Archiv des Autors: ArGueveur

Was schön war. Puzzleteil-Edition

Auf der Einladung zur Hochzeit des Lieblingsmenschen und meinereiner prangten Puzzleteile. Weil es ja so ist, dass man – wenn man das richtige Puzzleteil gefunden hat – dieses nicht mehr loslässt. Und wir gedachten und gedenken, es ebenso zu halten. Und da der Lieblingsmensch in meinem Herzen seither keinen Tag nicht den ersten Platz eingenommen hat, ist alles mit Puzzleteilen sowieso schon so kitschig, dass es nur schön sein kann.

Dass ein Besuch im Puzzle-Paradies hier auftaucht, sollte euch also nicht besonders erstaunen. Mit einigen Kollegen waren wir vor Kurzem bei Ravenburger und bekamen eine der seltenen Führungen durch Produktion und Lager. Dabei haben wir zum Beispiel gesehen, wie Lotti Karotti eingepackt wird. Wir haben die Leimküche gesehen und gerochen, haben miterlebt, wie Paletten gepackt und eingewickelt werden. Und im wirklich beeindruckenden Hochregallager waren wir auch.

In Ravensburg werden Spiele, Bücher und überhaupt quasi alles eingelagert, was das typische blaue Dreieck auf der Verpackung hat. Ein paar Dinge werden aber auch direkt in Ravensburg produziert und das sind vor allem Puzzles. Papier und Pappe dafür kommen aus dem Schwarzwald, ganz aus der Nähe meines Geburtsortes. Klingt nicht besonders spektakulär, aber allein das fand ich schon ganz schön, dass ich nämlich vor Jahren die Papierfabrik auch schon besucht habe, in der der „Puzzle-Rohstoff“ entsteht.

Besonders wurde es aber erst, als wir an einem Regal standen, in dem eine Vorlage mit Stanzmessern für Puzzles lag. Diese Stanzvorlage kommt in eine Maschine, dann werden die gedruckten und verleimten Puzzlepappen eingelegt und gestanzt – fertig ist das Puzzle. Was klingt wie ein Moment von Sekunden ist in Wahrheit in Prozess, der zwei bis drei Monate Arbeit erfordert. Denn so lange dauert es, die Puzzlestanzen von Hand herzustellen.

Ja genau, so habe ich auch geguckt. Die Messerbleche werden von Werkzeugmachern von Hand gebogen. Das heißt, jede Rundung, jede Ecke, jeder Rand eines Puzzleteils wurde von jemandem per Hand vorgefertigt, zurechtgebogen, eingepasst. Das sei präziser als Maschinen es hinbekommen könnten. Und während ein Messersatz tausende Puzzles hintereinander weg ausstanzt, stehen in der Werkstatt Menschen, die die nächste Vorlage erstellen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat.

Dass so viel Arbeit, so viel Zeit, so viel Kunstfertigkeit in etwas so Kleinem steckt, das finde ich schön.

Ich wünsche euch allen ein gutes, glückliches neues Jahr. Und uns allen immer wieder solche Momente, in denen wir die Arbeit, den Ideenreichtum, die Liebe, die Kreativität und all die anderen lebenswerten Dinge hinter den Kulissen entdecken können. Habt es schön!

 

Was schön war

Es ist schon eine ganze Weile her, aber ich muss immer mal wieder daran denken. Denn der Moment war besonders unspektakulär, aber eben auch besonders schön.

Auf dem Weg zum Bahnhof in Nürnberg habe ich es mal wieder eilig. Ich habe einen reservierten Sitzplatz im Zug und an diesem Wochenende ist quasi alles seit Wochen ausgebucht. Außerdem wäre ich, wenn ich den Zug bekäme, nach bewegten Wochen mit vielen Reisen endlich mal wieder einen Abend mit dem Lieblingsmenschen zusammen zu Hause. Und außerdem ist es kalt und nieselt. Ich rollkoffere also zügig durch die Altstadt, die schon nach Glühwein und Lebkuchen duftet und höre schon von weitem einige eindeutig betrunkene Männer vor sich hingrölen. Als ich näher komme, sehe ich sie aus den Augenwinkeln unter einem Dachvorspung sitzen. Bunte Haare, leere Bierflaschen und Schlafsäcke um sich herum, krächen zwei junge Männer fröhlich vor sich hin. Den dritten sehe ich erst, als er mir etwas nachruft.

„Schenkst du uns was?“, schreit er quer durch die Fußgängerzone. „Bitte schenk uns doch was!“ Ich zögere kurz. Mein Portemonnaie ist gut verstaut. Bis ich das rausgekramt habe, ist mein Zug weggefahren. Mein Reisebrot und der Apfel für unterwegs ebenso. Ich will also gerade weiterhasten, da kommt noch ein Nachsatz. „Schenk uns doch was, ein Lächeln reicht schon.“ Ich drehe mich um und schaue zurück. Kein Hohn in der Stimme, kein anklagender Blick. Der meint das ernst. Ich bin so überrascht, dass es wohl einen Moment dauert, aber dann lächle ich breit und fröhlich über die Straße hinweg. „Gerne“, rufe ich. „Danke. Sie sind die Erste, die das heute macht“, ruft der junge Mann zurück und winkt. „Gute Reise.“

Ich packe meinen Koffer wieder fester und laufe weiter und lächle noch immer, als ich am Gleis ankomme, direkt in den bereits eingefahrenen Zug springe, der direkt nach mir die Türen schließt und abfährt. Ein Lächeln verschenken – das mache ich jetzt wieder öfter.

Gesegnete Weihnachten

Alle Jahre wieder…
Süßer die Glocken nie klingen…

Auch wir haben es uns kuschelig und gemütlich gemacht, einen Baum gekauft und geschmückt, die Krippe aufgestellt, den Kühlschrank gefüllt, Tee gekocht und Kerzen angezündet.

Ich mag all das. Den Adventskaffee und den Besuch lieber Menschen. Freunden kleine Geschenke machen, gemeinsam Weihnachtsfilme sehen, Post bekommen und selber welche schreiben (wie immer zu spät, aber trotzdem), Traditionen pflegen eben.

Aber ist das Weihnachten?

Weihnachten ist das Fest, das so ganz anders ist als der äußere Rahmen, dem wir ihm geben. Gott wird Mensch und zwar so wenig göttlich, wie es nur eben geht. Am Rande der Gesellschaft, mitten im Dreck. Nicht gefeiert, sondern verfolgt. Kein roter Teppich, kein plötzlicher Weltfrieden, kein Glanz. (Aber immerhin Gloria.)

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, dann stelle ich fest, dass es da durchaus den ein oder anderen Weihnachtsmoment gegeben hat. Menschen, die völlig unerwartet da waren, als ich ihre Hilfe brauchte. Gespräche, die sich unerwartet positiv entwickelten und aus denen echte Lösungen entstanden, die auch gelebt werden. Begegnungen, von denen ich Anfang des Jahres nichts geahnt haben und die mich noch lange prägen werden. Es waren keine Glanzmomente mit langer Vorbereitung, sondern eher Momente, die am Rande, im alltäglichen Grau entstanden und die dann plötzlich zu leuchten begannen.

„Geh nah zu ihm hin“, empfiehlt Mary Ward und meint Gott. Im Lichte von Weihnachten, wo Gott Mensch wird, heißt das für mich auch: Geh nah zu den Menschen hin. Lass dich ein und halte die Augen auf für das, was mitten im Chaos, im Unverständlichen, im anscheinend Bedeutungslosen passiert. Das ist weder gemütlich noch einfach. Aber voller Licht und Liebe.

Ich wünsche euch also frohe Weihnachtstage; nicht nur heute und bis zum Stephanstag, sondern das ganze Jahr über.Nadelbaum im botanischen Garten in Roscoff

Herbstglück mit Kürbiskeksen

Herbstzeit ist Kürbiszeit und da der Lieblingsmensch furchtbar gerne Kürbis-Mandelkuchen isst, läuft hier zurzeit der Backofen heiß. Da ich aber einer Freundin Kleingebäck versprochen hatte, habe ich dieses Mal ein wenig Teig zu verschieden großen Gugls verarbeitet und diese mit einer Frischkäse-Kürbis-Glasur verziert.

Kürbis-Gugls und Kürbis-Kekse

Und dann hatte ich noch Lust auf Cookies. Knallorangene Cookies.

Und da die extrem gut ankamen, kommt hier das Rezept:

  • 100 g Butter
  • 150 g Zucker
  • 1 Pck Vanillezucker
  • 1 EL Zimt
  • 1 Messerspitze geriebene Muskatnuss
  • 150 g Kürbispüree
  • 200 g Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • 100g Schokotropfen

Kürbiskekse mit Schokostückchen

Zimmerwarme Butter, Vanillezucker, Zimt und Zucker gut miteinander verrühren. Mehl, Backpulver und Muskatnuss verrühren und zum Teig geben. Das Kürbispüree hinzugeben und langsam verrühren. Zum Schluss die Schokotropfen unterrühren und aus dem Teig kleine Kugeln formen.

Mit genügend Abstand auf ein Backblech setzen (Achtung, die Kugeln verlaufen zu runden Keksen) und bei 180°C etwa 10 Minuten backen.

Einige Kekse habe ich dann ebenfalls mit der Kürbis-Frischkäse-Glasur (Frischkäse, etwas Butter, Kürbispüree und Puderzucker verrühren) verziert.

Guten Appetit!

Allerseelen und die Allée couverte de Lesconil

allee couverte in Lesconil bei Douarnenez

 

Allerseelen. Nach dem Fest der Heiligen gestern heute nun das Fest aller Verstorbenen, aller Seelen. Erinnerung an Menschen, die wir nicht nur geliebt haben, sondern immer noch lieben. An Menschen, die uns geprägt haben. An Menschen, die uns wichtig sind – ob wir sie nun gekannt haben, oder nicht. Ein Tag, um zum Friedhof zu gehen. An einen Ort, an dem wir uns besonders gut an unsere Verstorbenen erinnern.

Als ich klein war, fuhren wir zu Allerheiligen und Allerseelen oft in die Heimatdörfer meiner Eltern. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir durch die Reihen der Gräber gingen. Wir Kinder kannten nur die Gräber unserer Großeltern oder Urgroßeltern. Doch meine Eltern kannten viele der Namen auf den Grabsteinen. Und natürlich auch die Angehörigen, die um die Gräber standen. Es waren stille Begegnungen, mit geteilten Erinnerungen und Fragen nach dem Hier und Heute. Wir Kinder wurden mit dem Bild verglichen, das man sich ein Jahr zuvor gemacht und gemerkt hatte – was waren wir gewachsen, sahen fast schon wie junge Damen aus, glichen immer mehr dem einen oder der anderen. Was man eben so sagt.

Und doch erinnere ich mich nicht daran, dass mich diese immergleichen Floskeln auf dem Friedhof genervt haben. Bei Familienfeiern, zufälligen Begegnungen, allen möglichen anderen Anlässen waren solche Bemerkungen lästig und nervtötend. Aber auf dem Friedhof spürte ich etwas von der Geschichte, die mich mit diesen Menschen verband, und dort konnte ich mich besonders gut erinnern. Zum Beispiel an den Holzstuhl mit den runden Armlehnen, in dem mein Großvater uns nach dem Mittagessen Märchen erzählte – auf Eifler Platt, das wir nur teilweise verstanden, und dessen Klang wir so sehr liebten. Oder an das Klackern des Stockes, mit dem er die Treppe zum Hof hinunterging, um auf der Bank vor dem Haus in der Sonne zu sitzen.

Einen Ort der gemeinsamen Erinnerung zu schaffen, einen Ort, der nicht für jeden individuell ist, sondern der Menschen zusammenbringt, um gemeinsam zu trauern, um sich gemeinsam zu erinnern, um gemeinsam in die Zukunft zu schauen ist keine neue Idee. Ein solches Totengedenken – Menschengedenken – ist eine uralte Kulturtechnik. Die ersten markierten Gräber gab es schon vor über hunderttausend Jahren. In allen Zeiten seither schufen Menschen Orte, an denen sie sich erinnern können an geliebte Menschen, an Familienmitglieder, Freunde, Stammeshäuptlinge.zwischen den steinen des Galeriegrabes

Ganz verschieden waren die Grablegen; einfach und schlicht, mit einem Stein oder Naturmaterialien markiert oder prachtvoll wie die Pyramiden. Mit oder ohne Grabbeigaben, die den Status der Toten markieren oder ihnen einen guten Übergang in eine andere Welt ermöglichen sollten. Von berühmten Künstlern gestaltet wie die Gräber in der Kathedrale Saint Denis oder ihrem weltlichen Pendant, dem Pantheon in Paris.

Und dann war da noch das Neolithikum, die Jungsteinzeit. In der Bretagne brachte sie nicht nur eine starke Veränderung des Ackerbaus, sondern mit der Sesshaftigkeit auch ganz besondere Gräber. Die allées couvertes, oft an markanten Punkten, auf Hügeln oder auf dem höchsten Punkt einer Bucht gelegene Galeriegräber. Einige von ihnen sind bis heute erhalten. Und eigentlich hat mich jedes beeindruckt, das ich gesehen habe. In diesem Sommer war ich aber ganz besonders fasziniert. Nach einem langen Bummel durch das Hafenbecken und die Altstadt von Douarnenez machten wir einen Abstecher zur Allée couverte von Lesconil. Seit Jahrtausenden lehnen die Steine gegeneinander und erinnern daran, dass hier jemand begraben wurde, der besonders geschätzt, respektiert, geliebt – vielleicht auch gefürchtet – wurde.allée couverte de lesconil

Durch die alten Steine und das Licht, das durch die Baumwipfel fällt, wirkt die Szenerie romantisch, fast ein wenig mystisch. Man hört nichts außer dem Rascheln von Blättern, Knacken von Ästen, Summen von Bienen. Mit etwas Fantasie kann man vorwitzige Kobolde hinter den Farnbüscheln kichern hören. Und wie Geschichten von Fee entstanden sind, die in der Morgendämmerung an verwunschenen Orten verträumt miteinander tanzen, das versteht man hier auch.aneinander gelehnte steine

Auch wenn wir nicht wissen, für wen dieser Erinnerungsort gebaut wurde – etwas von diesen Menschen ist geblieben. Etwas von ihrer Kultur, ihrer Art, miteinander umzugehen, ihrem Sinn für Kunst und Architektur. Etwas ist geblieben. So verschieden wir sind, so unterschiedlich unser Wissen, unsere Weltsicht, unsere Lebensweise sein mag – an der Allée couverte de Lesconil stand ich, fasziniert, beeindruckt, angerührt. Voller Dankbarkeit für Erinnerungen über alle Grenzen hinweg. Voller Träume und Hoffnungen für die Zukunft. Und voller Leben.

 

Das Cap Sizun und die Bucht von Douarnenez sind reich an großen Naturschönheiten. Neben der bekannten Pointe du Raz – Grand site de France – und der Pointe du Van, die wir so sehr lieben, gibt es viele kleinere, kaum weniger spektakuläre Landspitzen. Die Pointe de Brézellec zum Beispiel oder die Pointe du Castelmeur, die Baie des Trépassés und so viele andere mehr. Die Allée couverte von Lesconil liegt hingegen etwas abseits des Weges. Vom kleinen Wanderparkplatz aus sieht man nur eine Wiese und ein kleines Wäldchen. Die ersten Meter sind mit einem hölzernen Geländer markiert, damit man nicht die Felder der Bauern platt tritt. Im Wäldchen angekommen gibt es einen kleinen Fußweg, auf dem nur eng umschlungene Liebespaare noch nebeneinander gehen können.

wäldhcen in der nähe der allée couverte de lesconil

Und dann ahnt man am Wechsel des Lichteinfalls plötzlich, dass hinter der nächsten Wegbiegung eine Lichtung liegen könnte. Und nur ein paar Schritte weiter steht man dann vor den gegeneinandergeschichteten Steinen. Daher ist dies nicht nur ein Beitrag zu Allerseelen, sondern auch zur Blogparade „Die kleinen Dinge am Wegesrand“ von Berg und Flachlandabenteuer.

Schaut dort vorbei und genießt die vielen schönen Kleinigkeiten, die so große Freude machen.

 

Het Pand – Büchergedanken und das große Ganze

Malerisch liegt der ehemalige Dominikanerkonvent in Gent an der Leie. Bei Herbstsonnenschein kann man romantisch am Kanal vorbeiflanieren, den Straßenlärm ausblenden und sich vorstellen, wie hier früher die Gelehrten über die Straße eilten, um in die berühmte Bibliothek zu gelangen.ehemaliger Dominikanerkonvent Het Pand in Gent

Dass die Lage am Fluss das Verhängnis der Bibliothek sein sollte, kann und mag man sich gar nicht vorstellen. Doch genau so war es. Während des Bildersturms von 1566 wurde das Kloster geplündert und man warf alle Bücher ins Wasser. Die Angreifer rissen die Bücher auseinander und warfen sie aus den Fenstern der Zellen der Mönche, so dass es ausgesehen haben soll wie große Schneeflocken, die herabfielen. So hoch sollen sich die Werke im Wasser gestapelt haben, dass man trockenen Fußes über die Leie gehen konnte.

Das ist auf den ersten Blick nicht so martialisch wie das Verbrennen von Büchern. Der Effekt ist aber ganz ähnlich: Man zerstört Wissen, Geschichte, eine ganze Kultur des Lernens und Lehrens und Forschens. Die Eroberer setzen fest, was gelesen, gelehrt, gedacht werden soll. Und sie zeigen, dass sie gewillt und fähig sind, diese Vorgaben umzusetzen. An Dingen und Menschen.

Die Macht des Wortes – auch und gerade des geschriebenen, konservierten Wortes – ist groß. Darum müssen die Bücher verschwinden. Und die Wirkung der Vernichtung soll möglichst eindrücklich sein. Es geht nicht nur um die Macht, um die Unterwerfung des „Feindes“. Es geht darum, den Gegner im wahrsten Sinne mit Haut und Haaren zu vernichten; seine Kultur, seine Kunst, seine Geschichte, sein Wissen, seine Ideen, seine Träume und Visionen, seine Sicht auf die Welt zu zerstören. Auszurotten. Zu ersetzen durch die eigene Sichtweise.Bücherregal in der Dominikanerbibliothek in Gent

Die Eskalation ist maximal. Eine Diskussion ist nicht mehr möglich. Sich anderen Meinungen auszusetzen ist keine Option mehr. Wer nicht freiwillig die eigene Sichtweise übernimmt, muss mundtot gemacht werden. Und plötzlich geht es nicht mehr um Geschichte, sondern um unsere Situation, unsere Gesellschaft, unsere Art, miteinander umzugehen.

Die, die nicht zuhören wollen, die die Gedanken ihres Gegenüber vernichten wollen, die den Diskurs ausmerzen wollen, sind laut. Ihre Zeichen sind stark und wirkmächtig. Aber sie müssen nicht das letzte Wort haben. Es ist anstrengend, sich dem Diskus auszusetzen. Verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es ist schwer, aus seiner eigenen Filterblase auszubrechen und sich auf andere einzulassen. Es ist eine Herausforderung. Aber es ist möglich. Es muss möglich sein.Dominikanerbibliothek in Gent

Die Dominikanerbibliothek in Gent ist heute wieder zugängig. Die alten Bücher dort sind nicht nur Museumsstücke, sondern können wirklich gelesen, genutzt werden. Eine sachliche Auseinandersetzung ist wieder möglich. Auch wenn es in einer Nacht im 16. Jahrhundert vermutlich nicht so aussah, als könnte das jemals wieder geschehen.

 

Feigen-Walnuss-Buttermilch-Kuchen

Der Herbst ist da und neben Kürbis in allen Variationen bringt er auch den Verbrauch der letzten Sommerreste. Und zu denen gehörte ein Dutzend Feigen im Tiefkühler. Aus denen und einigen Walnüssen habe ich neulich für kurzfristig angekündigte Gäste einen Kuchen zusammengerührt. aufgeschnittener Feigen-Walnuss-Buttermilch-Kuchen

Grundlage war dieses Muffin-Rezept, ich habe es an die hiesigen Vorräte und die extreme Süße der Feigen angepasst und als Guglhupf gebacken. Lecker!

Zutaten:

4 kleine Eier
150 g Zucker
200 g Butter
400 g Mehl
1 Pck Backpulver
75 g Walnüsse
300 ml Buttermilch
400 g Feigen

Zubereitung:

Die Walnüsse in einer Pfanne leicht rösten, abkühlen lassen und hacken. Feigen in kleine Würfel schneiden.

Butter und Zucker gut miteinander verrühren, die Eier hinzugeben und zu einer glatten Masse verrühren.

Mehl und Backpulver miteinander verrühren und die Hälfte in die Zucker-Ei-Butter-Masse geben, glattrühren. Die Buttermilch hinzugeben, dann den Rest des Mehls in den Teig sieben und alles zu einem glatten Teig verrühren. Feigen und Nüsse unterziehen und in eine Guglhupf-Form geben.

Bei 180°C ca. 60 Minuten backen.

Guten Appetit!Feigen-Walnuss-Buttermilch-Guglhupf

Was schön war

Der Zug nach München ist rammelvoll. Die Wagenreihung hat sich geändert, reservierte Sitzplätze werden nicht angezeigt, die Klimaanlage funktioniert zwar, zickt aber immer wieder rum und Internet gibt es auch keins. Die Stimmung ist entsprechend gereizt. Man muss gar nicht lange im Zug sitzen, um das mitzubekommen. Man merkt es sofort beim Einsteigen. Ein älterer Herr steigt ein und wartet neben meinem Platz darauf, dass sich das Chaos im Gang ein wenig lichtet und er zu seinem Platz gehen kann.

Er trägt einen grau-blauen Anzug, den er vermutlich schon sehr lange besitzt. Der Schnitt war vor Jahrzehnten modern und über die Schultern und die Hüften ist er seinem Träger zu weit geworden. Aber eindeutig ist es ein guter Anzug. Ein feiner Stoff. Ein sorgfältig ausgewähltes Hemd mit farblich passender Krawatte rundet die Erscheinung ab.

Der kleine, alte Herr hält sich ganz aufrecht. In der einen Hand trägt er einen abgewetzten Violinenkasten, in der anderen einen grauen Hut. Ein Hut, wie ihn ältere Herren in Bilderbüchern tragen. Einer von denen, die mein Großvater den „guten Hut“ nannte. Im Gang wuseln einige laut plappernde Kinder durcheinander und schubsen sich meckernd herum, bis jeder einen passenden Platz gefunden hat. Der ältere Herr seufzt ein wenig.

Ich biete ihm an, auf meinem Platz sitzend zu warten, bis sein Weg frei wird. Er bedankt sich mit wenigen Worten, lehnt das Angebot aber ab, zuckt die Schultern, hebt den Blick und plötzlich lächelt er über das ganze Gesicht. Ich sehe ebenfalls auf und mein Blick fällt auf einen jungen Mann am anderen Ende des Ganges. Er trägt Cargo-Shorts und ein verwaschenes T-Shirt. Vom Aussehen her ist er das genaue Gegenteil von meinem Kurzzeit-Nachbarn. Doch von der Haltung her ist er sein jüngeres Ebenbild. Ganz aufrecht steht er da, in der einen Hand einen mit bunten Aufklebern verzierten Gitarrenkoffer und in der anderen Hand ein Hut. Kein „guter Hut“, sondern ein Outdoor-Pfadfinder-Zeltplatz-Hut, aber eindeutig ein Hut. Als habe das Lächeln des älteren Herrn ihn angezogen hebt auch er seinen mürrischen, genervten Blick und schaut genau auf sein Gegenüber.

Es dauert den Bruchteil einer Sekunde, dann erkennt er seinen Bruder im Geiste. Und plötzlich, mitten im gereizten Chaos, mitten in der Hitze des Platz-Kampf-Gefechts und über den Streit der Teenager hinweg, strahlt auch er. Freundlich nicken die beiden sich über die Köpfe der immer noch motzenden Kinder hinweg zu.

Dann ist der Weg frei und die beiden gehen zu ihren Plätzen, heben ihre Instrumentenkoffer vorsichtig ins Gepäckfach. Bevor sie sich hinsetzen nicken sie sich nochmal zu wie alte Bekannte. Sie wechseln kein Wort. Aber als ich mir kurz danach im Bordbistro einen Tee hole, sitzen sie beide noch immer still in ihren Sitzen und lächeln vor sich hin.

Saisonende am Meer

Sonnenuntergang am Meer mit rose-orangenen Wolken

Das Wellenrauschen mischt sich mit Motoren- und Klopfgeräuschen. Die Besitzer der süßen kleinen weißen Strandhütten fahren mit Traktoren oder Geländewagen und Anhängern vor und bauen die Holzhäuschen ab. Das dauert nicht lang: Nach dem Lösen einiger Schrauben wird das Dach abgehoben. Die Seitenwände trennen sich nach einigen festen Schlägen voneinander, die Bodenplatte wird angehoben und entsandet, mit einer Schaufel heben die Aufräumer die beiden hölzernen Verankerungsstreben aus dem Sand, laden alles auf den Hänger und nach wenigen Minuten sind einige Spuren im Sand alles, was davon erzählt, dass hier eine Familie einen Strandsommer verbracht hat.Abbau einer Strandhütte

Der Zaun des Beachvolleyballfeldes ist an vielen Stellen zusammengebrochen. Die Reste werden von missmutig dreinschauenden jungen Männern zusammengetragen. Die Liegestühle der Strandbars sind verschwunden – entweder schon komplett weggeräumt oder in dicke Plastikplanen eingeschlagen, wartend auf den nächsten Transport ins Winterquartier.umgekippter Zaun am Strand

Auch das Velodrom mit den verrückten Fahrradvarianten vom Hochrad bis zum Rad mit losem Lenker ist verschwunden. Ein paar Holzpflöcke haben die Betreiber im Boden zurückgelassen. Kinder laufen lachend den Parcours ab, der sich noch immer im Sand abzeichnet.Abdrücke des Velodroms am Strand von Blankenberge

Im Klamottenladen schräg gegenüber gibt es Rabatt auf Sommerkleidung und Windjacken. Schals und Schirme sind auch im Angebot. Die meiste Eisdielen haben schon geschlossen und der Dekoladen, der zu Beginn des Sommers Ohrringe und Fidgetspinner verkaufte, hat sein Angebot auf Weihnachtsdeko umgerüstet.winterdekoration in einem Laden in Blankenberge

Sein Konkurrent in der Fußgängerzone hält trotzig an den bunten Fingerkreiseln fest und hat sogar den Ladeneingang mit Bildern seiner Kreiselvariationen beklebt. Einige Senioren bleiben vor der Auslage stehen und bestaunen die bunten Spinner. „Das soll mal modern gewesen sein?“Laden für Fidget Spinner in Blankenberge

Muscheln, Fisch und natürlich Stoofvlees und Pommes gibt es noch, fast alle anderen Lokale haben zugemacht. Nicht alle Wirte und Ladeninhaber werden in der kommenden Saison wiederkommen. Einige neue „Te huur“ und „Te koop“-Schilder hoffen darauf, Interessenten anlocken zu können.

Das große Bistro an der Strandpromenade hingegen ist prachtvoll dekoriert wie eh und je. Doch statt der Tropenfrüchte gehören jetzt Kürbis und Zucchini zur Grundausstattung. Drei ältere Herren mit Strohhut sitzen vor einem Gin Tonic und schauen mit verschränkten Armen auf die verblichene Holztür des Personaleingangs, als hätten sie sich am Meer längst satt gesehen.Deko mit Kürbis und Zucchini

Ein paar junge Leute werben am Straßenrand für eine Mitgliedschaft beim flämischen Roten Kreuz. Es sind vor allem Einheimische, die stehen bleiben und sich in ein Gespräch verwickeln lassen. Man erkennt sie an den Einkauftrolleys und daran, dass sie als einzige keine Outdoor-Kleidung oder Funktionsjacken tragen. Nach einem Einkauf im kleinen Supermarkt stehen die potentiellen Neu-Rotkreuzler noch immer am Infostand. Man hat jetzt Zeit.

Die einzigen, die rennen, sind die Techniker, die kurz vor knapp noch die Lichtanlage für die Closing-Party im letzten geöffneten Strandclub aufbauen. Als sei vom Herbst noch lange nichts zu spüren, blinken die bunten Scheinwerfer, bläst die Nebelmaschine Trockeneiswolken auf die sandige Tanzfläche. Ausgeschenkt wird schon der Gin der kommenden Saison. Alle aktuellen und viele alte Sommerhits klingen durch die viel zu früh angebrochene Nacht. Der DJ lässt sich nicht lumpen und spielt Robbie Williams, Ed Sheeran, Abba und sogar Queen. Und dann – als sei es ein echter Sommer gewesen – Lambada, Macarena und ein aller-, allerletztes Mal Despacito. Um kurz nach 23 Uhr ist Schluss. Es rummst noch ein paar Mal, dann sind Lichtanlage, Nebelmaschine und DJ-Pult weggeräumt, die Bar abgebaut und die verbliebenen Bänke und Tische eingepackt. Lichter der Closing Party

Am nächsten Morgen werden wir von der Ruhe geweckt. Vom Rauschen der Wellen, dem Pfeifen des Windes, dem leisen Plätschern des Regens und dem vereinzelten Kreischen der Möwen. Hallo Herbst.

Faszinierende Geschichten in Stein: Der Calvaire in Tronoën

Notre-Dame-de-Tronoen in Saint-Jean-Trolimon im FinistèreMitten im Nirgendwo, auf einem einsamen Hügel mit einem grandiosen Blick auf die Bucht von Audierne stehen wir bei strahlendem Sonnenschein und versuchen uns vorzustellen, wie es hier in der Mitte des 15. Jahrhunderts ausgesehen hat. Damals war Saint-Jean-Trolimon eine pulsierende Metropole mit mehr als 10.000 Einwohnern, einem florierenden Handelsleben und einem stinkreichen Dominikanerkonvent. Das erzählt uns zumindest die freundliche Kunstgeschichtsstudentin, die uns herumführt.

Ganz kostenlos, übrigens. Das gibt es an vielen französischen Orten in den Sommermonaten und wenn ihr irgendwo seid, wo solche Freiwilligen ihre Dienste anbieten, dann macht das ruhig. Man erfährt wunderbare Dinge, die zwar auch im Reiseführer stehen – aber der beantwortet keine Rückfragen. Und natürlich wissen die Menschen, die sowas als Hobby machen, mehr als jedes noch so schlaue Buch und machen aus euren Besuchen eine persönliche Erfahrung.

Julie geht also zweimal mit uns um den Calvaire in Tronoën herum und zeigt uns, in welche Richtung man die in Stein gefassten Geschichten und Bibelszenen lesen muss. Sie weiß, dass der Kalvarienberg aus zwei verschiedenen Steinarten besteht und kennt sich mit deren Eigenschaften aus, so dass sie uns erklären kann, was an welchen Stellen zu Verwitterungen geführt hat. An einer Stelle ist ein Teil eines Kopfes abgebrochen, was vermutlich daher rührt, dass die Menschen früher versucht haben, in die zweite Geschichtenreihe hochzuklettern, um Details besser sehen zu können. „Vielleicht war es auch einer der Mönche oder Priester, der hochgeklettert ist, um der Gemeinde seine Meinung zu sagen und eindrucksvoll mit Zeigen auf die Figuren zu untermalen.“

Clavaire von Tronoen in der BretagneWir können den etwas übermotivierten Geistlichen fast vor uns sehen. Genauso wie die entblößten Brüste der jungen Maria, die gerade ein Kind geboren hat – eine durchaus seltene Darstellung, wie Julie fröhlich betont. Ebenso selten wie die doppelte Taufszene, von der man nicht so genau weiß, ob Jesu Taufe einfach zweimal dargestellt wird, ob einmal Johannes der Täufer dargestellt ist oder ob die doppelte Szene eine ganz andere Bedeutung hat. Dafür weiß man dank historischer Zeichnungen deutlich genauer, wie die Szene der Verführung von Adam und Eva im Paradies vor der starken Verwitterung ausgesehen hat – so bunt bemalt wie die alte Zeichnung war der gesamte Calvaire.
doppelte Taufszene auf dem Calvaire von Tronoen im Finistère in der Bretagne

 

 

Dass Jesus in allen Szenen am größten dargestellt ist, wäre uns vermutlich alleine ebenso wenig aufgefallen wie die Tatsache, dass die Kleidung der heiligen drei Könige der Mode der Bauzeit des steinernen Religionsunterrichts entspricht.Passiosnszene auf dem Calvaire in Tronoen

Auch die Tatsache, dass der tote Jesus in den Armen seiner Mutter (die Darstellung der Pieta am mittleren Kreuz), mit der ausgestreckten Hand auf die darunter dargestellte Auferstehungsszene zeigt, ist ein Details, das ich alleine vermutlich nicht erkannt hätte.Pietà auf dem Calvaire von Tronoen

Und vermutlich hätten wir den „Guetteur“, den Späher an der Kirche auch nicht gefunden – schließlich wurde er vom Eingangsportal fast komplett zugebaut und erspäht seither höchstens die eine oder andere Flechte auf dem Granit. Trotzdem erinnert er an die Zeit, als man hier oben – aus gutem Grund – Ausschau nach den Angelsachsen halten musste.Szene auf dem Calvaire de Tronoen

Der Calvaire ist nicht der bekannteste, dafür aber der älteste Kalvarienberg der Bretagne. Wir haben in den vergangenen Jahren einige große und kleinere Calvaires besucht und der in Tronoën ist durchaus einer meiner Liebsten.

Im Sommer ist übrigens montags vormittags rund um die Kirche ein kleiner Kunsthandwerkermarkt, bei dem man bei live Harfenmusik mit den Ausstellern ins Gespräch kommen kann. Und so erfährt man dann, dass es in dem heute kleinen Ort Saint-Jean-Trolimon gleich zwei Bronzegießer gibt und dass einer von ihnen mit den Wissenschaftlern der Uni in Rennes gemeinsam experimentiert. Eine andere Künstlerin zeigte uns, wie sie ihre Radierungen erstellt und ein Imker ließ die Besucher seinen Honig probieren. Kein Vergleich mit dem lebendigen Handelsleben im ausgehenden Mittelalter, aber eine durchaus angemessene Remineszenz. Große Empfehlung!Harfenist auf dem Marché bei der Chapelle de Tronoen