Beton und Ratlosigkeit

Tom lächelt uns grimmig entgegen. Nein, nicht irgend so ein Schauspieler, der Kater aus Tom und Jerry. Ein paar Meter weiter zeigt uns ein großer Krebs sein Hinterteil und um die Ecke hat jemand ein Vier-Gewinnt-Raster an der Wand ausgefüllt.

Die Bomben der Alliierten konnten sie nicht zerstören und so liegen die Bunker, die an der französischen Nordküste die Dünen und Klippen säumen, mancherorts am Strand herum. Bunt besprayt oder einfach grau, mit Muscheln bewachsen und von Algenresten gesäumt.

Mal ist es Kunst, mal nur Tags und oft die üblichen „I was here“-Schmierereien. Aber die meisten sind einfach nur grau. Es gibt so viele, dass die Sprayer nicht nachkommen und das Interesse verloren haben.

Wo man hochklettern kann, nutzt die örtliche Jugend die Dächer der Bunker zum Sonnenbaden, am Cap Blanc Nez sitzt eine Touristengruppe, die flämisch, englisch und französisch durcheinanderredet, auf einem Bunkerdach zum Picknicken, auf dem Schornstein, der aus dem Koloss herausragt, balanciert eine Dose mit Käsewürfeln im Wind.

„Chasse interdite“ steht unbeholfen aufgemalt auf dem Betonkoloss in der Nähe unserer Ferienwohnung, an dem wir so oft vorbeikommen. Dutzende Kaninchenlöcher um ihn herum zeigen an, dass die aktuellen Bewohner dort friedlicher leben, als die, für die er ursprünglich gebaut worden war.

Wie großartig es ist, dass wir heute so friedlich hier vorbeigehen können, dass sich hier Menschen aus aller Herren und Damen Länder treffen können. Dass in dieser seit Menschengedenken so umkämpften Gegend Frieden herrscht.

Die Menschen hier leben vor allem vom Fischfang (Boulogne-sur-mer ist der größte französische Hafen und nach eigenen Aussagen der mit den meisten jährlichen Besucher*innen weltweit) und vom Tourismus. Von und mit Menschen von anderswo.

Natürlich ist alles komplexer und komplizierter. Natürlich ist das hier auch eine ehemalige Bergbauregion mitten im Strukturwandel. Natürlich gibt es tausend große und kleine Probleme. Und trotzdem geht mir das Ergebnis der Europawahlen hier (gerade hier, zwischen den Forts und Befestigungsanlagen und Wachtürmen und Bunkern aus mehr als zwei Jahrtausenden) nicht in den Kopf. 42,55 % für die Rechtsnationalisten, bei einer mehr als unterdurchschnittlichen Wahlbeteiligung von 45,55 %.

Ich sitze auf einem von Bomben abgesprengten Bunkerstück, schaue auf Jerry und verstehe es einfach nicht.

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