Die Eisdiele in der Nähe meines römischen Büros liegt zwar nicht im Stadtzentrum, aber trotzdem in einer dieser nach Jasmin duftenden Straßen. Jasmin-Eis gibt es hier nicht, aber die größte Menge Eis für mein Geld, die ich seit langem gesehen habe. Der Herr hinterm Tresen freut sich sichtlich an meiner Überraschung über den Eisberg. Er dreht sich mit meinem Eis in der Hand nochmal um und steckt eine extra große Eiswaffel auf die Eistüte. Buon gelato sagt er und reicht mir das Eis über den Tresen.
Einige Tage später kaufe ich eine große Eisbox für die Kolleginnen. Die Inhaberin spricht nicht besonders gut englisch, mein Handy ist leer und so gestikulieren wir mehr als wir sprechen. Ich darf Sorten probieren, der Grad meines Lächelns wird fachmännisch gedeutet und in die Auswahl einbezogen. Natürlich bekomme ich problemlos zwei Boxen, eine mit den den Lieblingseissorten des Teams und die andere mit laktose- und glutenfreien Alternativen für die Allergikerinnen. Ich bedanke mich in der Landessprache, so viel Italienisch habe ich immerhin schon in mein Hirn gequetscht bekommen. Die Verkäuferin lacht und revanchiert sich mit englischen Wünschen für einen schnellen Heimweg.
In einem kleinen Laden mit lauter schönen Dingen kaufe ich ein paar Tage später ein Mitbringsel. Die Verkäuferin ist nicht mehr jung und spricht ausschließlich Italienisch. Englisch? Nein. Deutsch oder Französisch? Erst recht nicht. Meine paar Brocken Spanisch findet sie lustig, aber auch nicht wirklich hilfreich. Auf die Übersetzungsapp schauen? Neumodischer Kram, doch nicht in ihrem kleinen Laden. Trotzdem erklärt sie mir wortreich ihre Auswahl, zeigt mir verschiedene Farben und erklärt, wie ich auf die verschiedenen Schätze achtgeben muss, damit sie beim Reisen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie sagt alle Sätze doppelt, einmal schnell und mit vielen Handbewegungen und dann nochmal langsam mit ausgestreckten Armen. Ich verstehe überraschend viel, nur antworten kann ich nicht so, dass sie mich versteht, also nicke ich zustimmend und murmle ab und an „molto bello“ oder „belissimo“. Schließlich entscheide ich mich für eines der schönen Stücke aus ihrer Auslage und sie fragt, ob es für mich ist oder ein Geschenk sein soll. Ich entscheide mich für Geschenk, daher sucht sie einen besonders hübschen Karton aus und legt den kleinen Gegenstand vorsichtig hinein. Dann fragt sie, ob ich tedesci sei, Deutsche also und ob ich bei den suori tedesci, den deutschen Schwestern wohne, die gar nicht so weit weg leben. Ich nicke und sie strahlt übers ganze Gesicht. Das seien nette Frauen, sagt sie. Die würden immer so freundlich grüßen und vor einiger Zeit sei eine Schwester aus Brasilien bei ihr im Laden gewesen und hätte gleich mehrere Kleinigkeiten für ihre Mitschwestern gekauft. Das hat ihr besonders gefallen. Ich nehme nicht nur mein Geschenk mit, sondern auch überschwängliche Grüße für die Quasi-Nachbarinnen und werde mit einem Küsschen rechts und einem links und dann nochmal einem rechts und vielen Segenswünschen aus dem Laden begleitet.
Die suori tedesci heißen in Spanien Irlandesas und in Deutschland wurden sie lange Englische Fräulein genannt. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, woher eine kommt und welche Sprache sie spricht. Wenn wir bereit sind, unsere Herzen mitreden zu lassen, kann Begegnung entstehen. Wenn wir zuerst den Menschen uns gegenüber sehen und die Chance, etwas Neues zu lernen, irgendeine Art von Verbindung aufzubauen – wie intensiv oder flüchtig sie auch sein mag – vielleicht ist es uns dann möglich, das woher und wohin, das wieviel und wozu zurückzustellen und gemeinsam zu schauen, wie wir unser Leben so gestalten können, dass es für alle reicht. Verständigung gelingt, wenn wir mit offenen Augen, offenen Ohren, mit Mut und Vertrauen aufeinander zugehen, wenn wir anerkennen, dass wir unterschiedliche Herkünfte, Hintergründe, Erfahrungen haben und das nicht als etwas Trennendes sehen, sondern als Grundlage dafür, uns besser zu verstehen.
