Gleichzeitig. Und dankbar. Und müde.

Es fühlt sich an wie eine andere Welt. Und gleichzeitig schon so vertraut. „Geht auseinander!“ dachte ich am Wochenende beim Ansehen der letzten Folge Picard. Und habe seither das alte Lied von Wir sind Helden mit diesem Titel im Kopf. So vertraut ist das Abstand halten und Ausweichen schon geworden.

Lächeln, nicken, Platz machen beim Feierabendspaziergang über die Feldwege. Den Akku des Telefons (ja, wir haben noch ein Festnetztelefon) regelmäßig aufladen, weil es jetzt an den Abenden ständig im Dienst ist. Ganz normal ist das alles geworden. Als lebten wir schon lange so.

Und gleichzeitig fühlt es sich auch immer noch neu an und fremd und ungewohnt. Als wäre es erst gestern gewesen, dass ich zu meinen Exerzitien aufgebrochen bin – mitten heraus aus der sich anbahnenden Corona-Lage. Und doch völlig ahnungslos. Ich hatte es mir nicht vorstellen können, dass die Welt, in die die Fähre mich 6 Tage später zurückbringen würde, eine ganz andere geworden sein würde. Aber genau so fühlte es sich an. Wie eine andere Welt. Und weil der Alltag mir gar keine Chance ließ, mich langsam daran zu gewöhnen, stolperte ich mitten hinein in das Neue. Auf Funktionsmodus umschalten. Nicht erstmal Ankommen und Umschauen. Gehen. Einen Schritt nach dem anderen. Aber direkt losgehen. Navigieren auf Sicht. Aber fahren. Es gibt hunderte Bilder. Es blieb kaum Zeit, sie mir bewusst zu machen. Es ging einfach gleich los.

Ich bin in meinen Jobs die Onlinerin und es ist schön, dass meine Fährigkeiten jetzt dazu beitragen können, Menschen miteinander zu verbinden. An ein paar Stellen physical distancing vergessen und social caring real zu machen. „Online only“ könnte hier quasi rund um die Uhr stattfinden. Abschaltknöpfe (außer die Kanäle für Notfälle) sind eine tolle Erfindung.

Diese Gleichzeitigkeit von alles-schon-so-gewohnt und alles-noch-so-neu, sie macht müde. Und albern. Und hungrig. Und müde. Sehr müde. Manchmal kommen die Sorgen ganz nah. Dann wenden wir gemeinsam Kraft auf und schieben sie weg. Spazieren sie weg. Umarmen sie weg.

Dass der Lieblingsmensch und ich beide von zu Hause arbeiten können. Dass ich darin in den letzten Jahren durch eine zweite berufliche Aufgabe und im letzten Jahr durch einen unwilligen Kreislauf einige Übung habe. Dass wir uns keine Sorgen machen müssen um unseren Arbeitsplatz, unsere Existenz. Privilegien um die wir wissen. Für die wir dankbar sind.

Dankbar dafür, dass der Lieblingsmensch der Lieblingsmensch ist und somit derjenige, mit dem ich tatsächlich am liebsten von allen isoliert bin. Dass wir zusammen sind, dass da jemand ist, dem ich auch ganz praktisch nah sein kann. Dass wir schnell neue Alltagsrituale gefunden und alte „umgebaut“ haben. Dass wir nicht nur unseren Alltag teilen, unser Büroleben (wie schön es ist, wenn mein Schatz mir nachmittags einen Kaffee für die neue Nasa-Kaffetasse kocht), sondern auch unsere eigene kleine Hauskirche sind, mit Kerze und Blümchen aus dem Garten (welch Dankbarkeit für diese kleine grüne Oase).

Dankbar dafür, dass die jüngeren Mieter im Haus meiner Eltern eine WhatsApp-Gruppe gegründet haben, in der sie mitteilen, wann und wohin sie zum Einkaufen gehen. So dass die älteren Mieter Einaufszettel schicken können und zuverlässig mit dem Nötigsten – und darüber hinaus mit Zuwendung und lieben Worten versorgt werden. Dafür, dass keiner unserer Liebsten bisher so schwer erkrankt ist, dass wir um sein oder ihr Leben fürchten müssten.

Dankbarkeit für diesen Geburtstag neulich, bei dem ich mitten in der körperlichen Distanz so viel Nähe und Verbundenheit und Freundschaft und Liebe spüren konnte, wie schon lange nicht mehr. Für die Damen der KFD hier im Ort, die Masken nähen für soziale Einrichtungen – und für den Lieblingsmenschen und mich. Für die Menschen aus unserem Hauskreis, die kleine Links schicken und Gedanken. Die Menschen anrufen, die einsam sind. Und die sich nächste Woche auf ein virtuelles Experiment einlassen.

Die Welt ist klein geworden und gleichzeitig so groß. Die Polarisierung ist ganz nah gekommen. Sie ist spürbar zwischen der Anfeindung von Menschen aus Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen (Ischgl, Heinsberg, …) und völlig unerwarteter Nachbarschaftshilfe. Zwischen Fakenews (gut gemeinten und zerstörerischen) und guten Nacheichten, die der Briefträger in einem Umschlag mit Blumenaufkleber einwirft. Und sie ist spürbar mitten in mir.

Ich werde wieder früh zu Bett gehen, mich von Igor Levit zur Nacht mit Musik trösten lassen – live habe ich es heute wieder nicht geschafft. Wenn ich nicht schlafen kann in der Nacht lasse ich mir von Patrick Stuart oder Helen Mirren Shakespeare rezitieren. Und freue mich daran, dass Arnold Schwarzenegger ein Pony und einen kleinen Esel hat und dass ich nun weiß, wie sie heißen.

Und dann stürze ich mich morgen wieder hinein in diese seltsam fremd-vertraute Wirklichkeit. Mit Augenringen, die man aber in der Videokonferenz nicht sieht, weil die Morgensonne das Homeoffice freundlich beleuchtet.

Habt es gut, da wo ihr diese besondere Zeit erlebt.

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