Archiv für den Monat: November 2014

Adventskalender 2014: Was haben Palmzweige mit Weihnachten zu tun?

Geschmückter Tannenbaum auf dem Sechtemer WeihnachtsmarktIn unserem Dorf gibt es jedes Jahr einen „Lebendigen Adventskalender“. Was sich dahinter verbirgt, hatte ich euch ja letztes Jahr schon erzählt. Jeden Abend wird bei einer Familie ein Fenster geöffnet und ein wenig gefeiert. Sonntagabends gibt es Andachten in den Kirchen, immer im Wechsel in der katholischen und der evangelischen. Dabei halten Laien die Ansprachen. Und heute Abend war ich dran.

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Kapitel 22, 1-9, zitiert nach der Einheitsübersetzung):

„Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte und nach Betfage am Ölberg kam, schickte er zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“

Der Text, den wir gerade gehört haben, ist vermutlich einer der bekannteren Texte in der Bibel. Er berichtet vom feierlichen und von allen gefeierten Einzug Jesu in Jerusalem. Die Menschen breiten ihre Kleider auf der Straße aus und winken begeistert mit Palmzweigen.

Palmzweige? Moment, da war doch was. Palmzweige gehören doch, wie der Name schon sagt, zum Palmsonntag. Zum Beginn der Karwoche, zu Ostern. Diese Szene steht doch vor dem Beginn der Passion, dem Bericht vom Leiden und Sterben Jesu. Was hat das denn mit der Zeit vor Weihnachten zu tun? Warum hören wir diesen Text ausgerechnet heute, am ersten Advent?

Jesus selbst gibt uns eine Antwort, wenn er sagt: „Wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir.“

Und schon sind wir mittendrin im Advent, denn das kommt uns in dieser Zeit viel vertrauter vor. „Tochter Zion, sieh, dein König kommt.“

Das Lied, das wir gerade gesungen haben, nimmt diesen Kontrast auf: „Singt dem König Freudenpsalmen“ – das Palmsonntagslied schlechthin. Doch dann heißt es: „Völker ebnet seine Bahn“. Da klingt doch „Ebnet dem Herrn den Weg“ durch. Da hören wir schon: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!“

Und wenn wir genau hinhören und hinsehen, dann fallen uns nicht nur Ähnlichkeiten in den Texten auf. Auch die Symbole lassen sich vergleichen. Das Grün der Palmzweige am Palmsonntag findet sich auch im Tannengrün des Advents wieder. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und die Tannenzweige künden vom Leben der Natur – mitten im Winter. Die Tannenzweige – wie auch die Palmzweige – sind immergrün. Sie strahlen das ganze Jahr in voller Pracht und können ein Zeichen dafür sein, dass die Hoffnung nicht auszulöschen ist. Dass Gott uns mit Jesus ein Versprechen gegeben hat, das immer währt.

Und noch eine Parallele lässt sich finden: Die Farben der Kleider, die die Menschen auf die Straße legen, spiegelt sich in den Farben der Kerzen des Advents und in den Farben, mit denen wir in den kommenden Tagen und Wochen unsere Fenster dekorieren. In der dunklen Nacht geben die Kerzen und die hell erleuchteten Fenster Zeugnis vom Licht, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Jesus, das Wort, das Fleisch geworden ist, ist wie das Licht in der Nacht.

Und was ist mit uns? Sind auch wir im Advent vergleichbar mit den Menschen am Palmsonntag? Freuen wir uns, dass Jesus kommt? Jubeln wir ihm zu, wie einem König? Hat er wirklich einen Platz, eine Bedeutung in unserem täglichen Leben?

Und wenn er sie hat, wie gestalten wir dann unsere Adventszeit? Brauchen wir das Große, immer Bessere, Hellere, Schönere? Oder können wir nicht vielmehr gerade in den einfachen, unscheinbaren, alltäglichen Dingen entdecken, was es heißt, dass unser König kommt. Was es heißt, dass Gott sich uns ganz hingibt, dass seine Nähe für uns besonders deutlich spürbar wird.

Um zu entdecken, was es für uns ganz persönlich bedeutet, dass Gott in Jesus geworden ist, dass er den Tod überwunden und uns den Weg in ein neues Leben geöffnet hat, kann es ausreichen, dass wir uns beim Anzünden der Kerzen auf dem Adventskranz einen Moment lang ganz durchfluten lassen von der Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Es kann ausreichen, dass wir in der Schlange an der Kasse einen Moment innehalten und uns an den erinnern, der der Anlass für die besonderen Einkäufe ist. Sicher wird ein wenig von dieser besonderen Bedeutung auch spürbar, wenn wir uns abends treffen, um ein liebevoll gestaltetes Fenster zu öffnen, um miteinander zu singen und zu beten.

Vielleicht gelingt es uns sogar, ein wenig von dieser Vorfreude, von unserer Hoffnung, vom Licht des Advents denen zu schenken, die dieses Licht und seine Wärme besonders dringend brauchen: Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern. Freunden, Nachbarn oder Kollegen, die schon lange oder besonders schwer krank sind. Menschen, deren Hoffnungen enttäuscht wurden, die nicht mehr weiter wissen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, Menschen, die vor Angst nicht mehr ein noch aus wissen, die keine Hoffnung mehr haben.

Wir können die Kraft dafür schöpfen, wenn wir die alten Texte hören und immer neu der Verheißung lauschen: „Sieh, dein König kommt zu dir.“ Jesus, das Licht in der Nacht, der König, der uns die Erlösung bringen wird.

Dann können auch wir in der Weihnachtsnacht rufen, wie die Menge damals in Jerusalem: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei der, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“

Leuven, eine Winterliebe

Freie Tage, alte Freunde, Sonne und winterblauer Himmel, buntes Raschellaub, handgemachte Pralinen in Igelform, überbackende Endivien und frisch gebrautes Bier, herzerwärmende Gespräche und stundenlange Diskussionen in einer unglaublich schönen Stadt wie Leuven. Manchmal braucht es nicht mehr, um rundum glücklich zu sein.

Historische Fassaden am Lauzeude Plein im belgischen LeuvenDie Fassade der Unibibliothek in LeuvenStraßenzug mit barocken Fassaden in der Altstadt von LeuvenBuntes Laub in einem Garten in LeuvenPark des Prämonstratenserklosters mit Laubbäumen und See in der WinternachmittagssonneBlick auf das Benediktinerinnenkloster durch die Gardinen des gegenüberliegenden CafésGenever-Flaschen auf der Fensterbank eines Cafés

Pandemie: Grundspiel und Auf Messers Schneide

Hilfe, wir werden alle sterben. Hatten wir das nicht neulich schonmal? Ja. Aber diesmal ist alles noch viel schlimmer. Denn bei Pandemie geht es darum, dass die Spieler gemeinsam die Welt vor lebensbedrohenden Seuchen retten müssen. Und das ist, wie im wahren Leben, gar nicht so einfach.

Blick auf das Spielfeld von Pandemie mit Erregelwürfelchen und SpielfigurenJeder Spieler sucht sich eine Rolle aus, ist Forscherin oder Sanitäter, Arzt, Logistiker oder Wissenschaftler. Man kann von Stadt zu Stadt reisen und Seuchenmarker entfernen, Forschungszentren bauen und versuchen, das passende Serum gegen die rote, blaue, gelbe oder schwarze Seuche zu erforschen. Hat man dieses Serum produziert und alle Seuchenmarker entfernen können, gilt die Krankheit als ausgerottet. Konnte man für alle vier Seuchen Gegenmittel entwickeln, hat man gewonnen. Verloren hat man, wenn eine Seuche an so vielen Orten ausgebrochen ist, dass es keine Seuchenmarker mehr im Vorrat gibt, oder wenn es insgesamt acht Pandemieausbrüche gegeben hat.

Naufnahme der Seuchenwürfel mit Spielfigur und ForschungszentrumKlingt einfach? Ist aber ganz schön tricky. Denn je nachdem, welche Karten und Städte man zieht und welche Seuche sich schnell verbreitet, desto schwieriger werden die Entscheidungen, die man – typisch kooperatives Spiel – in der Spielerrunde gemeinsam trifft. Da kann die Diskussion schon mal eine Weile dauern, oder dann auch wieder ganz schnell gehen. In manchen Situationen ist es mehr als hilfreich, den Sanitäter dabei zu haben, der nach Erforschung eines Serums alle Seuchenwürfel „im Vorbeigehen“ verschwinden lassen kann. In anderen Situationen ärgert man sich, dass man auf die Forscherin verzichtet hat, mit der man jederzeit problemlos die für die Erforschung der Gegenmittel so wichtigen farblich passenden Karten tauschen könnte. Aber es hilft ja nichts, man muss mit dem klarkommen, was da ist. Und immer wieder neu entscheiden: Sollen wir erst ein Forschungszentrum bauen und wenn ja, wer tut das wo? Oder sollen wir schnell das eine oder andere Serum herstellen und für welche Seuche zuerst? Oder müssen ganz dringend Steine entfernt werden, bevor die Krankheiten anfangen zu streuen und weitere Städte infizieren? Doch dann zieht jemand die falsche Karte und puff hat sich die ganze schöne Strategie erledigt und das Überlegen beginnt von vorn.

Das Spiel ist schon ein paar Jahre alt, aber da wir ein paar medizinisch bewanderte Menschen in unserem Freundeskreis haben und weil es sich einfach fantastisch spielt, ist es hier immer noch extrem beliebt. In Essen gab es nun die Erweiterung „Auf Messers Schneide“ und das gibt dem Spiel einen neuen Kick. Es gibt eine neue Seuche (lila), neue Rollen und einen besonders resistenten Erregerstamm, der extra schwer zu bekämpfen ist. Am Tag nach der Messe saßen wir hier in  kleiner Runde mit einem echten Sanitäter und haben gleich viermal hintereinander die Menschheit ausgerottet – unfreiwilliger Weise natürlich.

Wie auch immer: Pandemie ist großartig. Im Sinne von GROSSARTIG!!eins!elf!! Sowohl in kleiner Runde (wir mögen es auch als Zweierspiel), als auch mit vielen Experten. Auf der Immer-wieder-Spielen-Liste streitet es hier mit Burgen von Burgund und Terra Mystica und Splendor um die besten Plätze.  Wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Und beim letzten Versuch haben wir die Welt doch tatsächlich vor dem Seuchentod bewahrt. Jippie.

Henri Queffélec

Als wir im Sommer in Brest waren (zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren), habe ich nicht danach gesucht. Und sie trotzdem gefunden. Die Gedenkplakette an das Geburtshaus von Henri Queffélec. Henri Wer?

queffelec-erinnerungstafel

Ici était le 33 de la place du chateau où naquit Henri Queffélec, homme de lettres, 1910 – 1992. // Hier stand das Haus an der Place du Chateau 33, in dem der Schriftsteller Henri Queffélec (1910 – 1992) geboren wurde.

Ihr könnt ein kleines bisschen was über den französischen Schriftsteller, dem mein Herz ganz besonders gehört, in der deutschen Wikipedia nachlesen. Und wer französisch kann, findet noch einiges mehr in der französischen Version. Eine Werkübersicht und viele spannende Links zum Thema (alle französisch) findet ihr bei der Librairie maritime. Aber um biographische Dateils soll es hier gar nicht gehen.

Ich entdeckte Henri Queffélec mehr oder weniger zufällig, als ich nach einem Thema für meine Magisterarbeit suchte – die ich dann über „littérature et spiritualité dans l’oeuvre de Henri Queffélec“ (Literatur und Spiritualität am Beispiel des Werks von Henri Queffélec) geschrieben habe. Gleich der erste Roman, den ich las, hat mich in seinen Bann gezogen. In Tempête sur Douarnenez geht es natürlich um die Liebe zwischen Louis, dem durch Leid und Krieg hart gewordenen Matrosen, und Maria, die in einer der Fabriken am Hafen Sardinen in Konserven füllt. Das alles vor der Kulisse des Kommunistennestes Douarnenez mit viel Lokalkollorit und vor Ort recherchierten Details. Vor allem aber geht es um das Meer. Um Leben und Tod. Die Natur und den Menschen. In vielen seiner Bücher. Vermutlich in fast allen. Am Ende waren es über 80 und ich habe nicht alle gelesen. Einige davon schrieb er vor allem, um seine Familie in den Nachkriegsjahren zu ernähren, hat seine Tochter Anne Queffelec mir einmal erzählt.

Ihr merkt schon, ich bin damals wirklich tief ins Thema eingetaucht. Habe vor Ort recherchiert und dabei viele faszinierende Geschichten über ihn gehört und beeindruckende Menschen kennengelernt. Einer der Höhepunkte war eine Begegnung mit seiner Tochter Anne beim Salon du livre insulaire auf Ouessant im Sommer 2002.

Aber zurück zu Henri Queffélec und seinen Werken. Ich habe viele gelesen und mochte sie alle. In Frankreich sind sie mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden. Leider sind sie in Deutschland so gut wie unbekannt. Allein Un recteur de l’île de Sein ist übersetzt worden. Es trägt den Titel des Films, der auf Grundlage des Buches erschien: Gott braucht die Menschen und spielt auf der Insel, der mein Blog seinen Namen verdankt, und die ich bei der Recherche für meine Arbeit entdeckt habe.

Lange waren seine Bücher nur noch antiquarisch zu bekommen. In den vergangenen Jahren ist aber das eine oder andere neu aufgelegt worden. Wenn ihr also in Frankreich seid, haltet Ausschau nach Un royaume sous la mer, Un homme d’Ouessant, Un feu s’allume sur la mer, Solitudes, Je te salue vieil océan, … Ihr könnt die eigentlich alle lesen, wenn ihr die Nebenwirkung in Form eines unheilbaren Bretagne-Virus (den ich allerdings schon vorher hatte) einkalkuliert.

Warum ich euch das gerade heute erzähle? Ein Bekannter hat beim Aufräumen vor einem Umzug einige Bücher über den großen Keff (wie seine Freunde ihn nannten) gefunden und mir zugeschickt. Da der Herbst grau und das Sofa einladend ist, lese ich mich zurzeit wieder durch stapelweise französische Schätzchen und schwelge in wunderbar erzählten Geschichten und schönen Erinnerungen.

Alte Freunde

Vor ein paar Tagen habe ich eine alte Freundin getroffen. Also nicht im Sinne von alt an Jahren, sondern im Sinne von: Wir kennen uns schon eine halbe Ewigkeit. Haben zusammen studiert, zusammen gelernt, uns gegenseitig abgehört und das Bibliothekspersonal wahnsinnig gemacht. Wir haben stundenlang gefrühstückt, gelacht und geweint, uns miteinander gefreut und füreinander aufgeregt. Wir haben uns gemeinsam engagiert, an langen Abenden entdeckt, dass Partys in der Küche am besten sind und an verschneiten Wochenenden im Schwarzwald sowohl den Schnee als auch heißen Tee genossen. Wir haben stundenlang telefoniert und nächtelang gequatscht. Was man eben so macht, wenn man jung ist und Freundschaft schließt.

Was mir bei unserem (wirklich wunderbaren, aber das muss ich vermutlich gar nicht betonen, das merkt ihr auch so, nicht?) Treffen wieder einmal klar geworden ist, ist die Tatsache, dass alte Freunde nicht zu ersetzen sind. Natürlich haben wir dort, wo das Leben uns hinverschlagen hat, längst neue Freundschaften geschlossen. Menschen kennengelernt, die uns ans Herz gewachsen sind und mit denen unseren Alltag teilen. Bei denen wir unser Herz ausschütten oder heiß diskutieren können. Die aus unseren Leben nicht mehr wegzudenken sind.

Aber mit alten Freunden ist es trotz allem irgendwie anders. Die Umarmung zur Begrüßung fühlt sich anders an, fester, länger, vertrauter. Auch die Gespräche sind irgendwie verschieden, vielleicht nicht so, dass es von außen auf den ersten Blick zu sehen wäre, aber fühlbar. Liegt das nur daran, dass wir uns seltener sehen und die Treffen besonders genießen? Dass wir in die kurzen Momente so viel wie möglich hineinstecken wollen, wie es uns möglich ist? Daran, dass wir besondere Erwartungen haben? Ich glaube an nichts davon. So seltsam es klingt, vermute ich, es liegt an der Zeit. Der gemeinsam verbrachten, aber auch einfach an der vergangenen Zeit; an all den Momenten, in denen wir herumgelaufen und aneinander gedacht, in denen wir an verschiedenen Orten gelebt und trotzdem immer aneinander festgehalten haben.

Wenn ich alte Freundinnen und Freunde treffe, geht es (zumindest meistens) nicht um „Weißt du noch?“. Und auch nicht darum, alles „nachzuholen“, was im eigenen Leben und dem der anderen passiert ist und was in den Telefonaten zwischendurch, auf Facebook und Co. nicht gesagt worden ist. Das funktioniert natürlich nie. Aber darum geht es auch gar nicht. Freunde können irgendwo anknüpfen und finden von überallher zueinander. Manchmal reicht ein halber Satz, ein Augenzwinkern, ein ersticktes Kichern oder eine verlängerte Atempause und die andere weiß, was gemeint ist. Manches, was ich wochen- oder gar monatelang ungelöst durchdacht hatte, ist mir in solchen Gesprächen plötzlich klargeworden. Erzähle ich die Dinge anders, wenn mein Gegenüber die Vorgeschichte nicht nur kennt, sondern selbst miterlebt hat? Inspiriert mich das ganz anders verlaufende Leben der Freunde zu neuen Gedanken? Keine Ahnung, aber solche Momente haben für mich immer eine ganz besondere Magie.

Langer Rede kurzer Sinn: Freundschaften machen das Leben bunt und dabei spielt es keine Rolle, wie nah man beieinander wohnt oder wie oft man sich sieht.

An mein Herz, ihr alle, die ihr wisst, dass ihr gemeint seid. Alle. <3 <3 <3

Märchenhafte Verpflegung: Kouign amann

Herbst ist Lesezeit. Und da es in den letzten Tagen doch eher grau in grau geworden ist, habe ich gleich doppelt für Soulfood gesorgt. Zum einen habe ich die Erinnerungen von Pierre-Jakez Hélias wieder rausgekramt und abendelang im Cheval d’orgueil geschmökert. Es ist faszinierend, mit dem Autor, der selbst ein begnadeter Geschichtenerzähler ist, in die Zeit einzutauchen, in der in der Bretagne noch überwiegend bretonisch gesprochen und abends am Feuer Märchen und Legenden erzählt wurden. Wie sich das anfühlt, habe ich diesen Sommer ja live erlebt.

Der Kouign amann in der Backform beim AuskühlenUnd da ich ein paar Tage frei hatte, habe ich mich auch an ein Rezept gewagt, das mir bisher immer Respekt eingeflößt hat. Ich habe wirklich und wahrhaftig einen Kouign amann gebacken. Kouign ist bretonisch und heißt Kuchen, amann ist bretonisch für Butter. Klingt einfach, ist aber hmmmmmm. Beim Lesen (in diesem Internet) habe ich dann noch entdeckt, dass da bei Little Red Temptation gerade ein Wettbewerb rund um „Märchenzeit! Backen, (vor)Lesen und Glücklichsein“ läuft, und da dachte ich: Wenn das nicht zu mir passt, was dann.

Aber zurück zum Kouign amann. Probiert habe ich diese süße Sünde zum ersten Mal in Vannes, nachdem ich mit einem Freund durch die Brocéliande, den bretonischen Zauberwald, gefahren war. Frisch auf dem Markt gekauft und noch lauwarm, haben wir die ersten Stückchen probiert. Ich bin ganz stumm geworden (wer mich kennt, weiß, was das heißt) und hatte ein glückliches Dauergrinsen im Gesicht. Wir saßen auf der Kaimauer in der Sonne und ich stelle fest, dass das mit dem Erinnerungen sammeln an diesem Tag gut geklappt hat. 🙂

Goldgefärbte Baumstämme in der bretonischen BrocéliandeBlick auf eine sonnige LichtungWasserschloss in der BrocéliandeTemplerkapelle St. Jean"Merlins Grab", ein Granitstein und ein kleiner Busch in der BrocéliandeDen Rest des Wunderkuchens haben wir eingepackt für einen langen Tag auf dem Golfe de Morbihan, dem „kleinen Meer“, in dem die Tränen der Feen, die von den Menschen aus dem Zauberwald vertrieben worden waren, sich in Inseln verwandelt haben. Und schon sind wir beim Backen mitten drin im Märchenzauber.

Botte in einer Bucht des Golfe de MorbihanWährend der Hefeteig ging, habe ich meine Ausgabe vom Barzaz Breiz und mein bretonisches Märchenbuch aus dem Regal geholt und die Legenden rund um König Arthus und die Ritter der Tafelrunde, Merlin und Viviane, Morgane und ihre im Tal ohne Wiederkehr verschollenen Liebhaber nachgelesen. Ich muss sagen, die Kombi von Kuchen mit salziger Butter und salzgeschwängerten Geschichten ist ziemlich perfekt. Danke Christine und Steffi für die Anregung.

Der Kouign amann auf einer TortenplatteIhr wollt auch schwelgen? Hier das von Aurélie von französischkochen.de inspirierte und vor allem um etwas Zucker und Butter reduzierte Rezept (ja doch, die Mengen sind schon geringer, auch wenn das für euch vielleicht nicht so aussieht) für den Kouign amann.

Zutaten für den Hefeteig:
500 g Mehl
1/2 TL Salz
1/2 Würfel frische Hefe
1 Prise Zucker
250 ml lauwarmes Wasser

Für die „Füllung“:
210 g salzige Butter
150 g Zucker

Für die Glasur:
1 Eigelb
etwas Milch

Das Mehl mit dem Salz gut mischen, eine kleine Kuhle formen, die Hefe hineinbröseln, eine Prise Zucker darüberstreuen und mit etwas lauwarmem Wasser übergießen. Das Ganze etwa 15 Minuten gehen lassen. Dann den Rest des Wasser hinzufügen und zu einem homogenen Teig verkneten. Den Teig zugedeckt etwa 1 Stunde gehen lassen.

Dann zu einem Quadrat ausrollen und etwa 80 g zimmerwarme, salzige Butter auf dem Teig verteilen und mit 60 g Zucker bestreuen. Die vier Ecken des Teigquadrats in die Mitte einschlagen und den Teig nochmal etwa 30 Minuten im Kühlschrank stehen lassen. Dann wieder ausrollen – ich habe es mal rechteckig gemacht – und wieder mit Butter bestreichen und mit Zucker bestreuen. Den rechteckigen Teig habe ich in drei Teile geteilt und die beiden äußeren nach innen umgeklappt. Wieder kalt stellen und die Prozedur ein drittes Mal wiederholen. Dann nochmal so ausrollen, dass das Teigquadrat ein bisschen größer ist als die Backform. Wieder die Ecken nach innen einschlagen und von diesem auf dem Kopf stehenden Quadrat wieder die Ecken einschlagen. Das Ganze legt ihr jetzt umgekehrt (also mit den eingeschlagenen Ecken nach unten) in die Backform, pinselt den Kuchen mit der Ei-Milch-Mischung großzügig ein und streut den restlichen Zucker darüber.

Ein Kuchenstück aus dem Kouign amann herausgeschnittenBei 210°C etwa 30 bis 35 Minuten backen. Achtung, der Kuchen wird dunkel, sollte aber nicht verbrennen.

Lauwarm schmeckt er am besten. Aber wie gesagt taugt er auch formidabel als Picknick für einen langen Ausflugstag im Land der Feen und Kobolde.

Wegwerfen? Nein Danke.

Kürzlich fand in meinem Heimatdorf schon zum zweiten Mal ein Repair Café statt. Ehrlicherweise ist das erste total an mir vorbeigegangen. Umso begeisterter war ich, als ich jetzt davon hörte. Idee der Repair Cafés ist es, Dinge gemeinsam zu reparieren, anstatt sie wegzuwerfen und neue Sachen zu kaufen.

Poster mit der Ankündigung für das Repair Café in SechtemMir gefällt daran zum einen die Idee der Nachhaltigkeit. Wievieles lässt sich noch reparieren, solange man jemanden hat, der weiß, wie es geht und das passende Werkzeug besitzt. In den letzten Jahren habe ich eine immer größere Abneigung gegen „Jedes Jahr ein neues Handy“ und ähnliche Aktionen entwickelt. Vor allem dann, wenn wertvolle Rohstoffe im Spiel sind.

Was mir am Repair Café aber auch gefällt, ist der „Café“-Teil. Denn das fehlt hier im Ort: ein klassisches Klön-Café. Der Aktionsnachmittag war daher auch für Menschen eine Anlaufstelle, die nichts reparieren (lassen) wollten, sondern einfach nur neugierig waren oder Lust hatten, gemütlich zusammenzusitzen. Auch ich hatten nichts zum Heilemachen.  Wobei sich unser Waffeleisen nur einen Tag später aus dem Leben verabschiedet hat. Und sowohl der Lieblingsmensch als auch ich mit unseren insgesamt vier linken Händen und gefühlten 20 Daumen konnten es nicht wiederbeleben. Nächstes Mal.

Bananenkuchen in Guglhupfform mit Schokoguss und Walnüssen verziertAlso bin ich vor allem zum Kaffee trinken (und Kuchen vorbeibringen) hingegangen. Dabei hat mich erstaunt, dass ich in diesem Umfeld nicht nur mit den Menschen ins Gespräch kam, die ich schon kannte. Der Aspekt der Nachhaltigkeit, des gemeinsamen Werkelns und Wartens, führte auf ganz ungewungende Art und Weise zu einer Offenheit für Andere(s) und Neue(s).

Ganz nebenbei erfährt man so einiges von den Menschen aus dem eigenen Umfeld. Die eine bringt einen stotternden Aktenvernichter und erzählt, warum sie das Ding eigentlich angeschafft hat, die andere wartet geduldig auf die Reparatur ihres Radios, das ihr beim Bügeln die Zeit vertreibt. Ein kleiner Junge will wissen, welchen Radiosender sie am liebsten hört. Und schon sind die beiden ins Gespräch vertieft. Und so geht es in allen Ecken, egal ob ein altes Tischchen geleimt, ein Drucker wieder zusammengesetzt oder ein zerissenes Lieblingskissen neu abgesteckt und kleinergenäht werden muss. Das perfekte Herbstwetter sorgte außerdem dafür, dass draußen eine kleine Fahrradwerkstatt eingerichtet werden konnte.

Auch spannend: Die Aktion war durchaus nicht in junge Reparateure und ältere Ratsuchende gegliedert, ganz im Gegenteil. Sowohl die Reparierer als auch die handwerklich weniger Begabten kamen aus allen Altersstufen.

Für alle Interessierten: Das nächste Repair Café in der „Arche“ findet am 21. März 2015 statt.

Poster für das Repair Café mit selbstgebastelten Werkzeugen aus Papier

Kaffe- und Kuchentheke (mmit meinem Bananenkuchen)

Tisch mit den nächsten Reparaturaufträgen

Ein Mann repariert ein Radiogerät.

Auftragszettel, den jeder Teilnehmer ausfüllen muss

Wegweiser für Fahrradreparaturen, die draußen stattfinden

Spendendose in Form eines blau-bunt-bemalten Froschkönigs

 

 

 

Herbstlicher Apfelkuchen mit Mazarin-Crème

Der Herbst ist noch immer golden. Und was passt da besser, als ein Apfelkuchen mit Zimt und Mandeln und Marzipan?

Eine Mazarin-Crème wollte ich schon lange mal ausprobieren, da kam das Rezept aus dem Knusperstübchen gerade recht.

Blick auf den Apfelkuchen mit MazarincremeFür den Boden habe ich 90 g Mehl, 40 g Puderzucker, 70 g gemahlene Mandeln, 80 g Butter und 30 g Crème fraîche zu einem Teig geknetet. Nach einem Stündchen im Kühlschrank wurde er in der 18er-Backform mit ein paar Mandelblättchen bestreut und bei 180°C 10 Minuten lang blind gebacken.

Für die Füllung 250 g Marzipan mit 125 g Butter und 3 Eiern schaumig schlagen. 30 g Mehl, 4 EL Rohrzucker und 1 gehäuften TL Zimt dazugeben und alles gut verrühren.

3 Äpfel in dünne Scheiben schneiden, mehlen und immer abwechselnd Äpfel und Creme auf den Boden des Kuchens schichten. Zum Schluss mit ein paar Apfelscheiben und Mandelbättchen dekorieren und für 45 Minuten eine Stunde (wird dann knuspriger und standfester, mögen wir hier deutlich lieber) bei 180°C in den Ofen schieben.

Lecker!!