Gedanken über Autos, individuelles Reisen und meine großartige Oma

In den letzten Wochen ergab es sich, dass ich mit verschiedenen Menschen über Verkehr und Verkehrsplanung sprach. Also genauer gesagt über Individualverkehr und ÖPNV. Wir wohnen auf dem Land zwischen zwei Großstädten und der ÖPNV hier ist – freundlich formuliert – eher unterirdisch. Ohne Auto komme man da doch gar nicht klar, sagen viele und habe ich auch bis vor gar nicht so langer Zeit gesagt. Und es stimmt, wollte man mit Bussen (seltener Takt, wenig einkaufs- und überhaupt erledigungstaugliche Fahrtstrecken) und Bahnen (dreimal die Stunde, extrem oft verspätet, häufiger Ausfall, immer überfüllt, so dass man gar nicht so selten erst überhaupt nicht hinein kommt) unterwegs sein, wäre man hier aufgeschmissen. Zum Getränkemarkt fährt kein öffentliches Verkehrsmittel, auch nicht zum Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Nur alle 2 Stunden zum Ärztehaus mit den Fachärzten ein paar Dörfer weiter und nach 18 Uhr sowieso kaum noch was.

Wir haben nur ein Auto – eine seltene Ausnahme in unserem Bekanntenkreis hier im Dorf. Und es steht meist in der Garage (auch so ein Luxus). Denn der Lieblingsmensch ist ein großer zu-Fuß-Geher und erledigt Vieles per pedes und ich habe mir im ersten Pandemiesommer ein eBike gekauft, mit dem ich nun auch ins rund 25 Kilometer entfernte Büro pendle – wenn ich denn überhaupt dort arbeite. Der Ehrlichkeit halber: Bei weniger als 7 Grad und bei Regen, der über ein bisschen nieseln hinausgeht, nehme ich das Auto. Wobei sich für den Weg durch die große Stadt der Hybrid wirklich auszahlt. Beim Spritverbrauch und beim Senken meines Gereiztheitsheitsfaktor. Seit ich beim Stop and Go durch den Berufsverkehr kaum noch Abgase ausstoße, nervt mit das deutlich weniger. Und: Es gibt nun auch in unserem kleinen Dorf eine Carsharingstation in der Dorfmitte und Leih-eBikes am Bahnhof. Da kommt also etwas in Bewegung.

Über was ich allerdings häufiger nachdenke, ist eine Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich bin am Fuße des Schwarzwalds großgeworden und meine Großeltern lebten im Saarland. Weder meine Großmutter noch mein Großvater hatten einen Führerschein. Und natürlich auch kein Auto. Eine Bahnstation gab es in ihrem Dorf nicht und Busse zum nächsten Bahnhof waren eine teure Rarität. Trotzdem waren meine Großeltern in meiner Kindheit häufig bei uns. Möglich wurde das durch die Kreativität und die großartige Chuzpe meiner Oma.

Die hatte nämlich herausgefunden – wahrscheinlich durch Freundinnen und Bekannte, die solche Touren schon mitgemacht hatten – dass Kaffeefahrten in den „schönen Schwarzwald“ meist in einem der deutlich weniger grandiosen Orte rund um mein Heimatdorf Station machten, um in irgendeinem Weinlokal Heizdecken und Co. zu verkaufen. Meine Oma buchte also eine Kaffeefahrt, freute sich an der Tour durch die Pfalz, den Odenwald und dann durch schöne Fachwerkdörfer und an der durchs Busfenster vorgeführten Schwarzwaldromantik. Sobald der Bus an einem der Ausflugslokale anhielt und die Verkaufsschau begann, setze sie sich ab, rief von einer Telefonzelle meine Eltern an, beschrieb, wo sie war und wir konnten sie abholen. Bei der nächsten Kaffeefahrt bucht sie wieder einen Platz und fuhr damit zurück.
Ganz im Ernst, was hatte ich für eine coole Oma.

Eine andere Option war der Schülerbus. In meinem Heimatdorf gab es ein Internat, in das viele Schüler aus dem Saarland gingen und eben auch einige aus dem Dorf meiner Großeltern. Am Ende der Ferien sammelte ein Busunternehmen die Schüler (gendern unnötig, es war eine Einrichtung nur für Jungs) ein und brachte sie ins Internat. Meist war noch Platz im Bus und so fuhren meine Großeltern mit lauter jungen Menschen gen Süden. Meine Eltern brachten sie dann einige Zeit später zurück und verbanden das mit einem Besuch bei alten Freunden. Eine andere Option war es, mit dem leeren Bus vor Beginn der Ferien zu uns zu fahren – zum Beispiel zu Beginn der Osterferien. Während der Bus die heimfahrenden Schüler einsammelte, gingen meine Eltern, meine Schwester und ich an die Bushaltestelle vor der Schule und sammelten Oma und Opa ein. Am Ende der Ferien spuckte der Bus die zurückkehrenden Schüler aus und nahm meine Großeltern mit zurück.

Im Eifeldorf, in dem mein Vater groß wurde und in dem ich oft Sommerferienzeit verbrachte, wurde das ÖPNV-Problem anders gelöst. Da mussten nicht die Dorfbewohner schauen, wie sie zum Einkaufen fahren konnten, da kam der Einauf zu ihnen – in Form eines LKWs der regionalen Milchunion. Der wurde aufgeklappt und da stand ein kleiner, aber gut ausgestatteter Supermarkt auf dem Dorfplatz. Natürlich gab es frische Milchprodukte, aber auch Brot und alles andere, was man so für den Alltag brauchte. Als Kind fand ich es großartig, mit meiner Tante dort einkaufen zu dürfen. Aber auch in der Sonne zu sitzen und zuzuschauen, was andere so kauften und dabei ab und zu eine der streundenden Katzen zu streicheln, die auf eine zerplatzte Milchtüte oder ein Stückchen Wurst hoffend auf dem Platz herumlungerten, war ein wunderbarer Zeitvertreib.

Damals war also viel weniger Individualverkehr und mehr individuelle Initiative. Ich frage mich, wie wir Möchte-Gern-Klimaschützer*innen uns von diesem Einfallsreichtum hier und heute die ein oder andere Scheibe abschneiden könnten.

 

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