutrauen. Und das Verb ist nicht passiv (zuversichtlich sein), sondern aktiv: faire confiance.

Mal sehen, wohin diese Aktivität mich in diesem Jahr bringt. Wohlan.