Familiengeschichten: Maria flieg in die Luft

Am Sonntag (also am 29. Juni) war Peter und Paul. In diesem Jahr praktischerweise quasi automatisch arbeitsfrei. Eine Tatsache, die mir noch immer ein kleines Lächeln ins Herz zaubert. Grund dafür ist eine alte Geschichte. Denn in meiner Familie gibt es ein geflügeltes Wort. „Nicht arbeiten Peter und sein Kamerad, nicht arbeiten Maria flieg in die Luft.“

Gesagt hat den Satz ein junger russischer Soldat, der auf dem Hof meiner Großeltern in der Eifel als Kriegsgefangener arbeiten musste. An Peter und Paul wurde auf dem Hof nicht gearbeitet. Also, das was „nicht arbeiten“ auf einem Hof eben heißt. Natürlich muss das Vieh trotzdem gefüttert und die Kühe gemolken werden. Arbeit ist das immer noch genug. Dabei erinnere ich mich daran, dass mein Vater erzählt hat, der der Russe, dessen Namen ich nicht kenne, besonders gut mit den Tieren umgehen konnte. So wie mein Vater und seine Geschwister von ihm erzählen, gehörte er zur Hofgemeinschaft dazu. Er hatte schnell recht gut deutsch gelernt. Und scherzte wohl auch gerne mit den Kindern.

Am 15. August feiert nicht nur die römisch-katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, auch in der orthodoxen Tradition ist der Tag ein Fest. In der Eifel wurde an diesem Tag jedoch ganz normal gearbeitet. Der junge Russe nahm aber an, wenn schon an Peter und Paul nicht gearbeitet werde, könne er auch am 15. August ausschlafen.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meinen Großvater, der starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich erinnere mich aber noch an sein verschmitztes Lächeln, wenn wir nach dem Mittagessen auf seinem Schoß saßen und hofften, er würde uns ein Märchen erzählen. In meiner Vorstellung hat er genau so gelächelt, als die gleichermaßen pragmatische wie poetische Entschuldigung des jungen Russen erklang. In meinem Herzen lebt dieses Lächeln weiter, ganz besonders an „Peter und sein Kamerad“ und „Maria flieg in die Luft“.

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