Eine Umarmung

Ich lebe hier ja quasi im Pandemie-Luxus, denn ich habe die ganze Zeit den Lieblingsmenschen in meiner Nähe und kann ihn umarmen und von ihm umarmt werden, wann immer uns danach ist; naja, fast, in Videokonferenzen mit eingeschalteter Kamera (und davon gibt es hier nach wie vor viiiele) verzichten wir dann doch darauf. OK, neulich gab es eine beginnende Schultermassage, bevor das Gelächter der Gesichter auf dem Bildschirm den Lieblingsmenschen vertrieb, aber davon wollte ich gar nicht erzählen. Denn gestern, gestern, also gestern gab es endlich die so lange ersehnte Umarmung mit dem besten Freund. Kein „Wenn ich jetzt da wäre, würde ich dich in den Arm nehmen“-Konjuktiv, kein „Fühl dich gedrückt aus der Ferne“-Ersatz, kein passend rausgesuchtes Knuddel-GIF, sondern eine ganz echte, herzliche, freudige, feste Umarmung. Und dann noch eine. Und noch eine. Wenn wir schon mal die Gelegenheit haben.

Es ist ja durchaus so, dass das Zusammen-Zeit-Verbringen für uns auch in Pandemie-freien Zeiten etwas seltener ist. Entweder, wir wohnen sehr weit voneinander entfernt oder aber wir haben Terminkalender, die nicht zueinander passen. Da konnte es schonmal sein, dass wir uns am besten in Paris trafen, wo wir beide nicht leben. Oder in München, wo das gleiche gilt. Oder auf der Durchreise zum Meer irgendwo am Ende der Welt.  Und jetzt trennen uns nur gut zwei Stunden Fahrt, aber dann ist da diese Pandemie und mitten zwischen uns auch noch eine Grenze.

Nun aber sind wir beide geimpft und auch die 14-Tage-Frist zum größtmöglichen Schutz ist verstrichen. Und da diesmal nicht nur die Terminkalender, sondern auch bürokratische Vorgaben zu berücksichtigen waren, stand nach ein wenig Recherche fest, dass die einfachere Variante diejenige war, die dazu führte, dass ich mich den dringenden Empfehlungen des Auswärtigen Amtes und der belgischen Behörden widersetzen und nach (festhalten) Belgien reisen würde. Wobei die dringenden Hinweise sich auf das heftige Abraten von nicht-essentiellen Reisen beschränken. Und wir waren uns beide einig, dass diese Reise als absolut essentiell einzuschätzen sei.

Am Morgen der Reise habe ich daher das „Formular zur Lokalisierung Reisender im Interesse der öffentlichen Gesundheit“ ausgefüllt, ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und per Mail an die belgische Gesundheitsbehörde geschickt. Ich musste dort mein Autokennzeichen und eine Menge anderer Infos angeben sowie die Adresse des Freundes.

Wäre ich länger geblieben als den einen Tag, bzw. länger als 48 Stunden, hätte ich mich in Quarantäne begeben oder alle möglichen Zusatzdinge machen müssen, um die ich mich nicht gekümmert habe. Es gab dann aber keinerlei Feedback auf das Formular, keinen Kontrollanruf, keine Mail oder sonst irgendwas.

Ich habe dann eine Rouzte rausgesucht, die nicht auch noch über die Niederlande führt (für den Fall der Fälle, wir müssen es ja nicht komplizierter machen, als es sowieso schon ist) und habe mich mit dem Auto ins Abenteuer gestürzt.

Netterweise hörte es passend zu unseren Planungen ungefähr 500 Meter vor dem Treffpunkt auf, in Strömen zu regnen, und so konnten wir den Tag wie geplant draußen verbringen. Unter anderem in einer wildromatischen Abteiruine, durch die hindurch eine Schnellbahnstrecke führt – ein absurdes Gefühl und auch eine absurde Ansicht, aber irgendwie fühlte sich das ganz passend an.

In der Bistro-Außengastronomie mussten wir keine Kontaktdaten angeben, kein Zettel zum Ausfüllen und kein QR-Code weit und breit. Wir hätten auch problemlos drinnen sitzen können, aber wir zogen Vogelgezwitscher als Gesprächsuntermalung vor. Auch im Tauch-Shop, wo der Freund etwas abholte, gab es keine Kontaktnachverfolgung. Und er hätte dort auch ganz ohne Vorbestellung etwas einkaufen können, ohne Termin und ohne zugangsbeschränkende Schilder am Eingang.

In den belgischen Innenräumen, in denen ich war, habe ich tatsächlich keinerlei Kinnmasken oder freiliegende Nasen gesehen und keinen einzigen maskenlosen Menschen (OK, gut, ich war wirklich nicht viel drinnen, aber trotzdem). Auch draußen trugen überraschend viele Menschen OP-Maske oder FFP2-Maske, selbst bei eingehaltenen Abständen an der Bushaltestelle undsoweiter.

Es war kein sonniger Tag, eher grau und kühl, daher waren vermutlich weniger Menschen unterwegs, aber insgesamt erlebte ich das Zusammensein von doch einer Menge Menschen im öffentlichen Raum als entspannt. Respektvoll. Und fröhlich.

Wir haben den längsten Tag des Jahres voll ausgenutzt (hier müsst ihr euch ein im Hinblick auf den Klimaschutz mit lautem Seufzen versehenes Lob auf die beleuchteten belgischen Autobahnen vorstellen) und heute sitze ich mit sehr kleinen Äugelchen vor den zahlreichen Videoterminen. Ich bin die erste, die dafür einsteht, dass auch virtuelle Meetings echte Treffen sind und echte Begegnung ermöglichen. Aber das gestern, das war schon ein besonders schönes Stück für meine innere Erinnerungsschatztruhe.

 

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