Archiv der Kategorie: Allgemeines

Was schön war. Puzzleteil-Edition

Auf der Einladung zur Hochzeit des Lieblingsmenschen und meinereiner prangten Puzzleteile. Weil es ja so ist, dass man – wenn man das richtige Puzzleteil gefunden hat – dieses nicht mehr loslässt. Und wir gedachten und gedenken, es ebenso zu halten. Und da der Lieblingsmensch in meinem Herzen seither keinen Tag nicht den ersten Platz eingenommen hat, ist alles mit Puzzleteilen sowieso schon so kitschig, dass es nur schön sein kann.

Dass ein Besuch im Puzzle-Paradies hier auftaucht, sollte euch also nicht besonders erstaunen. Mit einigen Kollegen waren wir vor Kurzem bei Ravenburger und bekamen eine der seltenen Führungen durch Produktion und Lager. Dabei haben wir zum Beispiel gesehen, wie Lotti Karotti eingepackt wird. Wir haben die Leimküche gesehen und gerochen, haben miterlebt, wie Paletten gepackt und eingewickelt werden. Und im wirklich beeindruckenden Hochregallager waren wir auch.

In Ravensburg werden Spiele, Bücher und überhaupt quasi alles eingelagert, was das typische blaue Dreieck auf der Verpackung hat. Ein paar Dinge werden aber auch direkt in Ravensburg produziert und das sind vor allem Puzzles. Papier und Pappe dafür kommen aus dem Schwarzwald, ganz aus der Nähe meines Geburtsortes. Klingt nicht besonders spektakulär, aber allein das fand ich schon ganz schön, dass ich nämlich vor Jahren die Papierfabrik auch schon besucht habe, in der der „Puzzle-Rohstoff“ entsteht.

Besonders wurde es aber erst, als wir an einem Regal standen, in dem eine Vorlage mit Stanzmessern für Puzzles lag. Diese Stanzvorlage kommt in eine Maschine, dann werden die gedruckten und verleimten Puzzlepappen eingelegt und gestanzt – fertig ist das Puzzle. Was klingt wie ein Moment von Sekunden ist in Wahrheit in Prozess, der zwei bis drei Monate Arbeit erfordert. Denn so lange dauert es, die Puzzlestanzen von Hand herzustellen.

Ja genau, so habe ich auch geguckt. Die Messerbleche werden von Werkzeugmachern von Hand gebogen. Das heißt, jede Rundung, jede Ecke, jeder Rand eines Puzzleteils wurde von jemandem per Hand vorgefertigt, zurechtgebogen, eingepasst. Das sei präziser als Maschinen es hinbekommen könnten. Und während ein Messersatz tausende Puzzles hintereinander weg ausstanzt, stehen in der Werkstatt Menschen, die die nächste Vorlage erstellen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat.

Dass so viel Arbeit, so viel Zeit, so viel Kunstfertigkeit in etwas so Kleinem steckt, das finde ich schön.

Ich wünsche euch allen ein gutes, glückliches neues Jahr. Und uns allen immer wieder solche Momente, in denen wir die Arbeit, den Ideenreichtum, die Liebe, die Kreativität und all die anderen lebenswerten Dinge hinter den Kulissen entdecken können. Habt es schön!

 

Was schön war

Es ist schon eine ganze Weile her, aber ich muss immer mal wieder daran denken. Denn der Moment war besonders unspektakulär, aber eben auch besonders schön.

Auf dem Weg zum Bahnhof in Nürnberg habe ich es mal wieder eilig. Ich habe einen reservierten Sitzplatz im Zug und an diesem Wochenende ist quasi alles seit Wochen ausgebucht. Außerdem wäre ich, wenn ich den Zug bekäme, nach bewegten Wochen mit vielen Reisen endlich mal wieder einen Abend mit dem Lieblingsmenschen zusammen zu Hause. Und außerdem ist es kalt und nieselt. Ich rollkoffere also zügig durch die Altstadt, die schon nach Glühwein und Lebkuchen duftet und höre schon von weitem einige eindeutig betrunkene Männer vor sich hingrölen. Als ich näher komme, sehe ich sie aus den Augenwinkeln unter einem Dachvorspung sitzen. Bunte Haare, leere Bierflaschen und Schlafsäcke um sich herum, krächen zwei junge Männer fröhlich vor sich hin. Den dritten sehe ich erst, als er mir etwas nachruft.

„Schenkst du uns was?“, schreit er quer durch die Fußgängerzone. „Bitte schenk uns doch was!“ Ich zögere kurz. Mein Portemonnaie ist gut verstaut. Bis ich das rausgekramt habe, ist mein Zug weggefahren. Mein Reisebrot und der Apfel für unterwegs ebenso. Ich will also gerade weiterhasten, da kommt noch ein Nachsatz. „Schenk uns doch was, ein Lächeln reicht schon.“ Ich drehe mich um und schaue zurück. Kein Hohn in der Stimme, kein anklagender Blick. Der meint das ernst. Ich bin so überrascht, dass es wohl einen Moment dauert, aber dann lächle ich breit und fröhlich über die Straße hinweg. „Gerne“, rufe ich. „Danke. Sie sind die Erste, die das heute macht“, ruft der junge Mann zurück und winkt. „Gute Reise.“

Ich packe meinen Koffer wieder fester und laufe weiter und lächle noch immer, als ich am Gleis ankomme, direkt in den bereits eingefahrenen Zug springe, der direkt nach mir die Türen schließt und abfährt. Ein Lächeln verschenken – das mache ich jetzt wieder öfter.

Gesegnete Weihnachten

Alle Jahre wieder…
Süßer die Glocken nie klingen…

Auch wir haben es uns kuschelig und gemütlich gemacht, einen Baum gekauft und geschmückt, die Krippe aufgestellt, den Kühlschrank gefüllt, Tee gekocht und Kerzen angezündet.

Ich mag all das. Den Adventskaffee und den Besuch lieber Menschen. Freunden kleine Geschenke machen, gemeinsam Weihnachtsfilme sehen, Post bekommen und selber welche schreiben (wie immer zu spät, aber trotzdem), Traditionen pflegen eben.

Aber ist das Weihnachten?

Weihnachten ist das Fest, das so ganz anders ist als der äußere Rahmen, dem wir ihm geben. Gott wird Mensch und zwar so wenig göttlich, wie es nur eben geht. Am Rande der Gesellschaft, mitten im Dreck. Nicht gefeiert, sondern verfolgt. Kein roter Teppich, kein plötzlicher Weltfrieden, kein Glanz. (Aber immerhin Gloria.)

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, dann stelle ich fest, dass es da durchaus den ein oder anderen Weihnachtsmoment gegeben hat. Menschen, die völlig unerwartet da waren, als ich ihre Hilfe brauchte. Gespräche, die sich unerwartet positiv entwickelten und aus denen echte Lösungen entstanden, die auch gelebt werden. Begegnungen, von denen ich Anfang des Jahres nichts geahnt haben und die mich noch lange prägen werden. Es waren keine Glanzmomente mit langer Vorbereitung, sondern eher Momente, die am Rande, im alltäglichen Grau entstanden und die dann plötzlich zu leuchten begannen.

„Geh nah zu ihm hin“, empfiehlt Mary Ward und meint Gott. Im Lichte von Weihnachten, wo Gott Mensch wird, heißt das für mich auch: Geh nah zu den Menschen hin. Lass dich ein und halte die Augen auf für das, was mitten im Chaos, im Unverständlichen, im anscheinend Bedeutungslosen passiert. Das ist weder gemütlich noch einfach. Aber voller Licht und Liebe.

Ich wünsche euch also frohe Weihnachtstage; nicht nur heute und bis zum Stephanstag, sondern das ganze Jahr über.Nadelbaum im botanischen Garten in Roscoff

Herbstglück mit Kürbiskeksen

Herbstzeit ist Kürbiszeit und da der Lieblingsmensch furchtbar gerne Kürbis-Mandelkuchen isst, läuft hier zurzeit der Backofen heiß. Da ich aber einer Freundin Kleingebäck versprochen hatte, habe ich dieses Mal ein wenig Teig zu verschieden großen Gugls verarbeitet und diese mit einer Frischkäse-Kürbis-Glasur verziert.

Kürbis-Gugls und Kürbis-Kekse

Und dann hatte ich noch Lust auf Cookies. Knallorangene Cookies.

Und da die extrem gut ankamen, kommt hier das Rezept:

  • 100 g Butter
  • 150 g Zucker
  • 1 Pck Vanillezucker
  • 1 EL Zimt
  • 1 Messerspitze geriebene Muskatnuss
  • 150 g Kürbispüree
  • 200 g Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • 100g Schokotropfen

Kürbiskekse mit Schokostückchen

Zimmerwarme Butter, Vanillezucker, Zimt und Zucker gut miteinander verrühren. Mehl, Backpulver und Muskatnuss verrühren und zum Teig geben. Das Kürbispüree hinzugeben und langsam verrühren. Zum Schluss die Schokotropfen unterrühren und aus dem Teig kleine Kugeln formen.

Mit genügend Abstand auf ein Backblech setzen (Achtung, die Kugeln verlaufen zu runden Keksen) und bei 180°C etwa 10 Minuten backen.

Einige Kekse habe ich dann ebenfalls mit der Kürbis-Frischkäse-Glasur (Frischkäse, etwas Butter, Kürbispüree und Puderzucker verrühren) verziert.

Guten Appetit!

Het Pand – Büchergedanken und das große Ganze

Malerisch liegt der ehemalige Dominikanerkonvent in Gent an der Leie. Bei Herbstsonnenschein kann man romantisch am Kanal vorbeiflanieren, den Straßenlärm ausblenden und sich vorstellen, wie hier früher die Gelehrten über die Straße eilten, um in die berühmte Bibliothek zu gelangen.ehemaliger Dominikanerkonvent Het Pand in Gent

Dass die Lage am Fluss das Verhängnis der Bibliothek sein sollte, kann und mag man sich gar nicht vorstellen. Doch genau so war es. Während des Bildersturms von 1566 wurde das Kloster geplündert und man warf alle Bücher ins Wasser. Die Angreifer rissen die Bücher auseinander und warfen sie aus den Fenstern der Zellen der Mönche, so dass es ausgesehen haben soll wie große Schneeflocken, die herabfielen. So hoch sollen sich die Werke im Wasser gestapelt haben, dass man trockenen Fußes über die Leie gehen konnte.

Das ist auf den ersten Blick nicht so martialisch wie das Verbrennen von Büchern. Der Effekt ist aber ganz ähnlich: Man zerstört Wissen, Geschichte, eine ganze Kultur des Lernens und Lehrens und Forschens. Die Eroberer setzen fest, was gelesen, gelehrt, gedacht werden soll. Und sie zeigen, dass sie gewillt und fähig sind, diese Vorgaben umzusetzen. An Dingen und Menschen.

Die Macht des Wortes – auch und gerade des geschriebenen, konservierten Wortes – ist groß. Darum müssen die Bücher verschwinden. Und die Wirkung der Vernichtung soll möglichst eindrücklich sein. Es geht nicht nur um die Macht, um die Unterwerfung des „Feindes“. Es geht darum, den Gegner im wahrsten Sinne mit Haut und Haaren zu vernichten; seine Kultur, seine Kunst, seine Geschichte, sein Wissen, seine Ideen, seine Träume und Visionen, seine Sicht auf die Welt zu zerstören. Auszurotten. Zu ersetzen durch die eigene Sichtweise.Bücherregal in der Dominikanerbibliothek in Gent

Die Eskalation ist maximal. Eine Diskussion ist nicht mehr möglich. Sich anderen Meinungen auszusetzen ist keine Option mehr. Wer nicht freiwillig die eigene Sichtweise übernimmt, muss mundtot gemacht werden. Und plötzlich geht es nicht mehr um Geschichte, sondern um unsere Situation, unsere Gesellschaft, unsere Art, miteinander umzugehen.

Die, die nicht zuhören wollen, die die Gedanken ihres Gegenüber vernichten wollen, die den Diskurs ausmerzen wollen, sind laut. Ihre Zeichen sind stark und wirkmächtig. Aber sie müssen nicht das letzte Wort haben. Es ist anstrengend, sich dem Diskus auszusetzen. Verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es ist schwer, aus seiner eigenen Filterblase auszubrechen und sich auf andere einzulassen. Es ist eine Herausforderung. Aber es ist möglich. Es muss möglich sein.Dominikanerbibliothek in Gent

Die Dominikanerbibliothek in Gent ist heute wieder zugängig. Die alten Bücher dort sind nicht nur Museumsstücke, sondern können wirklich gelesen, genutzt werden. Eine sachliche Auseinandersetzung ist wieder möglich. Auch wenn es in einer Nacht im 16. Jahrhundert vermutlich nicht so aussah, als könnte das jemals wieder geschehen.

 

Was schön war

Der Zug nach München ist rammelvoll. Die Wagenreihung hat sich geändert, reservierte Sitzplätze werden nicht angezeigt, die Klimaanlage funktioniert zwar, zickt aber immer wieder rum und Internet gibt es auch keins. Die Stimmung ist entsprechend gereizt. Man muss gar nicht lange im Zug sitzen, um das mitzubekommen. Man merkt es sofort beim Einsteigen. Ein älterer Herr steigt ein und wartet neben meinem Platz darauf, dass sich das Chaos im Gang ein wenig lichtet und er zu seinem Platz gehen kann.

Er trägt einen grau-blauen Anzug, den er vermutlich schon sehr lange besitzt. Der Schnitt war vor Jahrzehnten modern und über die Schultern und die Hüften ist er seinem Träger zu weit geworden. Aber eindeutig ist es ein guter Anzug. Ein feiner Stoff. Ein sorgfältig ausgewähltes Hemd mit farblich passender Krawatte rundet die Erscheinung ab.

Der kleine, alte Herr hält sich ganz aufrecht. In der einen Hand trägt er einen abgewetzten Violinenkasten, in der anderen einen grauen Hut. Ein Hut, wie ihn ältere Herren in Bilderbüchern tragen. Einer von denen, die mein Großvater den „guten Hut“ nannte. Im Gang wuseln einige laut plappernde Kinder durcheinander und schubsen sich meckernd herum, bis jeder einen passenden Platz gefunden hat. Der ältere Herr seufzt ein wenig.

Ich biete ihm an, auf meinem Platz sitzend zu warten, bis sein Weg frei wird. Er bedankt sich mit wenigen Worten, lehnt das Angebot aber ab, zuckt die Schultern, hebt den Blick und plötzlich lächelt er über das ganze Gesicht. Ich sehe ebenfalls auf und mein Blick fällt auf einen jungen Mann am anderen Ende des Ganges. Er trägt Cargo-Shorts und ein verwaschenes T-Shirt. Vom Aussehen her ist er das genaue Gegenteil von meinem Kurzzeit-Nachbarn. Doch von der Haltung her ist er sein jüngeres Ebenbild. Ganz aufrecht steht er da, in der einen Hand einen mit bunten Aufklebern verzierten Gitarrenkoffer und in der anderen Hand ein Hut. Kein „guter Hut“, sondern ein Outdoor-Pfadfinder-Zeltplatz-Hut, aber eindeutig ein Hut. Als habe das Lächeln des älteren Herrn ihn angezogen hebt auch er seinen mürrischen, genervten Blick und schaut genau auf sein Gegenüber.

Es dauert den Bruchteil einer Sekunde, dann erkennt er seinen Bruder im Geiste. Und plötzlich, mitten im gereizten Chaos, mitten in der Hitze des Platz-Kampf-Gefechts und über den Streit der Teenager hinweg, strahlt auch er. Freundlich nicken die beiden sich über die Köpfe der immer noch motzenden Kinder hinweg zu.

Dann ist der Weg frei und die beiden gehen zu ihren Plätzen, heben ihre Instrumentenkoffer vorsichtig ins Gepäckfach. Bevor sie sich hinsetzen nicken sie sich nochmal zu wie alte Bekannte. Sie wechseln kein Wort. Aber als ich mir kurz danach im Bordbistro einen Tee hole, sitzen sie beide noch immer still in ihren Sitzen und lächeln vor sich hin.

Saisonende am Meer

Sonnenuntergang am Meer mit rose-orangenen Wolken

Das Wellenrauschen mischt sich mit Motoren- und Klopfgeräuschen. Die Besitzer der süßen kleinen weißen Strandhütten fahren mit Traktoren oder Geländewagen und Anhängern vor und bauen die Holzhäuschen ab. Das dauert nicht lang: Nach dem Lösen einiger Schrauben wird das Dach abgehoben. Die Seitenwände trennen sich nach einigen festen Schlägen voneinander, die Bodenplatte wird angehoben und entsandet, mit einer Schaufel heben die Aufräumer die beiden hölzernen Verankerungsstreben aus dem Sand, laden alles auf den Hänger und nach wenigen Minuten sind einige Spuren im Sand alles, was davon erzählt, dass hier eine Familie einen Strandsommer verbracht hat.Abbau einer Strandhütte

Der Zaun des Beachvolleyballfeldes ist an vielen Stellen zusammengebrochen. Die Reste werden von missmutig dreinschauenden jungen Männern zusammengetragen. Die Liegestühle der Strandbars sind verschwunden – entweder schon komplett weggeräumt oder in dicke Plastikplanen eingeschlagen, wartend auf den nächsten Transport ins Winterquartier.umgekippter Zaun am Strand

Auch das Velodrom mit den verrückten Fahrradvarianten vom Hochrad bis zum Rad mit losem Lenker ist verschwunden. Ein paar Holzpflöcke haben die Betreiber im Boden zurückgelassen. Kinder laufen lachend den Parcours ab, der sich noch immer im Sand abzeichnet.Abdrücke des Velodroms am Strand von Blankenberge

Im Klamottenladen schräg gegenüber gibt es Rabatt auf Sommerkleidung und Windjacken. Schals und Schirme sind auch im Angebot. Die meiste Eisdielen haben schon geschlossen und der Dekoladen, der zu Beginn des Sommers Ohrringe und Fidgetspinner verkaufte, hat sein Angebot auf Weihnachtsdeko umgerüstet.winterdekoration in einem Laden in Blankenberge

Sein Konkurrent in der Fußgängerzone hält trotzig an den bunten Fingerkreiseln fest und hat sogar den Ladeneingang mit Bildern seiner Kreiselvariationen beklebt. Einige Senioren bleiben vor der Auslage stehen und bestaunen die bunten Spinner. „Das soll mal modern gewesen sein?“Laden für Fidget Spinner in Blankenberge

Muscheln, Fisch und natürlich Stoofvlees und Pommes gibt es noch, fast alle anderen Lokale haben zugemacht. Nicht alle Wirte und Ladeninhaber werden in der kommenden Saison wiederkommen. Einige neue „Te huur“ und „Te koop“-Schilder hoffen darauf, Interessenten anlocken zu können.

Das große Bistro an der Strandpromenade hingegen ist prachtvoll dekoriert wie eh und je. Doch statt der Tropenfrüchte gehören jetzt Kürbis und Zucchini zur Grundausstattung. Drei ältere Herren mit Strohhut sitzen vor einem Gin Tonic und schauen mit verschränkten Armen auf die verblichene Holztür des Personaleingangs, als hätten sie sich am Meer längst satt gesehen.Deko mit Kürbis und Zucchini

Ein paar junge Leute werben am Straßenrand für eine Mitgliedschaft beim flämischen Roten Kreuz. Es sind vor allem Einheimische, die stehen bleiben und sich in ein Gespräch verwickeln lassen. Man erkennt sie an den Einkauftrolleys und daran, dass sie als einzige keine Outdoor-Kleidung oder Funktionsjacken tragen. Nach einem Einkauf im kleinen Supermarkt stehen die potentiellen Neu-Rotkreuzler noch immer am Infostand. Man hat jetzt Zeit.

Die einzigen, die rennen, sind die Techniker, die kurz vor knapp noch die Lichtanlage für die Closing-Party im letzten geöffneten Strandclub aufbauen. Als sei vom Herbst noch lange nichts zu spüren, blinken die bunten Scheinwerfer, bläst die Nebelmaschine Trockeneiswolken auf die sandige Tanzfläche. Ausgeschenkt wird schon der Gin der kommenden Saison. Alle aktuellen und viele alte Sommerhits klingen durch die viel zu früh angebrochene Nacht. Der DJ lässt sich nicht lumpen und spielt Robbie Williams, Ed Sheeran, Abba und sogar Queen. Und dann – als sei es ein echter Sommer gewesen – Lambada, Macarena und ein aller-, allerletztes Mal Despacito. Um kurz nach 23 Uhr ist Schluss. Es rummst noch ein paar Mal, dann sind Lichtanlage, Nebelmaschine und DJ-Pult weggeräumt, die Bar abgebaut und die verbliebenen Bänke und Tische eingepackt. Lichter der Closing Party

Am nächsten Morgen werden wir von der Ruhe geweckt. Vom Rauschen der Wellen, dem Pfeifen des Windes, dem leisen Plätschern des Regens und dem vereinzelten Kreischen der Möwen. Hallo Herbst.

Was schön war: Mit einem Taxi durch Paris

Neulich kam ich in die Verlegenheit glückliche Lage, endlich einmal mit einem Taxi zwar nicht nach, aber immerhin durch Paris zu fahren. An einem sonnigen, warmen Hochsommertag und mit einem Fahrer, wie ich ihn mir besser nicht hätte wünschen können.

Erste Überraschung: Taxifahren ist in Paris gar nicht so teuer, wie gedacht.
Zweite Überraschung: Taxifahrer sind in Paris gar nicht so unhöflich wie allgemein behauptet („Ist es OK, wenn ich die Fenster aufmache, oder hätten Sie lieber Erfrischung durch die Klimaanlage?“ <3) .
Dritte Überraschung: Ich habe meinen Zug bekommen und zwar sogar noch 3 Minuten schneller als das Taxifahrer-Navi vorhergesagt hatte.

Dabei fing alles gar nicht so großartig an. Nur ein paar Meter von der Gare du Nord entfernt, wurde das Taxi um ein Haar in einen Unfall verwickelt. Ein anderer Fahrer bremste völlig unvermittelt, weil ein LKW auf die Straße gefahren kam. Das Taxi scherte nach links und mein Fahrer schaute zu dem Bremser hinüber – ein junger Fahrer einer privaten Limousine, trotz der sommerlichen Temperaturen in dunklem Anzug mit Krawatte. „Diese jungen Privatchauffeure – haben kaum Fahrpraxis und vor allem keine Erfahrung im Stadtverkehr. Sie sehen immer so erschreckt aus, als sei das ein furchtbarer Job“, erklärte mir der Mann aus dem Fahrersitz. Er selbst trug leichte Hosen, ein kurzärmliges Hemd und eine durchaus vergnügte Miene. „Fahren Sie denn schon lange“ – „Ach, schon ewig. Zwischendurch habe ich zwar etwas anderes gemacht, aber ich komme immer wieder zum Taxifahren zurück. Ein wunderbarer Beruf.“

Als ob er mich für eine Expertin hielte, fragt er mich, ob es OK ist, wenn er diesen Weg nehme, er könne natürlich auch über den Boulevard sowieso oder die Avenue irgendwas fahren. Als ich sage: „Nein, machen Sie nur. Sie kennen die Stadt und den Verkehr“, nickt er kurz und erklärt mir in den folgenden Minuten seine Art von Sehenswürdigkeiten.

„Sehen Sie dort“, sagt er in der Nähe des Louvre, „vor diesem großen Stadthaus mit der etwas schmutzigen Fassade, da standen früher immer Wachleute. Manchmal zwei, meistens aber vier oder sechs. Da wohnte Jacques Chirac.“

Blick auf die Tuillerien in Paris

Ein paar Straßen weiter: „Hier, merken Sie sich dieses Café. Da gibt es die besten Tartelettes aux fruits in ganz Paris. Ich weiß wovon ich rede, ich habe fast alle probiert.“

„Dort drüben, sehen Sie die bunten Fensterläden? Da gibt es Käse. Es steht zwar noch ‚Coiffeur‘ außen dran, aber seit ein paar Monaten ist da ein Käseladen. Ganz ausgezeichnete Auswahl.“

„Wenn Sie selbst einmal mit dem Auto hier unterwegs sind, fahren Sie hier keinesfalls zu schnell. Hier wird immer kontrolliert. Und wenn Sie nur einen Kilometer zu schnell sind, kostet es schon gehörig.“

Kurz vor dem Ziel schimpft eine Dame in ihren Fünfzigern durchs offene Fenster: „Was sollte das denn? Sie haben mich fast umgefahren.“ Murmelnd rekonstruiert der Fahrer, was passiert ist: Dass die Dame die Hand rausgestreckt hatte, um rechts abzubiegen, sich dann aber wohl entschlossen haben musste, geradeaus zu fahren und um die Autos herum auf deren linke Seite zu kurven. Dass ihn keine Schuld treffe außer der, dieses für Pariser Fahrradfahrer durchaus häufiger Verhalten nicht zu antizipieren. Als die Dame uns bei der nächsten Ampel einholt und nun links neben dem Fahrerfenster zum Stehen kommt, beugt er sich trotzdem freundlich zu ihr hinaus und entschuldigt sich für die Situation an der letzten Kreuzung. Die Fahrradfahrerin – mit einem der Leihfahrräder unterwegs , die man überall für wenig Geld mieten kann – brummelt zwar noch immer unwirsch, lächelt aber angesichts der freundlichen Worte irgendwann dann doch vor sich hin.

Tour Montparnasse in Paris mit Werbung für die Olympischen Spiele

Angesichts der Tour Montparnasse und der dort prangenden Werbung für die olympischen Spiele bekomme ich noch einen kurzen Einblick in die Seele eines Sportfans, der auf den Erfolg der Bewerbung für die Spiele 2024 hofft, und dann noch ein paar gute Ratschläge, wie ich Taschendiebe im Bahnhof erkennen und mich vor ihnen schützen könne (kurz: Trau keinem unter 30; vor allem keinem, der betont harmlos tut und die Arme hinter dem Rücken verschränkt 🙂 ).

Mit dem Duft der sommerlichen Stadt in der Nase und angefüllt mit sonnendurchfluteten Blicken auf Boulevards, den Louvre, die Tuillerien, den Eifelturm und kleine Pariser Parks schlendere ich überraschend pünktlich und überraschend ungenervt vom wilden Pariser Verkehr um die Mittagszeit in Richtung Gleis. Vier Stunden später bin ich in Quimper. Hach <3

Schwer auszuhalten: Frankreich vor der Wahl

In Frankreich geht der Wahlkampf in die letzte, entscheidende Runde. Abseits der offiziellen Veranstaltungen und Verlautbarungen beschäftigt mich, was durch Freunde und Bekannte in meine Timeline gespült wird: Offene, wütende, kämpferische Unterstützung für Marine Le Pen und den Front National.

Die, die da posten, sind keine Dummköpfe, keine sozial isolierten Wutbürger, keine Dauermeckerer. Es sind Menschen, die ich als engagierte, weltoffene, hoffnungsvolle Menschen voller Lebensfreude kennengelernt habe. Menschen, mit denen ich während meines Studiums nächtelang diskutiert, gefeiert, getanzt habe. Die ich in den vergangenen Jahren etwas weiter aus den Augen verloren habe, zu denen der Kontakt aber nie ganz abriss. Und die jetzt Dinge posten, die mich erschrecken. Die mich traurig machen. Die ich nicht verstehe.

Das geht zurzeit nicht nur mir so. Und weil es für mich so schwer zu verstehen ist, was da passiert, habe ich nachgefragt. Gefragt, warum diese Menschen den FN wählen werden. Warum sie einer Partei und einer Kandidatin den Sieg wünschen, die so Vieles grundsätzlich ablehnt, was für mich so wichtig ist.

Die Antworten haben mich nachdenklich gemacht. Ein Bekannter, der kein Politiker ist, aber in seinem Berufsleben viel mit der EU-Politik und -Bürokratie zu tun hatte, beschreibt voller Enttäuschung, wie sehr Lobbyisten die Politik in Brüssel und Strasbourg prägen und wie stark ihn das abstößt. Wie wenig er sich repräsentiert fühlt, wenn rund 80% aller französischen EU-Parlamentarier – über alle Parteigrenzen hinweg – gegen ein wichtiges Abkommen stimmen und dieses trotzdem in Frankreich gültg wird.

Eine andere Bekannte erzählt, wie wenig sie den Medien vertraut. Weil diese von einigen wenigen Superreichen nicht nur besessen, sondern auch gesteuert würden. Diese Grafik habe ich in den vergangenen Tagen mehrfach in meiner Timeline gefunden. Ein dritter sagt, er sei immer wieder enttäuscht worden von den Menschen, die als Politiker seit Jahren und Jahrzehnten die französische Politik prägen. Die großen Probleme seien doch seit einer gefühlten Ewigkeit bekannt: Die Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vorstädten, die ungerechte Verteilung von Ressourcen, die Abschottung der Eliten an den Grands Écoles, die Unfähigkeit von Politik und Wirtschaft, ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, von denen Menschen leben können.

Und immer wieder der Hinweis, dass die Verlagerung von Kompetenzen nach Brüssel den Franzosen viele Entscheidungen aufgedrängt habe, die das Land in seiner Freiheit beschneiden, die seinen Aufstieg verhindern und seinen Abstieg beschleunigen. Immer und immer wieder höre und lese ich in diesen Gesprächen, dass die EU nur auf dem Papier demokratisch sei. Das ablehende Referendum und die trotzdem erfolgte Zustimmung der französischen Regierung zu den Lissabon-Verträgen wird als Sündenfall empfunden. Oder auch: Was nütze denn die EU und der Euro? Papiere, Ausbildung, Studium – all das werde, trotz vieler Zusagen, wenn es darauf ankommt, ja doch nicht in anderen EU-Ländern anerkannt.

Die Argumente sind verschieden, doch was alle eint, mit denen ich geredet oder geschrieben habe, ist die Tatsache, dass sie sich in der öffentliche Debatte stigmatisiert fühlen. Dass sie als schwarze Schafe in Familie und Freudeskreis und vor allem in der medialen Debatte sehen. Die Wahlempfehlungen gegen Le Pen – wofür auch immmer – machen sie wütend. Sie erkennen darin eine Hexenjagd, einen Lagerwahlkampf, der vor allem eines bewirke: Dass die Verantwortlichen sich nicht inhaltlich mit den brennenden Fragen unserer Zeit auseinander setzen müssen.

Für die, die Französisch können, ein Blick in eine ganz andere Filterblase:

Ich verstehe die Haltung meiner Bekannten jetzt ein wenig besser. Ich kann erkennen, dass wir in der Beschreibung der politischen Notwendigkeiten, in der Wahrnehmung der sozialen Ungerechtigkeiten, in der Einschätzung von gerecht und ungerecht ganz ähnlich denken. Es sind die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Beobachtungen ziehen, die uns grundlegend unterscheiden.

Ich verstehe nun einiges besser. Doch es bleibt dabei: Die Differenz bei der Bewertung der Lage, der Wunsch nach Abschottung anstelle eines gemeinsamen Einsatzes für mehr Menshclichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit, die massive Wut auf „das Establishment“ (das natürlich immer die anderen sind) – sie bleiben für mich schwer auszuhalten.

Ich werde nächsten Sonntag wieder für den #PulsofEurope demonstrieren. Denn ich bin und bleibe fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, sich für ein solches Europa der Menschen und der Menschenrechte einzusetzen. Ich habe durch die Diskussionen der vergangenen Tage aber auch erlebt, dass es (mir) wichtig ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, in Verbindung zu beiben, nicht loszulassen – auch wenn es wehtut.

#Vivel’Europe