Ich verfüge seit Kurzem über einen neuen Luxus. Also genauer gesagt über etwas, das ich als Luxus empfinde, das aber anderen wie eine Verrücktheit oder gar Last vorkommen mag. Was luxuriös ist, definieren hier im Hause Argueveur nicht etwa exorbitant hohe Preise, Seltenheit oder die Werbung bestimmter Marken, sondern einzig und allein das Gefühl, wie sehr wir uns verwöhnt vorkommen von jemandem oder etwas.
Aber ich schweife ab. Mein ganz persönlicher Luxus ist, dass ich seit Neuestem ab und an in Rom arbeiten – und dann immer auch inmitten großartiger Menschen leben – kann. Im Februar habe ich diesen Luxus ausführlich genossen und die Stadt, die ich als Jugendliche und junge Frau einmal touristisch und einmal als Berichterstatterin kennen- und so ganz und gar nicht lieben lernte, ganz anders entdeckt. In freien Stunden wanderte, schlenderte, bummelte, staunte ich mich durch die Stadt. Hin zu bekannten Sehenswürdigkeiten, aber auch durch „meinen“ Stadtteil, vorbei an seinen Wohnblocks und Hochhäusern, kleinen Parks, Supermercatos, Obst- und Gemüseständen und Bäckereien; an denen ich selbstverständlich nicht immer vorbeigehen konnte.
In Rom gibt es von allem viel. Ausgrabungen; Kunst aus allen Jahrhunderten und Jahrtausenden; Menschen; Verkehr. Prachtvolle Hotels mit elegant gekleideten Portiers; Hinterhöfe, aus denen teure Limousinen auf die Straße rollen und dabei einen kurzen Blick freigeben auf Säulen und üppigen Pflanzenbewuchs, kleine Brunnen und Statuen. Kirchen und Antiquitäten-Läden, aber auch eine Reihe garagenähnlicher Geschäfte, Baumärkte, Rahmenhandlungen (für Bilderrahmen), Floristen hinter Wellblech-Toren – nicht nur, aber auch mitten im Gewusel der Straßen um den Campo di Fiore. Taschendiebe. Armut und Obdachlosigkeit, Menschen, die sich im Schatten von Orten, an denen es Essensreste oder kostenloses Trinkwasser geben könnte, nahezu unsichtbar machen; fast zahnlose Verkäuferinnen auf kleinen Märkten, die sich nicht drum scheren, ob die Käuferin italienisch spricht und fröhlich drauflos erzählen. Straßenhändler, die Drogen, Powerbanks und Regenschirme anbieten – je nachdem, wie sie die Bedürfnisse ihres Gegenübers gerade einschätzen. Vermutlich zählen sie zu den besonders geübten Menschenkennern oder zumindest Verhaltenslesern.
Wenn es regnet (und es regnete oft und viel), kann man die Einheimischen besonders gut erkennen. Sie haben meist keine Schirme, sondern halten sich die Jacke, eine Aktentasche oder die Tüte mit den Einkäufen über den Kopf und eilen vorbei. Sie müssen sich den Weg nicht mithilfe von Apps oder Schildern erschließen, sondern wissen, wohin sie wollen. Sie weichen den Touristenmassen aus und blicken dazu ausschließlich auf die Füße. Sie wissen, wo die tiefen Schlaglöcher sind und springen geübt über Pfützen, die heimlich zu halben Swimmingpools geworden sind, in denen die Nicht-Eingeweihten bis über die Knöchel versinken.
Bei Sonnenschein sind die Einheimischen die mit den Winterjacken, den Schals und Handschuhen. Sie gehen morgens früh aus dem Haus und vertrauen den Sonnenstrahlen, die die Stadt schnell auf 15 Grad erwärmen, noch nicht über den Weg. Sie wissen um die Kraft von Schatten und Windböen, die sich zwischen den Häuserfassaden und in den Gassen fangen und austoben. Frühling? Vielleicht in den ersten Knospen an Blumen und Sträuchern. Änderungen bei der Kleiderwahl verdient das aber noch nicht.
Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen und habe dort beobachten können, wie mit einer steigenden Anzahl von Gästen die Effizienz in Abläufen gesteigert wurde. Die Menschen, die zu Besuch kommen und die Region entdecken wollen, sollen diese schließlich von ihrer besten Seite kennenlernen. Ein Grund für die Effizienz: Die Besucher:innen sollen es bequem haben und gerne wiederkommen. Der andere: Den Gastgeber:innen sollen die gut geplanten Abläufe ein möglichst profitables Geschäft ermöglichen.
In Rom sehe ich davon nur wenig. Ob Menschen wiederkommen, ist hier nicht so wichtig – es gibt genügend Attraktionen aus allen Epochen, Kulturen und Überzeugungen, die immer neue Menschen anlocken. Cafés, die sich so weit ausbreiten, dass keiner mehr an ihnen vorbeikommt, sind nicht effizient – aber unglaublich gemütlich. Es meckert auch niemand, wenn man nur einen Espresso bestellt und dann über eine Stunde in der Sonne sitzt, liest oder tagträumt, statt 1,10 Euro dann nicht viel üppigere 1,50 Euro zahlt und lächelnd weitergeht. Im Gegenteil, der Oberkellner, der sich freundlich im Hintergrund hielt und kein einziges Mal aufdringlich fragte, ob ich nicht doch noch etwas konsumieren wolle, macht mir noch Komplimente zu meiner Handtasche und wünscht mir einen schönen Tag.
Eine Stadt, die man nicht gut untertunneln kann für Metro-Linien – zu viele historische Schätze – hat natürlich auch keinen besonders effizienten ÖPNV. Busse fahren schlängeln und warten sich durch den dichten Verkehr, wer kann, sucht sich mit einer Vespa oder einem kleinen Roller Lücken zum Durchschlüpfen, erstaunlich viele kleine eAutos surren durch die schmalen Gassen. Direkt vor dem Petersdom lädt ein Polizeiauto seine Batterie – im Vatikanstaat sind Verbrenner längst ein Auslaufmodell, in vier Jahren soll die gesamte Fahrzeugflotte mit Strom unterwegs sein.
Ein muskulöser Herr trägt einen riesigen Strauß Blumen im Arm. Als wir einander näher kommen, sehe ich, dass es keine Blüten sind, sondern Artischocken in verschiedenen Farben. Ich beneide ihn und die Menschen, mit denen er sie verspeisen wird – und bekomme Vorfreude auf den Besuch eines bretonischen Markts beim Urlaub im Spätsommer.
In der Kirche Il Gesú ist die „Macchina barocca“ außer Betrieb. Wie lange genau? Solange die Wartung der Elektrik eben dauert, besagt das Informationsschreiben. Zwei junge Franziskaner-Patres sehen sehr traurig aus, als sie das nicht besonders augenfällige Schild entdecken. Mit gesenkten Köpfen gehen sie zum Beten in eine der Andachtskapellen. Das Schild dort ist deutlich größer und warnt in fettgedruckten Lettern in mehreren Sprachen davor, hier zu fotografieren. Strictly forbidden. Die zwei sehen sich kurz verschwörerisch an, greifen unter ihre Kutten, zücken ihre Handys und bevor der Ordner mit den Adleraugen sie erreicht hat, haben sie ihr Erinnerungsfoto schon gemacht und sind nicht mehr ganz so gemäßigten Schrittes auf dem Weg nach draußen. Der ältere Herr schüttelt den Kopf, muss dann aber doch lächeln. Er zuckt mit den Schultern und bietet zwei Touristinnen an, ein Foto mit ihnen vor der Statue des heiligen Ignatius zu machen.
Abends, von einer der Brücken über den Tiber aus gesehen, sieht die leuchtende Kuppel des Petersdoms prunkvoll aus. Ihr Glanz spiegelt sich im Wasser. Auch der Largo di Torre Argentina sieht am Feierabend romantisch aus. Die Ausgrabungen heben sich im letzten Tageslicht vom Hintergrund ab, eine der vielen streunenden Katzen putzt sich ausgiebig und legt sich schnurrend auf einen der warmen Steine des Pompeius-Theaters – der Ort, an dem Julius Cäsar ermordet wurde. Trotz dieses Wissens ist von den Verwerfungen, die Politik, Kirche und andere Mächtige produzieren, hier in der Stadt und mit etwas Abstand, nicht viel zu spüren. Aus der geöffneten Tür eines Ristorante klingt lautes Lachen über die Straße, während ich in den Bus steige.
Die Bäckerei gegenüber der Bushaltestelle hat am Abend noch geöffnet. Eine Handvoll älterer Damen und Herren sitzt um einen kleinen Tisch vor der Tür. Das Schaufenster spendet gerade eben noch genug Licht, um das Kartenspiel zu vollenden und die letzten Stücke vom Focaccia zu verspeisen, bevor der kleine Laden schließt. Der Kiosk gegenüber räumt die Zeitschriften und die Überraschungstüten, die die Kinder nach Schulschluss unschlüssig begutachtet haben, sicher ein. Vor dem kleinen Supermarkt beschnuppern sich zwei Hunde, die draußen warten müssen. Über meinem leuchtend gelb gestrichenen Zuhause auf Zeit geht der Vollmond auf. Das Licht der Metropole leuchtet herauf bis zu unserem Stadtrand.
