Empört euch?

Sie war schon vor der Corona-Pandemie weit verbreitet, aber in den letzten Wochen scheint es mir, als sickere sie durch alle Ritzen und Poren: die Empörung.

Ich kann das nachvollziehen. Mein Nervenkostüm ist immer noch dünn und ich rege mich über Dinge auf, denen ich Anfang März noch mit einem Lächeln oder einem Achelszucken begegnen konnte. Oder ich regte mich auf, dann war es raus und wieder gut. Jetzt bin ich da nachtragender. Ich kann das also aus eigener Erfahrung bestätigen: Aus Frust und Genervtsein wächst sie schnell, die Empörung. Verbrauchte Kraft, geänderte Routinen, Einsamkeit, Unsicherheit, Sorgen und Angst sind ein idealer Nährboden für sie. Da reicht ein kleiner Auslöser und zack, bin ich EMPÖRT!!!1!!11!!!!

Wobei, eigentlich bin ich vor allem müde, so müde ob der ständigen Empörungserregung. Eine Zeitung empört sich über Werbung, die nicht dünne Frauen im Bikini, sondern normalgewichtige Menschen mit Kopftuch zeigt. Menschen empören sich über Maskenpflicht, weil – ach, was weiß denn ich. Ein Mann sagt etwas völlig Selbstverständliches über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das empörte Geschrei klingt in verschiedene Kommentarspalten nach. In der Diskussion um Rassismus bei der Polizei war das Empörungsgeschehen ob einer satirischen Veröffentlichung so groß, dass die eigentliche Diskussion komplett in den Hintergrund trat. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Was bei all dem Getöse untergeht, sind die Menschen in Krankenhäuser, an den Kassen der Supermärkte, in der Pflege und allen anderen Bereichen, für die vor einigen Wochen noch ob ihrer „Systemrelevanz“ geklatscht wurde. Ist das Klima, das sich durch ein paar Wochen weniger Fliegen nicht dauerhaft erholt. Sind Kinder, die nicht wählen und nicht reich sind und daher bei vielen politischen Debatten einfach hintenrunterfallen. Sind all die, die aufgrund von finanziellen Einschränkungen nicht teilhaben können an den Segnungen der Digitalisierung. Auch diese Liste lässt sich leicht fortschreiben.

Früher war ich durchaus der Meinung, dass es Empörung braucht, um Menschen auf Dinge aufmerksam zu machen, um sie, um uns zum Handeln zu bringen, zum Einsatz für andere zu motivieren. Empörung ist ja ein Gefühl und Gefühle sind wichtig, um einen Anstoß zum Helfen, zum Weltverbessern oder auch nur zum Einem-Problem-aus-dem-Weg-Gehen-ohne-zwei-neue-zu-schaffen zu finden. Ich erinnere mich an Telefonate in meiner Familie, wo Menschen sich – durchaus lange und ausgiebig – mit lauter Stimme unterhalten konnten, Empörungen austauschten, in denen sie nicht nur Anlässe für diese Entrüstung, sondern auch Strategien, damit umzugehen, miteinander teilten, daran durchaus auch Spaß hatten und vor allem Kraft schöpften für den Alltag. Eine Empörung war in der Sprache meiner Großeltern noch ein Aufruhr, ein Widerstand. Sich empören und handeln gehörte in dieser Denkweise zusammen. Dazu passt die Wortherkunft: Enboeren, erheben, ist die mittelhochdeutsche Grundlage.

Wie so viele Menschen meiner Generation habe ich Stéphane Hessels Empört euch! gelesen und geschätzt. Ich erinnere mich an eine Rezension – war es in Le Monde oder in Libération? – in der diskutiert wurde, ob Empörung nicht am Ende folgenlos bleibe, weil Indignation nicht ausreiche und als Triebfeder nicht stark genug sei. Als theoretisch abgetan habe ich das damals. Doch heute, wo die Stürme der Entrüstung so schnell heraufzubeschwören sind und oft genug auch da wehen, wo niemand sie gerufen hat, da denke ich mehr und mehr, die Empörung verstellt uns den Blick auf das Wesentliche. Sie bleibt an der Oberfläche. Mehr noch: Sie drängelt sich vor und verdunkelt die Szene. Empörung wird zum Ersatz für das Tun.

Ich habe mich empört – das fühlt sich so an, als hätte ich bereits etwas getan. Empörung ist anstrengend, sie erschöpft. So manches Mal mehr als wirkliches Tun. Und sie fühlt sich dabei gut an, nicht umsonst heißt es ja ‚rechtschaffene Empörung‘. Empörung vermittelt uns das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Verändern tut sie aber nichts.

Bei denen, die sich nicht über Zustände, Missstände empören, sondern über „die anderen“, die nicht ihrer Meinung sind, über die, die eine positivere Haltung haben, die anders aussehen oder irgendwie von der von ihnen selbst festgelegten Norm abweichen, bei denen, die sich über Menschen empören, deren einziger Fehler ist, dass sie anders sind, schlägt die Empörung oft um in Ablehnung, in Verurteilung, in Geschrei und Hass. Worüber ich mich dann wieder empören kann und schon ist der Anlass, der Ursprung, über den es sich nachzudenken lohnt, die Schwierigkeit, für die wir nur gemeinsam Lösungen finden können, wieder in den Hintergrund gerückt.

Empörungswürdige Zustände wahrnehmen, mich berühren und aufwühlen lassen, aber mich nicht empören. Mich von den Vordergründen nicht ablenken lassen, sondern tiefer, weiter, schärfer hinsehen, Handlungsspielräume ausloten und nutzen. Nicht müde werden. Oder zumindest wachsam bleiben, immer wieder die Augen öffnen und das Herz. Immer und immer wieder. Es klingt so einfach, aber es ist eine Sysiphosaufgabe. Wozu auch gehört, sich Sysiphos als glücklichen Menschen vorzustellen – ohne mich zu entrüsten. Repeat…

 

 

2 Gedanken zu „Empört euch?

  1. N. Aunyn

    Was Sie als Umgang mit Empörung in Ihrer Familie beschreiben empfinde ich als positiv und konstruktiv. Wo ich derzeit Empörung im öffentlichen Diskurs wahrnehme, scheint sie mir nicht weiterzuführen sondern eher Energien zu absorbieren (Energieräuber). Gibt es Möglichkeiten diese destruktiven Formen von Empörung in konstruktive Kanäle zu lenken, also das was in Ihrer Familie gelaufen ist auch für den öffentlichen Bereich nutzbar zu machen.

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