Archiv des Autors: Frau ArGueveur

Ohne Worte

Erst hatte ich nur einen heftigen Schnupfen (Willkommen Herbst), jetzt ist meine Stimme fast komplett weg.

Ich neige zu Heiserkeit und es ist nicht das erste Mal, dass ich nicht mehr sprechen, sondern nur noch vorsichtig krächzen kann. Die Geschichte, wie ich am dritten Tag in meinem Auslandsstudienjahr ganz ohne Stimme beim Arzt stand und angepflaumt wurde, weil ich – haha – nicht angerufen hatte, ist nur einer der Höhepunkte.

Aber an was ich mich nie gewöhnen kann, ist etwas anderes. Das Schweigen, das ich mir nicht selbst ausgesucht habe.
Ich habe kein Poblem alleine zu sein oder in guter Gesellschaft einträchtig zu schweigen. Aber wenn ich nicht einfach ans Telefon gehen kann, weil mein Gegenüber mich vermutlich nicht versteht, weil ich mich in einer Konferenz nicht einfach zu Wort melden kann, um meine Meinung zu vertreten, weil mein Krächzen nicht durch den Raum dringen würde, weil Flüstern auch keine Lösung ist und Lutschutensilien, Schal und Tee das Ganze leider nicht schneller vorbeigehen lassen, dann fühle ich mich außer Gefecht gesetzt.

Ohne Stimme fehlt mir nicht nur eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen. Ich fühle mich, als fehle mir ein Teil meiner Selbstbestimmtheit, meiner Freiheit. Ein Stück von dem, was mich ausmacht. Natürlich kann ich auch mit meinen Augen, meinen Gesten, meinem Handeln (und nicht zuletzt schreibend) freundlich sein, auch wenn meine Stimme so unfreundlich und anklagend klingt wie ein sterbender Rasenmäher, den man mit einem rostigen Reibeisen gekreuzt hat.
Aber im Normalfall gehört meine Stimme, gehören mein Lachen, Schimpfen, Kichern und Murmeln, mein Vor-dem-Spiegel-vor-mich-Hinsummen und das wohlige Seufzen, wenn ich nach einem langen Tag auf den seltenen hohen Hacken meine Schuhe ausziehen kann, so sehr zu mir, dass ich immer wieder darüber stolpere, wenn all das eben nicht geht.

Natürlich geht meine Heiserkeit in einigen Tagen wieder vorbei. Selbstverständlich bin ich nicht „wortlos“ und Vieles hiervon ist ganz schön „mimimi“. Aber ich merke zurzeit, wie viel ich im Alltag selbstverständlich als gegeben hinnehme. Und ich nehme mir fest vor, dass das Erste, was ich wieder mit meiner Stimme sagen kann, kein Vorwurf, kein sarkastischer Spruch und kein unbedacht dahingesagtes Blabla sein wird. Sondern ein Dankschön, ein Lachen oder ein Trost. Wenn ihr wollt, dürft ihr mich gerne auch später mal ab und an daran erinnern.

Bis dahin nehmt euch ein Beispiel an meiner französischen Mitbewohnerin Christelle. Die hatte bei oben schon erwähntem Stimmausfall ein Schild an meine Zimmertür geklebt. Darauf erklärte sie den Nachbarn, die sich bei ihr beschwerten, dass die Neue nicht zurückgrüßt: „Hier wohnt Esther. Sie ist nicht unhöflich, nur heiser.“

PS: Wer den Namen „Revoice“ für ein Heiserkeitsbekämpfungsdragee erfunden hat, gehört für mich zusammen mit den Schöpfern von „DNAge“ und „Pro Keratin Power Kera Recharge“  in einen dunklen Raum voller Spinnen gesperrt, wo ihnen diese Namen so lange vorgelesen werden, bis sie glaubhaft versprechen, so etwas nie (nie! NIE!) wieder zu tun. 🙂

PPS: Wer mir Hausmittel gegen Heiserkeit empfehlen will − Danke, aber nein danke. Schließlich waren schon ungefähr 5 Dutzend Zeitgenossen schneller.

Ach sooooo

Grade klingelte der Postbote und hat mich ziemlich seltsam angekuckt. Warum? Liegt wohl an meinem riesigen Honigkuchenpferdgrinsen. Woher das kommt? Da muss ich ein bisschen ausholen.

Dieses Jahr hatte ich irgendwie Probleme, nach dem Urlaub wieder richtig zu Hause anzukommen. Die Wochen am Meer waren einfach…

Dabei waren wir ja nicht zum ersten Mal in der Bretagne. Das Wetter war schön, aber nicht außergewöhnlich (von dem wirklich besonderen Nebelerlebnis hatte ich euch ja schon erzählt), die Spaziergänge an der Küste und die kleinen Besichtigungstouren waren erholsam, so soll Urlaub für mich sein. Warum also hatte ich trotzdem so große Sehnsucht, auch nachdem wir wieder zu Hause waren?

Lag es am Stress in den Tagen und Wochen vor dem Urlaub? An der Tatsache, dass ich dieses Jahr beruflich und privat bereits viele Kurzreisen gemacht hatte, bei denen zwar viel passierte, aber keine Zeit blieb, einen Ort wirklich zu entdecken? Oder…?

Vorgestern habe ich dann dieses Bild vom Sonnenuntergang hier bei uns gemacht.

sonnenuntergang_september2013Zuerst dachte ich: Schwacher Trost.
Aber als ich es heute nochmal ansah, wurde mir wieder klar, wie schön es hier ist. Und plötzlich fühlte ich mich wieder richtig zu Hause. Zum Abschluss der Urlaubs genau das richtige Gefühl. Daher: Großes Honigkuchenpferdgrinsen trotz Schnupfennase.   🙂

Von Heiligen und anderen Experten

pardon_la_viergeIm Urlaub haben wir das Grand Pardon in Le Folgoët besucht. Um ehrlich zu sein, waren wir eigentlich nur bei der großen Trachtenprozession am Sonntagnachmittag. Älteren Fotos und weitschweifigen Ankündigungen on- und offline zufolge sollten sich dort bis zu 20.000 mehr oder weniger fromme Pilger versammeln. Von denen haben wir jedoch nur einen Bruchteil zu Gesicht bekommen. „Früher hätten sie hier keinen Fuß auf den Boden bekommen“, sagte der freundliche Herr neben uns. Sehr bedauert hat er das geringe Interesse aber nicht: „Das ist hier nicht so mein Ding, aber die Kostüme sind ganz hübsch.“

pardon_kostuemeAuch uns hat in diesem Fall die Aussicht auf echte bretonische Trachtenträgerinnen und -träger am meisten motiviert. Wir kamen dabei auch voll auf unsere Kosten. Neben traditionell entspannten französischen Verkehrspolizisten, typisch bretonischem Wetter und einer kleinen „Souvenirmeile“ bekamen wir zahlreiche Menschen in historischen Kostümen mit entsprechend würdigen Gesichtern und beeindruckend gut erhaltene alte Fahnen mit aufwändiger Stickerei zu sehen. Einer der Höhepunkte war die Prozession der Heiligen, die nicht am Stock, sondern auf dem Stock gehen.

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Einer davon war auch der Heilige Salaün. Er soll ein rechter Dummkopf gewesen sein und sein Leben lang nur „Ave Maria“ gesagt haben. Nach seinem Tod wuchs auf seinem Grab eine weiße Lilie, in der mit goldenen Buchstaben geschrieben stand…. Ave Maria.

Sind sie nicht wundervoll, die bretonischen Legenden? Wie die meisten bretonischen Heiligen findet man den verehrten Dummkopf in keinem römischen Heiligenkalender. Gefeiert wird hier nicht nur, wer es in die offiziellen Annalen geschafft hat. Ganz im Gegenteil: Besondere Verehrung scheinen die zu erfahren, die das Volk für heilig befunden hat. Sie können Ohrenschmerzen lindern (wenn man eine Münze in die Quelle taucht und diese anschließend vor dem Altar der dazugehörigen Quelle liegen lässt), Schatten spendende Sträucher mit sättigenden Früchten wachsen lassen oder Diebe ermitteln. Man berichtet, dass sie unterschiedliche lange Stöckchen gezogen haben, um zu ermitteln, wer Eremit in der beliebtesten Gegend sein durfte und wer weiterziehen musste. Und dass sie es anfangs gar nicht so leicht hatten mit den bretonischen Dickschädeln. Nicht umsonst nennt man den Landstrich an der Nordküste des Finistère auch „Pays Pagan“- Land der Heiden.

Wer zum Pardon nach Le Folgoët kommt, vertieft sich vermutlich nicht in solche Gedanken. Schließlich gilt es, die besten Plätze zu finden. Und dann zu warten („Hoffentlicht predigt dieser Typ aus Paris nicht so lang.“) Wichtigste Lektion des Tages war daher diese: Profipilger haben Klappstühle.

pardon_pilger_klappstuehle

Glück im Herbst

Mit dem Lieblingsausgehbegleiter und anderen netten Menschen schottische Getränkespezialitäten genießen – eine der schönsten Freizeitbeschäftigungen im beginnenden Herbst*. Gestern gab es die besonders schmeichelhafte Überraschung, dass die Gastgeberin als Grundlagensnacks Kräuter- und Pizzaschnecken nach meinem Rezept gemacht hatte:

Kräutervariante: Blätterteig ausrollen, Kräuterfrischkäse draufstreichen, Schinken (Schwarzwälder oder Kochschinken) oder Olivenscheiben oder Pilze in Scheiben drauflegen, dann aufrollen, in Scheiben schneiden und bei 180 °C ca. 15 – 20 Minuten backen.

Pizzaschnecken: Passierte Tomaten mit etwas Tomatenmark verrühren, Zwiebelwürfel, eine gehackte Knoblauchzehe, gehacktes frisches Basilikum und Mozarellawürfel dazugegeben, die Masse auf den Blätterteig streichen … siehe oben

Und hier das leckere Line-Up:

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*Natürlich auch zu jeder anderen Jahreszeit.

Möbel kaufen

Juhu, heute haben wir ein neues Sofa bestellt. In einem echten Möbelhaus. Außer unserem Sofa gab es da noch zwei, drei nette Teile, die vielleicht zu uns gepasst hätten. Aber, ganz ehrlich: Wo kaufen die anderen ihre schönen Möbel?

Wo findet ihr alle diese coolen, witzigen, stimmigen, genau zum Rest eurer Einrichtung passenden oder aber exakt eure Persönlichkeit widerspiegelnden Einzelstücke, eure großartigen und hochwertigen und vermutlich auch bezahlbaren Kommoden, Regale, Schränke, Teppiche, Tische, Stühle? Tipps sind willkommen – und ab dem ersten Advent dann auch neidische Besucher, die unser neues Schätzchen probesitzen. Für die ersten gibt’s auch Macarons (natürlich frische und hoffentlich mit Füßchen 😉

Macarons − oder so ähnlich

macarons_detail_130919Wenn es regnet, (aber auch bei gutem Wetter) kriege ich regelmäßig Anfälle von Back-Wahn. Und da ich immer noch in Urlaubsromantik schwelge, und mir außerdem eine Ausgabe von „Macarons & Gourmandises“ von Hachette (sieht aus, als wäre es eine Vorgängerausgabe hiervon) mitgebracht habe, habe ich heute in Eischnee und Mandeln geschwelgt. Aber was soll ich sagen – die Zutaten haben sich standhaft geweigert, echte Macarons zu werden. Aber der Reihe nach.

Zuerst habe ich
3 Eiweiß mit 15 g Zucker zu sehr steifem Schnee geschlagen,
200 g Puderzucker und 125 g gemahlene Mandeln gemischt, fein gesiebt und vorsichtig unter den Eischnee gehoben.

Dann rote und blaue Lebensmittelfarbe unter einen Teil der Masse gegeben – die daraufhin ziemlich flüssig wurde (nein, das sollte nicht so sein…)

macarons_2_130919Die flüssige lila und die weniger flüssige helle Masse habe ich auf ein Backblech gespritzt. Rezeptgemäß durften die kleinen Makrönchen eine Stunde lufttrocknen, bevor sie bei 160°C (Umluft) für 12 Minuten im Ofen verschwa.
Prima – dachte ich. Die „Coques“ dachten wohl anders. Zumindest weigerte sich das komplette Mandelteam, standesgemäße Füßchen zu kriegen. Und die lila Mannschaft ist zu großen Teilen zu Riesenmonstern mutiert.

Kurzerhand habe ich keine aufwändige Füllung produziert, sondern eine ziemlich standardmäßige Praliné-Ganache (Rache ist süß 😉  Jetzt sehen die Minis zwar aus wie deutsches Weihnachtsgebäck, aber sie schmecken très français nach gaaaaaaaaaaaanz viel Urlaub und Sonne und Meer (findet auch der Lieblinsgtestesser).

Bon app‘!

Nebel. Oder: Wie Legenden entstehen

Wir sitzen am Strand. Die Sonne scheint warm, nur draußen über dem Ärmelkanal sind ein paar kleine Dunstwolken zu erahnen. Vor uns schaukeln Boote fröhlich auf den Wellen. Ein paar Möwen lassen sich in der Bucht faul auf dem Wasser treiben, und eine Horde Strandläufer steckt eifrig die langen Schnäbel in den Sand.

Dann frischt der Wind auf – Seewind. Und die Nelbelwolken aus der Ferne treiben in Schwaden auf uns zu. Der Wind reißt einzelne Fetzen aus dem Dunst heraus. Grau ziehen sie an uns vorüber, über uns hinweg, durch uns hindurch. Der Mast des Segelbootes vor uns verschwimmt vor unseren Augen, als hätten wir zu viel getrunken. Aber noch immer sitzen wir in der wärmenden Sonne.

Doch ehe wir uns versehen, ist der Nebel ganz da. Breitet sich aus. Umhüllt das Wasser, die Boote, uns. Kriecht erst langsam, dann immer schneller über den Sand, walzt sich die Dünen hinauf, schiebt sich über die Felder. Verschluckt die Häuser, den Wasserturm, zuletzt die Sonne.

cote_des_legendesDie Möwen sind verstummt, die Strandläufer längst weitergeflogen. Nur das Plätschern der Wellen ist zu hören. Ab und zu treibt ein Bug ins Blickfeld, bei der nächsten Windböe ein Mast, der in der Luft schwebt, ein einzelner Möwenflügel, ein Schatten auf dem Wasser. Innerhalb von Sekunden hat sich die gesamte Atmosphäre gewandelt. Und ich ahne, dass die Bezeichnung „côte des légendes“ mehr ist als ein Marketing-Coup der Tourismusbranche.

Plötzlich kann ich sie sehen, die Besatzung der Geisterschiffe, die Feen und Zauberer, Neptun und sein Gefolge. Ich kann sie riechen, ihren algigen Atem, ihre salzigen Gewänder. Und hören – die wassergetränkten Schritte, die lockenden Gesänge, die geflüsterten Versprechungen. Fast warte ich darauf, dass eine Meerjungfrau den Kopf aus dem Wasser streckt und von ihrer großen, verlorenen Liebe singt. Dass tanzende Gespenster ein Neugeborenes unter dem „Kinderfelsen“ ablegen, damit es am Abend von seinen Eltern abgeholt werden kann. Dass der Geist eines zu jung von den Wellen verschlungenen Korsars über das Wasser läuft und mir verrät, wo er seinen geheimnisumwitterten Schatz versteckt hat.

Wer weiß, vielleicht lebt der Mann mit den Karottenhänden, von dem Pierre Jakez Hélias erzählt hat, nicht nur im Pays Bigouden? Flüstern nicht auch hier die Fischschwärme aufgeregt miteinander wie in Un royaume sous la mer von Henri Queffélec? Und ganz sicher leben hinter dem Nebel all die Sirenen, Feen und Druiden aus dem Barzhaz Breizh.

Kopf und Herz voll Fantasie und Geschichten suchen wir uns Schritt für Schritt den Weg über die Dünen nach Hause.

PS (Januar 2014): Ich habe bei Stories und Places übrigens markiert, wo die Nebel wallten.