Schwarzes Loch. Aber mit Glitzer.

Es ist absurd, wie sehr immer noch alles ineinander verschwimmt. Als habe sich in der Zeitlinie ein schwarzes Loch gebildet, das alles ansaugt und einsaugt. Immer schneller verschwindet die Zeit und schon wieder ist eine Woche vorbei.

Doch während ich darin bin, in dieser irrsinnig, absurd schnell vergehenden Zeit, dehnt sie sich paradoxer Weise aus wie Kaugummi. Die einzelnen Tage scheinen, so lange sie dauern, lang. Sehr lang. Und am nächsten Tag sind sie auf Kekskrümelkleinheit zusammengeschrumpft.

So viel ist geschehen in dieser Woche.

Ich habe gearbeitet. Viel gearbeitet und auch schnell Dinge erledigt. Doch es kommen immer mehr dazu als ich wegarbeite. Ergeben sich aus dem Erledigten. Und auch nach Wochen und Monaten nehmen die „Wie geht das“-Fragen nur wenig ab. Ich habe kurz überlegt, ob ich „Sendung-mit-der-Maus“ in meine Jobbeschreibung aufnehmen lassen möchte. Und dann habe ich in dieser Woche ein Video er- und dabei festgestellt, dass ich dafür selber Erklärvideos bräuchte und dann doch keine Mail an den Chef geschrieben.

Der Marathon aus Video- und Telefon- und Videokonferenzen ist so sehr Alltag geworden, dass ein Tag ganz ohne etwas davon aus dem Wabern der Zeit heraussticht wie ein Berggipfel.

Einen ersten Tag seit fast zwei Monaten im Büro gearbeitet. Freude über das Wiedersehen mit zumindest mit einem Teil der Kolleg*innen (und der formidablen Kaffeemaschine). Ein Gespür dafür bekommen, wie schnell sich ein Gefühl von Normalität einstellen kann. Doch mein Unverständnis für die Menschen, die die Lockerungen nun so verstehen als wäre alles vorbei, bleibt. Nicht zu reden von den Konspirationsdemonstrat*innen, den Verschwörungsschwurbler*innen und den Alu-Pileolus-Trägern und – ach, lassen wir das.

Skype-Arbeitsdate mit der Kollegin in Rom. Weiten des Blicks, nicht nur dienstlich, sondern auch persönlich. Die Bildschirmumarmung wirklich spüren. Haben wir uns wirklich vor 3 Monaten das erste – und einzige – Mal live und in Farbe getroffen? Dass das Internet kein unechter Raum, kein virtuell-gefühlloses Etwas, sondern Möglichkeit für echtes, wahres, menschliches Leben und Begegnen sein kann, ich weiß es seit langem. Aber in diesen Tagen freue ich mich bewusster daran.

Neben der Arbeit gab es viele schöne „Kleinigkeiten“, die in meinem Herzen aber ganz groß geworden sind. Feierabendspaziergänge mit dem Lieblingsmenschen und einer Distel, die mittlerweile fast so hoch und mindestens so breit ist wie ich – und das will wirklich was heißen.

Päckchen zur Post gebracht, von denen ich hoffte, dass sie anderen eine Freude machen (was geklappt hat), eine Orchidee verschickt für jemanden, die nicht ohne Orchidee sein sollte.

Die erste Rose im Garten hat angefangen zu blühen. 4 Tage hat sich die erste Blüte mit dem vollständigen Öffnen Zeit gelassen. Als prüfe sie erst einmal die Lage, als schicke sie ein halbes Blütenblatt vor wie einen Spion, als traue sie sich nicht so richtig hinaus in diese seltsame Zeit. Aber dann …

Von Twitter inspirierte Bäckerei und eine Brioche-Himbeermarmeladen-Orgie auf der Terrasse.

Einen ganz unerwarteten Anruf bekommen und mich sehr darüber gefreut. Alte Freundinnen sind etwas so Wunderbares. Man hat sich wochenlang nicht gehört und dann ergibt sich plötzlich eine Lücke in der verplanten Zeit und man redet, ohne lange Vorrede, direkt über Wesentliches, muss nichts erklären, weil man weiß, dass man sich versteht – nicht nur mit Worten. Und wenn die Zeitlücke vorbei ist, läuft man trotzdem weiter herum und denkt aneinander und dieses Herumlaufen und aneinander denken macht etwas mit mir, das ich mag.

Skype-Kneipe mit den einzigen Frauen, die ich Mädels nenne und sogar mit Nairobi. Hach. Hach. Hach.

Virtuelle Tabletop-Schlacht um Hogwarts mit Cidre und Plausch und Sommerkleider aus dem Lieblinsgladen, online geshoppt. Der erste Sommer seit Jahrzehnten, in dem ich exzessiv Kleid und Rock tragen werde. Juhu.

Ein langes Telefonat mit einem der besten über Philosophie und Politik und das große Ganze. Über die Freude, dass wir beide in Zusammenhängen leben, in denen Menschen sich auf das viele Neue eingelassen haben. Dass es gut tut zu merken, dass in unserem direkten Umfeld die Solidarität weitergeht, das Nachdenken über Dinge, die wir behalten möchten aus diesen Wochen des Rückzugs. Dass es in unserem direkten Umfeld nicht die Lobbyisten sind, die sich durchsetzen. Nicht die, die am lautesten schreien und die das meiste Geld haben und die einflussreichsten Freunde. Wie wenig selbstverständlich diese kleinen Gesten mit einem Mal wieder erscheinen. Und wie gut es tut, sich davon zu erzählen. Es mag nur anekdotische Evidenz sein, aber ich habe Angst, dass diese kleinen Freundlichkeiten verschwinden, wenn wir sie nicht mehr sehen, nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr weitererzählen.

Darum ein Hoch auf die Freundin, die sich dafür einsetzt, dass zumindest der Vorraum unserer Dorfkirche geöffnet wird, damit Menschen dort beten, eine Kerze für andere anzünden können.

Ein Hoch auf die andere, die sich in einem Krisenstab müde arbeitet und so Kollegen entlastet, die kranke Familienangehörige zu Hause haben und daher geschützt werden müssen.

Eins auf diejenigen, die noch immer die Kreide-Schnitzeljadgden für die Kinder unseres Dorfs auf Gehwege und Feldwege malen, so dass wir bei unseren Spaziergängen immer wieder auf einem Bein hüpfenden, Lieder singenden, Rätsel lösenden, Gedichtfetzen vor sich hinmurmelnden Eltern und Kindern begegnen.

Ein Hoch auf die Arzthelferinnen im Vorraum der Praxis, die mit einer Engelsgduld die Hygieneregeln erklären und zeigen, wie man sich die Hände korrekt desinfiziert – denn nein, dreimal kurz in die Hände klatschen hilft nicht.

Ein Hoch auf die, die mir Alpaka-Fotos schickt und eines auf den, der einen ganz persönlichen und nachdenkstarken, mitfühlenden und über sich hinausweisenden Artikel über ein zurückliegendes Unglück veröffentlicht hat.

Ein Hoch auf Caroline Ehmcke, die in ihrem Corona-Tagebuch Woche für Woche meinen Blick öffnet und Worte findet, die mich berühren, meine Perspektive erweitern oder verändern oder mir ganz einfach aus der Seele sprechen. Und für den Fischreiher.

Eines auf Frau Novemberregen, die jeden Abend auf Twitter fragt, was wir so gemacht haben und die mir mit diesen kurzen Tagesrückblicken hilft, mich zu fokussieren und mir gleichzeitig die Möglichkeit gibt, durch das Lesen der anderen aufzutauchen aus meinem Klein-Klein.

Ein Hoch auf den Paketauslieferer, der mit mir einen Abstandstanz aufführt, um das schwere Päckchen, dass für die Nachbarn bestimmt ist und bei uns warten soll, in unserem kleinen Flur abzustellen, ohne meinen Rücken zu belasten und gleichzeitig, ohne mir zu nah zu kommen. Und der dabei unter seiner Maske so freundlich lächelt, dass ich es auch an den Augen erkennen kann.

Und ein Lobgesang auf den Backofen, in dem die nächste Brioche heranbackt und auf die Vorfreude, sie später mit anderen zu teilen – wenn auch durch Vorbeibringen und getrenntes Verzehren. Aber immerhin mit Telefonschalte und Kaffeeplausch dabei.

2 Gedanken zu „Schwarzes Loch. Aber mit Glitzer.

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