Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. (Joh, 20,14)
Archiv der Kategorie: Allgemeines
Osternacht 2017
Dies ist die Nacht …
Karfreitag 2017
Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf. (Joh 19,16)
Gründonnerstag 2017
Weil er die Seinen liebte, liebte er sie bis zur Vollendung. (Joh 13,1)
Demokratie zum Anfassen
Wählen gehen ist ein Recht, das mir jahrelang selbstverständlich erschien. Natürlich konnte ich wählen gehen. Bürgermeisterwahl, Gemeinderatswahl, Landtagswahl, Bundestagswahl, Europawahl. Sogar Pfarrgemeinderäte konnte man wählen. Ich habe mich sogar schon für Wahlen aufstellen lassen. Und wurde gewählt. Als Pfarrgemeinderätin und Betriebsrätin.
Nur einmal gab es ein Problem. Bei der Europawahl 1999 wohnte ich in Frankreich. Und weil dort die Post (oder irgendeiner der Transportwege für die Post) streikte, kamen meine Briefwahlunterlagen erst nach der Wahl bei mir an. Ein kleines Ärgernis, aber wer kann Franzosen, die für bessere Arbeitsbedingungen nicht arbeiten, irgendwas übel nehmen. Ok, nach sechs Wochen Busstreik, bei dem nicht mal verhandelt wurde und der dann irgendwann einfach ohne Ergebnis vorbei war, wurde meine Geduld schon sehr auf die Probe gestellt. Aber selbst wenn ich das Gefühl habe, das aktuelle Frankreich immer weniger zu verstehen (trotz vieler Gespräche mit französischen Bekannten und Freunden und der wirklich informativen politischen Zwischenrufe von Au fil des mots), ist das in meiner Erinnerung kein Grund gewesen, Wahlen grundsätzlich doof zu finden.
Zuhause zu bleiben oder meine Stimme absichtlich ungültig zu machen, auf diese Ideen bin ich nie gekommen. Aber in diesem Jahr reicht mir das nicht mehr. Ich will mehr tun. Etwas beitragen zu diesem unglaublich tollen demokratischen Vorgang. Mehr beitragen als nur meinen Stimmzettel in einen Umschlag zu stecken und ihn in eine Urne zu werfen. Und so habe ich mich als Wahlhelferin gemeldet.
Das klingt jetzt erstmal nicht besonders großartig. Aber es ist ein Ehrenamt, ohne das die Demokratie nicht funktionieren würde. Und so werde ich also bei der NRW-Landtagswahl in diesem Jahr zum ersten Mal ein winzig kleiner Teil dieses demokratischen Prozederes sein und als Beisitzerin dazu beitragen, dass andere die Wahl haben.
Also tut mir einen Gefallen: Geht hin. Gebt eure Stimme ab. Macht davon Gebrauch, die Richtung in unserem Land mitzugestalten. Und lasst euch bei eurer Entscheidung nicht nur von eurem Gefühl leiten. Informiert euch, besucht vielleicht sogar Wahlkampfveranstaltungen. Redet mit euren Freunden. Diskutiert über die vorgeschlagenen Lösungen für aktuelle Probleme. Hört euch auch gegenteilige Meinungen an und tragt eure eigenen Argumente sachlich vor. Redet über Ideen und Fragen, Antworten und ihr Gegenteil.
Und auch, wenn das jetzt recht salbungsvoll klingen mag, meine ich es ganz ernst: Versuchen wir, nicht zynisch und sarkastisch zu sein, sondern an Veränderungen hin zu mehr Menschlichkeit zu glauben. Gestalten wir die Gesellschaft mit, die wir haben wollen. Setzen wir uns ein für Freiheit, Vertrauen, Hoffnung, (Mit-)Menschlichkeit. Für die Suche nach den richtigen Fragen und nicht nur nach einfachen Antworten. Setzen wir uns ein für die, die das selbst nicht können, weil sie schwach sind, oder stumm gemacht werden, weil sie Angst haben oder traumatisiert sind, weil sie rechtlos am Rand sind und selbst nicht mehr daran glauben, dass sie Würde haben. Machen wir uns stark für einander und für andere, für eine menschliche, hoffnungsvolle Grundlage für unser Zusammenleben. Setzen wir uns ein für das Aushalten von Konflikten und die sachliche Auseiandersetzung, in der niemand einem anderen das Menschsein abspricht. Und für die Demokratie.
Denn die funktioniert nicht einfach für uns. Sondern nur mit uns.
Was schön war (okay, es fängt doof an, aber dann… :-) )
„Ich renne und halte für Sie die Tür auf.“
Ein kleiner Satz, der ganz alltäglich klingt, meinen gestrigen Tag aber zu einem ganz besonders schönen gemacht hat. Aber von vorne:
Der Tag fing schonmal gleich gut mies an. Bevor ich das Haus verließ, hatte ich in der Bahn-App nachgesehen, ob mein Zug pünktlich sein würde. Jawoll, alles klar. Der Anschluss in Köln – für den ich sowieso schon eine halbe Stunde zusätzlichen Puffer eingeplant hatte – war mir sicher.
Fünf Minuten später am Bahnhof: Strecke gesperrt, seit mehr als einer Stunde geht hier gar nichts mehr. Immerhin stand da ein Zug, in dem es Sitzplätze gab. Der freundliche Triebfahrzeugführer vom „National Express“ gab immer wieder mit Durchsagen bekannt, was es zu wissen gab: Dass er seinen Kollegen von der Nachtschicht abgelöst habe und auch erstmal erfahren müsse, wie es denn nun weitergehe. Dass die Strecke leider immer noch gesperrt sein. Dass die Strecke wieder freigegeben worden sei und man gleich losfahre. Und dass wir 20 Minuten später dann doch den Zug räumen mussten, um mit einem anderen Zug, der mittlerweile auf dem Nachbargleis gestrandet war, in die falsche Richtung zu fahren, weil: Nach Köln kommen Sie hier nicht. Immerhin bringe einen der andere Zug nach Bonn, wo man zwar auch keinen Schienenersatzverkehr, aber immerhin die Straßenbahn erreichen könne.
Und mitten in diesem Chaos wurde es schön: Die Info, welcher Zug fährt und wohin, hatte man nämlich den Menschen auf den diversen Bahngleisen und im anderen Zug nicht gegeben. Das erledigten dann die – nach bis zu zwei Stunden Verspätung überraschend gelassenen – Fahrgäste aus dem blauen Zug. Egal, wer wie oft fragte, jeder teilte das Wissen, das er hatte. Wer nun doch das Auto holen wollte, bot Fahrgemeinschaften an, andere geleiteten Ortsfremde zur Bushaltestelle, von wo man wenigstens ein bisschen gemeinsam in die richtige Richtung weiterfahren wollte.
In Bonn erwischte ich dann die Straßenbahn nach Siegburg und hatte dort laut Fahrplan drei Minuten Zeit zum Umsteigen in einen ICE gen Süden. Leider war die Straßenbahn aber genau diese drei Minuten zu spät. Egal. Rechtzeitig vor der Einfahrt in den Siegburger Bahnhof stellte ich mich an die Tür zum Aussteigen. Il y a un dieu pour les ivrognes – frei übersetzt: Das Glück ist mit den Besoffenen Tüchtigen. Und vielleicht würde ich den Zug ja trotzdem irgendwie kriegen. Das ständige Sporteln im letzten Jahr verleiht mir zwar keine Flügel, aber immerhin schnellere Beine. 🙂
Die brauchte ich aber gar nicht, denn plötzlich steht ein freundlicher Herr mit Rucksack neben mir und sagt den schönen Satz: „Wollen Sie auch zum ICE nach Mannheim? Ich auch und ich habe keinen Koffer. Ich renne und halte für Sie die Tür auf.“
Jemand der seine Umgebung so wahrnimmt, dass er das, was er selbst tut, mit anderen in Verbindung bringt. Jemand, der einfach so seine Hilfe anbietet. Jemand, der nicht lange fragt, sondern einfach mal macht: So jemanden wünsche ich euch heute auch. Und morgen. Und übermorgen. Und überhaupt.
Lieber unbekannter Bahnmitarbeiter (das weiß ich, weil wir danach noch ein wenig plauderten): Vielen Dank. Und allzeit gute Fahrt!
Was schön war: Exerzitien an der Donau
Es scheint ja so zu sein, dass ich meinem Vorsatz, wieder mehr zu bloggen, wirklich treuer sein kann, wenn ich die Dinge durch die Schönheitsbrille filtere. Und so lest ihr hier schon wieder etwas Schönes.
Von meinen Exerzitien habe ich euch ja bereits berichtet. Hier war ich dieses und sicher nicht zum letzten Mal. Das war ganz einfach, ganz wunderbar und ganz rundum besonders schön. Das Innerliche lässt sich wie immer nicht gut in Worte fassen, aber auch um mich herum sind schöne Dinge passiert.
Ganz oben auf der Liste: Dieser Blick bei diesem Licht beim Meditieren in der Kapelle.
Auch sehr, sehr schön: Tägliche, ausgiebige Wege an der Donau.

Bei einem meiner achtsamen Spazieren stehe ich am Ende mitten im Schlosshof. Was mir dabei auffällt: Jedes Mal, wenn ich ein paar Tage in Bayern verbringe, halte ich irgendwann diesen ganzen Regentschaftsbrimborium für ziemlich real. An jeder Brücke, jedem Stadttor, an jedem zweiten Haus und auch sonst überall steht, welcher Prinz, König, Regent oder [beliebigen Herrschertitel einsetzen] für diese Schönheit verantwortlich zeichnet. Und das alles so schön hergerichtet und herausgeputzt, dass ich es am ersten Tag wie ein gelungenes Freilichtmuseum genieße. Aber je länger ich bleibe, desto mehr verliert sich das museums- und kulissenhafte und desto wirklicher wird es. Nur das mit der CSU, das erschließt sich mir nie, egal, wie lange ich bleibe und egal wie herrschaftlich die Protagonisten sich gebährden.
Ich stehe also aufs märchenhafteste gestimmt im Schlosshof und wie ich da so die Wandmalereien bewundere, kommt ein kleiner Lieferwagen herangebraust und hält vor dem Schlosstor. Der Aufschrift entnehme ich, dass der Wagen „Dienstkleidung“ liefert. Ein kleiner, weißhaariger, sehr dünner Herr in einem blauen Kittel – Typ Schluhausmeister in den 80er Jahren -, steigt aus. Langsam geht er um das Auto herum und klingelt am hölzernen Tor. Gespannt bleibe ich stehen, um zu sehen, wer wohl öffnet, und wie die Dienstkleidung der Schlossherren wohl aussehen mag. Bringt er frisch gereinigte Prachtkleider für die Puppen, die in den Schlossräumen auf Besucher warten? Oder Küchenschürzen fürs Personal?
Die Gegensprechanlage ertönt und der ältere Herr sagt in tiefem Bayerisch: „Ich bring Ihnen die Dreckmatten.“ Nein, ich versuche mich nicht daran, das irgendwie in lautmalerische Buchstaben zu bringen. Ihr müsst euch das Bayerische einfach vorstellen. Auf jeden Fall ist meine Neugier jetzt endgültig geweckt. Wer oder was muss denn in diesem vornehmen Residenzschloss „Dreckmatten“ tragen? Oder ist das ein einheimisches Fachwort für barocke Roben?
Auch im Schloss muss etwas unklar geblieben sein, denn der kleine Herr wuselt von der Ladefläche seines Transports zurück zur Klingel und wiederholt überraschend laut: „Na, die Matten für die Touristen, die wo den Dreck sonst reintragen.“ Das war wohl das Zauberwort, denn der Türsummer erklingt und der Mann im blauen Kittel geht mit einer großen, grauen Kiste ins Schloss hinein. Hmmm.
Beim Hinausgehen sehe ich, was auf der anderen Seite des Lieferwagens steht: „Dienstkleidung und Schmutzauffangmatten.“ Ach so. Na dann.
Aber ein bisschen schde ist es schon.
Mit dem Rollator und viel Liebe
In den vergangenen Tagen war ich offline und habe Exerzitien gemacht. In dem Kovent, zu dem das Exerzitienhaus gehört, leben vor allem alte – gar betagte – Schwestern. Es gibt dort auch einen Pflegebereich. Wer nun denkt, die Stimmung dort sei traurig oder gedrückt, der irrt. Sehr.
Wann immer man durch das Haus geht, trifft man auf eine der zahlreichen noch immer durchaus aktiven Schwestern. Viele von ihnen sind mit dem Rollator durchaus schneller unterwegs, als mancher Mensch ohne Gehhilfe. Andere schieben langsam, aber stetig ihr Wägelchen vor sich her und jede kommt dorthin, wo sie hinmöchte.
So weit, so normal. Besonders angerührt hat mich die „Rollator-Parade“ am ersten Morgen. Nichtsahnend bleibe ich nach dem Gottesdienst noch etwas sitzen, genieße das abschließende Orgelspiel und das Licht, das sich in den Zweigen vor dem Fenster fängt und wunderschöne Schatten in die Kirche wirft. Die Gäste, die noch gut zu Fuß sind, sind längst aufgestanden und Richtung Frühstück gegangen. Doch ich sitze noch da und sehe, wie liebevoll die alten Damen miteinander umgehen.
In der ersten Bankreihe sitzen die Schwestern, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Hinter der letzten Bankreihe und am Ausgang der Kirche parken ihre Rollatoren. Diejenigen Schwestern, die während der Messe in der zweiten Reihe des Halbrunds saßen, sausen nun fast lautlos Richtung „Parkplatz“ und holen die fahrbaren Gehhilfen. Dabei sortieren sie sich direkt so, dass die Schwestern, die am weitesten außen sitzen, ihren Rollator zuerst bekommen und loslaufen können. Die anderen rutschen derweil nach und bekommen ebenfalls ihren Rollator in die Hand gedrückt.
Wer sich nicht mehr gut alleine von der Bank aufrichten kann, dem greift eine Mitschwester behutsam unter die Arme. Beherzt zieht die eine sich an der Bank hoch, vorsichtig zieht die andere an Arm und Schulter, bis die Hände umgreifen können auf die Griffe des Gefährts. Verschmitzt und fast verschwörerisch lächeln die beiden sich zu, nicken kurz und schon sind sie unterwegs in Richtung Kaffeeduft.
Das alles erfolgt mit einer so heiteren Selbstverständlichkeit – das Helfen und das Hilfe annehmen, das Rücksichtnehmen und das Geduldigsein – dass ich mir wünsche, auf diese Art alt werden zu dürfen.
Was schön war
Ich muss früh morgens etwas abholen in der Nähe des Kölner Bahnhofs. Als ich alle Unterlagen bekommen habe, ist es immer noch früh. Die Ruhe auf der sonst so hektischen Domplatte tut mir gut. Der schneidend kalte Wind, der sich hier wie immer fängt, allerdings nicht. Im Dom ist es noch stiller. Der Domschweizer am Hauptportal weist mir müde und stumm den Weg auf eine der Seiten. Der Mittelgang ist gesperrt. Ich gehe an der Seite vorbei und setze mich in eine der Bänke. Ruhe finden nach dem frühstartenden Morgen und vor dem Arbeitsberg, der im Büro auf mich wartet.
Ein leises Klackern lässt mich aufhorchen. Es ist ein ungewöhnliches Geräusch hier im ganz stillen Dom. Nicht die Schritte eines anderen Besuchers. Nicht der Schweizer, der die Absperrung löst, kein Lärm, als sei irgendwo etwas heruntergefallen. Mehr wie ein Wischen und Klopfen auf Holz. Wie… Putzen. Und genau das ist es auch.
Zwei Frauen mit kleinen Putzwägen biegen aus den Seitenschiffen Richtung Mittelgang ab. Sie wischen den Boden und stoßen ab und zu mit den Wischmopps an den Rand der Bänke. Nach jeweils einigen Reihen gewischten Bodens wringen sie das Tuch aus, putzen die Kniebänke. Dann stellen sie den Mopp zur Seite, wringen ein anderes Tuch aus einem anderen Eimer sorgfältig aus und wischen auch Sitzflächen und Rückenlehnen der Bänke.
Langsam, aber zielstrebig und sorgfältig bewegen sie sich durch die Reihen. Eine von ihnen hält ab und zu für ein paar Sekunden inne, streckt den Rücken, massiert sich den Nacken, blickt kurz auf den prunkvollen Hochaltar. Dann greift sie wieder zum Wischmopp, putzt weiter Reihe für Reihe. Einige Bänke schräg vor mir sitzt ein älterer Herr. Er scheint tief ins Gebet vertieft. Vorsichtig nähert sich die Putzfrau, wischt den Boden bis in seine Nähe, geht dann einmal um die Bänke herum und wischt von der anderen Seite ebenfalls vorsichtig bis in die Nähe des betenden Herrn.
Leise geht sie in die nächste Bank. Man sieht, dass sie sich bemüht, so wenig wie möglich zu stören. Als sie gerade mit der Bank hinter dem Herrn fertig ist, hebt dieser den Kopf, dreht sich leicht nach der putzenden Dame um, die auf ihrem Wagen das Putztuch wechselt. Er lächelt ihr zu, nickt mehrfach mit dem Kopf und geht auf Zehenspitzen davon, um den frisch geputzten Boden nicht zu verschmutzen.
Was schön war
Morgens um kurz nach fünf am Hauptbahnhof in Köln. Ich blinzle verschlafen in die Gegend und halte mich an meinem Kaffee fest. Außer zwei Bäckern hat noch keines der Geschäfte geöffnet. Aus einem Schaufenster blickt mich ein Einhornluftballon gelangweilt an. Um noch ein wenig vor mich hinzuträumen, setze ich mich in einem der Gänge auf eine Bank und lese schläfrig ein wenig meine Timeline nach.
Um mich herum sind noch mehr schläfrige Menschen. Sie kommen allerdings nicht aus einem warmen Bett, können sich vermutlich nicht einfach so einen Milchkaffee zum Wachwerden und Wärmen kaufen. Sie liegen auf und neben den Bänken. Ein junger Mann sitzt auf einer Stufe, eine Plastiktüte neben sich, einen kleinen, zerschlissenen Rucksack auf den Knien. Die Kapuze hat er sich tief ins Gesicht gezogen, sein Oberkörper ist eng über die Knie und den Rucksack gebeugt. Er atmet flach, schnarcht ganz leicht.
Plötzlich kommt Leben in die verschlafene Szenerie. Das Licht wird etwas heller und festen Schrittes nähern sich zwei junge Männer mit den leuchtenden Westen vom Sicherheitsdienst der Bahn. Entschlossen gehen sie auf den jungen, zusammengekauerten Mann zu. Plötzlich bin auch ich hellwach. Und sehe beruhigt, dass einer von ihnen den schlafenden Bahnhofsbesucher vorsichtig an der Schulter berührt. Mit respektvollem Abstand bleiben sie vor dem Sitzenden stehen, warten, bis er wach genug ist, um sie blinzelnd anzusehen. Nicken ihm freundlich zu, bekommen ein müdes, aber dankbares Lächeln zurück. Der junge Mann nimmt die Hände aus dem durchsichtigen Müllsack, der ihm in der Nacht ein wenig Wärme spenden sollte. Fährt sich durchs Gesicht, reibt sich den Schlaf aus den Augen. Blinzelt gegen die Bahnhofsbeleuchtung an. Er nickt einem Passanten zu, der ihm ein paar Münzen zusteckt und bleibt einfach sitzen.
Hinter mir sind die die Männer vom Sicherheitsdienst weitergegangen. Wecken nach und nach alle Männer – es sind nur Männer – die hier Zuflucht vor den noch immer kalten Temperaturen gesucht haben. Lachen mit einem, der schon wach war. Und erklären einem anderen, dass die Nachtruhe nun zu Ende sei, hier im Bahnhof. „Um halb sechs ist Wecken.“ – „Wieso denn?“ – „Jetzt kommen langsam die Pendler, die sollen nicht über Sie stolpern. Und Sie können besser auf Ihre Sachen aufpassen, nicht dass etwas wegkommt.“ – „Na gut. Ich wache dann mal auf.“ Ein breites Lächeln auf der einen, doppeltes Kopfnicken auf der anderen Seite.
Der junge Mann mit der Plastiktüte über den Händen schafft es noch nicht, die Augen offen zu halten. Sein Kopf sinkt immer wieder ruckartig nach vorne. Die beiden Sicherheitsmitarbeiter kommen zurück und sehen, wie er den Kampf gegen die Müdigkeit verliert, wieder nach vorne sinkt und einschläft. Sie zögern kurz, schauen sich an, nicken sich einvernehmlich zu und gehen weiter. „Eine halbe Stunde geht noch“, höre ich den älteren der beiden murmeln, als ich meinen Rucksack packe, meinen Kaffeebecher nehme und Richtung Gleis gehe.

