Coffee to go

Vor einiger Zeit habe ich auf dem Heimweg folgende Szene erlebt:

Vor einem kleinen Café steht ein Wegstopper – also ein Klappständer, in den man Werbung hängen kann. Er weist darauf hin, dass es hier jetzt auch „Coffee to go“ gibt. Vor dem Schild stehen zwei ältere Damen und unterhalten sich recht laut ungefähr so:
– „Kuck mal, hier gibt es jetzt auch diesen afrikanischen Kaffee.“
– „Wieso afrikanisch?“
– „Togo, das ist doch in Afrika, oder?“
– „Ja schon, aber meinst du der Kaffee schmeckt? Ich nehme ja immer den mit den arabischen Bohnen.“

Zuerst habe ich heftig geschmunzelt. Schließlich erlebe ich nicht alle Tage Dialoge, die sich auch www.belauscht.de finden könnten. Aber wenn ich seither an dem kleinen Café vorbeikomme, fällt mir immer mal wieder diese Szene ein. Und ich finde, sie ist ein ganz passendes Symbol für meine persönliche Filterbubble. Die beiden Damen haben mir, ungewollt, aber dafür sehr charmant, gezeigt, dass Dinge, die in meinem Leben, in meinem Alltag, für meine Freunde und Bekannten völlig selbstverständlich sind, für andere Menschen eine absolute Seltsamkeit darstellen. Und diese Menschen leben nicht weit entfernt, in einer anderen Stadt oder auf dem Dorf, sondern direkt um die Ecke.

Dabei geht es hier natürlich nicht nur um Kaffeekultur, englische Sprachkenntnisse oder den Unterschied zwischen Menschen unter 40 und solchen über 70. In dem kurzen Ausschnitt des Gesprächs, das ich im Vorbeigehen anhören konnte, habe ich gespürt, wie unterschiedlich die Wirklichkeit meines und ihres Lebens ist. Die eine ist dabei nicht besser oder schlechter als die andere. Aber mein Alltag scheint so verschieden, dass die beiden ihn nicht erfassen, überblicken oder ansatzweise verstehen können. Und so fremd ihnen meine Welt ist, so weit entfernt erscheint mir die ihre.

Natürlich weiß ich um die Verschiedenheiten von Lebenswelten, um die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Wirklichkeiten. Aber meistens spielt dieses Wissen eben keine Rolle in meinem Alltag. Und dann stehe ich überrascht bis verständnislos vor mancher Entscheidung von Fremden (aber auch von Bekannten) zum Beispiel bei Wahlen, beim Einkaufen und und und. Dass es nicht nur mir so geht, konnte man gerade nach der Bundestagswahl im September ja vielerorts nachlesen.

Und die Moral von der Geschicht‘?
Keine wirkliche Moral, aber immerhin eine überraschende Erkenntnis: Ich habe gemerkt, dass ich über Togo selbst kaum etwas weiß. Und beim Stöbern im Netz festgestellt, dass dort wirklich Kaffee produziert wird. Ich fürchte, dass ich nicht aus jedem Zusammenprall meiner Welt mit der Wirklichkeit außerhalb meiner Filterblase so leicht etwas lernen kann. Einen Airbag zur Abfederung solcher Situationen will ich mir deshalb trotzdem nicht zulegen.

 

 

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