Großflächig anwenden

Ich erinnere mich an viele Gerüche meiner Kindheit. An den Geruch von Spinatpfannkuchen mit Käsesoße zum Beispiel (konnte ich damals üüüberhaupt nicht ausstehen, wie ich heute weiß, ein kolossaler Fehler). Oder den Hagebuttentee, den es auf einer Ferienfreizeit so lange als Standardgetränk gab, bis wir eine Meuterei anfingen inklusive Fußmarsch durch den Wald, um irgendwo Zitronenteepulver zu kaufen. Es gab dann Wasser. Himmlisch. Oder die Mischung aus mit Nelken gespickten Orangen und heißem Bienenwachs als adventlichen Grundton.

Und dann gab es die Gerüche, die zum Gesundwerden passten. Nummer eins war der Zwiebeltee – einer der gruseligsten Gerüche (und leider auch Geschmäcker), die ich kenne.

Stundenlang siedete das Gebräu in der Erkältungssaison vor sich hin und selbst, wenn wir Kinder wieder gesund waren, roch das Haus noch tagelang nach dieser undefinierbaren Mischung aus süßlich, bitter und ranzig. Allein der Hinweis, es werde nun Zwiebeltee aufgesetzt machte mich schon halbwegs gesund – zumindest behauptete ich das standhaft; und musste das Gebräu dann trotzdem trinken. Da halfen auch Kandiszucker und eine zugehaltene Nase nicht.

Das zweite Hausmittel, auf das meine Mutter schwor, roch ähnlich intensiv, beduftete das Haus mindestens ebenso langanhaltend, aber im Gegensatz zum Zwiebeltee mochte – und mag – ich den Duft immer sehr. Das geheime Hausmittel war Ringelblumensalbe. Selbstverständlich selbst gekocht.

Die Ringelblumen blühten vor ihrem Einsatz in der Küche gelb-orange im Garten und waren für uns Kinder kein besonderes Highlight. Ganz hübsch, aber nicht so wunderbar wie Gänseblümchen, mit denen man Kränze flechten, Hüpfkästchen markieren oder romantisch-philosophische Gedanken machen konnte (aber das ist eindeutig eine andere Geschichte). Sie zogen nicht so viele Bienen und Schmetterlinge an wie andere Blüten und probieren konnte man sie auch nicht, wie die Brunnenkresse, deren Blüten auch noch strahlender leuchteten.

Kaum gepflückt und in den Kochtopf gewandert, wurden die Ringelblumen aber Superstars.  Ihre Salbe hilft vor allem gegen Mückenstiche (und außer dem Lieblingsmenschen liebt mich vermutlich niemand so sehr wie Stechmücken; ich sehe den halben Sommer aus wie Streuselkuchen, die Viecher stechen durch Socken und Hosen, durch T-Shirts und dicke Leinenblusen, in Knöcheln, Zehen, Handgelenke, Arme, Beine, hinter die Ohren, in die Nase,… sie lassen nichts aus). Also die Ringelblumen halten die Viecher nicht fern, aber sie lindern den Juckreiz. Langanhaltend. Juhu.

Außerdem ist selbstgemachte Ringelblumensalbe schön fettig und hilft wunderbar gegen rissige Haut, aufgeplatzte Lippen, Hornhaut an den Füßen. Sie zieht angenehm schnell ein und hinterlässt nur diesen sanften Blumenduft, der auch einsame Winterabende und klebrig-warme Sommernächte erträglicher macht.

Da ich schon immer viel schwitze – vor allem im Gesicht – hilft Sonnencrème wenig. Gegen eine juckende rote Nase hilft… naja, ihr wisst schon. Gegen kleine Schürfwunden, zur Ermutigung nachwachsender Haut unter Blasen und gegen schwere, müde Beine nach einem langen Tag wirkt das Zeug natürlich auch. Es ist schließlich aufgetankt mit viel Sonne, mit Wasser, das in großen Kannen durch den Garten getragen wurde, mit Zeit zum Wachsen und Kochen – und mindestens ebenso viel Liebe.

Und so sitze ich nun hier, bin sehr dankbar und gerührt über das kleine Päckchen, das ich heute von meiner Mutter bekommen habe, habe den Mückenstichen den Kampf angesagt und rieche von Kopf bis Fuß nach Ringelblumensalbe. Hach.

Blick aus dem Leuchtturmfenster

Der Sommer ist da und bringt dem Lieblingsmenschen und mir in diesem Jahr keine längeren Ferien. Aber auf das Internet ist ja Verlass und einige machen nicht nur Urlaub, sondern nehmen die Daheimgebliebenen ein wenig mit. Zum Beispiel ins Finistère, da hachze ich hier natürlich sehr herum. Das könnt ihr ab dem verlinkte Beitrag alles lesen. Und anschauen. Hatte ich schon „haaaach“ gesagt?

Oder wollt ihr lieber nach Südfrankreich? Bittesehr.

Lesen und leben auf Eiderstedt.

Jonny ist wieder da und ich wische mir Tränen aus den Augen.

Ein Familientreffen der besonderen Art im Odenwald.

Vom Wunsch, weg zu kommen und einer Alternative.

Geschichten vom und über den Balkan.

Kein Urlaub, aber ein besonderer Ort in Wien.

Vom Abschiednehmen.

Warum es wichtig ist, #metwo nicht nur im Augenwinkel wahrzunehmen, sondern sich darauf einzulassen.

 

 

Rot und schön

Es ist eine kleine Völkerwanderung. Dutzende Menschen streben in Richtung der Felder hinter unserem kleinen Dorffriedhof. Halblaute Grüße, stilles Nicken und fröhliches Winken bei den Kindern zeigen an, dass man sich kennt. Wer die Hitze nicht gut verträgt, kommt mit dem Auto, andere versuchen mit dem Fahrrad, den besten Standpunkt zu finden. Die einen haben Wasser dabei, die anderen Wein, wieder andere Kamera und Stativ.

Eine kleine Gruppe Wanderer kommt uns entgegen, sie wollen einmal um das Dorf herumgehen und das Naturschauspiel aus verschiedenen Perspektiven genießen.

Auf dem Feldweg ist es voll geworden. Groß und klein, jung und alt, Alteingesessene und Neubürger stehen in kleinen Gruppen zusammen und warten. Noch ist es zu hell. Der Blick gen Westen bietet aber auch ein wunderbares Schauspiel. Hinter dem Türmchen der kleinen Kapelle hat der Himmel sich gelb-orange-rosa-lila-blau gefärbt.Sonnenuntergang bei der MOndfinsternis 2018 im Vorgebirge

Die Raffinerie einige Kilometer weiter hat irgendein Problem und fackelt Gas ab, gerade rechtzeitig wird die Flamme kleiner. Denn da, ganz blass noch und kaum zu erkennen, wird er plötzlich sichtbar, knapp über dem hügeligen, baumbestandenen Horizont: der Mond im Schatten der Erde.sehr blasser MOnd bei der Mondfinsternis 2018

„Was guckt ihr denn da alle, das ist doch nicht sonderlich beeindruckend“, schimpft ein vorbeigehender Herr mit Hund. „Das wird noch, es ist noch zu hell“, tönt es ihm aus verschiedenen Kehlen entgegen.blasser Mond bei der Mondfinsternis 2018

Und plötzlich interessiert auch er sich für das Phänomen. Bleibt stehen, lässt den Hund über die Felder laufen, doch schon bald kommt der zurück und legt sich hechelnd auf das warme Gras am Wegesrand.

Murmelnd unterhalten sich die Zuschauer, die sich über den langgestreckten Weg verteilt haben. Zücken Handys und versuchen mithilfe von Apps, die Sterne und Planeten zu identifizieren, die nun immer besser sichtbar werden. Jupiter, Venus. Und der immer besser sichtbare rote Mond.Blutmond 2018

Der Lieblingsmensch schaut gerne aufs Meer, mag dabei aber gerne nicht nur schauen, sondern auch beobachten und hat daher im Frühjahr an der Fernglasfront etwas aufgerüstet. Mit dem Vergrößerungsglas sieht das Schauspiel nochmal deutlich beeindruckender aus. Wir lassen das Glas herumgehen, der Lieblingsmensch zeigt, wie man scharf stellt und zoomt.

Leise aahs und oohs zeigen an, dass der Mars seinen großen Auftritt hatte, Kameraauslöser klicken leise, Hände zeigen in den Himmel. Irgendwann fliegt die ISS aus der gegenüberliegenden Himmelsrichtung so schnell vorbei, dass wir sie kaum sehen. Kurz nach Mitternacht klappt das besser und wir winken Astro-Alex und seiner Kollegin und Kollegen zu.Blutmond und Mars bei der Mondfinsternis 2018

Der Mond wird dabei schon wieder nach und nach honiggelb. Die Venus ist weitergezogen. Auf dem Heimweg steht er so hoch, dass wir ihn zwischen den Giebeln der Häuser sehen können. Nach und nach zerstreut sich die Menge, biegen alle dorthin ab, wo sie wohnen.

Eine fast vergessene, fröhliche, stille Gemeinschaft hat uns an diesem Abend vereint. Gemeinsam waren wir beeindruckt und entzückt von der Größe des Universums um uns herum und der Tatsache, dass wir da wirklich und tatsächlich auf den Schatten unsere Planeten schauen. Dass es den Menschen gelungen ist, ein multinationales Projekt wie die ISS zu schaffen und zu bemannen (und befrauen – @AstroSerena) und dort Forschung zu betreiben, die uns allen zugute kommen wird bei der Bekämpfung von Krankheiten und so vielem mehr. (Das Horizons-Blog kennt ihr sicher alle, nicht wahr?)

Im Mittelpunkt standen für einen sommerwarmen, windstillen, mondroten Abend lang nicht unsere Meinungen und Unterschiede, sondern unser gemeinsames Menschsein. Das war für mich mindestens genauso schön wie das Himmelsschauspiel über uns.Blutmond und Mars bei der Mondfinsternis 2018

Sommerregen und Erinnerungen

Und dann regnet es plötzlich wirklich. Es fängt gerade an, als ich aus dem Zug steige. Die meisten Menschen eilen Richtung Bahnhofsvordach, aber einige – so wie ich – stellen sich mitten in den Regen und fangen an zu strahlen. Langsam gehe ich über die Straße, auf der die dicken Tropfen platzen und in kleineren Tröpfchen um meine Füße herumtanzen.

Ich atme tief ein und da ist er. Dieser ganz spezielle Geruch nach nassem, heißen Asphalt. Dieser wunderbare Sommergeruch nach Straße und Staub und Teer und Kindheit. Dieser Geruch ist eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen. In der Sackgasse spielten wir Fangen oder Verstecken oder Schnitzeljagd oder lieferten uns Wettkämpfe in Hüpfgummihüpfen oder Langsam-Fahrradfahren. Und dann regnete es plötzlich diese langsamen, schweren, großen Landregentropfen. Und in der Luft liegt in Sekundenbruchteilen dieser ganz besondere, spezielle, wunderbare Geruch einer staubigen, wenig befahrenen Straße im Sommer. Kein Gedanke daran, mit dem Spielen aufzuhören und ins Haus zu laufen. Der Regen kühlt die Luft nicht ab, wenigstens nicht sofort. Und meistens hört er genauso schnell wieder auf, wie er gekommen ist.  Vorher drehen wir uns im Kreis und versuchen, einen Regenbogen zu entdecken, weit kann die Sonne schließlich noch nicht sein.

So ist es noch heute. Ich gehe langsam, mit erhobenem Kopf durch den prasselnden Regen, ich lächle vor mich hin und atme besonders tief ein und aus und genieße das, was mein Sommergeruch ist, mehr noch als sonnengecremte Haut oder windgetrocknete Bettwäsche.

Nach dem Duft nach Staub, Teer und nassem Asphalt kommt der nach nassem Gras. Durch die lange Trockenheit riecht es mehr wie feuchtes, staubiges Heu. Auch einer meiner Sommer-Lieblinge.

Von irgendwoher treibt der Wind schweren, süßen Blütenduft herbei und ich überlege, ob ich einen Umweg mache. Ich spüre die Tropfen auf den bloßen Armen, die ersten Tropfen laufen mir aus den zu langen Ponyfransen ins Gesicht. Die näher kommenden Blitz und Donner bringen mich von der Idee ab, den Spaziergangs durch das kleine Waldstück um die Ecke zu verlängern.

Als ich ein paar Minuten später die Haustür aufschließe, lässt der Regen schon wieder nach. Noch einmal atme ich tief ein, schon ist er wieder weg, der Sommer-Erinnerungs-Lieblings-Duft und von irgendwoher höre ich die erste Hummel, die sich unter einer großen Blüte verborgen hatte und nun wieder Richtung Lavendelbusch brummelt.

Waffeln backen für den Weltfrieden

Zynisch sei ich geworden, beschwerte sich neulich der Lieblingsmensch. Er muss sich mein Geschimpfe anhören über das, was Seehofer und Co für den Willen des Volkes halten und ich für menschenverachtende *hier Schimpfwortkette einsetzen*.

Was hilft? Weniger lesen, mehr machen. Eine alte Weisheit, aber dieses Internet beinhaltet eben nicht nur Hass-Auskotzer, sondern auch Menschen, die einem so etwas im richtigen Moment nochmal in Erinnerung rufen.

Und so backen wir Waffeln auf einem Fest, schneiden die Hecke schon wieder zurück, so dass die Nachbarn wieder näher am Zaun parken und die Müllmänner ohne frühmorgendliches Dauerhupen durchfahren können. Das Ding scheint das einzige zu sein, das in diesem Wüstensommer in unserem Garten gedeiht wie Hulle. Aber wir, die wir mit dem genauen Gegenteil eines grünen Daumens gesegnet sind, freuen sich ja auch über sowas. Die Heckenschere weniger und gibt den Geist auf. Stielbruch ist mal eine kreative Form von Arbeitsverweigerung.

Hier ein mittelprächtiges Technikproblem lösen, da ein Interview führen mit einer, die gerade von einem längeren Besuch in Südkorea zurückkommt und dort unter anderem Essen an Menschen ohne Mittel ausgeteilt hat. Die wenigsten sahen auch so aus, viel häufiger war ein erst auf den dritten Blick fadenscheiniger Anzug, eine zerschlissene Aktentasche und ein höflicher Gruß. Für die von Freiwilligen gekochte warme Mahlzeit fragt niemand nach dem Woher und Wohin. Was übrig bleibt, fahren die Freiwilligen mit kleinen Wägelchen zu Menschen, die ihre Hütten nicht verlassen können.

Mitfreuen mit jemandem, der eine neue Stelle anfängt und bei der alten angemessen großartig verabschiedet wird.

Die Leere mit aushalten, da, wo jemand für immer fehlen wird.

Notebook und Drucker ins Auto packen und durch mehrere Staus schleichen, um jemandem ohne Kraft für Bürokratieberge ein wenig Korrespondenz abzunehmen.

Quer durchs Land fahren und konstruktiv arbeiten, unterschiedliche Meinungen nicht auflösen müssen, sondern als Bereicherung begreifen und am Ende des Tages mehr auf dem Tisch liegen haben als die Summe der von jeder vorbereiteten Einzelteile.

Mit den Freunden in Frankreich über den zweiten Stern freuen.

Mit rund 6.000 anderen für Seenotrettung und Menschlichkeit demonstrieren.

Ich glaube, jetzt kann ich den Regler für den Welt-Wahnsinn wieder ein bisschen hochfahren.

Nicht schießen, das sind doch Menschen

Als Napoleons Truppen 1794 die Stadt Köln einnehmen wollten – und es auch taten – richteten sie die Waffen auf die Stadtsoldaten. Die waren, sagt man, weder gut ausgebildet noch gut bezahlt, vor allem aber waren sie fassungslos. Da kamen doch wirklich Soldaten und schossen. Die Legende erzählt, dass die entrüsteten „roten Funken“ den französischen Truppen entgegenriefen: Nicht schießen, das sind doch Menschen!

Als ich nach Köln zog, wurde mir diese Geschichte oft milde lächelnd erzählt. Zurzeit muss ich wieder oft an sie denken. Und stelle fest, dass ich sie gut verstehen kann, die entsetzen Stadtsoldaten. Das sind doch Menschen, über die wir da reden. Menschen, die ertrinken (und andere Menschen, die die Rettung der Ertrinkenden verhindern).

Das sind doch Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie lieber die gefährliche Fahrt übers Meer wagen, als in dem Horror zu bleiben, der hinter ihnen liegt.

Menschen, die sich sehnen nach einer Zukunft, in der sie nicht nur überleben, sondern leben. Die ihren Kindern ein besseres, sichereres, satteres, beschützteres, gebildeteres, leichteres, lebendigeres Leben wünschen und schaffen wollen.

Menschen mit – sicher oft völlig überzogenen, unrealistischen – Träumen und Hoffnungen, Wünschen und ja, auch Ansprüchen.

Menschen mit Problemen, Traumata, anderen Ansichten, Meinungen und – deutlich schwerer auszuhalten – Haltungen. Menschen mit eigenen Vorstellungen, die mit unseren nicht immer leicht überein zu bringen sind.

Menschen, die keiner haben will und auf deren Rücken Machtspiele ausgetragen werden von anderen Menschen, die sie als Probleme, als Schwierigkeit, als … bezeichnen. Ich mag die Worte hier gar nicht wiederholen, die glauben machen sollen, dass es hier um alternativlose Zwänge gehe; um Dinge; um Bedrohungen. Dabei geht es immer um Menschen. Lebendige Menschen. Wie du und ich.

Ich kenne keine Lösung für die Probleme, die verzweifelte Menschen aus verschiedenen Gründen zur Flucht treiben. Aber ich sehe auf einer größeren Ebene auch keine erfolgversprechenden Bemühungen, diese zu lösen. (Im Kleinen gibt es unendliche viele Belege dafür, dass Menschlichkeit immer zu einer besseren Lösung führt als Hass, aber die scheinen so schwer „skalierbar“ zu sein.)

Aber genau das müsste jetzt passieren: Dass wir gemeinsam nach Lösungen für mehr Menschlichkeit, mehr Frieden, mehr Solidarität, mehr Respekt, mehr Komplexitätstoleranz, mehr Konkretes-Tun suchen. Dass wir die Mehrheit, die für Menschlichkeit steht, aktivieren und mithelfen, dass die vielen kleinen Einzelinitiativen immer größere Kreise ziehen;  dass aus diesen Kreisen Hoffnung und Zuversicht darauf wächst, dass es Lösungen geben kann, die allen helfen, die mehr Gerechtigkeit, mehr Unterstützung, mehr Solidarität brauchen.

Statt über Probleme zu lamentieren und immer entmenschlichtere Wörter zu erfinden, müssten wir Lösungen finden, wie wir Kriege beenden und Frieden schaffen können; wie wir Menschen in Armut und Hoffnungslosigkeit dabei helfen, Perspektiven zu entwickeln für sich und ihre Gemeinschaften; wie wir Menschen erreichen können, die vor lauter Angst und Egoismus und Hass blind geworden sind für die Menschlichkeit der anderen; wie wir so leben und miteinander reden können, dass der Hinweis, dass Helferinnen und Helfer Menschenrechte kompromisslos ernst nehmen, kein Vorwurf gegen die Helfenden mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit (ja, ZEIT-Redaktion, ich schaue euch an).

Ich weiß nicht, wie der Weg dahin aussehen wird. Aber er wird nur gelingen, wenn eines unverbrüchlich feststeht: Das sind doch Menschen.

#seebrücke #teamretten #fightforhumanity

Unterwegsmomente

Die Bahn trägt mich einmal quer durchs Land. Beim Aussteigen stelle ich fest, dass ich fast vergessen hatte, dass es Sommer auch ohne tropische Luftfeuchtigkeit gibt. Ich muss ich an Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ denken, das ich in meinem ersten Sommer unter der rheinischen Dunstglocke gelesen habe, voll Sehnsucht nach dem Höllentäler Wind am Abend (innen wie außen).

An frisch renoviertem historischem Ort und in direkter Nachbarschaft zu jetzt schon reifen Augustäpfeln, Blumenmeer und Hummelfamilien, Treffen mit einer Freundin. Feststellen, dass solch kleine, dazwischengeschneite Momente tief und ehrlich und fröhlich und vertraut und ganz einfach wunderbar sein können. Wir sehen uns selten, aber leben im Wissen von- und umeinander und verlieren den Faden nicht, auch wenn lange stille Zeiten dazwischen liegen. Ein Geschenk.

Abends Planen, Spazierengehen, Eis essen und spontane Fußballfreude in der Fußgängerzone. Mitten in Bayern stehen Fans der spielenden Nationen um uns herum und feuern leidenschaftlich ihre Mannschaften an. Ganz eindeutig haben sie einen Hintergrund, der dem führenden politischen Teil des Landes nicht behagt. Hier wird leidenschaftlich gebrüllt und gestöhnt und gejubelt. Schlachtrufe und Gesänge in Sprachen, die ich nicht verstehe, schallen durch die Nacht. Die unparteiischen Einfachnurgucker dazwischen schauen sich ab und an vorsichtig um – ist hier Gefahrenpotential? Müssen wir gleich schnell gehen oder schonmal das Handy für den Notruf zücken? Nach dem entscheidenden Elfmeter Jubel bei den einen, Enttäuschung bei den anderen. Man beäugt sich, dann sagt einer zur Bedienung: Bringen sie uns neun Halbe und eine kleine Limo bitte. Seine Kumpels zählen nach, da stimmt doch was nicht. Das steht doch ab, wenn man zu früh bestellt. Neinnein, das ist schon richtig. Die Verlierer sollen auch was bekommen. Zusammen bangen, zusammen trinken. So macht man das hier. Die Leute mit dem einheimisch rollenden R rücken zusammen, machen Platz für die, die sich durcheinander gratulieren und trösten.

Am nächsten Tag bringt die Bahn mich zurück quer durchs Land. Zwei junge Typen mit langen Bärten und Pluderhosen diskutieren in fröhlicher Slangvielfalt mit einem breit hessisch babbelnden Jeansträger über Hip-Hop und finden, dass da Vieles deutlich zu krass geworden ist, jetzt aba echt mal. So vong Sprache her. Und vong Meinung. Voll verachtend, also so für Menschen. Aber was willste erwarten, wenn die Typen mit der Macht so arme Trottel einfach absaufen lassen. Und dann aufregen von wegen Sittenverfall. Ratloses Schulterzucken. Nächste Playlist durchgehen? Ja, aber habta schon gespendet? Klar. Geht ja sonst gar nicht.

Vor dem Fenster leuchten die Stoppeln von abgeernteten Getreidefeldern golden in der Abendsonne. Sommer in Deutschland.

Umarmung am Bahnsteig

Während um mich herum die Welt immer verrückter zu werden scheint (was genau halten diese CSU-Menschen eigentlich noch für menschlich, europäisches Leistungsschutzrecht, Kinder, die ihren flüchtenden Eltern weggenommen werden, Debatten, die immer sofort emotional eskalieren, …), passiert am Bahnsteig, an dem ich aussteige, fast jeden Morgen Folgendes:

Die Türen öffnen sich, viele Menschen strömen auf den Bahnsteig und drängeln in Richtung Treppe. Wenn der Zug pünktlich oder der Gegenzug gleichviel verspätet ist – man glaubt es kaum, aber das ist überraschend oft der Fall -, passiert am Nachbargleis genau das selbe.

Mitten im Gewusel entsteht dann ein kleiner Stau, eine kleine Insel. Eine Frau aus meinem und ein Mann aus dem Zug in die Gegenrichtung fallen sich kurz in die Arme, küssen sich innig, laufen wieder in ihren jeweiligen Zug zurück, rufen sich kleine Nettigkeiten, Uhrzeiten für ein Telefonat oder Pläne fürs Wochenende zu. „Ich hab dir noch einen Link zu einem Küchenstudio geschickt, schau mal, ob dir das gefällt.“ – „Ich habe im Keller die Sackkarre wiedergefunden, falls wir die mal brauchen.“ – „Soll ich die Kinokarten für Freitag reservieren? Kommen die anderen auch mit?“ …

Bis sich die Türen wieder schließen, schauen sie über die dahinhetzenden Menschen hinweg und strahlen sich an. Die meisten Menschen auf dem Bahnsteig huschen um die beiden herum, die meisten stumm, hin und wieder schimpft jemand, dass die zwei im Weg sind. Manchmal aber lassen sich andere, lasse ich mich anstecken, von ihrem Schwung, ihrem Strahlen. Dann lächeln wir uns verschmitzt zu, wenn wir die Treppe hinuntereilen, in die Straßenbahn springen oder ins Büro weitergehen. Das Ganze dauert immer nur ein paar Sekunden, aber die erwärmen mich deutlich länger.

 

Noch etwas ungewohnt

Mit Muskelkater aus der Hölle (wer wochenlang nichts im Garten tut, muss leiden, wenn sie sich dann doch dranmacht…) entscheide ich mich, an meiner U-Bahnstation nicht die Treppe mit den knapp 80 Stufen zu nehmen, sondern mit dem Aufzug zu fahren. Dafür bin ich allerdings am falschen Ende der Bahn ausgestiegen. Als ich sehe, dass der Aufzug bereits die Türen öffnet, mache ich ein paar schnellere Schritte (aua) und rufe der weißhaarigen Dame an der Tür zu, ob sie mich noch mitnimmt.

Klar, lacht sie und dreht sich halb zu mir um. Da erst sehe ich ihren Rollator, mit dem sie vorsichtig über die Aufzugschwelle schiebt. Ich halte den Arm in die Lichtschranke, während die Dame ihre Handtasche wieder richtig in das Körbchen steckt.

Dieses Gerät hier habe ich ganz neu, lächelt sie schüchtern, als sie mich anrempelt, weil sie während der Fahrt versucht, den Rollator zu wenden. Ich habe sowas zum ersten Mal und muss ich mich erst eingewöhnen.

Sicher nicht so einfach, sage ich. Nein, allerdings, lächelt sie wieder. Aber das Ding gibt mir so viel Freiheit. Ich kann wieder draußen unterwegs sein, kann in den Park gehen und zum Einkaufen und wenn ich müde werde, habe ich gleiche eine Sitzbank dabei. Nur das mit der Bremse muss ich noch üben.

Klingt nach einer sehr guten Anschaffung, lächle ich zurück. Die beste überhaupt. Nur noch etwas ungewohnt, sagt sie im Brustton der Überzeugung. Aber das macht nichts, so ist das ja oft. Erst ist es etwas ungewohnt und dann will man es nicht mehr anders haben. Als ich nicke, fragt sie: Wollen Sie noch ein Beispiel? Ich nicke wieder und sie sagt: Mit meinen Nachbarn, da war das genauso. Erst waren sie etwas ungewohnt, sie sahen anders aus und das Essen roch durchs Küchenfenster so anders als meins. Aber dann haben sie gefragt, ob sie Salz ausborgen könnten. Also, gefragt haben sie nicht, mehr so mit Händen und Füßen und so einem Sprachdings in ihrem Telefon. Und da dachte ich, da kann ich doch helfen. Ich meine, nicht nur mit dem Salz, ich war doch Deutschlehrerin. Und jetzt reden wir immer miteinander und ich bringe ihnen neue Wörter bei und ich habe Reis mit Rosinen gegessen. Sehr ungewohnt, aber lecker.

Der Aufzug ist längst angekommen und wir stehen oben in der Sonne. Ich sage ihr, wie schön ich es finde, dass sie sich auf diese neue Erfahrung eingelassen hat  und dass ich gerne noch länger plaudern würde, allerdings müsse ich weiter zur Arbeit. Ich wünsche ihr viel Spaß beim Spazierengehen und Erfolg beim Üben mit der Bremse. Sie lächelt und hebt vorsichtig eine Hand vom Lenker für ein Abschiedswinken, Mit wildfremden Menschen reden ist auch noch etwas ungewohnt, sagt sie und schiebt in die andere Richtung davon.

Freunde an schönen Orten

Bei der Arbeit bin ich einigermaßen strukturiert und organisiert (Ausnahmen bestätigen die Regel), aber in meinem Privatleben kennen mich meine Lieblingsmenschen eher als verpeilt.

Umso schöner ist es, wenn ich einfach so sein darf, wie ich eben auch bin. Chaotisch, unorganisiert, planlos. Aber reiselustig.

Wenn ich mich selbst einladen, den Termin noch zweimal verschieben und die Ankunftszeit erst kurz vorher definitiv nennen darf. Wenn ich zu den seltsamsten Tageszeiten willkommen bin und mit offenen Armen und Herzen empfangen werde.

Wenn jemand extra für mich Frühstückslokalitäten scoutet und mich dann an einen hinreißenden Ort bringt, nicht ohne vor dem Spaziergang zur Location schon einen Orangensaft kredenzt zu haben.

Wenn es mir nicht übel genommen wird, dass ich an einem Abend, der zum ausufernden Plaudern gedacht war, kurzerhand noch vor dem Öffnen der ersten Flasche Wein einschlafe. Oder umgekehrt so in Plauderlaune bin, dass ich nicht mitbekomme, dass alle anderen längst Schlafsand in den Augen haben.

Wenn ich in das Leben eines anderen Menschen hineinplatzen darf, selbst wenn er oder sie eigentlich gar keine Zeit hat, aber dafür ein Zimmer mit Aussicht, in dem ich arbeiten, lesen, träumen darf.

Wenn Zeit ist, gemütlich spazieren zu gehen, über Gott und die Welt, das große Ganze und das kleine Persönliche zu reden und zu schweigen; leckere Kleinigkeiten zu teilen und die Schönheit von alten Deckenbalken, sonnenbeschienen Giebeln oder Frauensolidarität gemeinsam zu genießen.

Wenn in Ermangelung von Zeit für lange Telefonate kleine Nachrichten mehr sagen als tausend Worte.

Manchmal bedauere ich, dass die meisten der Menschen, die meinem Herzen am nächsten sind, nicht um die Ecke wohnen. Durchquatschte Nächte in der Stammkneipe gibt es daher in meinem Leben kaum. Dafür Telefonate, bis der Akku leer ist und darüber hinaus.

Auf der anderen Seite der Medaille steht jedoch: Meine Freunde sind an unglaublich schönen Orten zu Hause. (Es ist fast, als hätten wir das genau so geplant, aber es ist alles Zufall, ehrlich.)  Wenn sich ein paar freie Tage auftun, dann bin ich – und sind der Lieblingsmensch und ich gemeinsam – an all diesen wunderbaren Orten willkommen. So haben wir in den vergangenen Jahren schon die ein oder andere schöne Ecke Deutschlands und der Welt besucht, berühmte Sehenswürdigkeiten besichtigt, Museen angeschaut, Altstädte durchschlendert und viele kleine Schönheiten am Rande entdeckt. Zum Glück wohnen wir auch in der Nähe von schönen Städten einer schönen Gegend, so dass wir uns ab und an revanchieren können.

An Ende eines langen Wochenendes, das wir genutzt haben, um zu Hause klar Schiff zu machen (der Garten ist jetzt ein Wüste statt eines Dschungels, aber das ist definitiv eine Verbesserung 🙂 ), ist es Zeit, einmal DANKE zu sagen. Ihr wisst wer ihr seid. Ihr macht mich sehr glücklich.