Archiv der Kategorie: Allgemeines

Way to go…

Anruf von einer freundlichen Dame von der Bausparkasse.

— Guten Tag, könnte ich bitte mit „Name des Lieblingsmenschen“ sprechen?
Nein, aber ich bin seine Frau. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?
— Eher nicht. Ich möchte mit ihm über Ihre Finanzangelegenheiten sprechen.
Da können Sie gerne auch mit mir sprechen. Ich kenne mich mit meinen Finanzangelegenheiten aus.
— Ach nein, wann kommt ihr Mann denn nach Hause?
Ich weiß es nicht genau. Wir sind beide berufstätig.
— Können Sie ihm dann nicht einfach das Telefon rüberreichen?
Ääääh, wir haben unterschiedliche Berufe an unterschiedlichen Orten.
— Ach. Das ist jetzt aber schwierig. Dürfen Sie denn einen Termin vereinbaren?
Kopf, Tisch, bumm.

Auf dem Markt. Einkaufen wie Gott in Frankreich.

Die ein oder andere Urlaubserinnerung geht noch… Und da heute Sonntag ist, bekommt ihr eine Sonntagserinnerung. Denn in unserem Urlaubsstädtchen (eigentlich Urlaubsdorf, aber in Frankreich bekommt jeder Flecken mit mehr als 4 Häusern Stadtrecht 🙂 ) ist im Sommer immer Sonntags Markt.

Der Markt in Kerlouan ist klein. Im Sinne von wirklich klein. Es gibt keinen der typischen Souvenir-Stände mit bretonischem Schmuck oder allem möglichen Krimskrams mit Triskel oder stilisiertem Hermelin drauf.

Hinweisschild auf den Sonntagsmarkt in KerlouanDafür aber einen Stand mit selbstgemachten Armbändern und eine Dame, die Buchstaben auf Rädern verkauft, die man zu Zügen zusammenfassen kann. Zwei Gemüsebauern, einen Stand mit selbstgemachtem Schafsfrischkäse, einen Metzger, einen Fischhändler, der eigentlich nur eine Hand voll Fische, einige Krebse und wirklich prächtige Hummer anbietet. Einen netten älteren Herren, der Beeren verkauft und allen Kindern die Hände mit Erdbeeren zum Testen füllt. Eine Bäckerin, die die leckersten Baguettes tradtions und einen vorzüglichen Gateau breton anbietet und mit der man herrlich ausführlich über die Größe des gewünschten und frisch vom Blech geschnittenen Kuchens diskutieren kann.

Sonntagsmarkt in KerlouanIn der Saison singt dann gerne auch mal ein Shantychor aus der Umgebung und die Conteurs de la nuit werben für ihre nächste Legendenwanderung.

Und dann gibt es da noch zwei Stände, an denen die Schlangen am frühen Morgen noch verschwindend klein sind, aber länger und länger werden, je weiter der Vormittag voranschreitet. Und kurz vor Ende des Marktes muss man hoffen, dass man noch etwas abbekommt – von den Galettes saucisses und vor allem von den Brathähnchen.

Man kann zwischen weißen und schwarzen Hühnern wählen. Die weißen sind etwas kleiner, die schwarzen machen auch eine Familie satt. Sie kosten 13 Euro. Aber das ist es wert. Der ganze Platz riecht nach Rosmarin und Rosenparika, Knoblauch und Thymian und was sonst noch an geheimen Zutaten in der Marinade sein mag.

Wer will, kann noch Kartoffeln dazukaufen, die im von den Hähnchenspießen heruntertropfenden Öl gebraten wurden. Uns reichte aber ein frischer Blattsalat und ein bisschen Brot (das wir bei der schon erwähnten Bäckerin mehr erplaudert als gekauft hatten).

Das Ganze hat nichts, aber auch gar nichts mit den Hähnchen zu tun, die es in Deutschland auf dem Markt gibt. Keine Industriehühner mit Standard-Paprika-Marinade. Nein, hier werden nur „poulets fermiers“, Freilandhühner, oft genug in Bio-Qualität, auf den Spieß gesteckt. Und die Marinade ist so kräuterhaltig, dass das ganze Huhn danach schmeckt. Plötzlich versteht man, warum sich die Franzosen um das Sot-l’y-laisse streiten, denn hier ist es wirklich ein besonderer Leckerbissen.

Die handgeschriebene Karte vor dem MarktstandWenn wir über französische Märkte bummeln, aber auch, wenn wir im Supermarkt einkaufen, frage ich mich immer wieder, warum es diese wirklich guten Dinge in Deutschland gar nicht oder, wenn überhaupt, nur in der Feinkostabteilung gibt. Sei es der Coulommier oder all die anderen Leckerein, die eine Käsetheke wirklich zu einer Käsetheke machen. Oder die langen Regalreihen mit verschiedenen Vollkornmehlen, die in Frankreich auch im kleinsten Supermarché zu finden sind.

Übrigens finde ich es auch jedes Mal großartig, dass bei den Nachbarn Produkte ohne Palmöl seit einigen Jahren mit einem Hinweis versehen sind. Und dass immer mehr fair gehandelte Produkte in den Supermarktregalen zu finden sind.

Außerdem hat man vor einigen Jahren das Plastiktüten-zur-freien-Verfügung-System abgeschafft, so dass wir mit unserer Klappkiste oder, seit Neuestem, der Einkaufstasche mit einem Foto bretonischer Kieselsteine – ja, doch, das musste sein –, nicht mehr amüsiert belächelt wurden.

Und weil das so ist, gehört nicht nur der erste Einkauf in Frankreich zu unseren liebsten Urlaubsritualen, sondern auch der letzte Marktspaziergang vor der Rückfahrt. Schließlich kann man das Urlaubsgefühl zu Hause verlängern mit all den wunderbaren Dingen, die im Kofferraum und auf der Rückbank und in allen möglichen überraschend sich auftuenden Stauräumen unseres gar nicht mal so großen Autos Platz haben.

Galettes au blé noir und Cidre anyone?

Mein Fairphone ist da. Juhu!

Nette Überraschung beim Nachhausekommen: Ein Päckchen aus Holland. Mit meinem Fairphone. Juhu, es ist endlich da!

Begrüßungsscreen des FairphoneWobei die Wartezeitkommunikation auch nicht zu verachten war. Da gab es regelmäßige Info-Mails, die mir genau sagten, warum es eine Verzögerung bei der Produktion gegeben hat und wie viel länger ich deshalb warten muss; oder die mir mitteilten, in welcher Woche mein Gerät zusammengebaut wurde. Und ich bekam Post (also: elektronische), als mein neues Schmuckstück sich per Schiff auf die Reise machte. Das alles in so nettem Ton, mit Dank für meine Geduld und vor allem mit wirklich ernst gemeint klingenden Bitten um Verständnis, das man gar nicht anders konnte, als genau dieses Verständnis aufzubringen. Wobei mir das auch leicht fällt, wenn ich so ausführliche Erklärungen der Gründe und informative Links – also wirkliche Information und nicht einfach nur „alles geil bei uns“-Werbung – zum Überbrücken der Wartezeit bekomme. Das wäre vielleicht auch mal was für unseren Internetanbieter oder die Bahn – davon träume ich dann aber ein anderes Mal.

Denn jetzt, wo mein Fairphone endlich da ist, habe ich dafür keine Zeit. Ich bin viel zu sehr damit beschätigt es großartig zu finden. Zum einen, es endlich zu haben (jajaja, nennt es ruhig mein neues Statussymbol 😉 ). Zum anderen die Art und Weise, wie es ankommt: In einem kleinen Karton mit wenig Schutzpolstern, nichts dabei außer einem kleinen Benutzerhandbuch (überraschend hilfreich) und einigen Postkarten, die gleichzeitig die Besonderheiten des Fairphones bestens ins Szene setzen.

Technische Details kriegt ihr von mir keine, die könnt ihr andernorts problemlos nachlesen. Ich als normale Anwenderin komme mit dem Gerät prima klar. Ehrlicherweise habe ich aber eben auch keine Profianforderungen an Prozessor oder Kern und sonstige Ausstattung.

Löst das Fairphone jetzt auch wirklich alle Probleme? Nein, natürlich nicht. Es gibt berechtigte Kritik, vor allem am Namen, der natürlich suggeriert, alles an diesem Gerät sei fair und gerecht und trüge zur Lösung der Probleme bei. Das ist nicht so und wer davon überrascht ist, hat sich mit dem Thema vermutlich noch nicht sehr lange auseinandergesetzt. Denn auch wer noch nicht in der Demokratischen Republik Kongo war, kann sich vorstellen, dass „konfliktfreie Minen“ in keiner Weise mit deutschem Arbeitsrecht gemessen werden können und das Mitbestimmung im Betrieb in China nicht mit der in Deutschland zu vergleichen ist – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Aber es ist ein Anfang. Ein echtes Produkt, nicht nur eine Idee oder eine idealistische Träumerei. Ein wirklicher Versuch, über möglichst viele Dinge transparent zu kommunizieren (zum Beispiel über die Kosten). Den Fairphonemachern ist es zudem gelungen, eine Debatte zu forcieren, die die Produktionsbedingungen aller Handybestandteile zum Gegenstand macht.

Ein Ranking zur Frage „Wie fair ist dein Smartphone?“ ist zumindest in meiner Wahrnehmung noch nie so stark rezipiert worden, wie das aktuelle von rank a brand (wobei das Fairphone am besten, aber eben nicht perfekt abschneidet). In dieser Nachhaltigkeitsstudie (die man hier komplett downloaden kann) sieht man jedoch, dass auch andere Hersteller sich mehr bemühen. Das machen sie ja nicht einfach, weil sie gerade Lust darauf haben. Sondern weil die Verbraucher Wert darauf legen; oder weil es einen Sturm der Empörung gegeben hat nach Reportagen über die Produktionsbedingungen und hohen Selbstmordraten in den chinesischen Produktionszentren.

Und da ich sowieso ein neues Handy brauchte und auf gar keinen Fall irgendwas wollte, wo mir jedes Jahr automatisch der neue heiße Sch… geliefert wird und somit automatisch Berge von wertvollem Elektroschrott produziert werden, lag die Auswahl ganz nah.

Probleme mit der Kamera habe ich nicht, die Fragen, die sich beim Inbetriebnehmen gestellt haben (ich gehöre bei sowas absolut zu den Nullcheckerbunnies), konnte ich alle selber lösen oder dank des wirklich guten Supportforums lösen. Morgen darf es mit zur Arbeit. Jippie.

Tl; dr:
Ich bin happy, dass mein Fairphone da ist und bisher mehr als zufrieden 🙂

Ausflug ins Bilderbuch

bad muenstereife-stadttorWeil ein Teil der Familie dort bummeln wollte und es keinesfalls angeht, sich so nette Menschen entgehen zu lassen, haben wir vor kurzem einen Ausflug in ein Bilderbuch nach Bad Münstereifel gemacht.

Fachwerk ohne Ende, eine historische Stadtmauer mit mehreren gut erhaltenen Stadttoren, hübsche-und-weniger-hübsche-Dinge-Geschäftchen, Geschenkeboutiquen und Klamottenläden überall (und das war noch vor der Eröffnung des neuen City-Outlets, mit Heino, wem auch sonst), das leise Plätschern der Erft, Brauhäuser und Cafés, die die ortstypischen Printen in dutzenden Variationen verkaufen. Die obligatorische Burg auf dem Berg.

bad muenstereifel-burgUnd Touristen. Hunderte. Tausende. Überall. Auch wenn sie sich brav zur Seite gestellt haben, wenn ich ein Foto gemacht habe. Die ganze Stadt scheint nur zwei Arten von Menschen  zu kennen: Solche, die konsumieren – selbstverständlich auch am Sonntag. Und andere, die genau das durch ihre Arbeit ermöglichen.

Mehrere Fachwerkhäuser in einer kleinen GasseNatürlich ist das nicht nur in Bad Münstereifel so. Es gibt vermutlich unendliche viele Orte, in deren Kern es so scheint, als sei das normale Leben ausgestorben. In denen es keine Läden für den normalen Alltagsbedarf gibt, keine Supermärkte oder Discounter, keine Gemüsehändler oder Drogerien, keine Optiker, Reinigungen, kein Metzger, kein Kiosk und erst recht kein „Büdchen“. Wo man nicht „einkaufen“ kann, sondern nur „shoppen“. Das gehört zum Wesen des Tourismus, Nicht umsonst heißt es ja auch: Tourismusindustrie.

Ich bin selbst oft genug Tourist, oder zumindest Tagesgast. Und genieße das meistens sehr. In kleinen Boutiquen zu stöbern und lieben Menschen etwas auszusuchen, in der Buchhandlung am Marktplatz (da, wo es schön ist, gibt es noch immer zuverlässig eine Buchhandlung am Markt) nicht nur in den Beststellern sondern auch in regionaler Literatur zu stöbern, im Café zu sitzen, und den Menschen beim Schlendern zuzusehen.

Aber dieser Sonntag Nachmittag in Heinostadt der Eifel war wie ein kleiner Ausflug in eine Parallelwelt. Immerhin mit netten Reisebegleitern. 🙂

 

Maritime Hochzeitsdeko

Eine sehr gute Freundin hat geheiratet und ich durfte ihr die Deko machen. Die beiden hatten sich ein maritimes Motto gwünscht und so habe ich die vergangenen telefon- und internetlosen Wochen (drei Wochen Mittelalter – einem Gewitter und Unfähigkeit, Ahnungslosigkeit, Daueraufdemschlauchstehen beim Service Provider sei Dank) genutzt, um maritime Deko zu basteln.Eine als Leuchtturm bemalte Flasche steht auf blauem Organza, daneben steht ein Schiffchen, das die Menükarte hinter sich herzieht. Da gab es ein Meer aus blauem Organza und weißes Schiffstau mit Seemannsknoten. Die sind am Ende dann doch komplizierter, als ich vermutet hatte. Aber vielleicht habe ich auch einfach nur zu viele Daumen 🙂

Natürlich braucht ein Brautpaar auf hoher See auch einen Leuchtturm, der ihnen den Weg weist. Dazu habe ich große Flaschen bemalt, mit rotem Band beklebt und ihnen am Ende sogar ein kleines Leuchtfeuer verpasst.

Ein Holztisch mit den Gedecken und der gesamten maritimen Dekoration.Blick auf einen Tisch mit maritimer DekoDie Menükarten (das Essen im Höpershof war übrigens vorzüglich) wurden von kleinen Bötchen mit dem Fähnchen-auf-Schiffsplanken-Motiv des Brautpaars zu den Gästen gezogen. Und wenn denen der Gesprächsstoff ausging, kamen passende (nicht nur maritime) Diskussionsthemen für die Tischrunde per Flaschenpost angeschwommen.

Eine als Muschel gefaltete weiße Serviette, auf der ein Keks in Gestalt eines Rettungsrings liegtFalls jemand über Bord gegangen wäre, hätten diese Rettungsringe vermutlich nicht viel ausrichten können, für den kleinen Süßkram-Yeaper kamen die Mandelkekse aber sicher gerade recht.

Kleiner Tisch mit maritimen Accessoires, daneben ein dunkler Holzbanken mit Rettungsring und FischernetzJede gute Kreuzfahrt braucht schicke Passagiere. Hier gab es die passenden Utensilien für maritime Gäste-Fotos.

Blick in den Saal mit dekorierten TischenUnd zum Schluss ein Blick in den Saal. Noch sieht er harmlos aus. Aber die anschließende Party war großartig!! Danke an die beiden Hochsee-Fans, die uns an ihrem Glück teilhaben ließen. Ahoi!

München, spontan

Eine Wimpelkette in München mit schwarz-rot-goldenen und blau-weißen WimpelnDer Lieblingsreisebegleiter und ich hatten plötzlich und eher unerwartet einige Tage frei und sind kurzerhand nach München entfleucht. Aus Gründen. Vor allem aus einem Grund, um genau zu sein und so gab es ein sehr, sehr schönes Treffen in Pasing – und wunderbar viel Zeit zum Schlendern und Entdecken.

Flöte spielender Barockputto an einer Hotelwand in München-PasingWir mögen ja München. Sehr.

Davon konnte uns auch die Deko im aktuellen Hotel nicht abbringen. Die barockisierenden Musiker tröteten da allüberall (außer auf den Frühstückstischdecken, da tirilierten bunte Papageien auf neongrünem Grund. Nein, keine Fotos 🙂 )

Besonders gemocht habe ich dieses Mal die Hitze. Einfach nur heiß. Kein Treibhausfeeling, nirgends. Dafür leckeres Bier (klar) und der beste Kaiserschmarrn aller Zeiten.

Da wir die typischen Sehenswürdigkeiten bereits zur Genüge kennen, haben wir uns einfach ein bisschen durch die Altstadt treiben lassen und – völlig zufällig – das Glockenspiel am Rathaus in Aktion gesehen. Vom Hören schreibe ich lieber nichts, da müsste man irgendwann mal einen Glockenstimmer vorbeischicken 😉

Dem Impuls, echt bayerische Souvenirs wie eine Schwarzwaldmädelfigur oder Kuckucksuhren zu kaufen, haben wir heldenhaft widerstanden.

Schaufenster eines SouvenirladensDem Impuls, Kunst zu kucken, nicht. Und so waren wir – mal wieder – in der Alten Pinakothek. Davon kann vor allem der Lieblingsmensch nicht genug bekommen. Und ich verstehe immer besser, warum.

Da dort gerade umgebaut wird, gibt es zurzeit eine Ausstellung mit Neuen Nachbarschaften, bei der man 40 Barockwerke zusammen sieht, die ansonsten in der nach Schulen und chronologisch geordneten Sammlung nicht zueinander finden würden. Da hängt dann zum Beispiel Rembrandts Heilige Familie in einem Raum mit der fröhlich auf ihrem Stuhl kippelnden Helène Fourment von Rubens. Hui.

Meine persönliche Lieblingsentdeckung ist aber die Flucht nach Ägypten von Adam Elsheimer. Natürlich ist der Sternenhimmel in der Vollmondnacht wirklich ergreifend. Ins Herz geschlossen habe ich es aber, weil Josef das quengelnde Jesuskind mit einem Grashalm kitzelt, um es aufzuheitern. #Hach.

Um dem Regen am nächsten Tag zu entgehen, haben wir dann noch ein paar Bilder, die sonst in der Alten hängen in der Neuen Pinakothek besucht. Fließender Wechsel heißt das Konzept, das, wie schon die Nachbarschaften, dem Umbau zu verdanken ist. Da hängt dann die Marquise de Pompadour neben Doña Maria Teresa da Vallabriga und der jungen Comtesse de Sorcy und selbst mir, die ich bei Kunst normalerweise auf wenig Wissen und mehr Gefühl zurückgreifen muss, wird auf den ersten Blick klar, was für ein Quantensprung da in der Portraimalerei passiert ist und was die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit (von denen weiß ich dann doch etwas mehr) damit zu tun haben könnten.

Mein neuer Liebling hier ist Ostende von Turner. Und auch, wenn man denkt, man kennt ein Werk schon aus dem einen oder anderen oder dröflfzigsten Buch (Goethe, Der Arme Poet, Caspar David Friedrichs Sumpfiger Strand), ist es doch was anderes, die Bilder im Original zu bewundern. Ich kann dann eine gefühlte halbe Ewigkeit davor stehen oder sitzen und einfach nur schauen. Klappt in München natürlich auch bei Dürers Selbstbildnis im Pelzrock oder seinem Paumgartner Altar und überraschender Weise jedes Mal wieder bei Raphaels Madonna Tempi.

tl;dr:
München. Super. Gerne wieder, am liebsten bald.

 

Familiengeschichten: Maria flieg in die Luft

Am Sonntag (also am 29. Juni) war Peter und Paul. In diesem Jahr praktischerweise quasi automatisch arbeitsfrei. Eine Tatsache, die mir noch immer ein kleines Lächeln ins Herz zaubert. Grund dafür ist eine alte Geschichte. Denn in meiner Familie gibt es ein geflügeltes Wort. „Nicht arbeiten Peter und sein Kamerad, nicht arbeiten Maria flieg in die Luft.“

Gesagt hat den Satz ein junger russischer Soldat, der auf dem Hof meiner Großeltern in der Eifel als Kriegsgefangener arbeiten musste. An Peter und Paul wurde auf dem Hof nicht gearbeitet. Also, das was „nicht arbeiten“ auf einem Hof eben heißt. Natürlich muss das Vieh trotzdem gefüttert und die Kühe gemolken werden. Arbeit ist das immer noch genug. Dabei erinnere ich mich daran, dass mein Vater erzählt hat, der der Russe, dessen Namen ich nicht kenne, besonders gut mit den Tieren umgehen konnte. So wie mein Vater und seine Geschwister von ihm erzählen, gehörte er zur Hofgemeinschaft dazu. Er hatte schnell recht gut deutsch gelernt. Und scherzte wohl auch gerne mit den Kindern.

Am 15. August feiert nicht nur die römisch-katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, auch in der orthodoxen Tradition ist der Tag ein Fest. In der Eifel wurde an diesem Tag jedoch ganz normal gearbeitet. Der junge Russe nahm aber an, wenn schon an Peter und Paul nicht gearbeitet werde, könne er auch am 15. August ausschlafen.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Großvater, der starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich erinnere mich aber noch an sein verschmitztes Lächeln, wenn wir nach dem Mittagessen auf seinem Schoß saßen und hofften, er würde uns ein Märchen erzählen. In meiner Vorstellung hat er genau so gelächelt, als die gleichermaßen pragmatische wie poetische Entschuldigung des jungen Russen erklang. In meinem Herzen lebt dieses Lächeln weiter, ganz besonders an „Peter und sein Kamerad“ und „Maria flieg in die Luft“.

Kunst im Kasten

Kunst im Kasten: Ein ehemaliger Zigarettenautomat, der zu einem Kunstautomaten umgestatet wurde, oben steht ChameleonIch habe heute Kunst gekauft. Ein kleines Unikat. Aus dem Automaten. Ja, richtig gelesen, Kunst aus dem Kasten.

In der romantischen Altstadt von Kronenburg hängt das „Chameleon“ – also der Kunstautomat – gegenüber des Café Zehntscheune (in dem es wundervollen selbstgebackenen Kuchen gibt, zum Beispiel himmschlischen Mürbteig mit dünner Joghurtschicht und riesigen, süßen Erdbeeren). Aber ich wollte euch ja ausnahmsweise mal nicht vom Backen erzählen, sondern von meinem nigelnagelneuen Kunstwerk.

Kunst im Kleinformat

In dem Automaten, der unübersehbar mal ein Zigarettenautomat war, sind in die Fächer, in denen früher Glimmstängelschachteln auf Abnehmer warten, kleine Kunstwerke eingezogen. Für 6 Euro kann man sich eines aussuchen. Dabei galt es, aus 6 Motiven zu wählen. Allein diese Auswahl macht Spaß. Nehme ich lieber was Abstraktes oder ein Eifel-Motiv (schließlich steht ja auf dem Maschinchen, dass es bei der Kunst im Kleinformat um Souvenirs geht). Will ich ein schwarz-weißes Motiv oder ein Bild mit Farbe?

Diese Fragen kann man leicht beantworten, die anderen nicht. Wer ist der Künstler oder die Künstlerin? Gibt es das hier immer oder ist es eine Aktion? Wer kommt auf eine so verrückte Idee? Oder ist die Idee gar nicht plemmplemm sondern nur mein Blickwinkel ver-rückt?

Erstmal habe ich aber festgestellt, dass ich zwar genug Geld, aber nicht genug Kleingeld hatte. Ich musste also die Bedienung des Cafés nach Wechselgeld fragen und in der Sonne mit herrlich intensivem Holunder-Rosenduft in der Nase darauf warten. Was die Vorfreude eindeutig gesteigert hat. Am Ende wollte ich unbedingt das Motiv mit dem „Paradies“ haben. Erwartungsvoll habe ich die passende Schublade aufgezogen und eine kleine weiße Schachtel herausgezogen. Vorsichtig habe ich sie aufgemacht und mein Kunstwerk herausgezogen.

Das kleine Kunstwerk zeigt eine Strichzeichnung einer Frau und rechts neben ihr eines stilisierten, etwas größeren Mannes, rundherum steht auf blauem Grundgeschrieben: Das Paradies ist hier

Erst, als wir wieder zu Hause waren, habe ich den kleinen Hinweis auf den Ursprung des Chamäleons auf der Schachtel entdeckt. Die Künstlerin heißt Julia Brück und hat nicht nur diesen einen Kunst-Automaten aufgestell, sondern 25 Stück. Jedes Bild ist ein Einzelstück – jetzt fühle ich mich noch bezuckerter.

Übrigens ist Kronenburg auch andernorts schön. Richtig, das ist ein Ausflugstipp 🙂Eine Reihe von alten Fachwerkhäusern in Kronenburg mit kleinen Dachgauben und Rosenbüschen davor