Negativ

Nach 14 Tagen Quarantäne bin ich negativ getestet worden und darf mich wieder frei bewegen. Woohoo. Quarantäne ist defitiv nicht mein Lieblingsevent bisher, 1 von 5 Punkten, bitte nicht wieder.

Den 1 Punkt und nicht 0 Punkte bekommen die letzten beiden Wochen, weil da liebe Menschen um mich herum waren. Zuallererst der Lieblingsmensch. Dass wir nach 15 Jahren Ehe diese zwei Wochen miteinander gut überstehen würden, war uns beiden total klar. Wir wissen aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und freuen uns darüber und übereinander.

Und dann waren da unsere Freund*innen. Die eingekauft haben und Blumen vor die Tür stellten, die anriefen und Nachrichten schickten, sich sorgten und uns umsorgten. Während im Großen die Welt zu einem Wahnsinn aufläuft, die ich nie für möglich gehalten hätte, sind die Menschen im Nahen so wunderbar wie ich es mir nicht mal wünschen konnte. Während auf der politischen Bühne Menschen mit dem Hin- und Herschieben von Verantwortung, dem Ablehnen von Maßnahmen, dem Ausschließen von Handlungen und dem Abstreiten von Verantwortung beschäftigt sind, haben die Menschen auf der nicht vorhandenen Bühne im Privaten einfach die Ärmel hochgekrempelt, ihre Herzen aufgemacht und getan, was anlag.

Und ich weiß, dass diese Menschen nicht nur um mich herum sind, sondern dass sie die große Mehrheit sind. Die solidarischen, mitfühlenden, handelnden, helfenden, für andere einstehenden, sich abmühenden, müden, überlasteten und trotzdem bereitstehenden Menschen, sie sind die große Mehrheit.

Umso weniger verstehe ich, dass diese Mehrheit, diese Menschen, die unsere Gesellschaft prägen und am Laufen halten, diese Menschen, die eben nicht laut sind, die nicht ohne Maske, dafür aber mit Duschhaube und dicken Stiefeln laut „ich, ich, ich“ schreiend durch die Straßen ziehen, dass diese Menschen in den Entscheidungen der politisch Verantwortlichen nicht die Hauptrolle spielen. Dass diese Menschen, die Mehrheit der Vernünftigen und Solidarischen, der Verantwortungsbewussten und Verantwortung Übernehmenden, dass die einfach links liegen gelassen werden. Dass ihre Sorgen kaum etwas zählen im Vergleich zu denen, die sich „besorgt“ nennen. Dass ihre Solidarität mit Füßen getreten wird. Dass die Verantwortung, die sie übernehmen, konterkariert wird, damit man „die Gesellschaft nicht spaltet“. Als würden diese Menschen die Gesellschaft spalten. Als hätten sich nicht vielmehr die schon längst selbst abgespalten, die Solidarität schreien und Egoismus meinen, die Freiheit rufen und dabei partout nicht sehen wollen, dass diese ohne Verantwortung zu Willkür wird, die vor lauter Kreisen um die eigenen Vorstellungen keine Emathie mehr empfinden können, die sich lautstark und unflätig beschweren, weil es Menschen gibt, die Verantwortung so definieren, dass sie Adventsfeiern und private Feste und wasweißich absagen, schweren Herzens. Die kann ich mit meinem Wunsch nach einer höheren Impfbereitschaft, meiner Zustimmung zu einer Impfpflicht, meiner Befürwortung von Maßnahmen, mit denen man auch Kinder und Jugendliche schützen kann, gar nicht mehr abspalten, die sind längst weg. Daher erwarte ich, dass die Menschen, die gewählt sind, um Verantwortung zu übernehmen, diese auch annehmen und tragen und nicht aus Angst vor Menschen, die eh nicht mehr zu erreichen sind, den Kopf in den Sand stecken.

Nun steht hier absolut nichts Neues – alles längst von anderen gesagt und geschrieben, in besseren Formulierungen und mit treffenderen Worten. Ich schreibe es trotzdem auf. Damit ich nicht vergesse, die vielen nahen und wunderbaren, müden und wütenden, erschöpften und hilfsbereiten, mitfühlenden und solidarischen Menschen zu sehen, wenn es in den nächsten Tagen und Wochen immer wilder wird auf der großen Bühne. Und damit ich mich daran erinnere, dass resignieren keine Lösung ist.

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