Was schön war

Es ist schon eine ganze Weile her, aber ich muss immer mal wieder daran denken. Denn der Moment war besonders unspektakulär, aber eben auch besonders schön.

Auf dem Weg zum Bahnhof in Nürnberg habe ich es mal wieder eilig. Ich habe einen reservierten Sitzplatz im Zug und an diesem Wochenende ist quasi alles seit Wochen ausgebucht. Außerdem wäre ich, wenn ich den Zug bekäme, nach bewegten Wochen mit vielen Reisen endlich mal wieder einen Abend mit dem Lieblingsmenschen zusammen zu Hause. Und außerdem ist es kalt und nieselt. Ich rollkoffere also zügig durch die Altstadt, die schon nach Glühwein und Lebkuchen duftet und höre schon von weitem einige eindeutig betrunkene Männer vor sich hingrölen. Als ich näher komme, sehe ich sie aus den Augenwinkeln unter einem Dachvorspung sitzen. Bunte Haare, leere Bierflaschen und Schlafsäcke um sich herum, krächen zwei junge Männer fröhlich vor sich hin. Den dritten sehe ich erst, als er mir etwas nachruft.

„Schenkst du uns was?“, schreit er quer durch die Fußgängerzone. „Bitte schenk uns doch was!“ Ich zögere kurz. Mein Portemonnaie ist gut verstaut. Bis ich das rausgekramt habe, ist mein Zug weggefahren. Mein Reisebrot und der Apfel für unterwegs ebenso. Ich will also gerade weiterhasten, da kommt noch ein Nachsatz. „Schenk uns doch was, ein Lächeln reicht schon.“ Ich drehe mich um und schaue zurück. Kein Hohn in der Stimme, kein anklagender Blick. Der meint das ernst. Ich bin so überrascht, dass es wohl einen Moment dauert, aber dann lächle ich breit und fröhlich über die Straße hinweg. „Gerne“, rufe ich. „Danke. Sie sind die Erste, die das heute macht“, ruft der junge Mann zurück und winkt. „Gute Reise.“

Ich packe meinen Koffer wieder fester und laufe weiter und lächle noch immer, als ich am Gleis ankomme, direkt in den bereits eingefahrenen Zug springe, der direkt nach mir die Türen schließt und abfährt. Ein Lächeln verschenken – das mache ich jetzt wieder öfter.

5 Gedanken zu „Was schön war

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