Umarmung am Bahnsteig

Während um mich herum die Welt immer verrückter zu werden scheint (was genau halten diese CSU-Menschen eigentlich noch für menschlich, europäisches Leistungsschutzrecht, Kinder, die ihren flüchtenden Eltern weggenommen werden, Debatten, die immer sofort emotional eskalieren, …), passiert am Bahnsteig, an dem ich aussteige, fast jeden Morgen Folgendes:

Die Türen öffnen sich, viele Menschen strömen auf den Bahnsteig und drängeln in Richtung Treppe. Wenn der Zug pünktlich oder der Gegenzug gleichviel verspätet ist – man glaubt es kaum, aber das ist überraschend oft der Fall -, passiert am Nachbargleis genau das selbe.

Mitten im Gewusel entsteht dann ein kleiner Stau, eine kleine Insel. Eine Frau aus meinem und ein Mann aus dem Zug in die Gegenrichtung fallen sich kurz in die Arme, küssen sich innig, laufen wieder in ihren jeweiligen Zug zurück, rufen sich kleine Nettigkeiten, Uhrzeiten für ein Telefonat oder Pläne fürs Wochenende zu. „Ich hab dir noch einen Link zu einem Küchenstudio geschickt, schau mal, ob dir das gefällt.“ – „Ich habe im Keller die Sackkarre wiedergefunden, falls wir die mal brauchen.“ – „Soll ich die Kinokarten für Freitag reservieren? Kommen die anderen auch mit?“ …

Bis sich die Türen wieder schließen, schauen sie über die dahinhetzenden Menschen hinweg und strahlen sich an. Die meisten Menschen auf dem Bahnsteig huschen um die beiden herum, die meisten stumm, hin und wieder schimpft jemand, dass die zwei im Weg sind. Manchmal aber lassen sich andere, lasse ich mich anstecken, von ihrem Schwung, ihrem Strahlen. Dann lächeln wir uns verschmitzt zu, wenn wir die Treppe hinuntereilen, in die Straßenbahn springen oder ins Büro weitergehen. Das Ganze dauert immer nur ein paar Sekunden, aber die erwärmen mich deutlich länger.

 

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