Momentaufnahmen

Die Vögel sind viel lauter als sonst. Irgendwo las ich in diesen Tagen eine Erklärung. Mein Gehirn hat sie sich nicht gemerkt. Aber beim Aufwachen, beim Gang in den Garten in der Mittagspause und beim Feierabendspaziergang freue ich mich darüber.

Die Sumpfdotterblümchen und der Löwenzahn am Wegesrand geben alles. Sie leuchten mit der Sonne um die Wette. Die Knospen an den Büschen, die den Bach säumen, werden jeden Tag ein bisschen größer und praller. Der Lieblingsmensch und ich versuchen, den Zeitpunkt zu schätzen, an dem sie sich öffnen. Mal sehen, wie nahe wir dran sind.

Die Bauern haben die Felder gepflügt, manche schon eingesät. Die Schutzfolien kräuseln sich ein wenig im lauen Wind. Die ersten Mückenschwärme mischen sich unter die Pollen. Zwei Hasen hoppeln flink vor uns davon. Oder vor dem Bussard, der wachsam über dem Feld kreist.

Die Schafe sind auf eine andere Weide gebracht worden. Der Hinweis, dass man maximal trockenes Brot füttern darf, hängt einsam und verlassen am Tor. Ein bisschen ahne ich, wie er sich fühlt.

Die Kolleg*innen haben sich schnell an den wöchentlichen Meeting-Rhythmus in diesem Internet gewöhnt. Es geht nicht mehr um Technik, sondern um Wesentliches, für die Arbeit, für uns. Große politische Fragen werden angerissen, organisatorische Kleinigkeiten geklärt. Es ist gut, uns untereinander und die großen Themen im Blick zu behalten und im Blick behalten zu wissen.

Eine kleine Verschnaufpause zwischen Telefon- und Videokonferenzen und ein Blick in den Briefkasten. Post einer alten Dame, die ich nicht persönlich kenne. Über eine gemeinsame Bekannte und gemeinsame Überzeugungen sind wir verbunden. Dass sie krank ist und nun keinen Besuch bekommen kann, dass ich zu Hause bin und wenig anderes tun kann, um zu helfen, hat uns zu Brieffreundinnen gemacht. Wir erzählen uns von unserem Alltag. Lauter kleine Dinge, die über die räumliche und durch die Postzustellung auch zeitliche Distanz Gewicht bekommen und behalten.

Elektronische Post aus Italien. Mit Bildern, die die Kinder der Kollegin und Freundin gemalt haben. Ein schneller Skype-Call, um uns auf den neusten dienstlichen Stand zu bringen, persönliche Worte, eine Umarmung über den Bildschrim. Nähe, über all die neuen Grenzen hinweg.

Mit meiner Schwester ein kleines Dankeschön planen für die Hausgemeinschaft meiner Eltern, die sich so wundervoll sorgt, wo wir zu weit weg sind. Und die uns so dankbar machen.

Eine Messenger-Nachricht einer alten Freundin mit einem schnellen Gruß. Ein Foto von einer anderen Freundin. Ein Stoßseufzer per Mail. Ein Foto auf Twitter, das eine besondere Erinnerung lebendig werden lässt, geteilte Bilder von Lieblingsorten auf Facebook. Ein Mensch, der eine Idee hat, die unter die Haut geht, egal, was am Ende daraus wird oder auch nicht.

Endlich einmal Zeit, um Texte zu lesen. Von Carolin Emcke, von Smilla Dankert, der Kaltmamsell. Bei Anke Gröner einen Comic finden, der seit einigen Jahren in Nürnberg an St. Klara hängt und von dem ich bei jedem Vorbeigehen angerührt werde – wenn auch nicht jedes Mal auf die gleiche Weise.

Der ISS winken, die an über uns hinwegfliegt und an deren Zeitplan DLR_Next auf Twitter so zuverlässig erinnert.

Schimpfen mit dem Scanner, der Mucken bekommt und die innere Zicke rauslässt. Dann halt nicht, du [hier ein Schimpfwort eurer Wahl einsetzen]. Und dann lachen, weil ich mir vorstelle, wie die viel besser gewählten Worte in den Büchern auf den Regalbrettern um mich herum die Augen verdrehen. Als hätten wir ihr nichts beigebracht. Mit der kann man ja auch wirklich nirgendwo hingehen. Na dann habt ihr ja Glück gehabt. #staythefuckathome #gehtgleichwieder

Gleichzeitig. Und dankbar. Und müde.

Es fühlt sich an wie eine andere Welt. Und gleichzeitig schon so vertraut. „Geht auseinander!“ dachte ich am Wochenende beim Ansehen der letzten Folge Picard. Und habe seither das alte Lied von Wir sind Helden mit diesem Titel im Kopf. So vertraut ist das Abstand halten und Ausweichen schon geworden.

Lächeln, nicken, Platz machen beim Feierabendspaziergang über die Feldwege. Den Akku des Telefons (ja, wir haben noch ein Festnetztelefon) regelmäßig aufladen, weil es jetzt an den Abenden ständig im Dienst ist. Ganz normal ist das alles geworden. Als lebten wir schon lange so.

Und gleichzeitig fühlt es sich auch immer noch neu an und fremd und ungewohnt. Als wäre es erst gestern gewesen, dass ich zu meinen Exerzitien aufgebrochen bin – mitten heraus aus der sich anbahnenden Corona-Lage. Und doch völlig ahnungslos. Ich hatte es mir nicht vorstellen können, dass die Welt, in die die Fähre mich 6 Tage später zurückbringen würde, eine ganz andere geworden sein würde. Aber genau so fühlte es sich an. Wie eine andere Welt. Und weil der Alltag mir gar keine Chance ließ, mich langsam daran zu gewöhnen, stolperte ich mitten hinein in das Neue. Auf Funktionsmodus umschalten. Nicht erstmal Ankommen und Umschauen. Gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Aber direkt losgehen. Navigieren auf Sicht. Aber fahren. Es gibt hunderte Bilder. Es blieb kaum Zeit, sie mir bewusst zu machen. Es ging einfach gleich los.

Ich bin in meinen Jobs die Onlinerin und es ist schön, dass meine Fährigkeiten jetzt dazu beitragen können, Menschen miteinander zu verbinden. An ein paar Stellen physical distancing vergessen und social caring real zu machen. „Online only“ könnte hier quasi rund um die Uhr stattfinden. Abschaltknöpfe (außer die Kanäle für Notfälle) sind eine tolle Erfindung.

Diese Gleichzeitigkeit von alles-schon-so-gewohnt und alles-noch-so-neu, sie macht müde. Und albern. Und hungrig. Und müde. Sehr müde. Manchmal kommen die Sorgen ganz nah. Dann wenden wir gemeinsam Kraft auf und schieben sie weg. Spazieren sie weg. Umarmen sie weg.

Dass der Lieblingsmensch und ich beide von zu Hause arbeiten können. Dass ich darin in den letzten Jahren durch eine zweite berufliche Aufgabe und im letzten Jahr durch einen unwilligen Kreislauf einige Übung habe. Dass wir uns keine Sorgen machen müssen um unseren Arbeitsplatz, unsere Existenz. Privilegien um die wir wissen. Für die wir dankbar sind.

Dankbar dafür, dass der Lieblingsmensch der Lieblingsmensch ist und somit derjenige, mit dem ich tatsächlich am liebsten von allen isoliert bin. Dass wir zusammen sind, dass da jemand ist, dem ich auch ganz praktisch nah sein kann. Dass wir schnell neue Alltagsrituale gefunden und alte „umgebaut“ haben. Dass wir nicht nur unseren Alltag teilen, unser Büroleben (wie schön es ist, wenn mein Schatz mir nachmittags einen Kaffee für die neue Nasa-Kaffetasse kocht), sondern auch unsere eigene kleine Hauskirche sind, mit Kerze und Blümchen aus dem Garten (welch Dankbarkeit für diese kleine grüne Oase).

Dankbar dafür, dass die jüngeren Mieter im Haus meiner Eltern eine WhatsApp-Gruppe gegründet haben, in der sie mitteilen, wann und wohin sie zum Einkaufen gehen. So dass die älteren Mieter Einaufszettel schicken können und zuverlässig mit dem Nötigsten – und darüber hinaus mit Zuwendung und lieben Worten versorgt werden. Dafür, dass keiner unserer Liebsten bisher so schwer erkrankt ist, dass wir um sein oder ihr Leben fürchten müssten.

Dankbarkeit für diesen Geburtstag neulich, bei dem ich mitten in der körperlichen Distanz so viel Nähe und Verbundenheit und Freundschaft und Liebe spüren konnte, wie schon lange nicht mehr. Für die Damen der KFD hier im Ort, die Masken nähen für soziale Einrichtungen – und für den Lieblingsmenschen und mich. Für die Menschen aus unserem Hauskreis, die kleine Links schicken und Gedanken. Die Menschen anrufen, die einsam sind. Und die sich nächste Woche auf ein virtuelles Experiment einlassen.

Die Welt ist klein geworden und gleichzeitig so groß. Die Polarisierung ist ganz nah gekommen. Sie ist spürbar zwischen der Anfeindung von Menschen aus Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen (Ischgl, Heinsberg, …) und völlig unerwarteter Nachbarschaftshilfe. Zwischen Fakenews (gut gemeinten und zerstörerischen) und guten Nacheichten, die der Briefträger in einem Umschlag mit Blumenaufkleber einwirft. Und sie ist spürbar mitten in mir.

Ich werde wieder früh zu Bett gehen, mich von Igor Levit zur Nacht mit Musik trösten lassen – live habe ich es heute wieder nicht geschafft. Wenn ich nicht schlafen kann in der Nacht lasse ich mir von Patrick Stuart oder Helen Mirren Shakespeare rezitieren. Und freue mich daran, dass Arnold Schwarzenegger ein Pony und einen kleinen Esel hat und dass ich nun weiß, wie sie heißen.

Und dann stürze ich mich morgen wieder hinein in diese seltsam fremd-vertraute Wirklichkeit. Mit Augenringen, die man aber in der Videokonferenz nicht sieht, weil die Morgensonne das Homeoffice freundlich beleuchtet.

Habt es gut, da wo ihr diese besondere Zeit erlebt.

Matisse zu Weihnachten

In der Chapelle du Rosaire in Vence hat Henri Matisse für die Bemalung gesorgt. Mit den bekannten Strichen und den prägnanten Figuren. „Ave“ steht auf einer der Wände. Daneben sitzt Maria, mit dem Kind auf dem Schoß.

Eine alltägliche Szene, eine Mutter mit einem Kind. Sie hält es auf dem Schoß, sicher und geborgen. Der Kleine erkundet die Umgebung, schaut sich um. Und breitet die Arme aus.

„Das größte Weihnachtswunder ist, dass Gott weiß, wohin er gehört.“ Dieses Zitat von Fulbert Steffensky und das Bild aus der Rosenkranzkapelle sind mir in dieser Adventszeit zugefallen – das eine ganz neu, das andere als eine Erinnerung beim Aufräumen.

Ich habe festgestellt, dass sie für mich gut zusammengehen: Gott weiß, wohin er gehört. Mitten in die Nacht, die Kälte, die Einsamkeit. Mitten in die Unsicherheit, ins Unterwegssein, ins Wachsen von Neuem, in den Geburtsschmerz neuer Menschen und neuer Ideen. Mitten hinein in das, was unser Leben, unser Mensch-Sein ausmacht.

Und er weiß nicht nur, dass er zu uns gehört. Er bringt auch ein Geschenk mit – das größte von allen. Erlösung. Die Zusage, dass es am Ende gut wird. Auch dann, wenn es gar nicht gut aussieht. Auch dann, wenn das Ende auf den ersten Blick so bitter und traurig und brutal und unwürdig aussieht wie der Herr am Kreuz. Die Zusage, dass wir nicht alleine sind. Und dass das schon angefangen hat. Dass die Erlösung schon greifbar, erfahrbar, weitertragbar ist. Dass wir einander menschlich begegnen können. Dass wir vergeben können – auch uns selbst. Dass wir neu anfangen können. Nicht nur am Jahresanfang mit guten Vorsätzen, sondern immer wieder neu.

Dass die kommenden Tage Ausdruck dieser Hoffnung, dieses Vertrauens, dieser Zusage seien. Dass wir alle etwas von dieser Wahrheit spüren können. Das wünsche ich uns. Und von Herzen frohe Weihnachten.

Bemerknisse von unterwegs

Was ist er schön, der Bahnhof von Lüttich. Jedes Mal wieder.

Wie schön ist es, am Bahnhof abgeholt zu werden. Auch, wenn man den Weg alleine kennt und schon mehrfach gegangen ist. Auch, wenn es gar nicht weit ist und man, dank kleinem Gepäck, wunderbar allein zurecht kommt. Und dann wird man trotzdem abgeholt, im strömenden Regen. Und wartet bei einem Kaffee einfach auf die nächste Regenpause. Und schon beim dritten Satz sind wir wieder vertraut, als hätten wir uns gestern zuletzt getroffen.

Freunde, die einen schon lange kennen, haben einen ganz besonderen Blick auf einen selbst. Einen ehrlichen, manchmal unverstellteren, unbefangeneren, liebevolleren Blick. Und manchmal sagen sie einem Dinge einfach so auf den Kopf zu und treffen damit voll ins Schwarze.

Dinge – Fragen, Gefühle, Ideen – auszusprechen, die man in den vergangenen Wochen erst nur diffus gespürt, dann bewusst wahrgenommen und dann unsortiert mit sich herumgetragen hat, kann dabei helfen, diese Dinge – Fragen, Gefühle, Ideen – besser einzuordnen, weiterzuspinnen, zu verwerfen, neu zu denken.

Ich mag einiges können. Komplimente charmant anzunehmen gehört nicht unbedingt dazu. Macht aber manchmal auch nix.

Ein Laden mit lauter kleinen, schönen Dingen. Ich brauche nichts davon. Kaufe nichts davon. Sehne mich nach nichts davon. Aber ich freue mich an den Dingen und ihrer Schönheit. An den glänzenden Augen der Menschen, die etwas ausgesucht haben und in der Kassenschlange warten. An der Verkäuferin, die drei Kindern geduldig das Holzspielzeug zeigt und es fröhlich wieder ins obere Regal stellt, als die drei ohne Kaufentscheidung von dannen ziehen.

Weihnachtsbeleuchtung ist unwahrscheinlich kitschig. Und in Verbindung mit gotischer Architektur gewinnt sie mein Herz im Sturm.

Eine Krippe ohne Jesuslkind, dafür mit echten Schafen. Wer hätte gedacht, dass mir bei sowas warm ums Herz wird. Wird es. Für euch getestet.

Warm ums Herz wird mir auch bei dieser besonderen Form von Gastfreundschaft – unaufgeregt und rücksichtsvoll gleichzeitig. So, dass ich mich willkommen fühle, auf eine unaufdringliche, herzliche Weise. Alle versuchen, die passende Sprache zu finden und kramen ihre besten Französisch-, Englisch und Deutschkenntnisse heraus, da ich nur drei Ausdrücke auf Flämisch beherrsche.

Ab und an den Schreibtisch und den Blick aus dem Fenster zu wechseln, tut mir und meiner Produktivität gut.

Lange Spaziergänge in einer schönen Umgebung bringen mich auf neue Gedanken, leeren das Gehirn, verschaffen inspirierende Eindrücke, entspannen und regen gleichzeitig an.

Ein Abend mit einem lieben Menschen, einem Glas Wein und Zeit ist ein besonderes Geschenk.

Ich steh an (k)einer Krippe hier

Kein Kind in der Krippe. Die Hirten, die Könige, Maria und Josef, ja sogar die lebendigen Schafe schauen ganz erwartungvoll, die einen halten Geschenke und Laternen und lächeln, die anderen pusten warme Luft vor sich hin, fressen gemächlich ihr Futter und määähen ein bisschen vor sich hin. Aber die Hauptperson fehlt.

Der schön geschnitzte Holztrog ist festlich beleuchtet. Und leer. Ich steh an keiner Krippe hier.

Stille Nacht ist es auch nicht. Jingle Bells gröhlt eine Gruppe Jugendlicher mit Sprühkerzen in den Händen und schon ordentlich Glühwein in den Hälsen und Bäuchen auf dem Platz nebenan.

Die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen ist stimmungsvoll und es beginnt tatsächlich, sehr nach Weihnachten auszusehen.

Aber es weihnachtet nicht. Sehr.

Die Kinderlein laufen vorbei, die Glocken vom benachbarten Turm klangen auf jeden Fall schon einmal süßer und die Tränen des Business-Herrn, der sich mit seinem Handy auf der Bank neben der Krippe niedergelassen hat, sind so groß, dass sie sicher nicht aufgrund von oh du fröhlicher Weihnachtsfreude in seinem Dreitagebart versickern.

Weihnachten wird nicht, wenn der Weihnachtsmarkt eröffnet. Nicht, wenn der Sultan von Weitweg das Luxushotel wieder räumt und auch andere Gäste einen Cocktail an der Bar nehmen können. Nicht, wenn jemand von der Stadtverwaltung kommt und eine geschnitze Figur in die Krippe legt.

Weihnachten wird, wenn wir einander zu mitfühlenden, ehrlichen, zugewandten Menschen werden. Wenn wir uns gegenseitig zuhören und uns miteinander freuen. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind. Uns um Freunde sorgen und uns für Fremde stark machen. Wenn wir in Not geratenen Menschen helfen, ohne nach einer Gegenleistung zu fragen. Wenn wir es unerträglich finden, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken müssen, weil es anstrengend ist, über menschliche Lösungen nachzudenken. Wenn wir unsere Stimme erheben gegen Ungerechtigkeit und Hass. Wenn wir einem Kind zulächeln und seiner gestresste  Mutter helfen, den Kinderwagen die Stufen zum Bus hinaufzuwuchten.

Weihnachten stellt nicht den Anspruch, dass wir die ganze Welt verändern. Das Kind in der Krippe hat nicht an seinem ersten Lebenstag einen Herrschaftsanspruch herausposaunt, es gab keine weltumspannende Revolution, keinen politischen Erdrutsch. Aber die Menschen drumherum, die hat es verändert. Und dann die nächsten Menschen um ihn herum. Und die wieder andere. Kreise ziehen. Wer genau hinschaut, sieht nicht nur einen (Halb-)Kreis um die Krippe.

Es ist eine stille Revolution. Eine Hoffnungs-Revolution. Eine, die man zunächst kaum sehen kann. An die man kaum zu glauben wagt, so gegen alle Regeln scheint sie zu sein.

Das Licht in der Krippe gibt uns den entscheidenden Hinweis. Wir müssen nicht warten, dass es Weihnachten wird. Wir können gleich damit anfangen. In der Mitte der Nacht.

Was schön war: Kleine Wanderung am Cap d’Alprech

Als wir sagten: Wir fahren nach Nordfrankreich, an die Ärmelkanalküste, hörten wir am häufigsten; Oh, ans Cap Griz Nez und Cap Blanc Nez. Die beiden Landspitzen sind weit über die Opalküste hinaus bekannt und beliebt. Und was ist es schön dort. Die Klippen selbst sind atemberaubend schön, die englischen Kreidefelsen tun so, als könnte man sie greifen, wenn man sich nur lang genug machte, hunderte Vögel umschwirren einen auf den langen Spazierwegen und schön gestaltete Hinweistafeln sorgen dafür, dass man alles über die Region, ihre Flora und Fauna und ihre Geschichte erfährt.

Einige Kilometer weiter westlich liegt ein weiteres Cap – so etwas wie der kleine Cousin der beiden großen. Das Cap d’Alprech. Den Leuchtturm konnten wir abends vom Balkon unserer Ferienwohnung in der Ferne leuchten sehen. Und was liegt näher, als das Cap zu umwandern, wo es doch fast vor der Haustür liegt.

Beim ersten Versuch kamen wir allerdings nicht besonders weit. Rund um das Fort d’Alprech fand eine Erinnerungsveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung der Gegend von deutscher Besatzung statt. Das Fort war zu diesem Zweck von einer Reenactement-Gruppe zu einem deutschen Feldlager umfunktioniert worden, umlagert von amerikanischen und britischen Armee-Zelten, Oldtimer-Militärfahrzeugen und Soldatendarstellern in improvisierten Schützengräben. Das Fort konnte aus diesem Anlass besichtigt werden – inklusive grimmig dreinschauenden Kontrollbeamten, der gespielt schlecht gelaunt das vorher einzusteckende Soldbuch beäugte und uns in fast akzentfreiem Deutsch zu seinem Kollegen mit dem obligatorischen Stempel weiterschickte.

Die Stimmung in den Bunkern, deren Grundanlage deutlich älter ist als der Zweite Weltkrieg, war trotz des schönen Wetters eher gruselig. Dass von draußen der Duft von frischer Zuckerwatte hereinwehte und fröhliche Klänge eines Elvis-Imitators herüberschallten, gab dem Ganzen eine ganz besondere Atmosphäre.

Beim zweiten Versuch war das historische Event vorbei und wir waren am späten Vormittag fast allein am Cap – zumindest, sobald wir den Leuchtturm mit seiner signifikanten Außentreppe hinter uns gelassen hatten. Schon nach weniger Schritten geht es zum ersten Mal steil die Dünen hinunter und wieder hinauf. Und so gestaltet sich der gesamte Weg bis in den Nachbarort Equihen.

Klippauf, klippab wandern wir um das Cap herum, an besonders steilen Stellen gibt es kleine, ausgewaschene Treppenstufen, hin und wieder führen kleine Holzbrücken über Bäche und Wasserläufe, die einige Meter tiefer plätschernd ins Meer münden.

Das Gekreische der Möwen begleitet uns wie das Rauschen von Wind und Wellen. Immer wieder eröffnen sich Blicke auf kleine Buchten, steile Klippen, mehr oder weniger hohe Dünen. Kleine Blüten am Wegesrand locken einige kleine Bienen und überraschend riesige Hummeln (<3) an.

Nach knapp eineinhalb Stunden (zum einen lässt meine Kondition wirklich noch zu wünschen übrig, zum anderen mussten wir immer wieder stehen bleiben, um den Ausblick zu genießen – beim Gehen ist das aufgrund des unebenen Untergrunds und der vielen steilen Abstiege und Steigungen nicht immer möglich) erreichen wir den Ortsrand von Equihen und einen schönen Aussichtspunkt mit Bänken für unser kleines Picknick.

Zurück gehen wir – ein Tipp unserer Vermieterin – quer über das Cap. Nicht direkt am Meer, die Ausblicke auf den Leuchtturm, das Wasser und die Felsen Englands sind aber auch hier wunderschön.

Zum Schluss legen wir noch einen kleinen Umweg ein, um die Start- und Landebahn der örtlichen Motorgleitschirmschule und das Radarmuseum wenigstens von außen zu betrachten.

Diese kleine Wanderung können wir nur empfehlen.

Was schön war: Unter (und über) dem Balkon

Zu unserer kleinen, schnuckeligen Ferienwohnung an der Kanalküste gehört auch ein kleiner Balkon. Ein Sitzsack und ein Korbstuhl, zwei Gläser und zwei Lieblingsmenschen, mehr passt nicht darauf. Das reicht ja aber auch völlig zum glücklich sein. Über dem Balkon schweben Möwen vorbei – einzeln oder in großen Schwärmen, laut kreischend oder still im Wind segelnd. Ihr könnt mir sagen, was ihr wollt, sie sehen dabei glücklich und manche sogar verwegen aus. Das sind dann die, die vom Wind durchaus wild hin und her geworfen werden, bevor sie am Ende doch ein Bein ausfahren, zum Gegensteuern.

Vormittags weckt uns mal das Geschrei der Möwen, mal das von Kindern, die hier Sportunterricht am Strand haben. Beachbasketball, Kanufahren oder Stehbrettpaddeln stehen auf dem Stundenplan. Und genervtes Trillerpfeifen-Schrillen der Lehrer*innen, die Mühe haben, die Rasselbande wieder aus dem Wasser zu bekommen.

Nachmittags sind es vor allem Großeltern, die mit ihren Enkeln am Strand spielen. Ein Kind ist so klein, dass es gerade erst Laufen gelernt hat. Im lockeren Sand plumpst es immer wieder um, fällt weich, steht wieder auf, tappst weiter und stößt viele kleine Freudenschreie aus, bevor es sich mit Schwung in Omas weit ausgebreitete Arme wirft.

Weit vor dem Balkon ziehen Schiffe vorbei, schwer beladen, das lässt sich auch ohne Fernglas erkennen. Das kleine Fort, oder das, was die ununterbrochen anstürmenden Wellen von ihm übrig gelassen haben, trotzt tapfer Ebbe und Flut. Der alte Betonsteg hat schon glamourösere Zeiten gesehen, wie die alten Fotos an der Strandpromenade zeigen. Wenn der Wasserstand es zulässt, ist er jetzt abends Treffpunkt einiger Angler.

Weniger schweigsam geht es ab dem späten Nachmittag auf der Bank unter dem Balkon zu. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, treffen sich hier einige mehr oder weniger rüstige Rentner*innen. Es gibt einige „habitués“, die immer dabei sind, andere stoßen später dazu, kommen mit Einkaufstaschen beladen vorbei oder mit dem Vierbeiner auf der Hunderunde. Ein älterer Hund rollt sich im Schatten der Kaimauer zusammen und wartet  geduldig, bis Herrchen genug geplaudert hat. Ein jüngerer Mischling, in dem sicher auch ein wenig Gummiball drin ist, hüpft fröhlich auf und ab und hin und her, sein Frauchen bleibt nie besonders lange.

Die Damen sitzen auf der Bank mit Blick aufs Meer, die Herren lehnen oder sitzen auf der Mauer mit Blick auf die Damen oder vervollständigen den Kreis stehend. Sie sprechen den starken einheimischen Akzent und auch mit den Händen. Immer wieder wird wild durcheinander geredet, aus Redeschlachten entwickeln sich ruhigere Gespräche zu zweit oder dritt, dann wieder gibt es eine oder einen, der längere Ausführungen macht, die die anderen mit Nicken oder Kopfschütteln kommentieren, aber nicht unterbrechen. Die einen duzen sich, die anderen siezen sich respektvoll – das hört man ganz leicht, denn die Herrschaften reden laut, um sich gegen das Rauschen der Wellen und die Schwerhörigkeit der anderen durchzusetzen.

Wenn wir uns mit Buch oder auch einfach nur zum Tagesabschluss und Aufs-Meer-schauen auf den Balkon setzen, werden wir anfangs freundlich ignoriert. Als sich herausstellt, dass wir nicht nur eine Woche bleiben, fängt man an, uns zuzunicken. 

Ganz leicht ist zu erkennen, ob die Passanten Einheimische sind oder Touristen. Fremde werden ignoriert, Bekannten nickt man mehr oder weniger begeistert zu. Besonders vertraute Menschen bleiben kurz stehen, um sich zumindest die obligatorischen „bises“ zu geben – wobei hier durchaus auch Handschläge üblich sind, auch zwischen Männern und Frauen. Der Gesprächsstoff geht der kleinen Seniorenrunde nicht aus. Da wird erzählt, diskutiert, gestritten und vor allem viel gelacht.

Die Herren von der Stadtreinigung wissen, wie Sisyphos sich gefühlt hat. Mit großen Besen, kehren sie den Sand, den der Wind über die Dünen und die Kaimauer geblasen hat, zurück. Tag für Tag aufs Neue.

An einem Sonntag Morgen klingen harsche Befehle über den Strand: Die Armee hat ein Bootcamp für Soldat*innen und ambitionierte Freizeitsportler*innen organisiert. Das Ganze endet mit Tauziehen im Wasser und die Sportbegeisterten sind genauso schwer aus dem Wasser zu kriegen wie die Kinder.

Beton und Ratlosigkeit

Tom lächelt uns grimmig entgegen. Nein, nicht irgend so ein Schauspieler, der Kater aus Tom und Jerry. Ein paar Meter weiter zeigt uns ein großer Krebs sein Hinterteil und um die Ecke hat jemand ein Vier-Gewinnt-Raster an der Wand ausgefüllt.

Die Bomben der Alliierten konnten sie nicht zerstören und so liegen die Bunker, die an der französischen Nordküste die Dünen und Klippen säumen, mancherorts am Strand herum. Bunt besprayt oder einfach grau, mit Muscheln bewachsen und von Algenresten gesäumt.

Mal ist es Kunst, mal nur Tags und oft die üblichen „I was here“-Schmierereien. Aber die meisten sind einfach nur grau. Es gibt so viele, dass die Sprayer nicht nachkommen und das Interesse verloren haben.

Wo man hochklettern kann, nutzt die örtliche Jugend die Dächer der Bunker zum Sonnenbaden, am Cap Blanc Nez sitzt eine Touristengruppe, die flämisch, englisch und französisch durcheinanderredet, auf einem Bunkerdach zum Picknicken, auf dem Schornstein, der aus dem Koloss herausragt, balanciert eine Dose mit Käsewürfeln im Wind.

„Chasse interdite“ steht unbeholfen aufgemalt auf dem Betonkoloss in der Nähe unserer Ferienwohnung, an dem wir so oft vorbeikommen. Dutzende Kaninchenlöcher um ihn herum zeigen an, dass die aktuellen Bewohner dort friedlicher leben, als die, für die er ursprünglich gebaut worden war.

Wie großartig es ist, dass wir heute so friedlich hier vorbeigehen können, dass sich hier Menschen aus aller Herren und Damen Länder treffen können. Dass in dieser seit Menschengedenken so umkämpften Gegend Frieden herrscht.

Die Menschen hier leben vor allem vom Fischfang (Boulogne-sur-mer ist der größte französische Hafen und nach eigenen Aussagen der mit den meisten jährlichen Besucher*innen weltweit) und vom Tourismus. Von und mit Menschen von anderswo.

Natürlich ist alles komplexer und komplizierter. Natürlich ist das hier auch eine ehemalige Bergbauregion mitten im Strukturwandel. Natürlich gibt es tausend große und kleine Probleme. Und trotzdem geht mir das Ergebnis der Europawahlen hier (gerade hier, zwischen den Forts und Befestigungsanlagen und Wachtürmen und Bunkern aus mehr als zwei Jahrtausenden) nicht in den Kopf. 42,55 % für die Rechtsnationalisten, bei einer mehr als unterdurchschnittlichen Wahlbeteiligung von 45,55 %.

Ich sitze auf einem von Bomben abgesprengten Bunkerstück, schaue auf Jerry und verstehe es einfach nicht.

London, Regierungsviertel

Mitten in London scheint die Sonne an diesem Nachmittag besonders hell. Ihr Licht setzt den Westminster Palace ins beste Licht. Und die zahlreichen Reporterinnen und Reporter, die sich im St. James’s Parc aufbauen, um ihre Aufsager für die Nachrichtensendungen einzusprechen, ebenfalls. Die einen stehen auf dem Rasen vor dem Parlamentsgebäude, eine andere sitzt mit gemütlich ausgestrecktem Arm auf einer Bank im Schatten, kurz vor der Mauer zur Themse verrenkt sich ihr Kameramann, um sowohl die Kollegin als auch die Architektur gut ins Bild zu setzen.

Einige Schritte weiter stehen dutzende Kamerateams vor dem Gebäude, in dem gerade der oberste Gerichtshof darüber diskutiert, ob die Beurlaubung des Parlaments gesetzeskonform ist. Eine Handvoll Demonstranten mit „Brexit now“-Transparent haben sich vor dem Eingang aufgebaut. Dutzende Polizist*innen stehen mit unbewegten Minen um das Gebäude und die Fernsehteams herum. Ein tarnfarbener Hubschrauber kreist über der Szene.

Auf der Westminster Bridge steht derweil ein Hütchenspieler neben dem nächsten. Asiatische Tourist*innen drängen sich um die Herrschaften mit den silberfarbenen Becherchen und lassen sich dazu bewegen, absurde Summen zu setzen. „40 Pounds, Madam, that is a good offer for such an easy task.“

Von Polizisten ist hier weit und breit nichts zu sehen. Nach dem ersten Unverständnis darüber, dass man mit dieser Masche noch immer durchkommen kann, legt sich meine Überraschung über die fehlenden Ordnungshüter mitten im Zentrum der politischen Macht dieser Stadt. Wer weiß, wo die Herren und Damen mit den schicken Uniformhüten die größeren Betrüger vermuten.

Freitag, der 13.

Katzenrelief auf einem ZaunWann wenn nicht heute, einem Freitag, dem 13., könnte ich über eine Outdoor-Ausstellung schreiben, die wir im Urlaub gesehen haben? Da ging es nämlich – ganz genau – um Aberglaube. Darum, welche Aberglauben es gibt, wo sie herkommen und wie man sie möglichst plakativ darstellen kann. Mitten in Boulogne-sur-mer, zwischen Belfried und Rathaus, ist die kleine Aktion aufgebaut. Malerisch drapiert zwischen bunt blühenden Blumen.

Das gibt es jedes Jahr – einen improvisierten Garten mitten in der Stadt. Dieses Jahr schon zum – genau, 13. Mal.

Das mit der schwarzen Katze von links kennen wir ja alle. Dass aber auch Eulen gefährlich werden können, und dass es den armen Uhus und Käutzchen, die zu nah an Häuser herankamen, oft schlecht erging und man sie zur Abwehr der von ihnen angeblich angekündigten Unglücke mit ausgebreiteten Flügeln an das Hoftor nagelte, das wusste ich bisher nicht.Künstliche Eule an einer Gartenhütte

Natürlich gibt es auch die Glücksbringer und Schutzpflanzen: vierblättrigen Klee, Haselsträucher, Maiglöckchen, Knoblauch. Und Bommeln, die roten von den Matrosenmützen. Die zu streicheln oder – noch besser – als Trophäe zu erbeuten, bringt Glück, Reichtum und Gesundheit.Maiglöckchen aus Email

In Frankreich gibt es natürlich bergeweise Aberglauben rund ums Essen: 13 Menschen am Tisch, das soll nicht sein, auch gekreuzte Messer bringen Unglück. Brot darf nicht aufrecht auf dem Tisch liegen (weil so früher das Brot für den Henker gekennzeichnet wurde), man darf kein Salz verstreuen, …

Babywiegen dürfen nicht mit dem Kopf nach Norden stehen, Spiegel dürfen nicht zerbrechen und Regenschirme darf man nicht im Haus öffnen. Wobei letzteres durchaus einen ernsten Hintergrund hat, denn die ersten Schirme waren so schwer und sperrig und ihr Gestänge so spitz, dass es regelmäßig zu schweren Unfällen kam, wenn man sie in der Nähe anderer Menschen aufspannte, und in Häusern sind natürlich häufiger Menschen in der Nähe, denen man ganz ungeplant ein Auge ausstechen kann…

 

Natürlich haben wir den kleinen Ausstellungsgarten am Ende durch eines der Tore verlassen, an denen die Hufeisen richtig herum (mit der Öffnung  nach oben, um das Glück aufzufangen) hingen, man kann ja nie wissen… 🙂