Neulich. Golden.

Ein goldenes Netz spinnt die Sonne ins ablaufende Wasser. Ganz plötzlich hat sie sich durch die Wolkendecke gedrängelt, hat den Wind überredet, ihr eine Lücke ins Grau zu reißen und nun tobt sie sich aus, die Sonne. Auf meinen Schuhen, die ich nicht schnell genug ausziehen kann, auf den Strümpfen, die direkt folgen, auf den hochgekrempelten Hosenbeinen und meinen nackten Füßen im Watt – wie schnell da nichts mehr ist, wo gerade noch die Wellen ans Ufer leckten.

Ich folge dem Wasser, tanze über Muscheln und Wattwürmer, weiche kleinen Krebsen aus und schaue den Möwen beim Plantschen in Pfützen zu. Ich habe Musik im Herzen und freue mich wie ein Kind.

Und dann ist da plötzlich ein goldenes Netz. Es umfängt meine Knöchel und spielt mit meinen Zehen. Es ist zerbrechlich und zuverlässig haltbar zugleich. Es zerstiebt beim kleinsten Schritt und schnalzt zurück, sobald ich stillstehe. Es umfängt mich ganz und ist so weit wie mein Auge reicht. Und doch hält es mich nicht fest. Ein magisches Netz zu sein, das mich nicht fängt, sonder frei macht, mich nicht anbindet, sondern mir Weite und Energie verleiht. Es ist aus Sonne geknüpft und aus Wasser, aus Wellen und Sand, aus dem ewigen Kreislauf von Ebbe und Flut und von Licht, das sich bricht.

Wenn ich an unsere Ferien an der Küste zurückdenke, fällt mir dieses Netz ein. Wie schön diese unerwartete Sonnenstunde im Meer war. Wie fröhlich und frei und unbeschwert. Und mitten im Novembergrau stelle ich fest, dass ich mir etwas bewahren will von diesem goldenen Zaubernetz. Seine Fäden lassen sich auch in meinem Alltag finden – in kleinen Gesprächen an der Kaffeemaschine und beim gemeinsamen Erstellen einer Präsentation, bei der die Kreativität einer Kollegin mich beflügelt. Beim Austausch mit einer Freundin, die sich in Neuland wagt und beim Weinen mit einem Herzensmenschen, der trauert. Da sind Goldfäden bei Buch und Tee am Abend,  beim Telefonieren und beim Brettspielen, beim Spaziergang im Regen und beim Kuchenbacken.

Ich halte Ausschau nach den Lichtfäden, um das Netz weiterzuknüpfen. Bunt oder grau, flexibel oder stabil, groß und weit oder ganz klein und unscheinbar, laut oder leise, im Regen oder im Sonnenschein oder auch alles zusammen.

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