Von wegen Solidarität

Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen konnte die Weltfrauenkommission keinen Konsens zu einer Erklärung erreichen, die die Rechte von Frauen und Mädchen schriftlich festhält und Maßnahmen zu ihrem Schutz festschreibt. Die USA stimmten dem Konsens nicht zu, verlangten eine Abstimmung. Kritisiert wurden unter anderem eine „missverständliche Sprache zur Förderung von Gender-Ideologie“ und die enthaltenen Aussagen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit sowie Maßnahmen gegen Hassrede – die angeblich Zensur seien. Am Ende wurde die Erklärung angenommen. Aber eben mit einer Gegenstimme, der der USA.

Öffentliche Berichterstattung in Deutschland? Das Thema ist keinen Beitrag in Tagesthemen oder Heute Journal wert. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht in der Nacht einen kurzen Bericht: „Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.“ Auch der Nachtdienst der „Zeit“ schreibt einen Text auf Basis der dpa-Meldung. Die ersten Schlagzeilen am Morgen lassen beide schnell unter ferner liefen verschwinden. Im Deutschlandfunk findet sich ein Nachrichten-Textlein, das am Ende lapidar feststellt: „Bundesfrauenministerin Prien bedauerte auf der Tagung in New York, dass die gemeinsamen Verpflichtungen für die Frauenrechte nicht mehr von allen geteilt würden.“

Sie bedauert. Ach so. Schade, schade, aber was soll man machen. Sie ist ja schließlich keine Ministerin oder so, die irgendwo ihre Stimme erheben oder einen Beitrag zu Veränderung einbringen könnte.

Na klar muss sie sich diplomatisch äußern. Ich aber zum Glück nicht. Ich habe mir das Vortragen der Argumente live digital angeschaut und mich macht das, was da in New York passiert ist, frustriert; fassungslos; und vor allem wütend. Gerade, weil es mich nicht überrascht. Und auch, weil es drumherum kaum jemanden zu interessieren scheint: In meinem Umfeld hatte fast niemand überhaupt von der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission gehört. Alles Menschen, die die aktuelle News-Lage verfolgen und nicht aufgrund des Wahnsinns in der Welt sowieso abschalten. Medien hatten andere Themen.

Nur wenige Tage nach der historischen Rolle rückwärts in New York macht Collien Fernandes weitere Details ihrer Geschichte von Missbrauch und Gewalt öffentlich. Sie benennt einen Mann, der sich ihr gegenüber als Täter bekannt haben soll. Immerhin: Berichtet wird hier in großem Maßstab. Und zum Glück nicht nur aus Sensationslust ob des prominenten Opfers.

In vielen Beiträgen wird die Hoffnung geäußert, dass eine prominente Stimme, die Gewalt und Missbrauch öffentlich macht, etwas verändern könnte. Dass sich etwas an den Strukturen, die Gewalt gegen Frauen, Missbrauch und Verachtung ermöglichen, endlich grundlegend ändern könnte. Wie sehr wünschte ich mir, diese Hoffnung zu teilen. Aber hat es nicht schon so viele öffentliche Fälle gegeben? Von Menschen mit bekannten Namen und Unbekannten? Hat es nicht schon so viele Fälle gegeben, die zeigen, dass Gewalt in allen möglichen Formen nicht nur in besonderen Ausnahmefällen ab und zu, ganz selten einmal, vorkommen kann, sondern dass sie täglich passiert? Wie oft schon wurde angeprangert, dass Femizide kein „Familiendrama“ sind, sondern Morde – an Frauen, weil sie Frauen sind. Wie oft schon wurde darauf hingewiesen, dass sich hinter diesen erschreckenden und wortlos machenden Taten ein unvorstellbar großer Berg an Missachtung und Einschränkung, an Entwürdigung, Abwertung und Erniedrigung verbirgt. Wie lange schon lesen und hören wir immer wieder davon, dass auch digitale Gewalt echten Schmerz verursacht, echte Gefühle, echte Zerstörung?

Ich kenne keine Frau, die keine Opfer von Straftaten kennt. Wir alle wissen nicht grundlos, wie man einen Schlüssel möglichst effektiv zwischen den Fingern hält. Da ist die Freundin, an deren Rückseite sich ein Typ bei einem Festival einen runterh… – und in der Menge verschwindet, bevor sie und wir drumherum begriffen haben, was da gerade passiert. Da ist die andere, die Missbrauch erfahren hat und sich erst lange nach der Verjährungsfrist traute, davon zu sprechen. Da ist die Bekannte, die erzählt, wie sie recherchiert hat, auf welche Weise sie die blauen Flecken beim Arzt erklären könnte, damit sie nicht nach der Wahrheit gefragt wird und zusammenbricht. Und wie lange sie gebraucht hat, um der körperlichen Überlegenheit des Schlägers zu entkommen. Da sind die Kinder bei der Hausbesichtigung vor vielen Jahren, die kaum Spielzeug und keine Bilderbücher hatten, aber einen  Vater mit Multimedia-Wunderland mit Kinosesseln und allem Drumunddran und ein Jugendamt, das bei unserem Hinweis nur die Schultern zuckte, ohne sichtbare körperlichen Misshandlungen könnten sie nicht viel tun, Ressourcenmangel. Da ist der bekannte, verheiratete Typ, den nicht nur ich bei einem Empfang vor mehr als einem Jahrzehnt beobachtete, wie er einer hübschen, jungen Kollegin die Hand aufs Hinterteil legt und zupackt. Da sind die Busengrapscher im überfüllten Bus, das eklige Hinterherpfeifen auf der Straße, das Winken mit einem Kondom beim Warten auf die Straßenbahn. Ich könnte ewig so weitermachen.

Es geht aber auch weniger körperlich und trotzdem falsch. Auch nach #Metoo wurde ich in einer beruflichen Konferenz als „Mäuschen“ bezeichnet, das mein Chef „mal zurückhalten“ solle – weil ich interessiert eine Frage gestellt hatte. Der Sprecher vermutete allerdings, ich könnte eine andere Ansicht haben als er, wenn er mir seine Antwort gibt. In einem Videocall wollte ein Mann – ein gutes Stück jünger als ich – warten, bis mein Chef dazukomme, mit der Sekretärin spreche er, wenn überhaupt, nur für Terminabsprachen. Dass ich die C-Level Leitungsperson sein könnte, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Zu meinem Segen gab es bessere Angebote von nicht auf das Gender der Gesprächspartner:innen fixierter Mitbewerber:innen. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Ich weiß übrigens auch von Tätern – dem ehemaligen Lehrer, der mittlerweile verstorben, vorher aber noch verurteilt worden ist. Dem Jugendgruppenleiter ein paar Orte weiter, von dem irgendwann erzählt wurde, warum er damals nicht mehr mit zu den Ferienfreizeiten fahren durfte. Dem Priester, den ich früher einmal – wenn auch flüchtig – kannte und der heute vor Gericht steht. Dem Vorgesetzten, der gerne junge Mitarbeiterinnen zu teuren Sausen und was weiß ich noch allem einlud und ihnen Hoffnungen auf Karriere machte, die sich dann nicht erfüllten.  Den Mitgliedern eines Aufsichtsgremiums, die nicht wahrhaben wollten, was nicht wahr sein durfte und wegschauten, bis es vor ihren Augen erneut geschah.

Keinen dieser Menschen kenne ich so gut, dass seine Telefonnummer in meinem Handy gespeichert wäre. Keiner gehört zu meinem Freundeskreis. Bei keinem hatte ich einen Verdacht, bevor Betroffene es öffentlich machten.

Die Naivität, die ich besaß, habe ich abgelegt. Was im Großen in New York sichtbar wurde, gilt für alle Ebenen unseres Lebens. Strukturen, die Frauen klein machen und ihnen Rechte absprechen, führen zu Menschen (nicht nur Männern), die Täter schützen und Opfer lächerlich machen; die öffentliches Berichten über Gewalt als Affront betrachten und sich provoziert fühlen, wenn die Wirklichkeit auf ihren kleinen Lebenskokon trifft. Strukturen, die Frauen nicht als gleichberechtigte Menschen ansehen, führen zu Wortklauberei darüber, wer eine Frau ist und wer das zu bestimmen habe. Strukturen, die davon ausgehen, dass es mehrere Klassen von Menschen gibt, geben denen den längeren Atem, die argumentieren, warum Menschen eben nicht gleich seien, warum manche Macht haben und anderen der Zugang zu Mitsprache verwehrt werden müsse.

Die Strukturen werden nicht aufgebrochen, weil es auch Prominente trifft. Diese Strukturen brauchen das unermüdliche Wirken von Menschen, die anderer Meinung sind. Die es ernst meinen mit Gleichberechtigung, mit Menschenwürde und gemeinschaftlichem Einsatz. Um diese Strukturen dauerhaft zu verändern brauchen wir Menschen, die bereit sind, auch andere Meinungen anzuhören, nach Kompromissen zu suchen, neue Wege zu gehen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Wir brauchen Menschen, die laut sind gegen Hass und Hetze, die solidarisch sind mit den Opfern – der einzelnen Taten und der systemischen Gewalt.

Im Allgemeinen nennen wir das, was wir brauchen, eine engagierte Zivilgesellschaft. Dazu Medien, die über Missstände berichten, auch wenn es keine Prominenten betrifft und die das Engagement von Zivilgesellschaft nicht für selbstverständlich halten, sondern aktiv darüber berichten, dass dieses Engagement existiert (ja genau: Sagen, was ist). Was wir nicht brauchen sind Politiker:innen, die alles dafür tun, genau dieser Zivilgesellschaft die Unterstützung zu entziehen.

Bemerknisse in Rom

Ich verfüge seit Kurzem über einen neuen Luxus. Also genauer gesagt über etwas, das ich als Luxus empfinde, das aber anderen wie eine Verrücktheit oder gar Last vorkommen mag. Was luxuriös ist, definieren hier im Hause Argueveur nicht etwa exorbitant hohe Preise, Seltenheit oder die Werbung bestimmter Marken, sondern einzig und allein das Gefühl, wie sehr wir uns verwöhnt vorkommen von jemandem oder etwas.

Aber ich schweife ab. Mein ganz persönlicher Luxus ist, dass ich seit Neuestem ab und an in Rom arbeiten – und dann immer auch inmitten großartiger Menschen leben – kann. Im Februar habe ich diesen Luxus ausführlich genossen und die Stadt, die ich als Jugendliche und junge Frau einmal touristisch und einmal als Berichterstatterin kennen- und so ganz und gar nicht lieben lernte, ganz anders entdeckt. In freien Stunden wanderte, schlenderte, bummelte, staunte ich mich durch die Stadt. Hin zu bekannten Sehenswürdigkeiten, aber auch durch „meinen“ Stadtteil, vorbei an seinen Wohnblocks und Hochhäusern, kleinen Parks, Supermercatos, Obst- und Gemüseständen und Bäckereien; an denen ich selbstverständlich nicht immer vorbeigehen konnte.

In Rom gibt es von allem viel. Ausgrabungen; Kunst aus allen Jahrhunderten und Jahrtausenden; Menschen; Verkehr. Prachtvolle Hotels mit elegant gekleideten Portiers; Hinterhöfe, aus denen teure Limousinen auf die Straße rollen und dabei einen kurzen Blick freigeben auf Säulen und üppigen Pflanzenbewuchs, kleine Brunnen und Statuen. Kirchen und Antiquitäten-Läden, aber auch eine Reihe garagenähnlicher Geschäfte, Baumärkte, Rahmenhandlungen (für Bilderrahmen), Floristen hinter Wellblech-Toren – nicht nur, aber auch mitten im Gewusel der Straßen um den Campo di Fiore. Taschendiebe. Armut und Obdachlosigkeit, Menschen, die sich im Schatten von Orten, an denen es Essensreste oder kostenloses Trinkwasser geben könnte, nahezu unsichtbar machen; fast zahnlose Verkäuferinnen auf kleinen Märkten, die sich nicht drum scheren, ob die Käuferin italienisch spricht und fröhlich drauflos erzählen. Straßenhändler, die Drogen, Powerbanks und Regenschirme anbieten – je nachdem, wie sie die Bedürfnisse ihres Gegenübers gerade einschätzen. Vermutlich zählen sie zu den besonders geübten Menschenkennern oder zumindest Verhaltenslesern.

Wenn es regnet (und es regnete oft und viel), kann man die Einheimischen besonders gut erkennen. Sie haben meist keine Schirme, sondern halten sich die Jacke, eine Aktentasche oder die Tüte mit den Einkäufen über den Kopf und eilen vorbei. Sie müssen sich den Weg nicht mithilfe von Apps oder Schildern erschließen, sondern wissen, wohin sie wollen. Sie weichen den Touristenmassen aus und blicken dazu ausschließlich auf die Füße. Sie wissen, wo die tiefen Schlaglöcher sind und springen geübt über Pfützen, die heimlich zu halben Swimmingpools geworden sind, in denen die Nicht-Eingeweihten bis über die Knöchel versinken.

Bei Sonnenschein sind die Einheimischen die mit den Winterjacken, den Schals und Handschuhen. Sie gehen morgens früh aus dem Haus und vertrauen den Sonnenstrahlen, die die Stadt schnell auf 15 Grad erwärmen, noch nicht über den Weg. Sie wissen um die Kraft von Schatten und Windböen, die sich zwischen den Häuserfassaden und in den Gassen fangen und austoben. Frühling? Vielleicht in den ersten Knospen an Blumen und Sträuchern. Änderungen bei der Kleiderwahl verdient das aber noch nicht.

Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen und habe dort beobachten können, wie mit einer steigenden Anzahl von Gästen die Effizienz in Abläufen gesteigert wurde. Die Menschen, die zu Besuch kommen und die Region entdecken wollen, sollen diese schließlich von ihrer besten Seite kennenlernen. Ein Grund für die Effizienz: Die Besucher:innen sollen es bequem haben und gerne wiederkommen. Der andere: Den Gastgeber:innen sollen die gut geplanten Abläufe ein möglichst profitables Geschäft ermöglichen.

In Rom sehe ich davon nur wenig. Ob Menschen wiederkommen, ist hier nicht so wichtig – es gibt genügend Attraktionen aus allen Epochen, Kulturen und Überzeugungen, die immer neue Menschen anlocken. Cafés, die sich so weit ausbreiten, dass keiner mehr an ihnen vorbeikommt, sind nicht effizient – aber unglaublich gemütlich. Es meckert auch niemand, wenn man nur einen Espresso bestellt und dann über eine Stunde in der Sonne sitzt, liest oder tagträumt, statt 1,10 Euro dann nicht viel üppigere 1,50 Euro zahlt und lächelnd weitergeht. Im Gegenteil, der Oberkellner, der sich freundlich im Hintergrund hielt und kein einziges Mal aufdringlich fragte, ob ich nicht doch noch etwas konsumieren wolle, macht mir noch Komplimente zu meiner Handtasche und wünscht mir einen schönen Tag.

Eine Stadt, die man nicht gut untertunneln kann für Metro-Linien – zu viele historische Schätze – hat natürlich auch keinen besonders effizienten ÖPNV. Busse fahren schlängeln und warten sich durch den dichten Verkehr, wer kann, sucht sich mit einer Vespa oder einem kleinen Roller Lücken zum Durchschlüpfen, erstaunlich viele kleine eAutos surren durch die schmalen Gassen. Direkt vor dem Petersdom lädt ein Polizeiauto seine Batterie – im Vatikanstaat sind Verbrenner längst ein Auslaufmodell, in vier Jahren soll die gesamte Fahrzeugflotte mit Strom unterwegs sein.

Ein muskulöser Herr trägt einen riesigen Strauß Blumen im Arm. Als wir einander näher kommen, sehe ich, dass es keine Blüten sind, sondern Artischocken in verschiedenen Farben. Ich beneide ihn und die Menschen, mit denen er sie verspeisen wird – und bekomme Vorfreude auf den Besuch eines bretonischen Markts beim Urlaub im Spätsommer.

In der Kirche Il Gesú ist die „Macchina barocca“ außer Betrieb. Wie lange genau? Solange die Wartung der Elektrik eben dauert, besagt das Informationsschreiben. Zwei junge Franziskaner-Patres sehen sehr traurig aus, als sie das nicht besonders augenfällige Schild entdecken. Mit gesenkten Köpfen gehen sie zum Beten in eine der Andachtskapellen. Das Schild dort ist deutlich größer und warnt in fettgedruckten Lettern in mehreren Sprachen davor, hier zu fotografieren. Strictly forbidden. Die zwei sehen sich kurz verschwörerisch an, greifen unter ihre Kutten, zücken ihre Handys und bevor der Ordner mit den Adleraugen sie erreicht hat, haben sie ihr Erinnerungsfoto schon gemacht und sind nicht mehr ganz so gemäßigten Schrittes auf dem Weg nach draußen. Der ältere Herr schüttelt den Kopf, muss dann aber doch lächeln. Er zuckt mit den Schultern und bietet zwei Touristinnen an, ein Foto mit ihnen vor der Statue des heiligen Ignatius zu machen.

Abends, von einer der Brücken über den Tiber aus gesehen, sieht die leuchtende Kuppel des Petersdoms prunkvoll aus. Ihr Glanz spiegelt sich im Wasser. Auch der Largo di Torre Argentina sieht am Feierabend romantisch aus. Die Ausgrabungen heben sich im letzten Tageslicht vom Hintergrund ab, eine der vielen streunenden Katzen putzt sich ausgiebig und legt sich schnurrend auf einen der warmen Steine des Pompeius-Theaters – der Ort, an dem Julius Cäsar ermordet wurde. Trotz dieses Wissens ist von den Verwerfungen, die Politik, Kirche und andere Mächtige produzieren, hier in der Stadt und mit etwas Abstand, nicht viel zu spüren. Aus der geöffneten Tür eines Ristorante klingt lautes Lachen über die Straße, während ich in den Bus steige.

Die Bäckerei gegenüber der Bushaltestelle hat am Abend noch geöffnet. Eine Handvoll älterer Damen und Herren sitzt um einen kleinen Tisch vor der Tür. Das Schaufenster spendet gerade eben noch genug Licht, um das Kartenspiel zu vollenden und die letzten Stücke vom Focaccia zu verspeisen, bevor der kleine Laden schließt. Der Kiosk gegenüber räumt die Zeitschriften und die Überraschungstüten, die die Kinder nach Schulschluss unschlüssig begutachtet haben, sicher ein. Vor dem kleinen Supermarkt beschnuppern sich zwei Hunde, die draußen warten müssen. Über meinem leuchtend gelb gestrichenen Zuhause auf Zeit geht der Vollmond auf. Das Licht der Metropole leuchtet herauf bis zu unserem Stadtrand.

Alles auf Anfang

Das neue Jahr ist schon fast zwei ganze Monate alt, aber es fühlt sich immer noch ganz neu und frisch für mich an. Das liegt sicher daran, dass ich es mit einem neuen Job begonnen habe. Ein Job, der meistens im Homeoffice, immer mal wieder aber auch in der „ewigen Stadt“ stattfindet oder bei internationalen Konferenzen. Ein Job, bei dem ich Englisch rede und schreibe, für den ich unbedingt mein Spanisch aufpolieren möchte, damit ich nicht nur die Kolleg:innen verstehe, sondern auch mal was antworten kann, für den auch meine Französisch-Kenntnisse tauglich sind und in dem ich durchaus Lust bekomme, zumindest ein paar Brocken Koreanisch oder Shona und Begrüßung und Verabschiedung in Maithili oder Kikuyu oder Begali zu lernen. Zumindest habe ich Menschen in diesen Sprachen sprechen gehört und fand sie wirklich schön – also die Sprachen, aber durchaus auch die Menschen, die so ganz sie selbst werden, wenn sie in ihrer Muttersprache miteinander sprechen und gestikulieren.

Auch neu und frisch ist der Home-Office-Besuchshund. Ab und an dogsitten wir einen noch wachsenden, aktuell pubertierenden Hund von Freunden, der sich mit Vorliebe unter meinem Schreibtisch, direkt auf meinen Füßen zusammenrollt oder neben meinem Schreibtisch quietscht, dann alle Viere von sich streckt und leise schnarchend einschläft. In Kaffeepausen spielen wir im Garten und in der Mittagspause entdecken wir mit ihm zusammen neue Highlights auf der Spazierrunde.

Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu im neuen Job und merke, das mich das auch für das Private inspiriert. Dank der neuen Arbeitsplatzregelung und dem Wegfallen des Pendelns ist mehr freie Zeit verfügbar, und so lese ich wieder mehr und genieße das Eintauchen in neue Welten. Zudem plane ich, mich bei den PRÜF-Demos einzubringen – die tägliche Nachrichtenlage fühlt sich so an, als wäre es für den Einsatz für Demokratie, für Solidarität und Respekt, für Mitmenschlichkeit und Schutz von Menschenrechten, Frauenrechten, Rechten ganz generell, allerhöchste Eisenbahn. Wenn mir der Wegfall von verspäteten Bahnfahrten genau diese Zeit ermöglicht, greife ich zu.

Neben einer neuen Frisur, alltagstauglich und pflegeleicht, und einem neuen Hut, für spezielle Anlässe und dann vermutlich etwas pflegeintensiver, entdecke ich mit der Freundin, mit der ich mich regelmäßig auf ein Feierabendgetränk treffe, in diesem Jahr neue gastronomische Orte. Eine Kneipe, auf der sri lankische Cocktails auf der Karte stehen, ist ganz weit oben auf der Liste. Und mit dem Lieblingsmenschen schaue ich Filme und Serien, denn meine cineastische Bildung ist eingerostet bis nicht vorhanden. Auch ein Städtetrip mit Kunstgenuss ist für das Frühjahr bereits eingeplant und für den nächsten Trip nach Rom die Karten für die Hokusai-Ausstellung schon gebucht.

Im Garten blühen die ersten Krokusse, in meinem Hirn wachsen Synapsen, verbinden das neue Wissen und lassen Ideen sprießen, im Herzen verschmelzen Erinnerungen und Hoffnungen und werden zur Grundlage für neue Gefühle. Der Frühling, der in mir schon angebrochen ist, kann jetzt gerne auch draußen kommen. Damit Aufbruch und Hoffnung sichtbar und vielleicht auch über meinen eigenen kleinen Horizont hinaus Realität werden. Oder, wie Isabelle Callis-Sabot – eine meiner aktuellen Lese-Entdeckungen – es sagt:

Un soleil radieux inonde la colline,
Au jardin tout prend vie, tout cherche à émouvoir,
Et je sens, sous mes pas, tandis que je chemine,
La terre qui frémit et palpite d’espoir.

 

 

 

 

Nein. Doch. Oooh.

Als Kind habe ich nicht viel ferngesehen. Der Fernseher stand in einem Schrank im Wohnzimmer hinter verschlossenen Türen. Was wir aber immer wieder sehen durften waren die Filme mit Louis de Funès. Nein. Doch. Oooh war bei meiner Schwester und mir ein geflügeltes Wort, lange bevor wir wussten, was Meme-Kultur ist.

Nein. Doch. Oooh. Drei kleine Worte, die doch so viel ausdrücken. Slapstick natürlich. Aber auch, dass Menschen sich zuhören und wirklich hören können, was der oder die andere da sagt. Nein. Doch. Oooh. Da schwingt die Möglichkeit mit, die eigene Meinung zu überdenken. Zumindest aber die unverhohlene Überraschung, dass das Gegenüber zu einer völlig anderen Einschätzung kommt. Dass der oder die andere ein Mensch ist, der eine ganz konträre Meinung vertritt, mit Überzeugung und vielleicht auch zurecht.

Mir ist bei den aktuellen politischen Debatten neulich dieses Zitat, diese Szenen, die es in verschiedenen Filmen mit unterschiedlicher Intensität gibt, wieder eingefallen. Und ich habe gedacht, wie schön es wäre, wenn wir wieder ein wenig mehr von dieser Art des Dialogs hätten. Nein. Doch. Oooh. Wie oft ziehen die handelnden Akteure – vor allem die aus dem konservativen Lager – sich auf den ersten Teil der Situation zurück. Es bleibt beim Nein. Erst überzeugt. Dann bockig. Dann stur. Oder in einer anderen beliebigen Reihenfolge. Verantwortung übernehmen für Fehler, die man begangenen hat? Nein. Keine Fehler. Es will nur keiner verstehen, wie toll das eigene Handeln war. Ich hab doch nur Masken gekauft. Das wolltet ihr doch. Machtmissbrauch im Amt? Nein.

Eine Kampagne der extremen Rechten, der wir aufgesessen sind, um eine qualifizierte Frau, deren Position wir nicht zu 100 Prozent teilen, auf einer führenden Position zu verhindern? Nein. Auf unsere Argumente sind wir ganz allein gekommen und nur zufällig zeitgleich. Das hat doch mit dem Geschlecht gar nichts zu tun. Und auch nicht damit, dass sie sich nicht offen gegen ein AFD-Verbot ausgesprochen hat. Neeeein.

Misstrauen gegen die Zivilgesellschaft. Ablehnung von Initiativen, die sich für Menschenrechte, Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, gegenseitigen Respekt oder Vielfalt einsetzen. Nein. Das verstehen Sie ganz falsch. Irgendwas mit Neutralität und Zirkuszelt. Dass andere mit Recht eine gegenteilige Haltung vertreten könnten? Nein. Nein. Nein.

Standesvertreter der Bauern klagen über die Dürre, sinkende Grundwasserspiegel, fehlende Perspektiven und Gelder. Die gleichen Standesvertreter die kein größeres Problem sahen im symbolischen Hängen von Politiker:innen, die nicht nur kurzfristige Zahlungen anstrebten, sondern grundlegende Veränderungen angehen wollten, um das Problem an der Wurzel zu bekämpfen (pun not intended, aber passt natürlich trotzdem). Konfrontiert jemand diese Typen öffentlichkeitswirksam mit dieser Absurdität? Nein.

Ich mag keine pauschale Medienkritik. Ich bin froh und dankbar für die vielen Journalist:innen, die Tag für Tag Fakten recherchieren und berichten; Die investigativ tätig sind und sich nicht von Macht einschüchtern lassen; Die Menschen und ihre Schicksale ins Bewusstsein der Öffentlichkeit holen, und so meine Perspektive erweitern, mir andere Blickwinkel ermöglichen, mich zum Nachdenken bringen. Aber mir fehlt in den letzten Wochen und Monaten allzu oft das Einordnen des Nein. Der sichtbare Wille, den offensichtlichen Unsinn nicht stehen zu lassen, sondern aufzudecken, mit Fakten zu kontern. Stattdessen lese, höre und sehe ich: He said. She said. Nein. Doch. Oooh. 

Dabei wäre Konfrontation mit den Widersprüchen so wichtig. Nicht einfach nur zu berichten: Die sagen Nein. Vielleicht noch: Jemand anderes sagt Ja. Ach so. Die Wirkung davon verfliegt, bevor sie entstehen konnte.

Natürlich gibt es Menschen, die Doch sagen. Laut und vernehmlich. Nicht nur ein paar wenige. Hunderte, tausende,  ja, wirklich: Millionen, die für die Bewahrung unserer Demokratie auf die Straße gegangen sind. Menschen, die die Widersprüche öffentlich machen. Die die vielen Neins nicht einfach stehen lassen. Die dem ihre eigene Meinung – und wichtiger, ihre Haltung – entgegensetzen. Menschlichkeit geht nicht? Doch. Respekt gegenüber Menschen, die anders sind als das, was ich erwarte, ist nicht möglich? Doch. Füreinander einzustehen statt Arme gegen noch Ärmere auszuspielen ist ein idealistischer Traum und kann niemals Realität werden? Doch.

Auf das staunende Oooh warte ich allerdings viel zu oft vergebens. Solche Menschen seien vorbei, höre ich stattdessen. Die Phrase scheint nicht alt zu werden und wird von den Nein-Sager:innen gerne wiederholt. Versifft seien die, die das Nein nicht einfach schlucken wollen. Zuhören und die Argumente der anderen wahrnehmen? Nein.

Nein und Doch finden mittlerweile in verschiedenen Sphären statt. Als sei ein Wurmloch dazwischen, das sich leider geschlossen hat. Keine Kommunikation möglich. Ein Dialog findet nicht statt. Die Möglichkeit zum Staunen, zum Innehalten und Reflektieren, geht  verloren. Oooh wird aus dem Sprachgebraucht getilgt; darf für die Neinsager:innen wohl ebenso  gerne vorbei sein wie die Doch-Sagenden.

Ich sitze hier, schaue Nachrichten, höre Podcasts, lese Berichterstattung. Und wünsche mir mehr französischen Film in Politik und Journalismus. Nein. Doch. Oooh.

 

Erinnerungen – alte und neue

50 Jahre ist es her, dass meine Tante meiner Mutter unbedingt die Haare auf Lockenwickler drehen wollte – an einem besonderen Tag braucht man doch auch eine besondere Frisur. 50 Jahre, dass mein Vater einen Anzug mit Krawatte anzog (das tat er nur äußerst selten). 50 Jahre ist es her, dass da zwei Menschen aus voller Überzeugung und gegen alle Widerstände JA zueinander sagten. Ich war nicht dabei, aber ich kenne viele Erzählungen, Es muss ein Tag gewesen sein, der in keinem Bilderbuch gezeichnet werden würde. Eine Hochzeit, die das Brautpaar wollte und die manche der Gäste eben hinnehmen mussten. Ein ziemlich ruckeliger Hochzeitstag, der aber seinen Zweck erfüllte und die zwei Menschen, die ihn geplant hatten, rundum glücklich machte. Ein Tag, dessen Versprechen mit den guten, den weniger guten und den richtig besch schlechten Tagen an jedem Tag der Zukunft gelten sollte.

Mein Vater ist vor zwei Jahren verstorben, also wäre diese Tag der Goldenen Hochzeit für meine Mutter vermutlich ein schwerer Tag gewesen. Ein Tag voller Trauer und schmerzender Erinnerungen. Das wollten wir ihr unbedingt ersparen und so haben wir eine spinnerte Idee, die wir irgendwann im Winter gemeinsam hatten, kurzentschlossen in die Tat umgesetzt und eine Tagestour organisiert. Nicht, um alte Erinnerungen wegzuwischen, ganz im Gegenteil. Wir haben einen Tag geplant, an dem schöne Erinnerungen, Erzählungen von händchenhaltenden Eltern (für pubertierende Jugendliche peeeeiiiinlich) und Gedanken an lustige Begebenheiten ihren Platz haben sollten. Einen Tag, an dem Tränen dazugehören dürfen, an dem wir aber vor allem das Leben und die Liebe feiern. Ein Tag, in etwa so verrückt wie die Hochzeit vor 50 Jahren – nur eben in der Version von heute. Wir haben Felix de Luxe beim Wort genommen und sind mit einem Taxi Zug nach Paris gefahren, nur für einen Tag. Stadt der Liebe – plötzlich ergibt der ausgelutschte Slogan Sinn.

Meine Mutter und zwei Freundinnen (alle zwischen Mitte 70 und Mitte 80) stiegen am Fuß des Schwarzwalds in eine Bahn und dann in einen TGV, der Lieblingsmensch und ich in Köln in den Eurostar. Wir kamen an der Gare du Nord an, die drei Damen an der Gare de l’Est. Da sammelten wir sie ein, gratulierten zum Hochzeitstag und dirigierten die ganze Truppe zum  Taxistand. Irgendwo in diesem Tag muss dieses Gefährt ja schließlich vorkommen. Ein Großraumtaxi brachte uns auf die Ile de la Cité. In strahlendem Sonnenschein bummelten wir ein bisschen über die Insel, bestaunten den Blick die Seine hinauf und hinab, warfen einen Blick auf Conciergerie und Sainte Chapelle (von außen), sahen zu, wie der Marché des Fleurs seine Pforten öffnete, tauschten Erinnerungen aus, was jede:r von uns in dieser Ecke der Stadt schon erlebt hatte. Wir erinnerten uns daran, wie wir vom Brand von Notre Dame erfahren hatten und ich konnte berichten, wie es im Dezember, wenige Tage vor der Wiedereinweihung, auf der Baustelle ausgesehen hatte. Meine Mutter trug die Ohrringe, die ich um die Ecke auf dem Weihnachtsmarkt erstanden hatte, so dass Erinnerungen und Gegenwart sich die Hand reichen konnten.

Am Seineufer spazierten wir an den Bouquinistes vorbei und meine Mutter verliebte sich in ein farbenfrohes Ölgemälde, das ein Pärchen unter dem Regenschirm auf einem Boulevard zeigt. Sie erinnerte sich an Spaziergänge mit meinem Vater unter dem Regenschirm, an einen Familienausflug in eine andere Großstadt, bei dem eine Gruppe asiatischer Touristen meinem Vater nachlief, der seinen Schirm über der Schulter trug. Lehrer, Familienvater oder Guide – passt schon. Wir lachten, mein Mann machte Fotos von den Damen, während ich ein wenig mit dem Künstler plauderte (bien évidemment konnte das Bild da nicht einfach hängen bleiben). Der junge Mann hätte uns gerne abends auf ein Glas Wein eingeladen, als er hörte, wir seien aus Deutschland. Er hatte mal eine Ausstellung in Berlin und hätte gerne ausprobiert, ob sein Deutsch noch was taugt. Er lachte laut, als er hörte, wir seien nur für diesen einen Tag in der Stadt – ein bisschen verrückt, das mag ich“ -, verpackte seine Leinwand reisesicher und wünschte uns viel Spaß.

Den hatten wir beim Mittagessen in einem kleinen Restaurant in einem Hinterhaus um die Ecke. Gerichte wie von Oma standen auf der Tageskarte und alle freuten sich daran, keine überkandidelten Menüs, sondern Essen wie im Schüleraustausch zu bekommen. Zu den Klängen eines Saxophonspielers schwangen die Seniorinnen ihre Walkingstöcke, der Lieblingsmensch und ich die Hüften zurück zur Kathedrale der Herzen.

Drei Tage vorher hatte ich bei einem Spieleabend um Punkt Mitternacht eine kurze Pause eingelegt und in der offiziellen App für alle kostenfreie Tickets für Notre Dame reserviert, so dass wir uns die lange Warteschlange sparen und zur passenden Uhrzeit direkt hineingehen konnten. Hingerissenes Staunen prägte die nächste Stunde. Fliegende Haare und der Duft nach Sonnencreme die Zeit danach. In Paris gibt es Hop On/Off Busse mit e-Antrieb. Fast geräuschlos cruisen sie durch die Stadt und wir freuten uns an dem vielen Grün und den Fahrrädern, die Intra Muros so schnell erobert haben. Von oben kann man alles sehen, die Handykameras klickten eifrig, nicht nur bei den bekannten Sehenswürdigkeiten. Freude über Kleinigkeiten wie die LV-Zentrale, die wie ein Koffer eingerüstet ist, brachte unsere kleine Reisegruppe zum Lachen. Dass der Fahrtwind mir zwischendurch die Kopfbedeckung entriss, natürlich auch.

Wir bummelten um den Eifelturm und tranken Kaffee in seinem Schatten. Wir schauten auf die Tour Montparnasse und erzählten den Freundinnen meiner Mutter, wie wir beim ersten Familienausflug nach Paris auf der Tour standen und mein Vater nicht bis zum Rand der Aussichtsplattform gehen konnte, weil die Höhe ihn schwindelig machte. Und wie meine Mutter, die oben noch locker gelacht hatte, sich nach der Rückkehr auf die Erde hinsetzen musste, als sie den Turm entlang nach oben sah und sich vorstellte, dass sie gerade dort oben gestanden hatte. Weißt du noch … mischte sich mit Wohin gehen wir jetzt? Erinnerungen an fröhliche Tage in der Vergangenheit mit Lachen aus der Gegenwart.

Wir machten einen Abstecher auf Montmartre und bewunderten Paris von oben. Und weil die Zeit dann doch schon zu Ende ging, nahmen wir ein Taxi zurück zum Bahnhof. Die Seniorinnen flirteten hemmungslos mit dem fröhlichen Taxifahrer und hielten zu dessen großer Freude in genau den richtigen Momenten bei seinen Fahrmanövern theatralisch den Atem an. An roten Ampeln zeigte  er ihnen begeistert aktuelle Nachrichten-Videos auf seinem Smartphone und half ganz Gentlemen allen beim Aussteigen inkl. Komplimenten für ihren Wagemut.

Der Lieblingsmensch und ich brachten die drei zum Gleis, gingen zu unserem Bahnhof, sprangen in den Eurostar und bekamen unterwegs die Nachricht, dass der andere Teil unserer Hochzeitstagsreisegruppe gut wieder zu Hause angekommen war.

In den Tagen danach brannte am Grab meines Vaters eine Kerze aus Notre Dame. Und in der Messenger-Gruppe, die jede gute Reise heute haben muss, wurden Fotos und Erinnerungen geteilt. In der kleinen Wohnung  meiner Mutter hängt demnächst ein frisch gerahmtes Kunstwerk mit einem Liebespaar im Regen. Ich bin überzeugt, es ist ein warmer Mairegen, der schön macht, außen und innen.

Verwunderung am Ostermontag

Der Tag beginnt mit der Nachricht, dass der Papst verstorben ist. Eine Nachricht, die mich persönlich nicht in Trauer versetzt. Ich habe es diesem alten Herrn gewünscht, dass er friedlich sterben darf und nach allem was man hört, ist ihm das wohl vergönnt gewesen. Ich kenne Menschen, die Jorge Bergoglio seit langem gut kannten. Ich weiß um andere, die ihm in den Jahren als Papst Franziskus immer wieder begegnet sind, ihn auch als Mensch kennenlernten.  Die nun um einen Freund trauern. Ich fühle mit ihnen.

Wir profitieren davon, dass heute Feiertag ist und sehen uns eine Sondersendung im Fernsehen an. Die Auswahl ist groß. Auf fast allen Kanälen wird des Verstorbenen gedacht. Es gibt Rückblicke auf sein Leben und seine Zeit als Papst. Immer und immer wieder. Da wird über ein „Kirchenoberhaupt“ berichtet, als spielte es eine Rolle für weite Teile der Gesellschaft. Da werden seine letzten Botschaften an den Ostertagen zitiert, als hätten sie ohne seinen Tod irgendeine Bedeutung für die Öffentlichkeit gehabt.

Man zitiert Politiker:innen – von denen einige wohlwollend genickt haben dürften, als die neue Bundestagspräsidentin den Kirchen und Religionsvertreter:innen vor wenigen Tagen einen Maulkorb verpassen wollte. Die Kirchenleute sollten nicht über Politik reden, sondern schön bei ihren Leisten bleiben. Dass die Botschaft von Nächstenliebe, Zuneigung, Solidarität und Menschlichkeit in ihrem Wesen zutiefst politisch ist, wurde dabei nonchalant vom Tisch gewischt.

Statt über die Frage, wie man Jesu Vorbild irgendwie für die Gesellschaft lebbar machen könnte, streitet man öffentlichkeitswirksam darüber, ob der Osterhase auch Schokohase, Sitzhase, Goldhase oder sonstwie heißen darf, ohne dass die Welt beim ersten Knistern der Verpackungsfolie untergeht.

Wenn Menschen in meinem Umfeld mich auf das Kreuz ansprechen, das ich um den Hals trage, dann in den seltensten Fällen, weil auch sie einen Glauben haben (und noch seltener ein christliches Bekenntnis). Viel häufiger werde ich gefragt, wie ich in einer Kirche sein und bleiben kann, die Missbrauch zuließ, vertuschte und bis heute viel zu oft das eigene Image vor das Leid der Betroffenen stellt. Wie ich feministische T-Shirts tragen, eine berufliche Leitungsposition bekleiden, auch im Alltag gendern und  dann doch in einer derart misogynen Institution Mitglied sein kann. Gespräche darüber, die über Vorwürfe hinausgehen, ergeben sich selten. Kirche taugt als Empörungskatalysator, aber besonders effizient ist der nicht. Das Interesse verpufft schnell.

Ich vermute, dass das nicht nur in meinem Umfeld so ist. Ein Zeichen dafür ist, dass in den TV-Beiträgen heute häufig Menschen zu Wort kommen, die in der „Bauchbinde“ als Vatikan-Expert:innen bezeichnet werden. Sie haben eigentlich andere Titel, doch diese sind so gut wie keinem mehr bekannt, der nicht aus irgendwelchen Gründen in kirchliche Strukturtiefen abtauchen musste. Allgemeinwissen sind sie nicht. Auch nicht die Vokabeln, die da mit staunenden Kunstpausen ausgesprochen werden. Konklave (gerne mal in der weiblichen Form „die“ Konklave genannt – es kommen ja sonst wenig genug Frauen vor). Camerlengo. Sedisvakanz, …

Wer kommt jetzt und was passiert dann, ist eine der zentralen Fragen. Immer wieder erzählen die „Expert:innen“ dann, dass die Westeuropäer da ganz andere Wünsche hätten als der Rest der Welt. Ich erinnere mich an die weltweite Umfrage vor der Familiensynode, an die Ergebnisse der Amazonas-Synode, an die Gespräche mit Frauen von allen Kontinenten, die ich in der Mary-Ward-Familie kennengelernt habe. Sie haben gar nicht so extrem andere Vorstellungen. Natürlich gibt es keine Übereinstimmung in allen Details. Aber die Sehnsucht, dass Jesu Botschaft mehr im Mittelpunkt stehen möge als verstaubte Regeln und bürokratische Vorgaben, eint alle. Die Überzeugung, dass Veränderung nicht Untergang, sondern neue Möglichkeiten zum Erfüllen von Jesu Auftrag bringen könnte, ist nicht exklusiv auf eine Weltregion begrenzt. Der Wunsch, Gott den Allmächtigen nicht zu einem geizigen Krämer herabzustufen, der von Vorschriften und Verboten lebt, ihn vielmehr als Geistkraft, Lebensspenderin, Befreierin, Trösterin, Begleiterin erfahrbar zu machen, war in allen weltweiten Rückmeldungen ablesbar.

Mit diesen Berichten und Erfahrungen im Ohr und im Herzen wundere ich mich sehr über diese so lässig dahingeplapperten „Expertisen“. Da werden Klischees wiederholt, die schon bei Tod von Johannes Paul II. gerne genannt wurden und die damals schon nicht passten.

Statt Oster-Wunder gibt es also heute bei mir Osterwundern. Ich wundere mich darüber, dass der Tod eines prominenten Katholiken (DES prominentesten Katholiken, schon klar) auch heute noch zu einer tages- und seiten-füllenden Sonderberichterstattung führt. Ich wundere mich darüber, dass Journalist:innen aller Medienarten den Tod des Papstes routiniert abhandeln und die großen Fragen der Menschheit stellen, ganz so als hätten die Auswirkungen eine Bedeutung für eine relevante Anzahl von Menschen. Ich wundere mich, dass immer wieder auf die besondere Bedeutung des Engagements von Papst Franziskus für Natur und Klima, für arme und ausgestoßene, vergessene und unterdrückte Menschen hingewiesen wird, dass die Menschen, für die er sich stark machte, aber selbst nie zu Wort kommen. Morgen werden die gleichen Medienvertreter:innen vermutlich die migrationsfeindlichen Worte von Politiker:innen ohne weitere Einordnung wiederholen.

Der Tod des Papstes und die Berichterstattung über Aufbahrung, Begräbnis und Neuwahl wird in den kommenden Tagen vermutlich zu einem Yellow-Press Phänomen werden. Vielleicht stellt sich ja ein Promi in die Kondolenzschlange, wie David Beckham bei der Queen und wir lesen das dann als Eilmeldung. Vielleicht drängelt ein C/D/E-Z-Promi sich vor und schreibt mit einem Füller seines aktuellen Hauptsponsors ins Kondolenzbuch und das Foto wird zum Thumbnail in einer Mediathek. Wundern würde mich das nicht.

Von Trotz und Trost und Weihnachten

Von außen gesehen ist es auch in diesem Jahr ein klassisches Weihnachten. Es gab einen Adventskranz und Weihnachtsmarktbummel mit Freundinnen. Wir haben Glühwein getrunken und uns mit den Nachbarn gefreut beim Adventsfenster Erleuchten. Ich habe Weihnachtspost geschrieben und mich gefreut, für ein paar der Liebsten kleine, aber richtig passende Geschenke gefunden zu haben. Wir haben einen kleinen Weihnachtsbaum zu Drei Haselnüsse für Aschenbrödel geschmückt und Crémant kaltgestellt.

So ruhig, wie sich das schreibt, ist es aber nicht. Vielmehr fühlt es sich so an, als wären wir in diesem Jahr aus vollem Lauf an die Krippe gestolpert. Und das liegt nicht an Bänderanriss und Bänderdehnung, die mich im Wortsinn aus dem Gleichgewicht bringen. Nein, es sind die kleinen und großen Notfälle des Lebens – wenn Familienmitglieder alt und krank werden; wenn der Kalender sich mit Begleitung zu Arztterminen, Beratungen mit Demenzexpertinnen, Gesprächen mit Versicherungen und und und schneller füllt, als wir schauen können. Wenn das Auto Kilometer frisst, weil die Bahn es unmöglich macht, die geografische Entfernung zuverlässig zu überwinden.

Ich fühle mich zerzaust und sehe beim Blick in den Spiegel gar nicht so selten auch so aus. Ich bin angefasst und wütend, tatkräftig und zupackend, ratlos und traurig, fröhlich und hoffnungsvoll, verletzt und erschöpft, aufgekratzt und müde, alles durcheinander.

Und dann fällt mein Blick auf unsere kleine Mantelkrippe – geschnitzt aus einem Stück Holz, eine kleine Familie, die sich gegenseitig schützt, aufeinander schaut. Sie hilft mir, darauf zu vertrauen, dass das Licht der Heiligen Nacht auch für die Zerzausten, die Stolpernden und Hinkenden, die Ratlosen und Erschöpften, die Scheiternden und Traurigen scheint. Ich schaue auf die einfach gestalteten Figuren und lasse die Hoffnung in mir aufsteigen, dass die Botschaft von Gott, der so unprätentiös Mensch wird, auch für die gilt, die nicht mehr wissen, was Weihnachten ist. Lasse mich durchdringen und wärmen von der Zuversicht, dass die Jahrtausende alte Geschichte vom Großen, das so klein und schutzlos beginnt, auch uns heute Kraft geben kann, dass auch aus Durcheinander, Ratlosigkeit und Anrufen der Polizei am Heiligen Abend etwas Besseres wachsen, eine neue Art von Zukunft entstehen kann.

Unsere kleine Krippe zeigt keine selig lächelnde Maria, sondern eine erschöpfte Frau, die das Beste draus macht und sich von der Freude über das Leben und der Liebe wärmen lässt.  Sie sind nicht abgebildet, aber ich sehe auch die Hirten, die Ausgeschlossenen, Ungewollten, die in dieser Nacht Nähe, Wärme und Licht erfahren.

Es ist eine trotzige Hoffnung, die mir da aus der Krippe zuwächst. Die Geschichte, die ihr Figuren erzählen, ist keine einfache, liebliche. Aber eine von Menschlichkeit und Kraft, von der sie nicht ahnten, dass sie sie besitzen. Es ist keine Geschichte von Glanz und Glorie, aber von überraschenden Begegnungen und menschlicher Wärme. Die kleine hölzerne Familie fügt dem Trotz ihren Hoffnungstrost hinzu.

Es ist keine klassische Weihnachtsbotschaft, die das alte Holz mir zuraunt, kein Oh du fröhliche und keine Stille Nacht. Aber das muss es das auch nicht sein. Ich nehme die Botschaft vom Frieden für die Menschen guten Willens in diesem Jahr persönlich. Guten Willen haben wir hier. Bergeweise. Den Rest müssen die Engel und alle, die sonst noch können, dazulegen.

 

Wie skaliert man Menschlichkeit? (aus traurig aktuellem Anlass)

Auch wer weder jüdisch noch christlich aufgewachsen ist, kennt vermutlich die sprichwörtliche babylonische Sprachverwirrung. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, an deren Ende die Menschen sich nicht mehr verstehen können, weil jede:r eine andere Sprache spricht.

Ich habe neulich mal wieder festgestellt, dass das mit dem Nicht-Verstehen gar nicht unbedingt an der Sprache liegen muss. Ich saß mit fünf anderen Frauen an einem Tisch. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, also keine Sprache, die wir alle beherrscht hätten. Zwei sprachen Slowakisch, eine Koreanisch, zwei Deutsch und eine Hindi als Muttersprache. Manche sprachen italienisch, andere spanisch, wieder andere englisch und mache der Sprachen verstand die eine oder andere, solange die anderen langsam sprachen.

Und wir hatten alle Hände und Füße und gute Laune. Mehr brauchte es nicht, um einen wunderbaren Abend zu verbringen. Wir haben viel voneinander erfahren – von unseren aktuellen Lebensabschnitten, von dem, was uns bewegt, was wir erhoffen, wovon wir träumen. Da war nicht nur Small Talk, wir wurden ganz schnell wesentlich. Wir kannten uns teilweise vorher, teilweise „nur“ online. Aber trotz des Sprachwirrwarrs habe ich keinen Graben wahrgenommen.

Ich habe diesen Abend, diese Tage sehr genossen. Und ich habe darüber nachgedacht, warum das so gut funktioniert hat. Mit Sicherheit hatte einen wichtigen Anteil, dass wir nicht einfach zufällig zusammenfanden, sondern alle zur Mary-Ward-Familie gehören. Wir lassen uns inspirieren vom Vorbild dieser Frau im 17. Jahrhundert, die neue Wege ging, wo vorher keine waren. Die Grenzen überwand und andere damit ansteckte. Die Solidarität lebte und erfuhr. Und wir wollen das auch.

Ein weiterer wichtiger Grund war sicher, dass dies für uns alle nicht unsere erste internationale Erfahrung war. Wir hatten schon erlebt, dass Sprachbarrieren fallen oder überwunden werden können. Wir alle kannten und kennen das Gefühl, dass Erinnerungen nicht nur visuell sondern auch mit Worten und Sprachen gespeichert werden und unser Herz wärmen können. Wir haben uns getraut – und den anderen ohne Nachdenken zugemutet – zu sagen, wenn wir nicht mehr mitkamen, etwas Wichtiges verpasst hatten. Dann übersetzte eine andere in eine Sprache, die die Fragende verstand. Wir haben im Notfall mit den Händen erklärt und im Zweifel mit dem Herzen gesprochen. Und wir haben viel gelacht – trotz manch schwerer Themen.

Wir waren zudem alle für Technologie offen. Wenn wir irgendwo absolut stecken blieben, war es völlig OK, dass wir das Smartphone zückten und eine für unsere Sprache besonders geeignete App befragten. Das führte nicht zu wilden Diskussionen und grundsätzlicher Ablehnung, sondern war einfach ein Hilfsmittel, Punkt.

Vor allem aber war da eine Art stilles Einverständnis, dass wir wollten, dass unser Austausch gelingt. Es stand gar nicht infrage, dass unsere Neugier aufeinander, unser Wunsch, mehr voneinander zu erfahren, unsere Bereitschaft, Freundschaft entstehen und wachsen zu lassen, größer war als die sprachlichen und kulturellen Differenzen. Da saßen Menschen zusammen, die alle die Grundüberzeugung mitbrachten, dass Verständigung möglich ist, dass Konflikte gelöst werden können, dass Freundschaft – egal wie schwer sie errungen wird – immer weiter trägt als Feindschaft und Konkurrenz. Scheitern wir, die wir da saßen, immer wieder an diesem Anspruch? Na klar. Das hält uns aber nicht davon ab, es immer wieder neu zu versuchen.

Mein Herz hüpft bei solchen Begegnungen, weil eben so viel mehr möglich ist, als die aktuelle Welt- und Nachrichtenlage vermuten lässt.

Eine Frage aber bleibt: Wie lässt sich diese Art der Verständigung, des Einverständnisses, der Solidarität und Zugewandtheit skalieren? Was kann ich dazu beitragen, dass diese Möglichkeit nicht in meinem kleinen, privaten Rahmen bleibt, sondern in die Geschichtsbücher wandert? Auf der Arbeit würde ich fragen: Wie lässt sich diese Erfahrung skalieren? Wie kann aus vielen kleinen Barrieren-überwinden-„StartUps“ eine globale Marktmacht werden? Damit nicht nur die brutale Realität des Unverständnis überliefert wird und überlebt, sondern eine Wirklichkeit, in der Menschen einander die Hände halten, Tränen trocknen, Kälte wegwärmen, Freundschaften pflegen und Herzen. Egal in welcher Sprache.

Zug, Zug, Zug, die Eisenbahn …

„Lassen Sie das lieber bleiben“ sagt die Frau am DB-Schalter. Ich habe vor, mit dem Zug vom rheinischen Vorgebirge ins Urola-Tal mitten in den baskischen Bergen zu fahren. Ein Interrail Ticket (ja, das gibt es auch für Erwachsene) habe ich bereits, aber beim Buchen der passenden Verbindungen stoße ich auf den Hinweis, dass zwischen Irún und San Sebastián Schienenersatzverkehr herrsche und man sich an die Bahngesellschaft des Ausgangspunkts wenden soll, um entsprechende Reservierungen über deren System buchen zu lassen.

Ich frage also bei der Deutschen Bahn und schaue in erstaunte Augen. Ja, tatsächlich, die Dame mit den zahlreichen grauen Haaren und dem bürgerlichen Aussehen will einmal mit dem Rucksack durch halb Europa fahren. Und das auch noch einigermaßen kurzfristig. Nur 6 Wochen Vorlauf habe ich – denn die Anfrage, ob ich nach Loyola kommen möchte, kam einigermaßen überraschend. „Da kriegen Sie doch jetzt sowieso keine Plätze mehr“, werde ich informiert. Außerdem findet die Software der Bahn meinen Zielort nicht (die DB-Navigator-App zeigt ihn mir aber an). Da sei ein sicheres Ankommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln doch mehr als fraglich, höre ich. Und: „Nehmen Sie doch ein Flugzeug. Das ist sicher einfacher.“ Vermutlich hat die DB-Mitarbeiterin recht, denke ich, auch wenn es Direktflüge nach Bilbao nur ab Orten gibt, wo ich aufwändig mit der Deutschen Bahn hinfahren müsste (das größte Risiko, auf der Reise stecken zu bleiben) oder ich fliege von quasi vor der Haustür erstmal 2 Stunden gen Norden, warte dort lange am Flughafen und dann weiter nach Spanien. Auch nicht sehr verlockend.

Je mehr die Bahn-Dame mir die Zugfahrt ausreden will, desto sturer werde ich. Jetzt erst recht, sagt mein Kopf und mein Herz nickt begeistert. In diesem Moment fühle ich mich abenteuerlich und ein wenig verrückt. Auch mal schön.

Ich lade mir also die Interrail-App herunter, suche passende Züge aus, mache die notwendigen Reservierungen für den Eurostar und den TGV für Hin- und Rückfahrt und vertraue auf meine Sprachkenntnisse, um mit dem spanischen Schienenersatzverkehr irgendwie klar zu kommen. Auf dem Papier (ok, auf dem digitalen Papier meiner App), sieht das alles ganz einfach aus: Mit der Regionalbahn nach Köln, mit dem Eurostar nach Paris, dort mit der Métro von der Gare du Nord zur Gare de Montparnasse, dann mit dem TGV nach Hendaye, von da nach San Sebastián und das letzte Stück mit dem Bus nach Loyola. Ich möchte gerne an Allerheiligen ankommen. An Feiertagen nimmt der Eurostar aber keine Interrail-Reisenden mit, also fahre ich am Vorabend und übernachte in Paris, ein paar Schritte von der Gare de Montparnasse entfernt. So weit, so gut.

Passend zu Halloween fängt die Fahrt gruselig an: Der Eurostar meldet, dass er nicht ab Köln, sondern erst ab Brüssel fährt. Um irgendwie nach Brüssel zu kommen, muss ich in dem Moment, in dem die Meldung bei mir ankommt, quasi direkt in die Schuhe schlüpfen, den Rucksack schultern (gut, dass er fertig gepackt bereit steht), die Handtasche mit Portemonnaie und Sonenbrllle schnappen und mit schnellen Schritten zum Bahnhof im Heimatdorf laufen. Ich bekomme zum Glück nach wenigen Minuten eine verspätete Regionalbahn nach Köln. Ich spurte auf Gleis 6 und springe in den ICE nach Brüssel – fast zwei Stunden vor der geplanten entspannten Abfahrt, aber immerhin im Zug.

Der ist erwartungsgemäß total überfüllt. Ich stehe also und lache gemeinsam mit den umstehenden Reisenden über die Durchsage, dass in den Wagen 21 bis 23 etwas mehr Platz in den Fluren sei als im Rest des Zuges. Vor Aachen halten wir außerplanmäßig. Personen im Gleis. Bundespolizei ist informiert. Ein paar Leute steigen aus zum Rauchen. Irgendwann pfeift jemand und es geht weiter. In Aachen geht dem Bordbistro das Wasser aus, für quengelnde Kinder gibt es aber Kinderfahrkarten und supergeduldige Mitarbeiter:innen – die sind an diesem Nachmittag wirklich großartig.

Irgendwann erreichen wir Brüssel. Ich sehe auf der Anzeige, dass ich dort tatsächlich einen früheren Eurostar nach Paris bekommen könnte – der kommt verspätet aus London. Ich frage beim Schalter nach. Der freundliche Herr wundert sich überhaupt nicht. Interrail-Passagiere habe er hier häufig. Er findet direkt die gewünschte Auskunft – dass im früheren Zug zwar Plätze frei seien, aber keine mehr für Interrail-Reisende. Umbuchen daher nicht möglich. Wenn ich trotzdem in den Zug hüpfen möchte, könnte ich den Aufpreis der Reservierung zum Preis der regulären Fahrt zahlen. Ein nettes Angebot, aber ich verzichte, setze mich in den Wartebereich, beobachte das bunte Bahnhofstreiben und freue mich am leckeren Duft der belgischen Pralinen aus dem Shop nebenan.

Der Eurostar steht überpünktlich am Gleis bereit. „Wir kommen ja nicht aus Deutschland“ witzelt die Zugbegleiterin, die beim Einsteigen unsere Tickets kontrolliert. Ich komme pünktlich in Paris an, kaufe mir ein Métro-Ticket und als ich zum Bahnsteig komme, fährt passend die Bahn ein. Darin gibt es viele aufwendig geschminkte Gespenster, Piratinnen und Hexen, die Herren, die dabei stehen, tragen Einheitslook: dunkle Jeans, helles Hemd, Lederjacke oder Teddymantel. Nur einer hat eine Narbe über die Wange geschminkt. Die große Halloweenparty scheint irgendwo bei Les Halles zu steigen, denn dort strömen die Gruselgestalten laut schnatternd aus der Bahn.

Im Hotel bekomme ich die Karte zu meinem Zimmer, die Dusche ist herrlich, ich stelle einen frühen Wecker und falle ins Bett. Am nächsten Morgen nutze ich die Kaffeemaschine im Zimmer, laufe zum Bahnhof, besteige den pünktlichen TGV nach Hendaye, trinke einen weiteren Kaffee an Bord, frühstücke ein Brioche und Äpfel von zu Hause, schlafe eine Runde und wache kurz vor Bordeaux wieder auf. „Reisen Sie schneller und verschmutzen Sie die Umwelt weniger“ zeigt der Bildschirm im Waggon freundlich an, bevor er auf Wickelräume, Defibrillator und das aktuelle Gericht des Monats im Bordbistro hinweist.

Der Nebel hat sich verzogen, die Sonne scheint und ich schaue die nächsten zwei Stunden einfach aus dem Fenster. Ab Biarritz wünscht die freundliche Zugchefin allen, die aussteigen, schöne Ferien und gute Erholung. Kurz vor Hendaye sagt sie an, wie Reisende nach Spanien den Schienenersatzverkehr und seine Tücken umgehen und schnell am Ziel ankommen können. Das Geheimnis heißt Straßenbahn und fährt nur wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt ab. Klar, hier gilt mein Interrail-Pass nicht, aber die zusätzlichen 2,75 Euro bis San Sebastián kann ich gut verschmerzen.

Google Maps bringt mich und meinen Rucksack sicher durch die spanische Hafenstadt, ich mache eine gemütliche Mittagspause im Schatten am Wasser, verspeise mein letztes Reisebrot und steige in den nächsten Bus nach Loyola. Beim Einsteigen treffe ich drei Teilnehmerinnen der Konferenz, zu der ich fahre. Sie kommen aus Brasilien, Chile und Argentinien und sind in etwa genauso lang unterwegs wie ich. Wir freuen uns über den Busfahrer, der baskische Rockmusik mitpfeift und irgendwann zu ABBA wechselt und laut mitsingt. Er erklärt uns den Weg von der Bushaltestelle zum Tagungshaus und hilft beim Ausladen des Gepäcks.

Tldr: Was sich unheimlich abenteuerlich anhörte, entpuppte sich – sobald die DB ihren Job getan hatte – als völlig durchschnittliche, dafür aber herrlich entspannte Reise. Ich freu mich jetzt schon auf die Rückfahrt.

Nähe und Distanz

Nicht erst seit der Pandemie gehört für mich das Internet zu meiner echten Lebenswelt. Soziale Netzwerke verbinden mich mit Menschen – manche vor Ort, andere mithilfe von Technologie. Zwischen Internet und Kohlenstoffwelt klafft für mich kein Graben. Das ist für viele Menschen um mich herum noch immer ungewöhnlich und schwer zu verstehen. Für sie waren Videokonferenzen und Chats, digitale Spieleabende und all die anderen Hilfsmittel ein Überbrückungstool für die Pandemie. Jetzt freuen sie sich, dass das „echte Leben“ wieder mit weniger Bildschirmen auskommt und sie „echte Menschen“ live treffen können.

Auch ich schätze räumliche Nähe, Umarmungen mit Freund:innen, ein gemeinsames Kichern und Anstoßen, gemeinsame Spaziergänge und Essen und und und. Aber digitale Treffen sind für mich nicht weniger echt, nicht weniger live, nicht weniger persönlich und bewegend. Ich ziehe andere Grenzen zwischen Nähe und Distanz, fühle mich manchmal gar bei analogen Begegnungen weiter entfernt von Menschen als bei digitalen Treffen mit anderen, mit denen mich die gleiche Sehnsucht, der gleiche Humor, die gleiche Leidenschaft für Frauenrechte und Leben, Veränderung und Solidarität verbindet.

Die Frau vom Amt, der ich nur einen knappen Meter entfernt gegenübersitze, versteht meine Frage nicht. Wir sprechen beide deutsch, haben die gleichen Unterlagen vor uns und reden doch aneinander vorbei. Großes Interesse an meinem Anliegen scheint sie nicht zu haben und zugegebenermaßen ist auch meine Geduld nur bedingt ausgeprägt. Wir sind uns geografisch so nah wie möglich, aber es scheint, als trennen uns Welten.

Ganz anders neulich mittags. Da saß ich mit Frauen aus verschiedenen Ecken der Welt zusammen. Für mich Europäerin war das bequem, die wunderbare Frau in Toronto ist extra früh aufgestanden, die in Melbourne länger aufgeblieben als es für sie üblich ist. Dazwischen Menschen aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Muttersprachen. Wir sprechen alle gut englisch, aber für manche Nuance, manche noch nicht ganz ausgegorene Idee brauchen wir Hände und Füße, Emojis und schnell gegoogelte Unterstützung in der Muttersprache einer der anderen. Wir lachen und seufzen, reden durcheinander und dann wieder eine nach der anderen, nicken zustimmen, wiegen nachdenklich die Köpfe oder runzeln die Stirn – ganz so, als säßen wir uns in einem Raum, auf einem Sofa, um einen Tisch gegenüber. Die einen haben sich Kaffee mitgebracht, die andere den Gutenacht-Tee. Bei manchen steht der Winter in den Startlöchern, bei den anderen der Sommer – all die geografischen, klimatischen und kulturellen Entfernungen überwinden wir ohne groß darüber nachzudenken.

Ich habe Freund:innen in der Nähe. Die mir nächsten Menschen leben jedoch in unterschiedlicher geografischer Entfernung, manche in anderen Zeitzonen, eine gar in einem Land ohne funktionierende Post. Nähe messe ich schon lange nicht in Kilometern, sondern in der Zeit, die wir brauchen, um ins Gespräch zu kommen. Meistens geht das ganz ohne „Aufwärmen“, als hätten wir gerade erst einen intensiven Abend miteinander verbracht. Wir laufen herum und denken aneinander, wir wohnen in den Herzen und Seelen der jeweils anderen. Auf der Karte weit weg und doch ganz nah.