Ohne Bedingungen

Unter dem Glockenturm liegt eine Plane. Groß und weiß ist sie. Übrig geblieben vermutlich vom Abdecken der Schubkarre und Baumaterialien zum Ausbessern von irgendetwas. Doch diesen Zweck hat sie nicht mehr. Heute ist sie Bettdecke und Schutzfolie zugleich. Ein Mann hat sich in einen Schlafsack und die Plane gewickelt. Nur die Mütze schaut heraus, als ich vor dem Gottesdienst vorbeigehe. Ganz eng zusammengerollt um seine Tasche liegt er da und kehrt dem Schneeregen den Rücken zu.

„Da fragten ihn die Scharen: Was sollen wir also tun? [Johannes] antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso!“ hören wir den vertrauten Lukas-Text.

Von der Predigt über Gaudete bekomme ich kaum etwas mit. Der oft gehörte Satz hat mich zu sehr getroffen. Überrumpelt. Nachdenklich gemacht. In meinem durchgeplanten Alltag sind Fenster eingebaut fürs Helfen. Ich versuche, den Auftrag ernst zu nehmen, anzupacken, wenn ich gefragt werde, auch ungefragt Hilfe anzubieten, mich anrühren zu lassen und Herz, Hände und auch das Portemonnaie zu öffnen. Und auch, wenn ich längst nicht genug tue und auch in den konkreten Fällen nicht immer genügend, denke ich doch, dass ich mit offenen Augen lebe.

Es gibt Projekte, für die ich regelmäßig spende, zum Geburtstag machen meine Gäste Kindern in Not eine Freude, ich habe in diesem Jahr erstmals eine Gedankenkiste gepackt, … Ich arbeite bewusst im sozialen Sektor, versuche mit meiner Arbeit dazu beizutragen, Unrecht sichtbar zu machen und Not zu lindern, ganz grundsätzlich. Laut zu sein und Gemeinschaft zu organisieren für Solidarität, Toleranz, Respekt. Die sichtbar zu machen, die Hand anlegen und konkret helfen.

Aber nahe an mich heran lasse ich das ganz alltägliche Elend ehrlicherweise nur selten. „Was sollen wir also tun?“ Da steht nichts davon, lange über die Strukturen zu diskutieren, die dem Unrecht zugrunde liegen. Auch wenn das wichtig und bedeutsam ist.  Vom Geben ist da die Rede, nicht von Bedingungen. Und so stecke ich dem mittlerweile wach gewordenen Herrn etwas Geld zu, als wir nach Hause gehen und warte nicht auf eine Antwort. Denn vom Dank ab- und erwarten steht da auch nichts.

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