Sommerabend

Es ist kurz vor 9 am Abend und das Thermometer zeigt noch immer über 30 Grad an. Ich sitze an der Würm und schaue aufs Wasser, in dem sich die Blätter und die untergehende Sonne spiegeln. Ein paar halbwüchsige Enten haben sich faul in den Fluss plumsen lassen, als ich an ihnen vorbei lief. Bloß keinen Flügelschlag zu viel machen. Träge und faul die trockene Hitze und die Abendsonne genießen. So ein Moment ist das.

Ein Moment zum Nachdenken und Loslassen, zum Meditieren und Träumen, zum Durchatmen und Zurücklegen und mit geschlossenen Augen den Bienen und anderen Insekten lauschen. Ein Moment zum tief Einatmen der rosenduftschweren Abendluft, die der träge Wind ab und an vorbeiweht. Ein Moment, in dem all die Probleme – die großen der Welt und meine kleinen – keinen Platz haben neben mir am Wasser.

Dabei sind sie nicht weit weg. Nur wenige Meter entfernt hat eine junge Mutter mit ihren Kindern Zuflucht gefunden. Die Beschilderung der Etage, in der mein Gästezimmer liegt, ist jetzt auch ukrainisch. Die Hitze und die Dürre, die nur ein kleines Zeichen dafür sind, dass der Klimawandel sich längst zu einer Klimakatastrophe ausgewachsen hat, ich sehe sie hier an meinem Uferplatz, ich habe sie durch die Zugfenster gesehen, wo statt grüner Wiesen so viele verdortte Felder, not-geerntete Getreidestoppeln und ausgetrocknete Bachläufe den Weg säumten. Eine Autobahn, auf der trotz all der guten Argumente kein Tempolimit gelten soll, ist ebenso wenig fern wie ein Krankenhaus, in dem Pflegekräfte am Rande der Erschöpfung immer mehr fehlendes Personal ausgleichen sollen – demnächst dann am besten auch noch mit positivem Corona-Test. Ich höre Glockenläuten und fühle mit denen, die in der Kirche Heimat hatten und durch den Umgang der Verantwortlichen mit Katastrophen und Krisen und deren Ursachen aus dieser Heimat vertrieben wurden. Von den Opfern ganz zu schweigen. Gar nicht weit ist eine der zahlreichen Schulen, deren Lehrer*innen und Schüler*innen immer nur dann eine Rolle spielen, wenn sie in wohlfeilen Reden instrumentalisiert werden können. Luftfilter haben sie bis heute nicht und auch sonst sind die Lehrer*innen und die Schülervertretung auf sich allein gestellt, wenn sie Lösungen suchen, die das Leben für die Schulgemeinschaft und auch ihre schwächeren Mitglieder lebenswert und lernenswert machen.

Aber jetzt, in diesem Moment, kann ich all das und so vieles andere ausblenden. Mitten im Jetzt sein, nur unterbrochen vom Verjagen der Stechmücken, die mich am Ende des Abends trotzdem aufgefressen haben werden. Ich weiß, dass ich solche Momente brauche, um mich danach wieder der Welt zu stellen und wenigstens an der einen oder anderen Stelle  meinen kleinen Beitrag zu leisten. Ich verstehe aber auch, wie verführerisch es ist, einfach sitzen zu bleiben – ganz konkret und natürlich auch im übertragenen Sinn. Die anderen mal machen zu lassen, irgendwer wird sich schon finden für die Probleme der Welt. Die Augen nur für die Schönheiten und die Vorteile zu öffnen und einfach zulassen, wenn sie Schwierigkeiten wahrnehmen und sich anrühren lassen müssten.

Irgendwann stehe ich auf, suche mir den Weg in der Dämmerung zurück, mache die Türen ganz leise auf und zu, denn nebenan schlafen Kinder, die Krieg erlebt haben (ich sehe die Bilder, lese die Nachrichten, seit mehr als 150 Tagen, und mein Herz kann es noch immer nicht fassen). Ich lasse das Handy aus, schaue mir keine Nachrichten an, lasse mein Buch zugeklappt und für den Moment die Wirklichkeit die Wirklichkeit sein. „Tu Gutes und tue es gut“, zitiert eines meiner liebsten Wandbilder die wunderbare Mary Ward. Morgen wieder.

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