Erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen konnte die Weltfrauenkommission keinen Konsens zu einer Erklärung erreichen, die die Rechte von Frauen und Mädchen schriftlich festhält und Maßnahmen zu ihrem Schutz festschreibt. Die USA stimmten dem Konsens nicht zu, verlangten eine Abstimmung. Kritisiert wurden unter anderem eine „missverständliche Sprache zur Förderung von Gender-Ideologie“ und die enthaltenen Aussagen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit sowie Maßnahmen gegen Hassrede – die angeblich Zensur seien. Am Ende wurde die Erklärung angenommen. Aber eben mit einer Gegenstimme, der der USA.
Öffentliche Berichterstattung in Deutschland? Das Thema ist keinen Beitrag in Tagesthemen oder Heute Journal wert. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht in der Nacht einen kurzen Bericht: „Dieser Text wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen und von der SZ-Redaktion nicht bearbeitet.“ Auch der Nachtdienst der „Zeit“ schreibt einen Text auf Basis der dpa-Meldung. Die ersten Schlagzeilen am Morgen lassen beide schnell unter ferner liefen verschwinden. Im Deutschlandfunk findet sich ein Nachrichten-Textlein, das am Ende lapidar feststellt: „Bundesfrauenministerin Prien bedauerte auf der Tagung in New York, dass die gemeinsamen Verpflichtungen für die Frauenrechte nicht mehr von allen geteilt würden.“
Sie bedauert. Ach so. Schade, schade, aber was soll man machen. Sie ist ja schließlich keine Ministerin oder so, die irgendwo ihre Stimme erheben oder einen Beitrag zu Veränderung einbringen könnte.
Na klar muss sie sich diplomatisch äußern. Ich aber zum Glück nicht. Ich habe mir das Vortragen der Argumente live digital angeschaut und mich macht das, was da in New York passiert ist, frustriert; fassungslos; und vor allem wütend. Gerade, weil es mich nicht überrascht. Und auch, weil es drumherum kaum jemanden zu interessieren scheint: In meinem Umfeld hatte fast niemand überhaupt von der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission gehört. Alles Menschen, die die aktuelle News-Lage verfolgen und nicht aufgrund des Wahnsinns in der Welt sowieso abschalten. Medien hatten andere Themen.
Nur wenige Tage nach der historischen Rolle rückwärts in New York macht Collien Fernandes weitere Details ihrer Geschichte von Missbrauch und Gewalt öffentlich. Sie benennt einen Mann, der sich ihr gegenüber als Täter bekannt haben soll. Immerhin: Berichtet wird hier in großem Maßstab. Und zum Glück nicht nur aus Sensationslust ob des prominenten Opfers.
In vielen Beiträgen wird die Hoffnung geäußert, dass eine prominente Stimme, die Gewalt und Missbrauch öffentlich macht, etwas verändern könnte. Dass sich etwas an den Strukturen, die Gewalt gegen Frauen, Missbrauch und Verachtung ermöglichen, endlich grundlegend ändern könnte. Wie sehr wünschte ich mir, diese Hoffnung zu teilen. Aber hat es nicht schon so viele öffentliche Fälle gegeben? Von Menschen mit bekannten Namen und Unbekannten? Hat es nicht schon so viele Fälle gegeben, die zeigen, dass Gewalt in allen möglichen Formen nicht nur in besonderen Ausnahmefällen ab und zu, ganz selten einmal, vorkommen kann, sondern dass sie täglich passiert? Wie oft schon wurde angeprangert, dass Femizide kein „Familiendrama“ sind, sondern Morde – an Frauen, weil sie Frauen sind. Wie oft schon wurde darauf hingewiesen, dass sich hinter diesen erschreckenden und wortlos machenden Taten ein unvorstellbar großer Berg an Missachtung und Einschränkung, an Entwürdigung, Abwertung und Erniedrigung verbirgt. Wie lange schon lesen und hören wir immer wieder davon, dass auch digitale Gewalt echten Schmerz verursacht, echte Gefühle, echte Zerstörung?
Ich kenne keine Frau, die keine Opfer von Straftaten kennt. Wir alle wissen nicht grundlos, wie man einen Schlüssel möglichst effektiv zwischen den Fingern hält. Da ist die Freundin, an deren Rückseite sich ein Typ bei einem Festival einen runterh… – und in der Menge verschwindet, bevor sie und wir drumherum begriffen haben, was da gerade passiert. Da ist die andere, die Missbrauch erfahren hat und sich erst lange nach der Verjährungsfrist traute, davon zu sprechen. Da ist die Bekannte, die erzählt, wie sie recherchiert hat, auf welche Weise sie die blauen Flecken beim Arzt erklären könnte, damit sie nicht nach der Wahrheit gefragt wird und zusammenbricht. Und wie lange sie gebraucht hat, um der körperlichen Überlegenheit des Schlägers zu entkommen. Da sind die Kinder bei der Hausbesichtigung vor vielen Jahren, die kaum Spielzeug und keine Bilderbücher hatten, aber einen Vater mit Multimedia-Wunderland mit Kinosesseln und allem Drumunddran und ein Jugendamt, das bei unserem Hinweis nur die Schultern zuckte, ohne sichtbare körperlichen Misshandlungen könnten sie nicht viel tun, Ressourcenmangel. Da ist der bekannte, verheiratete Typ, den nicht nur ich bei einem Empfang vor mehr als einem Jahrzehnt beobachtete, wie er einer hübschen, jungen Kollegin die Hand aufs Hinterteil legt und zupackt. Da sind die Busengrapscher im überfüllten Bus, das eklige Hinterherpfeifen auf der Straße, das Winken mit einem Kondom beim Warten auf die Straßenbahn. Ich könnte ewig so weitermachen.
Es geht aber auch weniger körperlich und trotzdem falsch. Auch nach #Metoo wurde ich in einer beruflichen Konferenz als „Mäuschen“ bezeichnet, das mein Chef „mal zurückhalten“ solle – weil ich interessiert eine Frage gestellt hatte. Der Sprecher vermutete allerdings, ich könnte eine andere Ansicht haben als er, wenn er mir seine Antwort gibt. In einem Videocall wollte ein Mann – ein gutes Stück jünger als ich – warten, bis mein Chef dazukomme, mit der Sekretärin spreche er, wenn überhaupt, nur für Terminabsprachen. Dass ich die C-Level Leitungsperson sein könnte, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Zu meinem Segen gab es bessere Angebote von nicht auf das Gender der Gesprächspartner:innen fixierter Mitbewerber:innen. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.
Ich weiß übrigens auch von Tätern – dem ehemaligen Lehrer, der mittlerweile verstorben, vorher aber noch verurteilt worden ist. Dem Jugendgruppenleiter ein paar Orte weiter, von dem irgendwann erzählt wurde, warum er damals nicht mehr mit zu den Ferienfreizeiten fahren durfte. Dem Priester, den ich früher einmal – wenn auch flüchtig – kannte und der heute vor Gericht steht. Dem Vorgesetzten, der gerne junge Mitarbeiterinnen zu teuren Sausen und was weiß ich noch allem einlud und ihnen Hoffnungen auf Karriere machte, die sich dann nicht erfüllten. Den Mitgliedern eines Aufsichtsgremiums, die nicht wahrhaben wollten, was nicht wahr sein durfte und wegschauten, bis es vor ihren Augen erneut geschah.
Keinen dieser Menschen kenne ich so gut, dass seine Telefonnummer in meinem Handy gespeichert wäre. Keiner gehört zu meinem Freundeskreis. Bei keinem hatte ich einen Verdacht, bevor Betroffene es öffentlich machten.
Die Naivität, die ich besaß, habe ich abgelegt. Was im Großen in New York sichtbar wurde, gilt für alle Ebenen unseres Lebens. Strukturen, die Frauen klein machen und ihnen Rechte absprechen, führen zu Menschen (nicht nur Männern), die Täter schützen und Opfer lächerlich machen; die öffentliches Berichten über Gewalt als Affront betrachten und sich provoziert fühlen, wenn die Wirklichkeit auf ihren kleinen Lebenskokon trifft. Strukturen, die Frauen nicht als gleichberechtigte Menschen ansehen, führen zu Wortklauberei darüber, wer eine Frau ist und wer das zu bestimmen habe. Strukturen, die davon ausgehen, dass es mehrere Klassen von Menschen gibt, geben denen den längeren Atem, die argumentieren, warum Menschen eben nicht gleich seien, warum manche Macht haben und anderen der Zugang zu Mitsprache verwehrt werden müsse.
Die Strukturen werden nicht aufgebrochen, weil es auch Prominente trifft. Diese Strukturen brauchen das unermüdliche Wirken von Menschen, die anderer Meinung sind. Die es ernst meinen mit Gleichberechtigung, mit Menschenwürde und gemeinschaftlichem Einsatz. Um diese Strukturen dauerhaft zu verändern brauchen wir Menschen, die bereit sind, auch andere Meinungen anzuhören, nach Kompromissen zu suchen, neue Wege zu gehen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Wir brauchen Menschen, die laut sind gegen Hass und Hetze, die solidarisch sind mit den Opfern – der einzelnen Taten und der systemischen Gewalt.
Im Allgemeinen nennen wir das, was wir brauchen, eine engagierte Zivilgesellschaft. Dazu Medien, die über Missstände berichten, auch wenn es keine Prominenten betrifft und die das Engagement von Zivilgesellschaft nicht für selbstverständlich halten, sondern aktiv darüber berichten, dass dieses Engagement existiert (ja genau: Sagen, was ist). Was wir nicht brauchen sind Politiker:innen, die alles dafür tun, genau dieser Zivilgesellschaft die Unterstützung zu entziehen.
