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Mehr als nur Kekse

Gestern in Belgrad. 36 Grad im Schatten. Davon gibt es aber nur wenig. Hier im Park stehen einige große Bäume. Überall dort, wo ihre Zweige Schatten spenden, sitzen und liegen Menschen. Junge Männer in kleinen Gruppen, ganze Familien, einige mit Igluzelten, manche mit Decken. Über Zweigen und Zäunen hängen mit der Hand ausgewaschene Kleider. An einem kleinen Holzinfostand stehen Trauben von jungen Männern, laden ihre Handys auf, erkundigen sich danach, wo welche Grenze vielleicht geöffnet sein könnte.Flüchtlingsfamilie, die im Zentrum von Belgrad in einem Park unter einem Baum im Schatten auf dem Boden sitzt

Freiwillige Helfer verteilen Tüten mit Lebensmitteln. Wasser und Apfelsaft. Windeln. Obst. Und Butterkekse. Ganze Päckchen mit Butterkeksen. Jedem Kind im Park drücken sie eine Kekspackung in die Hand. Unter einem Baum einige Schritte entfernt lehnt ein Mädchen, vielleicht 5 oder 6 Jahrer alt, das Geschenk ab. Seine kleine Schwester hat ja schon eine Schachtel. Mit den Händen tut sie so, als wolle sie die Packung durchbrechen. Die Kleine schaut sich ernst um, zeigt auf die Kinder unter dem nächsten Baum. Die haben noch nichts bekommen. Ihre Gesten sagen deutlich: Geh dorthin, gib ihnen die Kekse. Wir haben ja schon welche. Wir teilen.

Aber die Helferin in dem leuchtend gelben T-Shirt geht nicht weiter. Sie hat einen großen Karton mit den begehrten Süßigkeiten dabei. Und sie ist nicht die einzige Helferin im Park, deren Arme voll sind mit großen gelben Boxen. Dank einer großzügigen Spende gibt es Kekse genug. Genug für jedes Kind im Park. So viele Kekse, dass man sie nicht teilen muss. Die Helferin drückt jeder der Schwestern eine eigene Packung in die Hände. Die kleinere der beiden lacht fröhlich. Stolz hält sie ihr Geschenk und dreht sich lachend damit im Kreis. Ihre größere Schwester bleibt still. Hält das süße Wunder fest in beiden Händen. Schaut und schaut und schaut. Kann es gar nicht fassen. Sitzt unter dem Baum und hält den unerwarteten Schatz fest umklammert. Schaut auf ihre Schwester und deren Hände. Schaut zurück auf ihre eigenen Hände. Und da ist es. Groß und innig und leuchtend. Ihr Lächeln.

Natürlich lösen Kekse keine Krisen. Sind die Pakete nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ist die Situation komplex und Auswege nicht in Sicht. Die Grenzen sind immer noch schwer zu überwinden, die Zukunft genauso ungewiss wie zuvor. Aber für einen kleinen Moment sind die Kekse mehr als eine Sachspende, ist die Verteilung mehr als eine Aktion einiger Freiwilliger. Für einen winzigen Moment zählt nur eines: Das Glück in den tränendunklen Augen des kleinen Mädchens unter einem Baum irgendwo in Belgrad.

Fight for humanity. Refugees welcome.Flüchtlinge haben sich um den Infokiosk im Park nahe dem Belgrader Bahnhof versammelt

Links gegen das Schweigen VI

Schild vor einem Café in Köln: Heute empfehlen wir Dialoge!Schon wieder Flüchtlinge? – werden einige von euch mich fragen. Ja, schon wieder. Und immer noch. Das geht auch so schnell nicht weg. Und auch, wenn die Stimmen derer lauter und hörbarer und die Hilfsbereitschaft von vielen immer sichtbarer wird, ist Einsatz gegen Vorurteile, Ängste und Hass noch immer nötig.

Denn kaum gibt es Menschen, die sich dazu bekennen, dass sie die Neuankömmlinge ohne Wenn und Aber willkommen heißen, fantasieren andere eine „Flüchtlingseuphorie“ herbei. Noch schlimmer sind Verschwörungstheorien von der „Flüchtlingswaffe“, sind Bilder von existentiell notleidenden Menschen, zu denen ein zynischer Kommentator behauptet, denen, die alles verloren haben, gehe es noch viel zu gut. Nein, das verlinke ich hier nicht. Auch keine Beispiele für die noch immer zahlreichen „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber“-Sager, keine Hinweise zu den „wir haben doch selbst genug Probleme, denen können wir nicht auch noch helfen“-Phrasen, keine Links zu den „die nehmen mit alles weg und kriegen Geschenke noch und nöcher“-Angstschürern. Aber seid versichert: Es gibt sie.

Zum Glück gibt es in der Debatte aber auch differenzierte Töne und wissenschaftlich fundierte Meinungen wie dieses Interview mit Migrationsforscher François Gemenne im Stern. Gefunden habe ich das bei Max Buddenbohms Herzdamengeschichten, da gibt es auch weitere lesenwerte Links. Das wird wohl auch eine Serie, da könnt ihr immer mal wieder vorbeischauen.

In der Zeit hat Marian Lau schon vor einigen Wochen eine Widerrede formuliert:

„Man muss sagen dürfen, dass es Probleme gibt – auch wenn niemand die Probleme „Abschaum“ nennen darf.“

Auch Sascha Lobo ist differenziert, wenn er die Problematik der Smartphone-Vorurteile auf einer anderen, größeren Ebene diskutiert:

„Ein Flüchtling aus Afrika wird in einem deutschen Geschäft versuchen zu bezahlen, wie er es gewohnt ist: mit dem Smartphone. Er wird scheitern. Bezahlung per Handy hat hier einen Exotikfaktor irgendwo zwischen Einrad und Einhorn. In weiten Teilen Afrikas, der USA, des Baltikums ist es selbstverständlich. […] Wenn also heute Leute behaupten, Smartphones seien Luxus, ist das zwar falsch, aber historisch durchaus nachvollziehbar. Und zugleich sagt es wenig Gutes über die digitale Ausgangslage eines Landes, dessen Reichtum weitgehend von Hochtechnologien abhängt, die von der mobilen Revolution so radikal verändert werden wie die Musikindustrie durch das Internet.“

Leider gibt es aber auch das genaue Gegenteil von differenziert. Leider gibt es auch Manipulationen. Eine zeigt Stefan Niggemeier, indem er aufdeckt, dass Pegida eine gefälschte „Spiegel“-Überschrift veröffentlicht hatte.

Und auch der Bayerische Rundfunk berichtet von solchen „False Flag-Operationen“:

„Hetzer stehlen aus echten Meldungen Fotos, schreiben einen neuen Text und erfinden ein passendes Medium dazu, um dann den positiven Artikel in Frage zu stellen.“

Deutschlandradio Kultur macht sich Gedanken über die neue (?) Kultur der Hasskommentare im Netz:

„Eine Zunahme der Hetze im Internet – vor allem bei Debatten um Flüchtlinge und Asyl – bestätigt auch der Würzburger Medienpsychologe Frank Schwab. Er beobachte „eine Diskussionskultur, die mit Diskussion nicht mehr viel zu tun hat“. An die Stelle eines Austauschs von Argumenten trete häufig der bloße Austausch von Beleidigungen, sagte Schwab im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.“

Zum Schluss jedoch wieder ein Link, der Hoffnunng macht. Eine Bloggerin, die nicht schweigt. Und den Brief eines Freundes veröffentlicht, den man sich durchaus als Vorbild gegen dummes Gerede nehmen kann.

„Im Jahre 2008 gab es demnach in Syrien knapp 17 Millionen Einwohner. […] Etwa 11 Millionen Syrern standen dann 6 Millionen nichtsyrische Flüchtlinge auf einem Küstenstreifen von Wismar nach Rügen, dem Thüringer Wald und dem Werratal gegenüber. Die Reaktion Syriens: Häuser bauen, um die Immobilienpreise nicht noch weiter steigen zu lassen. Vereinfachte Integrationsverfahren für schnellere Staatsbürgerschaft, neue Stadtviertel bauen. Und: Der Strom an Flüchtlingen nach Europa wurde gestoppt, denn in Syrien fanden die Flüchtlinge Heimat, vielleicht mehr schlecht als recht, vielleicht in einer Diktatur, aber immer noch besser, als im kriegszerstörten Herkunftsland. Zum Vergleich: Wir sprechen im wasserreichen Deutschland bei derzeit 80.000 Flüchtlingen in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern von „Engpässen“.

Licht und Schatten: Spiel mit Perspektiven in der Kathedrale von Amiens

Es gibt Tage, da finde ich Kunst beruhigend. Eintauchen in eine andere Dimension des Seins. Daher bekommt ihr heute etwas richtig Schönes. Aus Gründen.

Wir waren ja kürzlich in Amiens. Die ganze Stadt ist klasse. Besonders schön ist aber die Kathedrale. Sie ist eine der größten gothischen Kathedralen überhaupt (Notre Dame de Paris würde zweimal hineinpassen) und gilt als Vorbild für den Kölner Dom. Aber ich will euch hier gar nicht mit Daten und Fakten langweilen. Wenn euch die interessieren, könnt ihr sie zum Beispiel hier nachlesen.Kathedrale von Amiens von außen - Portal und Türme

Rückseite der Kathedrale von Amiens mit Kapellenkranz und Rippenbögen von außenWas mich in der Kathedrale von Amiens besonders beeindruckt hat, ist das Spiel mit Licht und Schatten, mit Weite und Enge, mit großen Linien und kleinen Details. Egal wo man steht, man sieht immer mehr als einen Lichteinfall.Seitenschiff in der Kathedrale von Amiens

An vielen Stellen hat man das Gefühl, die Perspektiven multiplizierten sich. Hinter einem Pfeiler, auf dessen einer Seite die nächste Mauer nicht mehr weit ist, eröffnet sich ein langes Kirchenschiff, in dem sich das Licht an vielen Säulen bricht. Etwas weiter zur anderen Seite sieht man wiederum zwei unterschiedlich lange Linien Richtung Seitenschiff und Kapellenkranz. Und legt man den Kopf in den Nacken kommen gleich noch ein paar Perspektiven dazu.Hohe Gotische Bögen, Fenster und Chorumgang in der Kathedrale von Amiens

Blick durch die gusseiserne und teilweise vergoldete Chorschranke auf das historische Chorgestühl in der Kathedrale von Amiens

Der Lieblingsmensch und ich konnten gar nicht aufhören, herumzugehen, das Licht und die Perspektiven auf uns wirken zu lassen. Dazusitzen und zu bewundern, wie das Licht so gebündelt ist, dass es den Chor- und Altarraum besonders erhellt.Blick durch das Hauptschiff auf den hellen Chorraum der Kathedrale von Amiens

Und neben der Bewunderung für die Architekturkunst, der Begeisterung für den Mut, so ein Gebäude überhaupt zu errichten, nebem dem Stillwerden an einem Ort, an dem unzählige Menschen über die Jahrhunderte hinweg ihre Sorgen, ihre Klagen, ihre Freude und Hoffnungen, ihr Gebet vor Gott getragen haben, neben dem Staunen über die vielen wundervollen Details (wie zum Beispiel die in vielen Metern Höhe quasi die gesamte Kathedrale umlaufende Blumengirlande, die an das direkt nebenan liegende Sumpfgelände der Hortillonages anspielt, die übrigens auch der Grund dafür sind, dass es keine Krypta gibt, da der Boden unterhalb der Kathedrale zu feucht dafür ist) – neben all dem konnte ich nicht anders als denken, dass die vielen Persepktiven, die sich an jedem Standort in der Kathedrale eröffnen, ein Sinnbild für unser Leben sind.Säulen, Pfeiler und Lichtspiele in der Kathedrale von Amiens

Wenn wir unseren Standpunkt verändern, können wir neue Linien, neue Zusammenhänge, neue Details sehen. Wenn wir unsere Blickrichtung ändern, auch mal unbequeme Perspektiven einnehmen, sehen wir neue Zusammenhänge, stellen wir fest, dass unser vorheriger Blick uns nur einen Teil der Wahrheit gezeigt hat. Erst wenn wir uns darauf einlassen, einmal ganz herum zu gehen (innen und außen), bekommen wir einen Eindruck vom Gesamten.

Verstärkt hat sich dieser Eindruck abends. Bei einem „Son et lumières“ wurden die Statuen am Hauptportal mithilfe von Strahlern in leuchtenden Farben angestrahlt. So, wie sie früher einmal ausgesehen haben mögen. Ein wunderschöner Anblick. Aber eben auch eine Erinnerung daran, dass Dinge sich verändern können, dass es unterschiedliche (von der jeweiligen Zeit geprägte) Auffassungen von schön und angemessen, von passend und unpassend, von falsch und richtig geben kann. Und dass hinter manchen Dingen, die auf den ersten Blick schlicht aussehen, so viel mehr stecken kann.

Ihr könnt jetzt also ein wenig über Analogien nachdenken. Oder einfach die (laienhaft festgehaltenen) Eindrücke vom farbigen Abendschauspiel genießen. Oder beides. Ich bin fest davon überzeugt, dass genau das sich lohnt.Die Kathedrale von Amiens in bunten Farben angestrahlt

 

 

Durch Licht bunt eingefärbte Figuren und Statuen an der Kathedrale von Amiens - DetailaufnahmeFarbig angestrahlte Apostelstatuen an der Kathedrale von Amiens

Arschbombe und Lachmuskelkater

Seit Wochen sagt mein Buchhändler, das Buch vom Nuf sei leider nicht zu bekommen. Weg. Nicht nachlieferbar. Keine Chance. Okay, mittlerweile ist es wohl wieder zu kriegen, aber wenn man das mit dem Vorbestellen verpasst hatte, sah es zunächst wirklich nicht so aus, als könnte ich noch in einem Monat ohne r einen Blick in das legendäre Buch mit dem großartigen Titel, den wundervollen Rezensionen und den lustigen Grafiken werfen.

Aber zum Glück gab es das Gewinnspiel bei Tollabea (die lest ihr hoffentlich sowieso alle, oder? Wenn nicht: Husch husch, rüber da – und das gilt nicht nur für Eltern, wie ihr an mir ja erkennen könnt).

Und was soll ich euch sagen? Ich bin ein Glückspilz und tatatataaaaaa – hier ist es *freufreufreu*Arschbomben-Buch vom Nuf auf meinem Sofa

Natürlich habe ich es gleich geschnappt und dem Lieblingsmensch (der das Gemüse fürs Abendessen schnibbelte), zwei Kapitel vorgelesen. Den Rest müssen wir jetzt mit Lachmuskelkater und unter ständigem Prusten konsumieren. Und ja, liebe kinderhabende Freunde: Ihr kriegt das auch vorgelesen. Und wenn ich durch bin, dürft ihr auch selber lesen. Und wehe, ich seid dann nicht tiefenentspannt. Dann fängt das Ganze von vorne an. Hach, wird das schön 🙂

Links gegen das Schweigen IV

Endlich sprechen zwei Bundesminister Klartext und erklären deutlich, dass man Gewalt gegen Flüchtlinge mit der ganzen Härte des Rechtsstaates begegnen werde. Doch wie beim ZDF-Sommerinterview der Kanzlerin sagt auch Innenminister de Maizière wieder „nur“, solche Attacken seien unseres Landes nicht würdig. Das stimmt. Aber es reicht nicht. Schon letzte Woche – vor den Straßenkämpfen in Heidenau – stellte SPON fest:

„Jeder Abgeordnete des Bundestags könnte diese Sätze wohl unterschreiben. Weil sie weit weg sind von Festlegungen in der konkreten Debatte.“

Dabei wäre gerade das jetzt gefragt: Eine konkrete Debatte. Darüber, wie wir den Hass beenden können. Wie es gelingen kann, unbegründete Angst, Hass und Gewalt als das zu entlarven, was sie sind, um zurückzufinden zu einem menschlichen Miteinander. Wie Zeichen der Menschlichkeit gesetzt werden und der Einsatz für eine friedliche, bunte, lebendige Gesellschaft unterstützt werden kann, damit immer mehr Menschen nicht schweigen, sondern aktiv zu genau solch einer Gesellschaft beitragen. Denn es hilft, dem Hass (im Netz und andernorts) etwas entgegenzusetzen, sich zu äußern, Haltung zu zeigen. Wie das gehen kann, hat Sascha Lobo in dieser Woche klar aufgezeigt. (Lest den Text und folgt auch den dort angegebenen Links, es lohnt sich). Lobo zitiert die Forschungsarbeit von Susan Benesch, die in Harvard Human Rights leert, zu „dangerous speech“:

„Susan Benesch hat aber auch untersucht, wie sich die Wirkung von Hassrede gesellschaftlich bremsen lässt, weil rein gesetzliche Maßnahmen häufig in Zensur münden – und hier wird es spannend: Benesch nennt die sinnvollen Gegenmaßnahmen „Counter Speech“, also Gegenrede. Dabei kommt es darauf an, Hass gerade nicht mit gleicher Münze zu beantworten, so emotional naheliegend das auch sein mag. […] Als konkretes Beispiel erklärt sie, wie der Amsterdamer Bürgermeister nach dem islamistischen Mord an Theo van Gogh sich deutlich gegen anti-muslimische Racheakte aussprach und sagte: „Ein Amsterdamer wurde ermordet. Kämpft mit dem Stift und wenn notwendig, vor Gericht. Aber nehmt niemals die Justiz in die eigenen Hände.“ In den Tagen nach dem Mord geschahen im ganzen Land Racheakte gegen Muslime – außer in Amsterdam.“

Doch viel zu oft passiert genau das Gegenteil. Nicht nur in der Bildzeitung.  Auch Politiker tragen durch das, was sie sagen und wie sie es sagen, dazu bei, Vorurteile zu stärken. Zum Beispiel, wenn Bayerns Innenminister Herrmann allen Ernstes fordert, dass die EU Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien und Griechenland einleitet, weil diese der Menge von Flüchtlingen im Angesicht ihrer eigenen Lage nicht ganz alleine Herr werden und die anderen EU-Länder mit in die Pflicht nehmen wollen.

Parallel fordert Innenminister de Maizière (ja, genau der, der gerade so unangenehm unpräzise von „für unser Land unwürdig und unanständig“ redet, wenn es um Gewalt gegen Ausländer und Polizisten geht), er fordert also „unattraktivere Leistungen“ für Flüchtlinge, weniger Taschengeld, mehr Sachleistungen. Als wäre das der Grund für Menschen, alles hinter sich zu lassen und sich auf eine lebensgefährliche Flucht zu machen, weil alles besser ist als das, wovor sie weglaufen. Und als stimmten all die hasserfüllten Parolen vom Boot, das voll sei und den Kosten, die wir uns nicht leisten können. Und Angela Merkel? Schweigt. Immerhin erhebt Familienministerin Manuela Schwesig die Stimme. Es ist schade, dass sie wie eine einsame Ruferin in der Wüste erscheint, wenn sie ihren Kabinettskollegen de Maizière hart für seine Äußerungen zum Thema Taschengeld für Flüchtlinge kritisiert.

Andere Politiker sagen gar nichts. Das macht aber nichts besser. Ganz im Gegenteil.

Dabei geht es gar nicht um Schwarz-Weiß-Malerei. Es geht darum, komplexe Zusammenhänge zu beleuchten, Hintergründe zu verstehen. Der Kölner Kardinal Woelki hat den Balkan bereist, sich eine eigenes Bild gemacht und versucht, eine differenzierte Haltung nicht nur einzunehmen, sondern auch zu kommunizieren. Doch auch hier frage ich mich: Wenn er das Wort „Armutsflüchtlinge“ so schrecklich findet, wie er (durchaus glaubwürdig) sagt: Warum benutzt er es dann?

Sprache kann helfen, komplexe Zusammenhönge besser zu verstehen. Wörter, die falsche Bilder hervorrufen, die aus Vorurteilen Vorverurteilungen machen, wirken aber oft wie Nebelkerzen, die die Sicht verstellen. Daher ist es wichtig, immer wieder Fakten zu lesen und sich zu merken. Das kann helfen, wenn man die oben bereits genannte „Gegenrede“ ernstnehmen und umsetzen will. SPON vermittelt zum Beispiel Hintergründe zum Thema Balkanflüchtlinge:

„Kein Wunder also, dass neben Kriegsflüchtlingen auch Tausende Sinti und Roma nach Mitteleuropa kommen wollen. Nach Angaben des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma verlassen viele von ihnen ihre Heimat notgedrungen und gegen ihren Willen. Würden sie nicht diskriminiert, würden sie wohl bleiben. Wie sie schließlich aufgenommen werden, hängt dabei vom Land ab, in dem ihre Flucht endet: Frankreich etwa erkennt laut „Süddeutscher Zeitung“ Sinti und Roma als „gruppenspezifisch Verfolgte“ an – Deutschland nicht.“

Und auch das hilft, mir zumindest: Satire (wie hier im Migazin):

Auf die stark zunehmenden Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland haben mehrere Balkan-Länder nun mit einer Gesetzesänderung reagiert. In Serbien, Mazedonien sowie in Bosnien und Herzegowina gilt Deutschland ab sofort nicht mehr als sogenannter „sicherer Staat“.

Zum Glück gibt es auch die kleinen Schritte, die Beispiele dafür, wie einfach es sein kann, aktiv zu werden, zu helfen. Diese ganz besonders fröhliche Aktion verdanken einige Flüchtlingskinder der Feuerwehr Osnabrück. Klasse Sache.

Bemerknisse in Amiens

Von Grünpflanzen und Blumen überwachsener Kanal im Parc Saint-Pierre in AmiensAmiens liegt ja quasi auf dem Weg, wenn wir in die Bretagne fahren. Trotzdem haben wir bisher nur einmal eine kurze Nacht dort verbracht und nicht viel von der Stadt gesehen. Zeit, das zu ändern. Also haben der Lieblingsmensch und ich ein Wochenende dort verbracht und was soll ich euch sagen: In der Picardie ist es auch schön.

Hier unsere Top 10-Bemerknisse:

  1. Flüsse in Städten sind ja grundsätzlich großartig. Durch Amiens fließt die Somme inklusive mehrerer Nebenarme. Ganz besonders im alten Weber- und Färber-Viertel Saint-Leu kann man stundenlang bummeln, ohne sich länger als drei Minuten vom Wasser zu entfernen. Abends an der Somme zu sitzen und einen Crozes-Hermitage zu trinken, in den Sonnenuntergang zu blinzeln und den kulturbegeisterten Briten am Nachbartisch sowie den über sie lästernden Bedienungen zuzuhören – großartig.
  2. Ganz besonders wundervoll in Amiens sind die Hortillonages, eine Sumpflandschaft direkt angrenzend an die Altstadt. Früher nutzten Gemüsebauern die besonders fruchtbare Landschaft, heute sind nur noch sieben Profis übrig, die restlichen Grundstücke werden von Privatleuten genutzt und mal mehr, mal weniger  prächtig gepflegt. Alle Grunstücke sind nur übers Wasser erreichbar und es ist erstaunlich, was Menschen  alles übers Wasser auf ihre Grundstücke bringen, um es dort schön zu haben. Man kann sich in kleinen, elektrisch betriebenen, nicht-wasser-verschmutzenden, keine-Wellen-produzierenden-und-dadurch-die-Grundstücke-schonenden kleinen Booten durch das Kanalsystem schippern lassen und erfährt vom Bootsführer sowie den fröhlich hinüberrufenden Anwohnern viel über Land und Leute.
    Hortillonages in Amiens - eine Landschaft aus kleinen Kanälen, Flussarmen der Somme, Sumpflandschaften, Inseln und Brücken
    Brücke über einen Seitenarm der Somme in den Hortillonages in Amiens
    amiens-hortillonages-blumen-am-kanal amiens-hortillonages-garten-blumenpracht
  3. In Frankreich sind nicht nur die Märkte großartig. Auch im Hotel ist es ganz selbstverständlich, dass fair gehandleter Kaffee und Tee ausgeschenkt werden, dass die Frühstückseier von freilaufenden Hühnern stammen, dass Obst saisonal angeboten wird und sowohl die Käse- und Wurstplatte als auch die süßen Gebäckstücke sowie ein großer Teil der Marmaladen aus der direkten Nachbarschaft stammen. Das wird nur im Kleingedruckten erwähnt und nicht groß als Werbe-Thema genutzt. <3 <3 <3
  4. Im Pub, in dem wir 2010 die Zusammenfassung des Argentinienspiels, das wir vorher im Autoradio mit französischem Kommentar gehört hatten, angesehen haben, also in diesem Pub direkt hinter der Kathedrale prangt noch immer ein Fußballhut auf der Zapfanlage. Highlights aus aktuellen Bundesligaspielen werden da auch übertragen. Allerdings hat außer uns niemand auf den Bildschirm gesehen. Und wir auch nicht besonders lange (der Ausblick aus dem Fenster ist einfach zu großartig 🙂 )
  5. Auch in Amiens gibt es einen Belfried. Und großartige Uhren. Und andere nette Bauwerke. Da die Innenstadt klein ist, findet man sie quasi alle, wenn man sich ein Wochenende lang zu Fuß durch die Stadt treiben lässt. Wehe Füße kann man wunderbar bei einem Bierchen ausruhen lassen…
  6. … oder im Sommer an einem „Stadtstrand“, an dem es zwar keinen Strand gibt, dafür aber eine Wiese, Springbrunnen, Liegestühle und Sonnenschirmchen, die schon von weitem zum Ausruhen einladen.
    Bunte Sonnenschirme hängen in der Luft und werben für den Stadtstrand von Amiens
  7. Wer in der wirklich wundervollen Kathedrale von Amiens zum Fotografieren die Stufen der Altarinsel erklimmt, wird von einer resoluten ehrenamtlichen Aufpasserin am Ohrläppchen (AM OHRLÄPPCHEN !!!einself!!) heruntergezogen und in mehreren Sprachen darüber belehrt, dass das nicht erwünscht ist. Keine Angst, das haben wir nicht selbst getestet, der ältere asiatische Herr hatte aber für den Rest der Besichtigung ein ziemlich rotes Ohr.
  8. Wir haben in der Kathedrale nicht nur die Maßregelung eines Touristen sehen müssen, sondern auch zwei Typen beim Vögeln erwischt. Genauer gesagt zwei Tauben, die sich auf dem Kopf der ziemlich furchtbaren Barockstatue über der ebenso furchtbar-barocken Kanzel fröhlich der Zeugung neuer Täubchen hingaben. Das Foto zeigt die Triebtäter einige Sekunden später beim Harmlos-Tun.
    Tauben auf der barocken Kanzel in der Kathedrale von Amiens
  9. Wer beim Gehen des Labyrinths in der Kathedrale mogelt, kommt einem einige Schritte später in die falsche Richtung laufend entgegen. Brettspieler wissen: Mogeln lohnt sich eben nicht. 🙂Labyrinth auf dem Boden der Kathedrale in Amiens
  10. Die Kathedrale ist der Hammer. Und das aktuelle „son et lumières“ auch. Aber dazu ein andermal mehr. Hach.
    Das Portal der Kathedrale von Amiens am Abend

Links gegen das Schweigen III

Die Stimmen, die laut sagen, dass Flüchtlinge willkommen sind. Dass diejenigen, die das genauso sehen, sichtbarer werden müssen. Dass es an uns liegt, aktiv zu werden gegen Hass und Rassismus. Diese Stimmen werden mehr. Anja Reschkes Tagesschau-Kommentar habt ihr vermutlich alle schon in euren Timelines gesehen. Es lohnt sich aber, ihn nochmal anzusehen und danach zu handeln:

„Die Hassschreiber müssen kapieren, dass diese Gesellschaft das nicht toleriert. Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun. Dagegen halten, Mund aufmachen. Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.“

Und ihr Aufruf bleibt nicht ungehört, immer mehr Menschen schreiben an gegen den Hass. Katja von Mehrsprachig handeln schreibt:

„Es ist Zeit, gegen Fremdenhass, Missgunst und Neid und verbale wie reale Angriffe auf Flüchtlinge den Mund aufzumachen. Längst.“

… und beteiligt sich damit an Texterellas Aktion „Blogger gegen Flüchtlingshass„. Dort sammelt sie informative Links und schreibt:

„Hier geboren zu sein ist keine „Leistung“, die es nun zu verteidigen gilt. Es ist unser Glück, ein großes Glück. Ich bin sehr dankbar dafür, jeden Tag. Und besonders, wenn ich die Zeitung aufschlage. Menschen, die in Afrika, Syrien oder Albanien geboren wurden, haben dieses Glück nicht gehabt. Das Recht auf Glück haben sie aber genauso – wie wir.“

Auch Frau Novemberregen macht sich Gedanken. Über das „Wir“ und wer alles dazugehört:

„Sich mit Fremdem, Fremden, neuen Eindrücken auseinanderzusetzen, bedeutet immer eine gewisse Mühe, da das eigene eingerastete Weltbild etwas angeschubst wird – sieh da, es gibt Menschen, die sehen etwas anders, die feiern andere Feste, die machen Salz statt Zucker an ihre Haferflocken! Aus eigener Erfahrung verstehe ich, dass das verunsichern kann. Ich habe aber kein Verständnis für die, bissig werden, weil sie diese Verunsicherung nicht aushalten können. Wir sind alle nicht mehr die kleinen Babys, die weinen müssen, wenn Mama aufs Klo geht.“

Frau Herzbruch wird konkret und startet eine kleine, aber beglückende Hilfsaktion mit Schultüten:

„also ließ ich mir den geschäftsführer holen, fragte, was mit den übriggebliebenen tüten passierte, er sagte, er wisse es noch nicht, ich beichtete, dass jonathan sie nicht behält sondern ich sie den flüchtlingskindern spenden werde, er sagte, ich solle nicht weiterreden und montag um 7 uhr vorbeikommen und alle verbliebenen tüten abholen. quittung der stadt wolle er gar nicht, mache er auch gerne so.“

Béa erzählt ihre eigene Flucht-Geschichte:

 „Ich war ein Kind, das eine bessere und sichere Zukunft suchte.  Ich habe sie gefunden. Ich habe die Sprache gelernt, Abitur gemacht, studiert, geheiratet, ein Kind bekommen, gearbeitet, Schulen gegründet. Was damals ein Traum schien ist jetzt meine Gegenwart. Wie viele Kinder, deren Eltern für sie eine bessere Zukunft suchen, sind da draußen in den Flüchtlingslagern?“

Meike Lobo beschreibt, dass sie sich schämt, warum und wofür:

„Ich schäme mich für die Nazihetze im Netz, ich schäme mich für eine Politik, die verzweifelte Menschen allenfalls duldet, aber niemals willkommen heißt, ich schäme mich aber auch für alle, die immer noch glauben, das alles habe nichts mit ihnen zu tun. Die glauben, es sei ausreichend, bei der Hetze nicht mitzumachen und die Idioten zu ignorieren. Denn das ist es nicht.“

Und zum Schluss lege ich euch noch diesen Text von von „Kurt Saar-Schnitt“ ans Herz. Wenn ihr neben Anja Reschkes Kommentar nur eine Geschichte lesen wollt, dann diese, in der ihr seine Oma kennenlernt. Und seine Meinung. [Kein Zitat, den Text müsst ihr einfach ganz lesen.]

 

Himbeer-Joghurt-Crème

Der Sommer ist bei mir eher backofenfrei. Vor allem, wenn es so oft so heiß ist wie in diesem Jahr. Mitbringen zu diversen Grilleinladungen will ich aber trotzdem was. Und da alle bei mir immer Desserts bestellen, gab es diesmal eine Himbeer-Crème. Und weil sie so gut ankam und ich nicht jedem das Rezept mailen wollte, schreibe ich es einfach für euch (und für mich zum Wiederfinden 🙂 ) auf.

Himbeer-Joghurt-Crème in einer Glasschale geschichtet

Für die Crème:
500 g Mascarpone
350 g Naturjoghurt
200 g Sahne
100 g Zucker
1 Päckchen Vanillezucker

Für die Himbeer-Schicht:
500 g Himbeeren
50 g Zucker

Mascarpone mit Joghurt und Zucker gut verrühren, Sahne schlagen und unterheben. Himbeeren pürieren, wer will kann sie auch durch ein Sieb passieren, dann mit Zucker verrühren.

Das Ganze schichtweise in kleine Gläser oder eine große Schale füllen, nach Wunsch dekorieren. Guten Appetit!

Links gegen das Schweigen II

Teil zwei dieser Linksammlung.

Nicht mehr schweigen bei Hass und Gewalt. Position beziehen, meine Haltung offen sagen. Aber oft fehlen mir im Moment die Worte. Kann ich gar nicht so schnell analysieren, einordnen, deutlich machen, wie rassistische Äußerungen und Taten mich sprachlos zurücklassen. Anderen gelingt das besser. Daher werde ich euch nun immer wieder Links gegen das Schweigen weitergeben. Wenn ihr auch welche habt: gerne in den Kommentaren.

Wie ausländerfeindliche Äußerungen einzelne Projekte und in der Folge ganze Gemeinschaften und unsere Gesellschaft verändern, erzählt, am Beispiel eines Kaufhauses in Görlitz, dieser lange Text der Krautreporter.

Und in der Zeit geht es noch einmal (fast bin ich versucht zu sagen: endlich) um den Umgang mit Begriffen wie „Asylkritiker“ und „besorgter Bürger“.

Die Maskerade des „Asylkritikers“ ist der Versuch, Ausländerfeindlichkeit zur legitimen Diskursposition zu erheben, eine Position in die Öffentlichkeit einzuführen und ihre Ideologie zu camouflieren. […] Wenn man bei den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ im Zweifelsfall nicht immer bestimmen konnte, wo ihre Mitglieder politisch einzeln stehen mochten, so lässt sich das bei „Asylkritikern“ besser markieren: auf der Seite des Ressentiments und dem Gutheißen von Gewalt, sofern sie nicht selbst welche ausüben.

In der taz gab es bereits im Frühjahr ein bewegendes Multimediadossier zum Thema Flucht. Den Link habe ich damals bei den Herzdamengeschichten gefunden. Und nein, das ist keinesfalls veraltet, das könnt ihr (leider) alles immer noch lesen.

Pro Asyl hat gängige Vorurteile gegen Flüchtlinge in Deutschland zusammengetragen und liefert die passenden Antworten (und die richtigen Informationen) direkt mit. Ein Beispiel:

„Egoisten sagen: »Wir können doch nicht alle Probleme dieser Welt lösen.«
Richtig ist: Wir sind mitverantwortlich für die Bedingungen, die Menschen in die Flucht treiben.“

Mit einem oft bemühten Vorurteil („So schlecht kann es denen ja gar nicht gehen, die haben ja Handys“) und dem, was es bedeutet, nicht mehr zu haben als dieses Handy, mit dem man in Kontakt bleiben kann mit denen, die zurückbleiben mussten, hat sich das Migazin bereits im Juni beschäftigt.

Und einen Überblick über die Lage in Frankfurt und darüber, wie die Kritische Theorie der Frankfurter Schule auf Pegida-Äußerungen angewandt werden kann, gibt dieser Text in der Frankfurter Neuen Presse:

„Ebenfalls an „negative Dialektik“ gemahnt es, wenn auch diejenigen unter den Pegida-Anhängern, die sich selbst als gute Christen darstellen, also der Nächstenliebe verpflichtet sein sollten, von „Wirtschaftsflüchtlingen“ sprechen in einem abfälligem Ton, als handele es sich formaljuristisch um kriminelle Subjekte und nicht um Menschen, die aus armen Gegenden der Welt hierher fliehen. Weil sie auch gerne leben möchten mit all den alltäglichen materiellen und immateriellen Annehmlichkeiten der demokratischen Industrieländer, die so manche kaum noch bewusst wahrnehmen, geschweige denn zu würdigen wissen, sie aber dennoch offenbar nicht mit anderen teilen wollen.“

Um auch dieses Mal mit etwas Hoffnungsvollem zu enden: Zwei Willkommenaktionen zum Mitmachen.