Vier Jahre Erinnerung

Vier Jahre lang. Woche für Woche für Woche. Vom 28. Juli 2014 bis zum 11. November 2018 gab es diese Rubrik im Gemeinde-Infoblatt von Kerlouan. „Commémoration du centenaire de la guerre 14-18“.

Vier lange Jahre erinnerte die Gemeinde Woche für Woche an den Krieg, den Verlauf der Frontlinien in der jeweiligen Woche vor 100 Jahren. Beschrieb wichtige politische Entscheidungen, relevante Truppenbewegungen, große und kleine Randnotizen von der Front und dem, was sie für die Menschen in Frankreich, in der Bretagne, im Finistère, in dem Dorf am Ende der Welt bedeuteten. Und sie gedachte der Toten aus Kerlouan. Erinnerte an die jungen und alten Männer, Fischer und Bauern, Handwerker und Arbeiter. An den Mittzwanziger aus der Straße an der Kirche, den Endvierziger, der in der Nähe der Metzgerei gewohnt hatte. An den Sohn der Witwe in der Avenue …, die nun nach Mann und Bruder schon den dritten Verlust zu betrauern hatte.

Sachlich wurde da berichtet. In weniger Sätzen zusammengefasst, was weltpolitisch passierte und wie es die Menschen am Ende der Welt betraf. Fast schon lakonisch stand da, wie der große Krieg in die kleine Welt am Ende des Endes der Welt einbrach. La Der des Ders –  la dernière des dernières (guerres) -, wurde der Krieg später genannt. Der letzte der letzten Kriege sollte es gewesen sein, der weite Teile Frankreichs vernichtete. Dass er nicht der letzte war, dieser Krieg, den die Franzosen aufgrund der Verwüstungen auf ihrem Territorium bis heute die „grande guerre“ nennen, dass da mehr und Schlimmeres bevorstand, das mochte sich damals niemand vorstellen.

Noch heute gibt es in Frankreich Zones rouges, die nicht betreten werden können. Der Krieg, der die Männer aus dem Finistère und aus allen anderen Regionen holte und auf dem Schlachtfeld vernichtete. Etwa 240.000 Männer aus der Bretagne sind gefallen, jeder vierte, der in den Krieg zog – überdurchschnittlich viele (im Durchschnitt starb jeder achte französische Soldat). Viele von ihnen konnten kaum oder kein Französisch, und seien es die Sprachprobleme, oder die Vorurteile oder noch viel komplexere Ursachen, die dafür sorgten, dass es die Fischer, die Bauern, die Handwerker und Arbeiter aus der Bretagne waren, die besonders oft in die ersten, aussichtslosen Reihen und Schützengräben geschickt wurden, es waren viele, die nicht zurückkamen und kaum eine Woche vergeht, in der das kleine Gemeindeblatt nicht vom Sterben eines Sohnes, eines Ehemanns, eines Vaters und Großvaters aus der Kommune zu berichten hat.

Vier lange Jahre stehen die kleinen Meldungen inmitten von Hinweisen zum Umgang mit der asiatischen Hornisse, zu Ausschreibungen von Flurstücken, zur Reparatur von Wasserleitungen, zu Sonnenbrillen und Autoschlüsseln, die im Fundbüro abgegeben wurden. Sie stehen neben den Anzeigen des Traiteur und der verschiedenen Coiffeurs, über den Hinweisen der Sportvereine und der Restos du coeur.

Der Krieg, auch er hat stattgefunden, während das Leben andernorts weiterging. Manchen brachte der Krieg sich auch vor 100 Jahren so in Erinnerung wie uns, wenn wir in den vergangenen Jahren als Touristen einige Wochen in der kleinen Gemeinde verbrachten und freitags das Infoblatt auf der Post mitnahmen, um ein wenig mitzubekommen, was die Menschen um uns herum bewegt (und wann es sich besonders lohnt, nicht selbst zu kochen, sondern beim Traiteur einzukaufen). Man hörte hin und wieder Nachrichten, erfuhr von Gräueln und dem Hin und Her der Front. Doch man lebte weiter.

Anderen rief der Krieg sich ganz anders in Erinnerung. Durch Gewalt und Schlachten, durch Flucht und Vertreibung, durch den Tod geliebter Menschen, durch Verletzung und Verstümmelung, durch …

Vier lange Jahre dauerte der Krieg. Und gab es zum 100. Geburtstag seines Anfangs unzählige Artikel, Buchveröffentlichungen und Veranstaltungen, geht sein Ende deutlich ruhiger vonstatten (natürlich gibt es das große Gedenken in Paris und … – und doch ist es ruhiger.

Dabei lohnt es sich, auch das Ende des Krieges zu betrachten. Innezuhalten und zu sehen, was es bedeutet, wenn die Waffen schweigen.

Clémenceau scheint davon geahnt zu haben, als er in der Stunde der Verkündung des Sieges nicht nur den Gefallenen dankte, sondern auch – im Voraus – den Überlebenden, die nun vor der Mammutaufgabe des Wiederaufbaus standen.

Was geschah nach dem Hissen der Trikolore und dem Läuten der Glocke. Das kleine Bulletin vermerkt:

Lundi 11 novembre : à 2h, du matin, les délégués allemands font savoir au maréchal Foch qu’ils sont à sa disposition. La séance s’ouvre aussitôt. La convention est relue et discutée article par article. A 5h, les signatures sont apposées sans qu’aucune modification importante ait été apportée. Il a été convenu que les hostilités cesseraient à 11h de la même matinée. Plus tard, il arrivera aux allemands de prétendre que seule la menace de révolution intérieure les a obligés à capituler et que leurs troupes ont été « poignardées dans le dos ». Ce ne furent pas les révolutionnaires de l’intérieur qui eurent finalement raison des armées du Reich,
ce fut le courage, l’opiniâtreté des soldats alliés ; ce fut aussi l’esprit de sacrifice des marins chargés d’assurer le blocus ; ce fut enfin le génie militaire du maréchal Foch.
[…]

… Später gaben die Deutschen vor, dass allein die Bedrohung einer Revolution von innen sie gezwungen habe zu kapitulieren und dass ihre Truppen ‚von hinten erdolcht worden seien‘. Doch es waren nicht Revolutionäre aus den eigenen Reihen, die die Armeen des Deutschen Reichs besiegten, es war der Mut, die Beharrlichkeit der alliierten Soldaten; es war auch der Opfergeist der Marinesoldaten, die die Seeblockade aufrecht erhalten haben; es war schließlich das militärische Genie des Marschall Foch.

Und auch das steht da:

L’ivresse légitime de la victoire empêche de distinguer combien cette victoire, toute glorieuse soit-elle eue été chèrement payée, chèrement par la France, chèrement par la civilisation dont la France était le sel.

Die legitime Siegestrunkenheit verdunkelt den Blick darauf, wie viel dieser Sieg, wie ruhmreich er auch gewesen sein mag, wie viel er gekostet hat, wie teuer er bezahlt wurde von Frankreich, von der Zivilisation, deren Salz Frankreich gewesen ist.

Ich habe nicht jede Woche online in die Gemeindemitteilungen geschaut. Aber ab und an habe ich nachgelesen, was geschah vor 100 Jahren. In der Welt, in Frankreich, in dem kleinen Ort am Atlantik, der uns so ans Herz gewachsen ist. Was mich dabei am meisten gefreut hat ist etwas, das nicht in Worten formuliert werden musste: Dass da jemand erzählt hat ohne Ressentiments. Sachlich und doch anteilnehmend. Mit Blick auf die historischen Fakten und die menschlichen Auswirkungen. Dass es möglich ist, dass aus Feinden – „Erbfeinden“ – Menschen werden, die sich in Frieden lassen, in Frieden leben, Freunde werden. Ich habe es gerade in Frankreich oft genug erlebt und es ließ sich auch zwischen den Zeilen der „commémoration“ finden. Dass Menschen, die es nicht schafften, miteinander zu sprechen, sich auf Wahrheiten zu einigen, Fakten anzuerkennen – dass es ihnen gelang, den Hass zu überwinden. Eine kleine Hoffnung. Aber eine Hoffnung.

800 Meter in Pasing

Auf der Straße kommen mir zwei Kinder entgegen gerannt. Atemlos spielen sie fangen. Einer der Jungen versteckt sich hinter mir und kichert dabei so sehr, dass er sich an meinem Bein festhalten muss, um nicht umzufallen. Ich muss lachen, denn dabei kitzelt er mich in der Kniekehle. Zwei junge Männer und zwei junge Frauen kommen den beiden nachgelaufen. „Entschuldigung, Entschuldigung“, rufen sie schon ein paar Meter entfernt. „Aber warum denn“, frage ich. „Ich habe es nicht eilig und freue mich über die fröhlichen Jungs“ lächle ich. „Wir sind so – äh – froh – froh sagt man, nicht?“ – sagt eine der Frauen. Sie trägt ein kunstvoll zum Turban geschlungenes Kopftuch und lächelt ein wenig schüchtern. „Froh“, sage ich, „genau“. „Als Baby hat er immer nur geweint“, sagt einer der Männer. Er tritt heran und nimmt vorsichtig die Hand der Frau. „Krieg, Aleppo“, sagt er. Ich nicke. „Wie schön, dass Sie hier in Sicherheit sind“, sage ich und fast entsteht ein Gespräch, aber die beiden Wirbelwinde finden das Gerede der Erwachsenen langweilig. Längst sind sie weitergerannt und kommen nun mit empörten Gesichtern zurück. „Schneller, schneller“, rufen sie und „fangen, schneller fangen“. Schon düsen sie wieder los, die Erwachsenen im Eilschritt hinterher.

Auf dem Marienplatz haben die Bäumchen in den rot gewandeten Bottichen längst alle Blätter abgeworfen. Im Sommer wirkten sie in ihrer Blätterpracht schon fast wie ausgewachsene Bäume, als ich in ihrem Schatten lesend schöner gewartet habe als am zugigen Bahnhof. Nun stehen die Stühle unter ihnen leer und stumm herum, einige sind so zueinander gedreht, dass man meinen könnte, in Ermangelung von Besuchern plauderten sie nun eben miteinander. Die goldene Marienstatue sieht novemberlich aus. Kein Sonnenstrahl bringt sie heute zum Funkeln, auch die Perlenkette aus Regentropfen, die ihr bei meinem letzten Besuch so gut stand, hat sie nicht angelegt. Still schaut sie auf die Stühle und die novembergrauen Bäumchen hinab.

Auch vor der Eisdiele einige Schritte weiter stehen Stühle, tapfer aufgestellt und mit den sommerfarbenen Auflagen einladend ausgestattet. Mutig hat sich ein Pärchen dort niedergelassen, in dicken Fliesjacken und Schals bis über die Ohren. Der Keller nähert sich ihnen mit einem großen Tablett. „After-Eight-Becher“ ruft er so laut, dass viele Passanten sich nach ihm umdrehen und den beiden mutigen Eisliebhabern anerkennend zunicken.

„Magst du Stollen?“, fragt ein Mann eine Frau an der Straßenverkaufstheke des Bäckers. „Nein, bloß nicht, die Rosinen, das Orangeat und was da sonst noch alles drin ist“. Man sieht, wie sie sich allein beim Gedanken daran schüttelt. „Aber mit Marzipan und Mandeln?“, fragt er schon deutlich weniger enthusiastisch. „Keine Ahnung“, sagt sie und schnaubt empört, als er „einen Mandelstollen bitte“ über die Theke ruft. Als die Verkäuferin den Stollen über die Theke reicht, sieht sie immer noch missgelaunt aus. „Und ein Mohnschnecke“, sagt der Mann und die Sonne geht auf in den Augen der Frau. „Das hast du dir gemerkt?“ Er lächelt zurück. „Ach weißt du was, ich probiere deinen Stollen, wenn wir zu Hause sind“, sagt sie. Mit ineinandergehakten Armen bummeln sie davon.

„Heute auf Gleis 10“ fährt mein Zug ein. Ein ältere Dame tippelt schnellen Schrittes im Gleisabschnitt hin und her, in dem „mein“ Waggon halten soll. Eine andere Dame im gleichen Alter steigt als eine der letzten aus und die beiden fallen sich begeistert um den Hals, halten sich eng umschlungen fest und tun das noch, als ich sitze, eingecheckt habe und nochmal kurz aus dem Fenster sehe.

Lichtspiel im Rheintal und darüber hinaus

Nebel liegt über dem Rheintal. Nicht leichte, glitzernde Schwaden direkt über dem Wasser, wie sie vor wenigen Wochen die Luft mit den ersten Strahlen der Morgensonne zum Funkeln und Meckerfreunde in der Bahn zum Verstummen brachten. Nein, dichter, weißer Nebel ist es, der das Tal und die gegenüberliegenden Hügel einhüllt. Nur der Fluss ist zu sehen oder das, was von ihm übrigblieb.

Vergebens halten die Kinder in meinem Waggon Ausschau nach den berühmten Burgen. Gut getarnt verstecken sie sich hinter der Nebelwand. Sie haben ein altes, abgeliebtes Bilderbuch dabei, das kitschig gezeichnet das Rheintal zeigt, auf dem sie die Finger hin und her schieben. Anhand der Uhrzeit versuchen sie zu schätzen, an welcher Burg wir gerade vorbeifahren könnten und wie diese aussieht. Ist es die mit dem großen, runden Turm? Oder doch die mit den vielen kleineren Türmchen?

Ab und an blitzen am gegenüberliegenden Ufer die im Tal gelegenen Häuser auf, lässt sich eine Fachwerkfassade oder ein Restaurant-Schriftzug erahnen. Einer hat den Nebel aber so weit vertrieben, dass man ihn ansehen kann: Ein kleiner, in sich zusammengesunkener Vater Rhein fließt langsam in die entgegengesetzte Richtung. In seiner Mitte stehen trockenen Fußes Menschen mit Messgeräten. Sie mussten kein Boot nehmen, so weit ist das Wasser zurückgewichen. Fast hat man den Eindruck, sie könnten die roten Bojen, die die Fahrtrinne markieren, mit einem langen Arm ans provisorische Ufer ziehen.

Alt geworden sieht er aus, der Fluss, an dem ich so oft schon vorbei gefahren bin; erschöpft, resigniert. Von seiner sonstigen Erhabenheit ist nichts übriggeblieben. Auch von der Menge der Schiffe, die man sonst mit dem Zug überholt, ist kaum etwas zu sehen. Und die, die noch da sind, sind kaum beladen, niedrig sind sie, die Kohle- und Kiesladungen.

Der Nebel hüllt uns ein, die kleine Gemeinschaft in dem übervollen Eurocity. Kein Internetempfang, kein Telefonnetz – fast fühlt es sich an, als gebe es sonst nichts auf der Welt als die Menschen in diesem kleinen Raum und den kleingewordenen Fluss.

Doch dann, ganz plötzlich, kurz vor Sankt Goarshausen, bricht die Nebelwand auseinander. Ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen kitzeln sich ihren Weg durch die kalten Glieder des Nebelkönigs und hüllen die Loreley in helles Licht. Stolz wirft Vater Rhein das Glitzern aus seinen stillen Wellen zurück. Im Zug wird es zwei Stufen stiller, Blicke heben sich aus Büchern und von Displays, Lächeln schleichen sich in Gesichter, die Großeltern der burgenliebenden Kinder zeigen flüsternd auf die Felsnase und die Überdachung der großen Freileichtbühne, die man von unten sehen kann.

Heute würde hier kein Fischer, kein Kahn in den Fluten versinken. Zu deutlich sind die Felsen zu sehen, von denen die in güldenes Haar gehüllte Sirene die Unglücklichen abzulenken versuchte. Hart und hoch und schwarz ragen sie aus dem Wasser, wie von Riesenhänden ins Gestein gekratzt.

Die Sonne bricht sich in den Fahnenmasten auf dem Gipfel und ich muss daran denken, wie wir als Schülerinnen dort oben mit den Blockflöten die Geschichte der Nymphe mit dem goldenen Haar und dem verlockenden Kamm spielten und die Klassenkameraden dazu sangen. Mit einem Sonderzug für die ganze Schule sind wir damals angereist und während die Großen nach Köln oder Bonn ins Museum weiterratterten, stiegen wir Kleinen hinauf auf den Felsen und picknickten mit Blick auf das Rheintal. Zum ersten Mal hörte ich damals von den Reisen des jungen Goethe, von Rheinromantik und den Nibelungen. Die gleiche Lehrerin, die meine Liebe fürs Französische und für Frankreich weckte, die Neugier auf andere Menschen und Meinungen unterstützte und uns lehrte, dass Sprachenlernen manchmal auch über das Nachkochen von Rezepten und Besichtigen von Käsereien gelingt, sie verstand es, Zusammenhänge zwischen Literatur und Kunst und Musik und Natur für einen kurzen Moment in mir wach werden zu lassen. Und eine Ahnung davon, dass es möglich ist, dies mit Worten festzuhalten und sich von den Worten in neue, fremde Welten und Gedanken mitziehen zu lassen. Ich erinnere mich noch an das Leuchten ihrer Augen, als sie uns oben auf dem Berg, den Rhein im Rücken, von Siegfried und dem Rheingold erzählte. Schnell war das damals vergessen, in keiner Weise rechnete ich damit, dass mir dieser Moment bleiben würde. Doch seit einigen Jahren muss ich jedes Mal, wenn ich auf der Lieblingsbahnstrecke unterwegs bin, wieder daran denken. Auch in grauen Stunden und schweren Tagen ist es eine schöne, frohe Erinnerung. Ob sie es wohl ahnt, dass ein Ausflug vor fast 30 Jahren noch immer nachhallt?

Auch, dass ich abends von einer Nachbarin am Bahnhof abgeholt wurden, weil mein Vater einen Radunfall hatte und wir statt der üblichen Ausflugsende-Bratkartoffeln Krankenhausbrote bekamen, weiß ich noch und erinnere es doch viel seltener. Erfahrungen wie die auf der Loreley  haben Spuren in mir hinterlassen wie die Narbe es auf Papas Arm tat: Etwas habe ich mitgenommen, was im Alltag kaum auffällt, sich aber immer wieder in Erinnerung ruft.

Noch heute weiß ich den Text der Loreley-Ballade in Gänze auswendig und singe in inwendig vor mich hin, während der Zug sich durch die nächsten Tunnel schlängelt. Am Ende der Röhrenreihe hat der Nebelkönig das Regiment wieder an sich gerissen, doch nicht für lange. Kaub – auf einer übergroßen Insel, wie ich sie in all den Jahren nicht gesehen habe – reckt den Sonnenstrahlen seine weiß-roten Farben und sein leuchtend schwarzes Dach entgegen.

In Bingen leuchtet der Mäuseturm schon in der Sonne, der graue Himmel hat aber noch nicht ganz begriffen, dass er die Schlacht verloren hat und sein Blau nun nicht mehr lange verbergen kann. Die Weinberge erzählen es ihm mit leuchtend gelb-orange-roten Blättern und dem ein oder anderen Hang, an dem noch taufeuchte, in der Sonne leuchtende Trauben auf den ersten Frost und die Eisweinlese warten.

Zwischen Mannheim und Vaihingen schaue ich dem Fangenspiel zwischen Nebelkönig und den Sonnenkindern zu. Der König hat seinen dicken Mantel abgelegt und lässt aus seinen Fingerspitzen spielerische Wolkenbänder schlängeln. Wie mit einem groben Schwamm zu einem eigenwilligen Muster verwischt zeigt der Himmel sich in grau-blau. Des Königs Schwager Wind hat hier noch keine Audienz gegeben und so toben die Sonnenkinder durch tausendfarbig bunte, dicht belaubte Blätterreihen. Schnell werden sie erwachsen und in Göppingen tun sie schon ganz ernst wie ein echter Spätsommertag, als seien sie nicht gerade erst den Kinderschuhen entwachsen.

Farbenrausch

Ich öffne das Fenster zum Lüften und schaue ins morgenkalte Schwarz. Vor ein paar Tagen war es draußen noch orange-gelb-rosa, als ich aufstand. Zum Meditieren setze ich mich vor das große Fenster und lasse mich vom immer heller werdenden Blau umscheinen. Ganz dunkel wie eine Decke ist es. Umfängt mich wie der Schlaf. Das Licht der Straßenlaterne reicht nicht bis zum Fenstersims und so sitze ich still und lasse mich umhüllen, bis das Blau auch in mir Raum nimmt, mich ausfüllt und mit jedem Atemzug hinein und hinausströmt.

Als würde mein Atem die Dunkelheit ein und wieder aussaugen und dabei einen Teil davon verschlucken, wird es langsam und fast unmerklich heller. Ich habe die Augen geschlossen und ahne die Veränderung von tiefem dunkelblau zu blaugrauem meerblau, zu brechende-wellen-grün-blau und schließlich zu nebeldurchzogenem himmelgraublau mehr als dass ich sie sehe.

Als ich aufstehe ist es eindeutig Tag geworden. Ein junger Tag noch, aber eindeutig ein Tag. Auf dem Weg zu Bahnhof spielt die Sonne mit dem Frühnebel Verstecken und verrät dabei ständig ihren Standort, weil sie auf dem Weg hinter die nächste Nebelschwade rote, gelbe, rosafarbene und orange Spuren hinterlässt.

Beim Warten auf die Bahn wird klar, wer das Spiel gewonnen hat und die Sonne färbt die Backsteinfassade der Konservenfabrik mit diesem besonderen Herbstgold, das es nur im Oktober gibt. Fast mag ich nicht einsteigen, doch auch der Blick aus dem Bahnfenster beschenkt mich mit Farben und Licht. Der kleine Schlossteich hat nur wenig Wasser, doch es reicht, um das Sonnengold und die Rot-Gelb-Beige-Braun-Töne der Bäume um den Teich herum glitzernd zu reflektieren.

Im Büro muss ich die Sonne ein wenig ausschließen, damit ich den Bildschirm sehen kann. Früher als noch vor wenigen Wochen ist sie hinter die Fassade des gegenüberliegenden Bürohauses gewandert, so dass nicht mehr Lichtstreifen, sondern sanftes goldenes Leuchten das Büro und die Domspitzen umfängt. Kurz bricht sich das Nachmittagsgold in einem Fenster im Innenhof und zeigt deutlich, dass es verwandt ist mit dem Gold über der Fabrikhalle am Morgen, aber es ist eher eine Cousine als eine Zwillingsschwester und blitzt frech, um die ihm zustehende eigene Bewunderung abzubekommen.

Wie eine Waffel mit Puderzucker ist die Stadt mit Abendlicht überzogen, als ich wieder zum Bahnhof gehe. Ich lasse mir Zeit, nehme nicht die Straßenbahn, sondern bummle durch das rötlicher werdende Licht in Richtung Zug. Unterwegs kommt das Blau zurück und mischt sich langsam und unauffällig unter das Rot und Gold und färbt es zu Rosa um. Je nähe ich den Gleisen komme, desto größer wird das Blau und desto verwunschener werden die rosa-grau-dunkelblauen Farbbänder.

Als ich aussteige, ist die blaue Stunde ganz dunkelblau geworden. Durch das samtene Licht lasse ich mich über einen Umweg über die Felder nach Hause treiben. Die Äste der Bäume verstecken sich immer weiter im Blau, nur das leise Rascheln einzelner fallender Blätter verrät sie noch. Als ich die Tür aufschließe, atme ich wieder schwarze Ruhe ein. Doch nicht lange. Drinnen umfängt mich die Helligkeit der Leselampe und das noch wärmere Licht eines Lächelns.

Urlaubserinnerungen

Wirbelnd treibt der Wind den feinen Sand vor sich her, die Gischt der Wellen spritzt so hoch, dass sie die Spaziergänger auf dem Pier von unten durch die Ritzen zwischen den Planken durchweicht und sie kichernd zur Seite springen.

Auch beim Spaziergang durch das Belle-Epoque-Innenstädtchen werden wir ordentlich durchgepustet. Der Wind wechselt die Seiten, kommt von vorne und hinten, rechts und links, sogar von oben und unten. Er wirbelt alles durcheinander, außen wie innen, und nimmt das Gedankenchaos mit. Vielleicht ist er genau darum gekommen, um uns in den den kurzen Urlaubstagen so viel Erholung zu schenken, wie möglich. Mit seinen kräftigen Böen pustet er den Stress, die Erschöpfung, das Ausgelaugtsein und den Gedankenmischmasch erst durcheinander und dann davon, bis wir nur noch im Jetzt da sind und an nichts anderes denken als an das Rauschen des Meeres und die Schreie der Vögel, an die vorbeitreibenden Wolken und das immer neue Heranrollen der Wellen.

Auf dem Rückweg zur Strandpromenade hat Herr Wind sich in der kleinen, steil ansteigenden Gasse fangen lassen und bläst so stark, dass wir uns gegen ihn stemmen und mit ihm kämpfen müssen, um voranzukommen. Wir ziehen die Jacken fest um uns, um keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten. Die Köpfe eingezogen und die Schultern in den Wind gestemmt, sehen wir aus wie Bäume, die lange im Wind standen – schief und gebeugt.

Oben angekommen lässt der Druck plötzlich nach und fast fallen wir nach vorne und purzeln übereinander. Stolpernd und gegeneinander taumelnd schaffen wir es gerade so, auf den Beinen zu bleiben. Unser Lachen nutzt der dreiste Wind, um uns Sandkörnchen und Gischtfetzen in den Mund zu pusten.

Außer Atem retten wir uns auf den Balkon unseres Zimmers und freuen uns daran, wie der Wind nicht mehr uns, sondern nur noch die Nordseewellen in Wallung bringt.

Des einen Freud…

Wir fühlen uns, als wären wir in eine lebende Kitschpostkarte gefallen. Dabei wussten der Lieblingsmensch und ich doch genau, was uns erwartet, wenn wir nach Brügge fahren. Wie in fast allen alten flämischen Städten gibt es hier Spätmittelalter-Romantik in Hülle und Fülle. Prachtvolle Backsteinhäuser, einen beeindruckenden Belfried, reich verzierte Fassaden und prachtvolle Kirchen. Das kennt man j aus Brüssel (OK, das ist nicht flämisch), aus Gent, aus Leuven, … In Brügge fühlt sich das alles allerdings tausendfach potenziert an.Häuer und eine Gracht in Brügge

Schon als ich Anfang der 2000er Jahre bei einem Praktikum dort war, gab es Touristen ohne Ende in der Stadt. Seit es in Zeebrügge das große Kreuzfahrtterminal gibt, hat sich auch die Zahl der Touristen potenziert, sie kommen busladungsweise und eilen freizeituniformierten Ausflugsbegleitern mit Schirmchen in Unternehmensfarben hinterher.

Wären da nicht die vielen Touristen und die dazugehörige Infrastruktur (Pommesbuden, Souvenirläden, Waffelstände), man könnte meinen, in Brügge wäre die Zeit stehengeblieben. Kein Krieg, kein großflächiges Feuer hat die Altstadt zerstört.Oude Markt, der Alte Markt, in Brügge

In Hamm wurde unsere Hochzeitsgesellschaft darauf hingewiesen, dass wir in einem von nur einer Handvoll historischen Häusern getraut würden ;der Rest ein Opfer des Krieges – Kunstpause – des dreißigjährigen Krieges. Die Kölner Innenstadt ist seit 1945 nicht wiederzuerkennen. In Rennes hatte ein Feuer einen großen Teil der Altstadt hinweggerafft – am Kranz der Fachwerkhäuser um die Innenstadt kann man die Brandlinie noch heute gut erkennen. Nur in Brügge ist noch fast alles, wie es war. Zeugt von Macht (der Herzöge von Burgund), von Reichtum (durch die Textilindustrie) und wirtschaftlichem Selbstbewusstsein (selten habe ich so schlecht gelaunte steinerne Türwächter gesehen wie am Rathaus von Brügge, die Mitglieder der Handelskontore umschmeicheln – hier nicht).Häuser in der Altstadt von Brügge

Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass das alles so gut erhalten ist, zeugt auch von Machtverlust, Armut und Bedeutungslosigkeit. Denn mit der Neuzeit kam die Versandung des Zwin, ohne Nordseezugang kein Handelszentrum, ohne Handelskontore und Adelssitz keine Einnahmen, ohne renommierte Universität keine wissenschaftliche Bedeutung. Jahrhundertelang lebte man nicht mehr in Brügge, sondern überlebte, mit Ach und Krach.

Gerne hätte man wohl teilgehabt an der Industrialisierung. Aber ach, Antwerpen und all die anderen mit sandfreien Meereszugängen, mit großen, schiffbaren Flüssen und attraktiven Konditionen für Investoren, waren so viel attraktiver. Fabriken und Arbeitsplätze? Entstehen andernorts. Kanalisation? Wird zuerst woanders gebaut. Gut gefüllte Marktstände? Nur dort, wo auch Menschen waren, die die Produkte bezahlen konnten.Altstadt von Brügge

Wer durch die Straßen und Gässchen schlendert, über die Brücken der Reies (so heißen hier die Grachten) geht, im Café am Oude Markt eine der besten Waffeln ever isst, sieht diesen Teil der Geschichte nicht. Dabei hat gerade sie die heutige Pracht möglich gemacht. Wer arm ist, reißt die bestehenden Häuser nicht ein, um neue, dem aktuellen Zeitgeist entsprechende zu bauen. Wer ums Überleben kämpft, zieht keine Stararchitekten an. Wer am Hungertuch nagt, bewahrt Traditionen und klöppelt Spitze – und ist gezwungen, sie zu einem Hungerlohn zu verkaufen.

Sollen wir also alle mit einem schlechten Gewissen durch das Schmuckkästchen spazieren? Natürlich nicht. Aber der Gedanke, dass das, was wir als schon immer dagewesene Tradition begreifen, das, was wir auf den ersten Blick schnell als romantisch und verwunschen einstufen, bei einem zweiten Blick vielfältiger, vielschichtiger, komplexer ist als wir vermuteten – dieser Gedanke könnte uns auch begleiten, wenn wir zurückgekehrt sind in unseren weniger kitschigen, aber immer wieder auch auf den ersten Blick erfassbar scheinenden Alltag.

Bayern vor der Wahl

In Augsburg regnet es in Strömen und ich komme aufgrund von Sperrungen und Umwegen durch die Baustelle am Bahnhof irgendwo heraus, wo die Freundin, die mich abholt, nicht ist. Gelobt sei der Erfinder der Smartphones, denn bevor ich zum dritten Mal an diesem Tag völlig durchweiche, ist das Auto da. Zur gemeinsamen Planungs-Spätschicht gibt es Wasser und einen richtig guten Single-Malt-Whisky. Ein liebevoll gerichtetes Gästezimmer und richtig guten Kaffee und eine frische Brezel zum Frühstück.

In Neuburg begrüßen uns am nächsten Morgen drei gemütlich wiederkäuende Alpakas und viele strahlende Gesichter. Wir sprechen darüber, wie die Tiere den alten Menschen auf einer Pflegestation gut tun, was man tun kann, damit Menschen, die aufgrund ihres Alters und ihrer Krankheiten nur noch einen sehr begrenzten Lebens- und Erfahrungsraum haben, teilhaben können an unserer Welt, am Leben außerhalb ihres Krankenzimmers. Ich treffe Menschen, die ihren Alltag damit verbringen, sich für andere einzusetzen, die gemeinsam nach Lösungen für Probleme suchen – die die Probleme sehen und erkennen und nicht jammern und schimpfen, sondern an- und zupacken.

Im Nachbarraum sitzt eine Gruppe von Männern und Frauen zusammen. Die Nähmaschinen surren, es entstehen Patchworkarbeiten, Quilts und kleine Dekostücke, die sie beim Weihnachtsbasar für einen guten Zweck – für Menschen in Not – verkaufen werden.Blauer Hmmel mit zahlreichen weiße Wolken über einer grünen Wiese

Am Abend sitze ich in einer fröhlichen Frauenrunde in Passau. Es gibt Tee und Bier und gute Gespräche. Die Frauen haben im Sommer 2015 gesehen, was gebraucht wird und einen Teil ihres Anwesens, in dem sie vorher Gäste empfingen,  geöffnet; nun wohnen dort acht geflüchtete Frauen und sechs Kinder. Leicht gefallen ist ihnen das anfangs nicht und vom Zerrbild der romantisierenden Heldinnen, die die Probleme vor lauter rosaroter Billen nicht sehen wollen oder können, sind sie weit entfernt. Ganz offen und sehr aufrichtig erzählen sie von ihren Erfahrungen in den vergangenen Jahren. Den guten und den schweren. Den enttäuschten Hoffnungen und denen, die sich erfüllt haben. Von den Anstrengungen, die es bedeutet, wenn Menschen, die sich eigentlich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt eingerichtet hatten, im Rentenalter noch einmal eine solche Herausforderung meistern. Von den Glücksmomenten, die entstehen, wenn man sich trotz fehlender gemeinsamer Sprache verständigen kann, wenn man gemeinsam kocht und isst, Weihnachtslieder singt oder eine junge Schwangere zur Entbindung begleitet.

Die jungen Frauen aus aller Herren Länder berichten in einem wilden Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Arabisch das Gleiche. Von furchtbaren Erfahrungen auf der Flucht, von dem Moment, wo sie sich zu Hause, angekommen fühlen durften. Von der Hilfsbereitschaft der Nachbarinnen, wenn eines der Kinder sich die Knie aufschlägt oder ein Brief ankommt, den sie nicht verstehen. Von Kochrezepten aus der Heimat und solchen, die sie neu kennengelernt haben. Kinder klettern mir auf den Schoß und sind fasziniert von meiner Brille und dem Anhänger an meiner Halskette, so, als hätten sie nie Krieg und Gewalt erlebt.

Auf dem Rückweg dann ein Unwetter und stundenlange Verspätung in der Bahn. Menschen, die sich zu Fahrgemeinschaften verabreden, sich gegenseitig Kopfhörer zustecken, um die Wartezeit mit Musik zu verkürzen, Bücher, die hin und her gereicht werden, weil einer sie ausgelesen hat und die andere sie gerne anlesen würde. Geteilte Butterbrote und Wasserflaschen, da es im Bordbistro nichts mehr zu kaufen gibt.

In all dem: Kein Wort über die Wahl.

Aber am Ende des langen Wochenendes ein wenig mehr Hoffnung, dass da unter der lauten, krawalligen, menschenfeindlichen Oberfläche, hinter den Fassaden mit den immergleichen Politikerplakaten mit den austauschbaren Wahlversprechen, hinter den beängstigenden Umfragewerten und gebrüllten Parolen, dass da Menschen sind, denen komplexe Zusammenhänge nicht zu kompliziert sind. Menschen, die bereit sind, etwas von sich selbst einzusetzen für andere, egal wer sie sind, woher sie kommen und wie gesund oder krank sie sind. Menschen, die da sein werden, auch wenn das gesellschaftliche Klima noch rauer wird. Die es aushalten können und wollen, wenn andere anderer Meinung sind, weil sie die Grundhaltung sehen und suchen, die uns alle verbindet. Die Kritik äußern, dabei aber sachlich bleiben. Die sich dem Dialog nicht entziehen und immer wieder neu die Ärmel hochkrempeln. Die Hoffnung, dass diese Menschen, dass wir es sein werden, die den längeren Atem haben.

Wir sind viele

Als wir ankommen, ist der Roncalliplatz schon voll. Voller fröhlicher Menschen. Voller bunter Fahnen, Plakate und Seifenblasen. Menschen von jung bis alt, von klein bis groß, von alternativ bis bürgerlich.

Ein breites Bündnis gegen Hass und für Solidarität und Mitmenschlichkeit. Viele verschiedene Meinungen – eine gemeinsame Haltung.

Am Ende sind es rund 10.000 Menschen, die gemeinsam feiern, singen, und vor allem Gesicht zeigen #kölnstehtzusammen

Was so einfach und überzeugend klingt, ist es für mich nicht. Ich bin keine Freundin großer Menschenmengen. Eine solche Demo liegt außerhalb dessen, was man heute „Komfortzone“ nennt. Ich war nicht oft demonstrieren – in den 90ern gab es Lichterketten auch am Fuß des Schwarzwalds und als junge Journalistin habe ich über eine NPD-Demo in dem damals wie heute beschaulichen Kleinstädtchen berichtet. Und dann kam lange kaum etwas bis zur Demo für Meinungsfreiheit nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo.

Ich war keine von denen, die immer vorweg auf die Straße gingen. Der direkte Dialog, auch mit Kommilitonen, Kolleginnen und Kollegen, Bekannten und Freunden, die anderer Meinung waren (und sind), ist mehr meine Sache. Diesen Dialog führe ich noch immer. Und doch überwinde ich mich immer öfter, selbst auf die Straße zu gehen. Mit dem Pulse of Europe, der Seebrücke und eben jetzt mit #kölnstehtzusammen.

Denn mir machen die Bilder Mut, die zeigen, dass es wirklich eine Mehrheit für Menschlichkeit, Menschenwürde und Solidarität gibt. Dass wir viele sind, die nicht zulassen wollen, dass der Hass gewinnt, die Vernunft unter Aggression begraben wird, Menschen nicht mehr als Menschen anerkannt und respektiert werden. Und so waren der Lieblingsmensch und ich heute zwei von am Ende 12.000 Menschen in Köln, die gezeigt haben: #wirsindmehr

Sich sichtbar machen ist anstrengend, es kostet Kraft und Zeit, Geduld und Vertrauen. Aber wenn ich nicht bereit bin, das für eine offene und freie Gesellschaft einzusetzen, wird es die irgendwann vielleicht nicht mehr geben.

Blasse Jungs in schwarzen Shirts

Am Morgen ist die Regionalbahn sehr gut gefüllt, obwohl noch Sommerferien sind. Doch statt in die üblichen müden Pendlergesichter blicke ich in aufgeregte, junge Augen und strahlende Münder. Sie können kaum stillstehen, checken in ihren Handys wieder und wieder Hallenpläne und Standlisten, diskutieren über Prioritäten, wo man zuerst hinmuss, um „Merch abzugreifen“ und darüber, mit wem man unbedingt ein Selfie machen will und ob es eigentlich noch Selfie heißt, wenn man das Handy nicht selber hält, sondern ein Kumpel das Foto macht, denn das ist ja besser vong Qualität her.

Ich bin noch ein wenig verschlafen, aber dann fällt es mir ein: Es ist mal wieder GamesCom. Die Jungs (es sind kaum Mädchen und junge Frauen darunter) sind keine geübten Zugfahrer, an jedem Unterwegshalt muss der Lokführer durchsagen, dass die Lichtschranken freigemacht werden müssen, damit es weitergeht. Doch das hilft nicht. Neben mir greift sich ein beherzter Mann zwei Rucksackgriffe und zieht die Jungs von der Tür weg: „Lichtschranke ist das, wo ihr drin steht. Ihr kommt jetzt rein.“ Das neu gewonnene Wissen bleibt leider nicht hängen und so wiederholt sich die Szene an jedem Bahnhof, nur der Tonfall des Herrn im Anzug wird von Mal zu Mal etwas genervter.

In Köln kommt mir am Straßenbahnbahnsteig eine Gruppe junger Koreaner entgegen. Sie suchen nach jemandem, der Englisch kann. „Sorry Ma’am“ hat mich vermutlich auch noch niemand angesprochen. Sie wollen nach – vorsichtiges Stocken und Nachschauen auf dem Handy, wie mag man das Wort ‚Deutz‘ wohl aussprechen? GamesCom? sage ich. Sie sind ganz erstaunt und erfreut. ‚How do you know, we do not look nerdy.“ Ich versuche mit aller Kraft, nicht zu lachen und zeige ihnen, wo die Straßenbahn zum Messegelände abfährt, welche Nummer die Fahrzeuge haben und wie viele Stationen sie fahren müssen. Woran sie denn erkennen, dass sie angekommen sind, fragt einer. Keine Sorge, da wo viele Jungs mit schwarzen T-Shirts aussteigen, sage ich. Freundliches Lächeln, bevor sie mit einem lang gezogenen, gequiekten „Thank youuuuu“ über die grüne Ampel rennen und in die Bahn springen.

Am nächsten Morgen kommen die Jungs mir an fast der gleichen Stelle wieder entgegen – allerdings auf der anderen Straßenseite. Sie winken ausladend und schreien aufgeregt. „Hello Ma’am, do yo remember? Do you remember? Helloooooo“ Ich winke zurück – Have Fun! „We will!“

Auf dem Heimweg ist die Bahn wieder überfüllt. Nur schauen die blassen, schwarz gekleideten jungen Menschen jetzt nicht mehr in ihre Handys, sondern zeigen sich die ergatterten Schätze. Der eine hat ein Römerschild aus Pappe, der andere balanciert vorsichtig eine nahezu lebensgroße Plüschfigur seines Lieblingshelden auf seinen Schuhspitzen, wieder andere tragen Pappboxen mit „coolstes Merch wo ich kriegen konnte, voll abgefahren“, die Umstehenden stecken die Köpfe zusammen und ahen und ohen gebührend beeindruckt.

Schließlich zücken einige doch noch ihre Telefone, die sie gar nicht mehr zum Telefonieren nutzen, und checken ihre Kalender, man muss sich schließlich verabreden, um die neuen Spiele gemeinsam einzuweihen. Ein Mädchen nimmt sich stöhnend die blaue Langhaarperücke ab. „Alle hatten blau, nächstes Jahr nehme ich grün“, sagt sie zu ihrem Nachbarn. „Mir reicht’s, wenn dein Avatar bunte Haare hat“, nuschelt der zurück.

Ich steige aus dem Zug und schlendere lächelnd nach Hause. Der Lieblingsmensch hat zwar kein schwarzes Shirt an. Zu einem Spiel überreden lässt er sich trotzdem.

 

Großflächig anwenden

Ich erinnere mich an viele Gerüche meiner Kindheit. An den Geruch von Spinatpfannkuchen mit Käsesoße zum Beispiel (konnte ich damals üüüberhaupt nicht ausstehen, wie ich heute weiß, ein kolossaler Fehler). Oder den Hagebuttentee, den es auf einer Ferienfreizeit so lange als Standardgetränk gab, bis wir eine Meuterei anfingen inklusive Fußmarsch durch den Wald, um irgendwo Zitronenteepulver zu kaufen. Es gab dann Wasser. Himmlisch. Oder die Mischung aus mit Nelken gespickten Orangen und heißem Bienenwachs als adventlichen Grundton.

Und dann gab es die Gerüche, die zum Gesundwerden passten. Nummer eins war der Zwiebeltee – einer der gruseligsten Gerüche (und leider auch Geschmäcker), die ich kenne.

Stundenlang siedete das Gebräu in der Erkältungssaison vor sich hin und selbst, wenn wir Kinder wieder gesund waren, roch das Haus noch tagelang nach dieser undefinierbaren Mischung aus süßlich, bitter und ranzig. Allein der Hinweis, es werde nun Zwiebeltee aufgesetzt machte mich schon halbwegs gesund – zumindest behauptete ich das standhaft; und musste das Gebräu dann trotzdem trinken. Da halfen auch Kandiszucker und eine zugehaltene Nase nicht.

Das zweite Hausmittel, auf das meine Mutter schwor, roch ähnlich intensiv, beduftete das Haus mindestens ebenso langanhaltend, aber im Gegensatz zum Zwiebeltee mochte – und mag – ich den Duft immer sehr. Das geheime Hausmittel war Ringelblumensalbe. Selbstverständlich selbst gekocht.

Die Ringelblumen blühten vor ihrem Einsatz in der Küche gelb-orange im Garten und waren für uns Kinder kein besonderes Highlight. Ganz hübsch, aber nicht so wunderbar wie Gänseblümchen, mit denen man Kränze flechten, Hüpfkästchen markieren oder romantisch-philosophische Gedanken machen konnte (aber das ist eindeutig eine andere Geschichte). Sie zogen nicht so viele Bienen und Schmetterlinge an wie andere Blüten und probieren konnte man sie auch nicht, wie die Brunnenkresse, deren Blüten auch noch strahlender leuchteten.

Kaum gepflückt und in den Kochtopf gewandert, wurden die Ringelblumen aber Superstars.  Ihre Salbe hilft vor allem gegen Mückenstiche (und außer dem Lieblingsmenschen liebt mich vermutlich niemand so sehr wie Stechmücken; ich sehe den halben Sommer aus wie Streuselkuchen, die Viecher stechen durch Socken und Hosen, durch T-Shirts und dicke Leinenblusen, in Knöcheln, Zehen, Handgelenke, Arme, Beine, hinter die Ohren, in die Nase,… sie lassen nichts aus). Also die Ringelblumen halten die Viecher nicht fern, aber sie lindern den Juckreiz. Langanhaltend. Juhu.

Außerdem ist selbstgemachte Ringelblumensalbe schön fettig und hilft wunderbar gegen rissige Haut, aufgeplatzte Lippen, Hornhaut an den Füßen. Sie zieht angenehm schnell ein und hinterlässt nur diesen sanften Blumenduft, der auch einsame Winterabende und klebrig-warme Sommernächte erträglicher macht.

Da ich schon immer viel schwitze – vor allem im Gesicht – hilft Sonnencrème wenig. Gegen eine juckende rote Nase hilft… naja, ihr wisst schon. Gegen kleine Schürfwunden, zur Ermutigung nachwachsender Haut unter Blasen und gegen schwere, müde Beine nach einem langen Tag wirkt das Zeug natürlich auch. Es ist schließlich aufgetankt mit viel Sonne, mit Wasser, das in großen Kannen durch den Garten getragen wurde, mit Zeit zum Wachsen und Kochen – und mindestens ebenso viel Liebe.

Und so sitze ich nun hier, bin sehr dankbar und gerührt über das kleine Päckchen, das ich heute von meiner Mutter bekommen habe, habe den Mückenstichen den Kampf angesagt und rieche von Kopf bis Fuß nach Ringelblumensalbe. Hach.