Abend und Morgen in der Gaststadt

Am Abend hat der Regen aufgehört und der Nebel hat sich über die Stadt gesenkt. Es ist so dunkel, dass man ihn nicht sehen könnte, hätte die Stadt sich nicht schon in ihr Weihnachtslichtergewand gekleidet. Viele kleine Lämpchen funkeln an Hauswänden und in Bäumen und machen es dem Nebelkönig unmöglich, sein Reich unbemerkt zu vergrößern.

Bei Kerzenschein und Tee sitzen wir in einem oberen Stockwerk und schauen den grauen Schwaden beim Einzug zu. Langsam kriechen sie vorwärts und abwärts. Sie sind nur mit einer kleinen Abordnung gekommen und können nicht die ganze Stadt einhüllen in ihr wolkiges Gewand. Aber für einige Straßen, ein paar Häuserspitzen, Kirchtürme, Baukräne reicht es dann doch. Sind wir nicht hübsch? – lassen sie den Wind ihr Gesäusel weitertragen. Und wie, denke ich im warmen Zimmer mit den vielen Büchern, den einfachen, aber beseelenden Bildern an den Wänden und der so langjährigen und tragenden Freundschaft im Herzen.

Am Morgen haben die Nebelschlieren sich eine Etage höher gelegt und geben den Blick frei auf den Turm der so schönen Bibliothek im Winterzauber. Das Glockenspiel klingt durch die Straßen bis in mein offenes Fenster. Ganz nachtschwarz ist es noch und wären die Lichter der Häuser und der Weihnachtsdekoration nicht, man könnte glauben, der Tag habe uns vergessen. Doch langsam, langsam mischt sich ein wenig Blau in die Schwärze und nach Laudes, Messe und Frühstück ist es grau geworden. Wieder klingt das Glockenspiel in mein Zimmer und an meinen Schreibtisch.

Noch ist es das einzige Geräusch. Doch schon bald folgen ihm eilige Schritte auf dem Kopfsteinplaster, klappernde Türen, aufheulende Motoren, das Scheppern von Baustellengeräuschen aus der Ferne und in der Nähe ein paar schüchterne Vogelstimmen. Mit den Geräuschen kommen auch Gerüche zu mir herein. Nasser Asphalt mischt sich mit dem Holzrauch des Nachbarkamins und mit Kakaoduft.

Zur vollen Stunde gibt es ein wenig mehr Glockenmusik. Ich hole mir noch einen Kaffee, um die letzten Nachtreste auch aus meinem Kopf zu vertreiben. Der Tag kann kommen.

 

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