Heimat

Horst Seehofer soll Heimatminister werden. Seither wird wieder viel über Heimat gesprochen. Was und vor allem wo das ist.

Dabei kommen existentielle Fragen in vielen Beiträgen kaum oder nur am Rande vor. Juna beschreibt das eindringlich.

Ich stelle bei all den Debatten – wieder einmal – fest, dass Heimat für mich ein abstrakter Begriff ist und bleibt. Geboren wurde ich am Fuße des Schwarzwalds, mein Mutterland ist das Saarland, mein Vaterland die Eifel. Meine Eltern sprechen bis heute fließend die jeweilige Mundart, sobald sie mit einem Gleichsprachigen zusammen sind oder telefonieren. Ich selbst spreche nicht badisch, aber den Singsang nehme ich an, sobald jemand badisch (oder, ich gebe es zu, auch schwäbisch) mit mir spricht.

Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in Baden verbracht, ich mag es, wenn bei der Fahrt nach Süden das erste Mal der Schwarzwald in der Ferne zu sehen ist, wenn der Hornisgrindeturm und die Windräder dort in Sicht kommen. Ich muss jedes Mal lächeln, wenn im Winter vom Tal aus die Flutlichter der Skilifte zu sehen sind. Ich mag badischen Kartoffelsalat (mit Brühe, ohne Mayonnaise) und Knöpfle genauso wie Spätzle.

Aber macht das Heimat aus?

Während des Studiums habe ich ein Jahr in Frankreich verbracht und als ich zu Weihnachten meine Eltern besuchte, sagte ich zu einer Freundin, die mich nach meinen Plänen für den Jahreswechsel fragte: Erst fahre ich heim (nach Freiburg), dann heim (zu meinen Eltern) und dann nach Hause (in die Bretagne). Auch wenn die Zeit dort kurz und begrenzt war, habe ich mich dort sehr schnell zugehörig, angekommen, beheimatet gefühlt.

Seit vielen Jahren lebe ich im Rheinland und fühle mich dort sehr wohl. Dort bin ich eindeutig zurzeit zu Hause. Wir haben ein Heim, das uns ein Zuhause und Willkommen für Gäste bietet.

Aber welcher Ort ist nun Heimat? Ist Deutschland meine Heimat? Baden, das Rheinland?

Oder sind es nicht viel mehr Menschen, Erlebnisse, Erinnerungen? Erinnerungen, die durchaus an Orte gebunden sein können, aber eben auch an Gefühle, an glückliche Momente, gemeinsam durchlittene Trauer, Einsamkeit und fröhliche Feste, leidenschaftliche Diskussionen, geteiltes Schweigen, vertraute Spazierwege und erlebnisreiche Ausflüge.

Menschen, die mich nehmen und lieben, wie ich bin. Die mir vertrauen und denen ich vertraue. Für die ich keine Masken tragen muss und die hinter die Maske sehen, wenn ich eine auflege. Denen ich nichts beweisen muss, aber alles erklären darf. Mit denen ich den Gesprächsfaden wieder aufnehmen kann, egal wie lange wir uns nicht gesehen oder gehört haben. Die mir Freund und Freundin sind und denen ich Freundin sein darf.

Reinhard Mey singt irgendwo „Wo jemand ein Licht für dich ins Fenster stellt, da ist Zuhaus‘“. Zuhause – mit diesem Wort, mit dieser Bedeutung, mit diesem Gefühl, kann ich etwas anfangen.

Und Heimat?

Ich habe nie dauerhaft am Meer gelebt, aber jedes Mal, wenn ich irgendwo am Meer bin, fühle ich mich angekommen. Gegenüber der Weite und Gewalt der See fühle ich mich geborgen, getröstet, herausgefordert, durchweht, inspiriert. Beheimatet. Vielleicht gerade, weil ich weiß, dass ich nicht bleiben werde?

Ich kann also nicht so genau sagen, was und wo Heimat für mich ist. Ich weiß aber genau, wo und was es nicht ist: Ein Ministerium in Berlin. Ein Minister, der sich in den vergangenen Jahren dadurch hervorgetan hat, dass er Menschen, die ihre Heimat, ihr Zuhause, ihre Familien verlassen mussten, das Finden einer Zuflucht bestmöglich erschwert hat. Eine statische Region, deren feste Grenzen in einem Atlas aufgezeichnet sind. Wohlfeile Parolen, die scheinbar einfache Antworten geben, um komplexe Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Wenn Heimat für mich irgendetwas ist, dann die Möglichkeit, zusammenzuleben. Gemeinsam zu streiten, zu lieben, zu feiern, zu reden. Und die Verpflichtung, sich einzubringen. Im Großen, vor allem aber im Kleinen. Damit aus vielen Zuhauses für die, die danach suchen, Heimat entstehen kann. Egal, wo jemand geboren worden ist.

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