Sternstunde

Das Leben geht immer weiter. Wir haben uns sehr eingeigelt. Außer meinen drei Bürotagen und einem wöchentlichen Einkauf gibt es Live-Kontakte nur mit einem befreundetem Paar. Alles andere findet online oder am Telefon statt. In den vergangenen Wochen hieß das sehr oft, es findet nicht statt. Denn die Arbeitstage machen mich so müde wie lange nicht mehr. Es kostet mehr Kraft als sonst, alle Bälle in der Luft zu halten und pragmatisch damit umzugehen, wenn einer runterfällt.

Morgens ist es lange dunkel und nachmittags schon wieder früh. In der Zeit dazwischen tanke ich Licht und Herbstfarben so viel ich kann und hoffe, dass sie mich über den Winter bringen. Wie schön, dass wir nicht nur einen goldenen Oktober, sondern auch einen ziemlich goldenen November haben. Das ändert aber wenig an den immer gleichförmigen Tagen ohne Verabredungen, ohne Kino, Konzert, Museum. Ohne Übernachtungsgäste und ohne Wochenendtouren zu Freundinnen oder ans Meer. Ohne Käsefondue und Whisky mit den Besten. Ohne – ach, ihr kennt das ja alle.

Was mir am meisten zu schaffen macht, ist, wie schwer es mir fällt, an meinem positiven Menschenbild festzuhalten. Natürlich gibt es all die vielen kleinen (und auch gar nicht so kleinen) Hilfsangebote und Solidaritätsaktionen im näheren und weiteren Umfeld. Die Menschen, die aufeinander achtgeben und die, die das große Ganze im Blick haben und laut sind für Gerechtigkeit und all jene, die keine Stimme haben. Aber die anderen, die werfen lange Schatten auf meine Hoffnung. Die Populist*innen und Verschwörungsverbreiter*innen, die Menschenverachter*innen und – ach, sie sind Legion, die Bekloppten. Die in weiter Ferne und die überraschend nahen.

Und dann sind da plötzlich Gefährtinnen in diesem Internet. Nicht irgendwelche Gefährtinnen, sondern die Gefährtinnen Mary Wards, „meine“ Gefährtinnen. Lauter im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Frauen. Viele von ihnen sind bisher so gar nicht online-affin. Sind durch die vergangenen Monate gegangen ohne Videocalls, ohne digitale Meetings, ohne Skype, Zoom, Facetime und Co. Und doch schlägt eine vor, dass wir unser Jahrestreffen nicht einfach ausfallen lassen, sondern damit ins Internet umziehen. Und statt abzuwägen, ob das überhaupt geht, ob man das schaffen kann, welche Nachteile das hat undsoweiterundsofort, krempeln alle die Ärmel hoch. Diese großartigen Menschen lassen sich auf Neues ein, probieren Dinge aus, von denen sie vor einigen Tagen noch nicht wussten, dass sie sich die zutrauen. Die eine hat eine Idee für eine digitale Ankommrunde, andere kümmern sich um die Gestaltung unserer Vesper, ich kümmere mich um die Technik und darf mit ein paar Online-Neulingen unter der Woche „üben“. Eine organisiert ein virtuelles Dankeschön für die scheidenden Verantwortlichen und ein Willkommen. Und als wir uns treffen, strahlen mir viele Augenpaare entgegen. Wir teilen, was uns bewegt, hören, wie es bei den anderen in allen Himmelsrichtungen aussieht, was die Pandemie mit uns macht – organisatorisch und ganz persönlich. Wir zünden Kerzen an und feiern gemeinsam.

Mehr noch als die Sonne und die farbigen Blätter füllt diese kleine Feier mein Herz auf mit neuer Hoffnung, mit Wärme und Mut und Vertrauen. Hach, hach, hach.

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