Het Pand – Büchergedanken und das große Ganze

Malerisch liegt der ehemalige Dominikanerkonvent in Gent an der Leie. Bei Herbstsonnenschein kann man romantisch am Kanal vorbeiflanieren, den Straßenlärm ausblenden und sich vorstellen, wie hier früher die Gelehrten über die Straße eilten, um in die berühmte Bibliothek zu gelangen.ehemaliger Dominikanerkonvent Het Pand in Gent

Dass die Lage am Fluss das Verhängnis der Bibliothek sein sollte, kann und mag man sich gar nicht vorstellen. Doch genau so war es. Während des Bildersturms von 1566 wurde das Kloster geplündert und man warf alle Bücher ins Wasser. Die Angreifer rissen die Bücher auseinander und warfen sie aus den Fenstern der Zellen der Mönche, so dass es ausgesehen haben soll wie große Schneeflocken, die herabfielen. So hoch sollen sich die Werke im Wasser gestapelt haben, dass man trockenen Fußes über die Leie gehen konnte.

Das ist auf den ersten Blick nicht so martialisch wie das Verbrennen von Büchern. Der Effekt ist aber ganz ähnlich: Man zerstört Wissen, Geschichte, eine ganze Kultur des Lernens und Lehrens und Forschens. Die Eroberer setzen fest, was gelesen, gelehrt, gedacht werden soll. Und sie zeigen, dass sie gewillt und fähig sind, diese Vorgaben umzusetzen. An Dingen und Menschen.

Die Macht des Wortes – auch und gerade des geschriebenen, konservierten Wortes – ist groß. Darum müssen die Bücher verschwinden. Und die Wirkung der Vernichtung soll möglichst eindrücklich sein. Es geht nicht nur um die Macht, um die Unterwerfung des „Feindes“. Es geht darum, den Gegner im wahrsten Sinne mit Haut und Haaren zu vernichten; seine Kultur, seine Kunst, seine Geschichte, sein Wissen, seine Ideen, seine Träume und Visionen, seine Sicht auf die Welt zu zerstören. Auszurotten. Zu ersetzen durch die eigene Sichtweise.Bücherregal in der Dominikanerbibliothek in Gent

Die Eskalation ist maximal. Eine Diskussion ist nicht mehr möglich. Sich anderen Meinungen auszusetzen ist keine Option mehr. Wer nicht freiwillig die eigene Sichtweise übernimmt, muss mundtot gemacht werden. Und plötzlich geht es nicht mehr um Geschichte, sondern um unsere Situation, unsere Gesellschaft, unsere Art, miteinander umzugehen.

Die, die nicht zuhören wollen, die die Gedanken ihres Gegenüber vernichten wollen, die den Diskurs ausmerzen wollen, sind laut. Ihre Zeichen sind stark und wirkmächtig. Aber sie müssen nicht das letzte Wort haben. Es ist anstrengend, sich dem Diskus auszusetzen. Verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es ist schwer, aus seiner eigenen Filterblase auszubrechen und sich auf andere einzulassen. Es ist eine Herausforderung. Aber es ist möglich. Es muss möglich sein.Dominikanerbibliothek in Gent

Die Dominikanerbibliothek in Gent ist heute wieder zugängig. Die alten Bücher dort sind nicht nur Museumsstücke, sondern können wirklich gelesen, genutzt werden. Eine sachliche Auseinandersetzung ist wieder möglich. Auch wenn es in einer Nacht im 16. Jahrhundert vermutlich nicht so aussah, als könnte das jemals wieder geschehen.

 

Feigen-Walnuss-Buttermilch-Kuchen

Der Herbst ist da und neben Kürbis in allen Variationen bringt er auch den Verbrauch der letzten Sommerreste. Und zu denen gehörte ein Dutzend Feigen im Tiefkühler. Aus denen und einigen Walnüssen habe ich neulich für kurzfristig angekündigte Gäste einen Kuchen zusammengerührt. aufgeschnittener Feigen-Walnuss-Buttermilch-Kuchen

Grundlage war dieses Muffin-Rezept, ich habe es an die hiesigen Vorräte und die extreme Süße der Feigen angepasst und als Guglhupf gebacken. Lecker!

Zutaten:

4 kleine Eier
150 g Zucker
200 g Butter
400 g Mehl
1 Pck Backpulver
75 g Walnüsse
300 ml Buttermilch
400 g Feigen

Zubereitung:

Die Walnüsse in einer Pfanne leicht rösten, abkühlen lassen und hacken. Feigen in kleine Würfel schneiden.

Butter und Zucker gut miteinander verrühren, die Eier hinzugeben und zu einer glatten Masse verrühren.

Mehl und Backpulver miteinander verrühren und die Hälfte in die Zucker-Ei-Butter-Masse geben, glattrühren. Die Buttermilch hinzugeben, dann den Rest des Mehls in den Teig sieben und alles zu einem glatten Teig verrühren. Feigen und Nüsse unterziehen und in eine Guglhupf-Form geben.

Bei 180°C ca. 60 Minuten backen.

Guten Appetit!Feigen-Walnuss-Buttermilch-Guglhupf

Was schön war

Der Zug nach München ist rammelvoll. Die Wagenreihung hat sich geändert, reservierte Sitzplätze werden nicht angezeigt, die Klimaanlage funktioniert zwar, zickt aber immer wieder rum und Internet gibt es auch keins. Die Stimmung ist entsprechend gereizt. Man muss gar nicht lange im Zug sitzen, um das mitzubekommen. Man merkt es sofort beim Einsteigen. Ein älterer Herr steigt ein und wartet neben meinem Platz darauf, dass sich das Chaos im Gang ein wenig lichtet und er zu seinem Platz gehen kann.

Er trägt einen grau-blauen Anzug, den er vermutlich schon sehr lange besitzt. Der Schnitt war vor Jahrzehnten modern und über die Schultern und die Hüften ist er seinem Träger zu weit geworden. Aber eindeutig ist es ein guter Anzug. Ein feiner Stoff. Ein sorgfältig ausgewähltes Hemd mit farblich passender Krawatte rundet die Erscheinung ab.

Der kleine, alte Herr hält sich ganz aufrecht. In der einen Hand trägt er einen abgewetzten Violinenkasten, in der anderen einen grauen Hut. Ein Hut, wie ihn ältere Herren in Bilderbüchern tragen. Einer von denen, die mein Großvater den „guten Hut“ nannte. Im Gang wuseln einige laut plappernde Kinder durcheinander und schubsen sich meckernd herum, bis jeder einen passenden Platz gefunden hat. Der ältere Herr seufzt ein wenig.

Ich biete ihm an, auf meinem Platz sitzend zu warten, bis sein Weg frei wird. Er bedankt sich mit wenigen Worten, lehnt das Angebot aber ab, zuckt die Schultern, hebt den Blick und plötzlich lächelt er über das ganze Gesicht. Ich sehe ebenfalls auf und mein Blick fällt auf einen jungen Mann am anderen Ende des Ganges. Er trägt Cargo-Shorts und ein verwaschenes T-Shirt. Vom Aussehen her ist er das genaue Gegenteil von meinem Kurzzeit-Nachbarn. Doch von der Haltung her ist er sein jüngeres Ebenbild. Ganz aufrecht steht er da, in der einen Hand einen mit bunten Aufklebern verzierten Gitarrenkoffer und in der anderen Hand ein Hut. Kein „guter Hut“, sondern ein Outdoor-Pfadfinder-Zeltplatz-Hut, aber eindeutig ein Hut. Als habe das Lächeln des älteren Herrn ihn angezogen hebt auch er seinen mürrischen, genervten Blick und schaut genau auf sein Gegenüber.

Es dauert den Bruchteil einer Sekunde, dann erkennt er seinen Bruder im Geiste. Und plötzlich, mitten im gereizten Chaos, mitten in der Hitze des Platz-Kampf-Gefechts und über den Streit der Teenager hinweg, strahlt auch er. Freundlich nicken die beiden sich über die Köpfe der immer noch motzenden Kinder hinweg zu.

Dann ist der Weg frei und die beiden gehen zu ihren Plätzen, heben ihre Instrumentenkoffer vorsichtig ins Gepäckfach. Bevor sie sich hinsetzen nicken sie sich nochmal zu wie alte Bekannte. Sie wechseln kein Wort. Aber als ich mir kurz danach im Bordbistro einen Tee hole, sitzen sie beide noch immer still in ihren Sitzen und lächeln vor sich hin.

Saisonende am Meer

Sonnenuntergang am Meer mit rose-orangenen Wolken

Das Wellenrauschen mischt sich mit Motoren- und Klopfgeräuschen. Die Besitzer der süßen kleinen weißen Strandhütten fahren mit Traktoren oder Geländewagen und Anhängern vor und bauen die Holzhäuschen ab. Das dauert nicht lang: Nach dem Lösen einiger Schrauben wird das Dach abgehoben. Die Seitenwände trennen sich nach einigen festen Schlägen voneinander, die Bodenplatte wird angehoben und entsandet, mit einer Schaufel heben die Aufräumer die beiden hölzernen Verankerungsstreben aus dem Sand, laden alles auf den Hänger und nach wenigen Minuten sind einige Spuren im Sand alles, was davon erzählt, dass hier eine Familie einen Strandsommer verbracht hat.Abbau einer Strandhütte

Der Zaun des Beachvolleyballfeldes ist an vielen Stellen zusammengebrochen. Die Reste werden von missmutig dreinschauenden jungen Männern zusammengetragen. Die Liegestühle der Strandbars sind verschwunden – entweder schon komplett weggeräumt oder in dicke Plastikplanen eingeschlagen, wartend auf den nächsten Transport ins Winterquartier.umgekippter Zaun am Strand

Auch das Velodrom mit den verrückten Fahrradvarianten vom Hochrad bis zum Rad mit losem Lenker ist verschwunden. Ein paar Holzpflöcke haben die Betreiber im Boden zurückgelassen. Kinder laufen lachend den Parcours ab, der sich noch immer im Sand abzeichnet.Abdrücke des Velodroms am Strand von Blankenberge

Im Klamottenladen schräg gegenüber gibt es Rabatt auf Sommerkleidung und Windjacken. Schals und Schirme sind auch im Angebot. Die meiste Eisdielen haben schon geschlossen und der Dekoladen, der zu Beginn des Sommers Ohrringe und Fidgetspinner verkaufte, hat sein Angebot auf Weihnachtsdeko umgerüstet.winterdekoration in einem Laden in Blankenberge

Sein Konkurrent in der Fußgängerzone hält trotzig an den bunten Fingerkreiseln fest und hat sogar den Ladeneingang mit Bildern seiner Kreiselvariationen beklebt. Einige Senioren bleiben vor der Auslage stehen und bestaunen die bunten Spinner. „Das soll mal modern gewesen sein?“Laden für Fidget Spinner in Blankenberge

Muscheln, Fisch und natürlich Stoofvlees und Pommes gibt es noch, fast alle anderen Lokale haben zugemacht. Nicht alle Wirte und Ladeninhaber werden in der kommenden Saison wiederkommen. Einige neue „Te huur“ und „Te koop“-Schilder hoffen darauf, Interessenten anlocken zu können.

Das große Bistro an der Strandpromenade hingegen ist prachtvoll dekoriert wie eh und je. Doch statt der Tropenfrüchte gehören jetzt Kürbis und Zucchini zur Grundausstattung. Drei ältere Herren mit Strohhut sitzen vor einem Gin Tonic und schauen mit verschränkten Armen auf die verblichene Holztür des Personaleingangs, als hätten sie sich am Meer längst satt gesehen.Deko mit Kürbis und Zucchini

Ein paar junge Leute werben am Straßenrand für eine Mitgliedschaft beim flämischen Roten Kreuz. Es sind vor allem Einheimische, die stehen bleiben und sich in ein Gespräch verwickeln lassen. Man erkennt sie an den Einkauftrolleys und daran, dass sie als einzige keine Outdoor-Kleidung oder Funktionsjacken tragen. Nach einem Einkauf im kleinen Supermarkt stehen die potentiellen Neu-Rotkreuzler noch immer am Infostand. Man hat jetzt Zeit.

Die einzigen, die rennen, sind die Techniker, die kurz vor knapp noch die Lichtanlage für die Closing-Party im letzten geöffneten Strandclub aufbauen. Als sei vom Herbst noch lange nichts zu spüren, blinken die bunten Scheinwerfer, bläst die Nebelmaschine Trockeneiswolken auf die sandige Tanzfläche. Ausgeschenkt wird schon der Gin der kommenden Saison. Alle aktuellen und viele alte Sommerhits klingen durch die viel zu früh angebrochene Nacht. Der DJ lässt sich nicht lumpen und spielt Robbie Williams, Ed Sheeran, Abba und sogar Queen. Und dann – als sei es ein echter Sommer gewesen – Lambada, Macarena und ein aller-, allerletztes Mal Despacito. Um kurz nach 23 Uhr ist Schluss. Es rummst noch ein paar Mal, dann sind Lichtanlage, Nebelmaschine und DJ-Pult weggeräumt, die Bar abgebaut und die verbliebenen Bänke und Tische eingepackt. Lichter der Closing Party

Am nächsten Morgen werden wir von der Ruhe geweckt. Vom Rauschen der Wellen, dem Pfeifen des Windes, dem leisen Plätschern des Regens und dem vereinzelten Kreischen der Möwen. Hallo Herbst.

Faszinierende Geschichten in Stein: Der Calvaire in Tronoën

Notre-Dame-de-Tronoen in Saint-Jean-Trolimon im FinistèreMitten im Nirgendwo, auf einem einsamen Hügel mit einem grandiosen Blick auf die Bucht von Audierne stehen wir bei strahlendem Sonnenschein und versuchen uns vorzustellen, wie es hier in der Mitte des 15. Jahrhunderts ausgesehen hat. Damals war Saint-Jean-Trolimon eine pulsierende Metropole mit mehr als 10.000 Einwohnern, einem florierenden Handelsleben und einem stinkreichen Dominikanerkonvent. Das erzählt uns zumindest die freundliche Kunstgeschichtsstudentin, die uns herumführt.

Ganz kostenlos, übrigens. Das gibt es an vielen französischen Orten in den Sommermonaten und wenn ihr irgendwo seid, wo solche Freiwilligen ihre Dienste anbieten, dann macht das ruhig. Man erfährt wunderbare Dinge, die zwar auch im Reiseführer stehen – aber der beantwortet keine Rückfragen. Und natürlich wissen die Menschen, die sowas als Hobby machen, mehr als jedes noch so schlaue Buch und machen aus euren Besuchen eine persönliche Erfahrung.

Julie geht also zweimal mit uns um den Calvaire in Tronoën herum und zeigt uns, in welche Richtung man die in Stein gefassten Geschichten und Bibelszenen lesen muss. Sie weiß, dass der Kalvarienberg aus zwei verschiedenen Steinarten besteht und kennt sich mit deren Eigenschaften aus, so dass sie uns erklären kann, was an welchen Stellen zu Verwitterungen geführt hat. An einer Stelle ist ein Teil eines Kopfes abgebrochen, was vermutlich daher rührt, dass die Menschen früher versucht haben, in die zweite Geschichtenreihe hochzuklettern, um Details besser sehen zu können. „Vielleicht war es auch einer der Mönche oder Priester, der hochgeklettert ist, um der Gemeinde seine Meinung zu sagen und eindrucksvoll mit Zeigen auf die Figuren zu untermalen.“

Clavaire von Tronoen in der BretagneWir können den etwas übermotivierten Geistlichen fast vor uns sehen. Genauso wie die entblößten Brüste der jungen Maria, die gerade ein Kind geboren hat – eine durchaus seltene Darstellung, wie Julie fröhlich betont. Ebenso selten wie die doppelte Taufszene, von der man nicht so genau weiß, ob Jesu Taufe einfach zweimal dargestellt wird, ob einmal Johannes der Täufer dargestellt ist oder ob die doppelte Szene eine ganz andere Bedeutung hat. Dafür weiß man dank historischer Zeichnungen deutlich genauer, wie die Szene der Verführung von Adam und Eva im Paradies vor der starken Verwitterung ausgesehen hat – so bunt bemalt wie die alte Zeichnung war der gesamte Calvaire.
doppelte Taufszene auf dem Calvaire von Tronoen im Finistère in der Bretagne

 

 

Dass Jesus in allen Szenen am größten dargestellt ist, wäre uns vermutlich alleine ebenso wenig aufgefallen wie die Tatsache, dass die Kleidung der heiligen drei Könige der Mode der Bauzeit des steinernen Religionsunterrichts entspricht.Passiosnszene auf dem Calvaire in Tronoen

Auch die Tatsache, dass der tote Jesus in den Armen seiner Mutter (die Darstellung der Pieta am mittleren Kreuz), mit der ausgestreckten Hand auf die darunter dargestellte Auferstehungsszene zeigt, ist ein Details, das ich alleine vermutlich nicht erkannt hätte.Pietà auf dem Calvaire von Tronoen

Und vermutlich hätten wir den „Guetteur“, den Späher an der Kirche auch nicht gefunden – schließlich wurde er vom Eingangsportal fast komplett zugebaut und erspäht seither höchstens die eine oder andere Flechte auf dem Granit. Trotzdem erinnert er an die Zeit, als man hier oben – aus gutem Grund – Ausschau nach den Angelsachsen halten musste.Szene auf dem Calvaire de Tronoen

Der Calvaire ist nicht der bekannteste, dafür aber der älteste Kalvarienberg der Bretagne. Wir haben in den vergangenen Jahren einige große und kleinere Calvaires besucht und der in Tronoën ist durchaus einer meiner Liebsten.

Im Sommer ist übrigens montags vormittags rund um die Kirche ein kleiner Kunsthandwerkermarkt, bei dem man bei live Harfenmusik mit den Ausstellern ins Gespräch kommen kann. Und so erfährt man dann, dass es in dem heute kleinen Ort Saint-Jean-Trolimon gleich zwei Bronzegießer gibt und dass einer von ihnen mit den Wissenschaftlern der Uni in Rennes gemeinsam experimentiert. Eine andere Künstlerin zeigte uns, wie sie ihre Radierungen erstellt und ein Imker ließ die Besucher seinen Honig probieren. Kein Vergleich mit dem lebendigen Handelsleben im ausgehenden Mittelalter, aber eine durchaus angemessene Remineszenz. Große Empfehlung!Harfenist auf dem Marché bei der Chapelle de Tronoen

Pointe de la Torche

Ich bin zwar kein Surfergirl, aber die Pointe de la Torche empfehle ich euch trotzdem. Denn dort kann man wunderbar surfen, man kann dort aber auch wunderbar die Nase in den Wind halten und dabei auch noch ein paar Megalithen entdecken. Denn am Ende der Landspitze gibt es eine kleine Erhebung, auf der ein Dolmen, bzw. das, was von ihm übrig blieb. Man muss den Hügel nicht hinaufstürzen und sich der Länge nach flachlegen, versprochen. Man kann das aber natürlich tun und trotzdem einen wunderbaren Tag haben. Habe ich eigens für euch getestet. Bitte, bitte, keine Ursache.Surfer an der Pointe de la torche im südlichen Fnistère

Nach einem Spaziergang durch die Dünen und über den schön langen und bei Ebbe auch großartig breiten Strand kommt man schließlich zur Landspitze, die so heißt, wie sie aussieht: Pointe de la Torche – Fackelspitze. Bei Flut wird das noch deutlicher, dann klettert das Wasser rechts und links so weit nach oben, dass nur eine schmale Landzunge übrig bleibt und der Hügel, der ins Meer ragt, wirklich wie die Flamme einer Fackel aussieht.

Hinter jeder Biegung eröffnen sich dem Wanderer neue beeindruckende Blicken über das Meer und die Felsen der Pointe. Die alle paar Meter aufgestellten Rettungsringe weisen darauf hin, dass das Meer hier nicht nur romantisch ist, sondern dass seine wilden Kräfte gemeinsam mit dem Wind, der auch an schönen Tagen heftige Böen entwickeln kann, durchaus eine ernstzunehmende Gefahr darstellen.Felsnase an der Pointe de la Torche in der Bretagne

Klippen an der Pointe de la torcheGroßer Felsen an der Pointe de la torche im Finistère, BretagneRettungsring auf dem Wanderweg um die Pointe de la torche in der BretagneUnd noch etwas macht nachdenklich: An der Pointe de la Torche – sowohl am Strand als auch auf der Landspitze – sind deutlich die Spuren der deutschen Besatzung zu sehen. Überrest eines deutschen Bunkers an der Pointe de la torcheBunkerteil am Strand der Pointe de la torche

Man kann die Bunkerreste nicht besichtigen, dafür haben wir aber an dem Denkmal innegehalten, das an die Opfer der „Hitlerbanditen“ erinnert, wie der Text es beschreibt.Gedenktafel für die Opfer der Nazis an der Pointe de la torche

Ob die Erbauer der Bunker sich wohl Gedanken über den Dolmen gemacht, ihn überhaupt als solchen erkannt haben? Je näher wir ihm kamen, desto besser haben wir gesehen, wie das Ganggrab aufgebaut gewesen sein muss. Ein wahrhaft majestätischer Ort für die letzte Ruhe.Dolmen auf der Pointe de la torche

Deutlich weniger majestätisch, dafür aber gemütlich sind die Bars und Bistros am Ende der Pointe, wo man einen kleinen Café nehmen und den wagemutigen Surfern bewundernde Blicke zuwerfen kann.

Was schön war: Mit einem Taxi durch Paris

Neulich kam ich in die Verlegenheit glückliche Lage, endlich einmal mit einem Taxi zwar nicht nach, aber immerhin durch Paris zu fahren. An einem sonnigen, warmen Hochsommertag und mit einem Fahrer, wie ich ihn mir besser nicht hätte wünschen können.

Erste Überraschung: Taxifahren ist in Paris gar nicht so teuer, wie gedacht.
Zweite Überraschung: Taxifahrer sind in Paris gar nicht so unhöflich wie allgemein behauptet („Ist es OK, wenn ich die Fenster aufmache, oder hätten Sie lieber Erfrischung durch die Klimaanlage?“ <3) .
Dritte Überraschung: Ich habe meinen Zug bekommen und zwar sogar noch 3 Minuten schneller als das Taxifahrer-Navi vorhergesagt hatte.

Dabei fing alles gar nicht so großartig an. Nur ein paar Meter von der Gare du Nord entfernt, wurde das Taxi um ein Haar in einen Unfall verwickelt. Ein anderer Fahrer bremste völlig unvermittelt, weil ein LKW auf die Straße gefahren kam. Das Taxi scherte nach links und mein Fahrer schaute zu dem Bremser hinüber – ein junger Fahrer einer privaten Limousine, trotz der sommerlichen Temperaturen in dunklem Anzug mit Krawatte. „Diese jungen Privatchauffeure – haben kaum Fahrpraxis und vor allem keine Erfahrung im Stadtverkehr. Sie sehen immer so erschreckt aus, als sei das ein furchtbarer Job“, erklärte mir der Mann aus dem Fahrersitz. Er selbst trug leichte Hosen, ein kurzärmliges Hemd und eine durchaus vergnügte Miene. „Fahren Sie denn schon lange“ – „Ach, schon ewig. Zwischendurch habe ich zwar etwas anderes gemacht, aber ich komme immer wieder zum Taxifahren zurück. Ein wunderbarer Beruf.“

Als ob er mich für eine Expertin hielte, fragt er mich, ob es OK ist, wenn er diesen Weg nehme, er könne natürlich auch über den Boulevard sowieso oder die Avenue irgendwas fahren. Als ich sage: „Nein, machen Sie nur. Sie kennen die Stadt und den Verkehr“, nickt er kurz und erklärt mir in den folgenden Minuten seine Art von Sehenswürdigkeiten.

„Sehen Sie dort“, sagt er in der Nähe des Louvre, „vor diesem großen Stadthaus mit der etwas schmutzigen Fassade, da standen früher immer Wachleute. Manchmal zwei, meistens aber vier oder sechs. Da wohnte Jacques Chirac.“

Blick auf die Tuillerien in Paris

Ein paar Straßen weiter: „Hier, merken Sie sich dieses Café. Da gibt es die besten Tartelettes aux fruits in ganz Paris. Ich weiß wovon ich rede, ich habe fast alle probiert.“

„Dort drüben, sehen Sie die bunten Fensterläden? Da gibt es Käse. Es steht zwar noch ‚Coiffeur‘ außen dran, aber seit ein paar Monaten ist da ein Käseladen. Ganz ausgezeichnete Auswahl.“

„Wenn Sie selbst einmal mit dem Auto hier unterwegs sind, fahren Sie hier keinesfalls zu schnell. Hier wird immer kontrolliert. Und wenn Sie nur einen Kilometer zu schnell sind, kostet es schon gehörig.“

Kurz vor dem Ziel schimpft eine Dame in ihren Fünfzigern durchs offene Fenster: „Was sollte das denn? Sie haben mich fast umgefahren.“ Murmelnd rekonstruiert der Fahrer, was passiert ist: Dass die Dame die Hand rausgestreckt hatte, um rechts abzubiegen, sich dann aber wohl entschlossen haben musste, geradeaus zu fahren und um die Autos herum auf deren linke Seite zu kurven. Dass ihn keine Schuld treffe außer der, dieses für Pariser Fahrradfahrer durchaus häufiger Verhalten nicht zu antizipieren. Als die Dame uns bei der nächsten Ampel einholt und nun links neben dem Fahrerfenster zum Stehen kommt, beugt er sich trotzdem freundlich zu ihr hinaus und entschuldigt sich für die Situation an der letzten Kreuzung. Die Fahrradfahrerin – mit einem der Leihfahrräder unterwegs , die man überall für wenig Geld mieten kann – brummelt zwar noch immer unwirsch, lächelt aber angesichts der freundlichen Worte irgendwann dann doch vor sich hin.

Tour Montparnasse in Paris mit Werbung für die Olympischen Spiele

Angesichts der Tour Montparnasse und der dort prangenden Werbung für die olympischen Spiele bekomme ich noch einen kurzen Einblick in die Seele eines Sportfans, der auf den Erfolg der Bewerbung für die Spiele 2024 hofft, und dann noch ein paar gute Ratschläge, wie ich Taschendiebe im Bahnhof erkennen und mich vor ihnen schützen könne (kurz: Trau keinem unter 30; vor allem keinem, der betont harmlos tut und die Arme hinter dem Rücken verschränkt 🙂 ).

Mit dem Duft der sommerlichen Stadt in der Nase und angefüllt mit sonnendurchfluteten Blicken auf Boulevards, den Louvre, die Tuillerien, den Eifelturm und kleine Pariser Parks schlendere ich überraschend pünktlich und überraschend ungenervt vom wilden Pariser Verkehr um die Mittagszeit in Richtung Gleis. Vier Stunden später bin ich in Quimper. Hach <3

Rollstuhlgerechte Küstenwege

In Deutschland diskutieren wir leider zu wenige Menschen stundenlang noch lange nicht ausreichend über Inklusion. Ich habe den Eindruck, dass die Franzosen hier ausnahmsweise weniger diskutieren, sondern einfach machen.

Direkt um die Ecke von unserem wundervollen Ferienhäuschen zum Beispiel gab es ein paar Kilometer rollstuhlgerechten Strandwanderweg. Das heißt vor allem, dass der Weg für Rollstuhlfahrer zugängig ist und es nicht nur einen kleinen Trampelpfad die Düne hinauf gibt. Außerdem gibt es Picknick-Tische mit nur einer Bank, so dass Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer ebenfalls Platz nehmen können. Und Platz genug für Menschen, mit denen die Rollstuhlnutzer_innen unterwegs sind.großer, für Menschen mit Behinderung angelegter Küstenweg mit einem rollstuhlgerechten Picknicktisch

Am Ende des Weges liegt das Museumsdorf Meneham und auch dort kann man bei den traditionellen Festou Deiz zahlreiche Menschen mit Behinderung und viele von ihnen im Rollstuhl antreffen. Dazu gibt es einen behindertengerechten Zugang, behindertengerechte Sanitäranlagen und multimediale Darstellungen im Museumsteil: Dinge nicht nur zum Sehen, sondern auch zum Hören, Fühlen, Riechen. Mit Türen, die zwar niedrig, aber breit genug für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Krücken oder Rollator sind.

Auf der „Carte touristique“, die man uns neulich in die Hand gedrückt hat, sind noch mehrere solcher Wanderwege und Sehenswürdigkeiten eingezeichnet. Besonders hervorgehoben wird das nicht. „Wieso auch. Das gehört sich einfach so“, sagt die freundliche Dame an der Kasse des Calvaire von La Roche-Maurice. „C’est normal.“ Zumindest im Finistère. Darf von mir aus gerne ein Exportschlager werden.

Schwer auszuhalten: Frankreich vor der Wahl

In Frankreich geht der Wahlkampf in die letzte, entscheidende Runde. Abseits der offiziellen Veranstaltungen und Verlautbarungen beschäftigt mich, was durch Freunde und Bekannte in meine Timeline gespült wird: Offene, wütende, kämpferische Unterstützung für Marine Le Pen und den Front National.

Die, die da posten, sind keine Dummköpfe, keine sozial isolierten Wutbürger, keine Dauermeckerer. Es sind Menschen, die ich als engagierte, weltoffene, hoffnungsvolle Menschen voller Lebensfreude kennengelernt habe. Menschen, mit denen ich während meines Studiums nächtelang diskutiert, gefeiert, getanzt habe. Die ich in den vergangenen Jahren etwas weiter aus den Augen verloren habe, zu denen der Kontakt aber nie ganz abriss. Und die jetzt Dinge posten, die mich erschrecken. Die mich traurig machen. Die ich nicht verstehe.

Das geht zurzeit nicht nur mir so. Und weil es für mich so schwer zu verstehen ist, was da passiert, habe ich nachgefragt. Gefragt, warum diese Menschen den FN wählen werden. Warum sie einer Partei und einer Kandidatin den Sieg wünschen, die so Vieles grundsätzlich ablehnt, was für mich so wichtig ist.

Die Antworten haben mich nachdenklich gemacht. Ein Bekannter, der kein Politiker ist, aber in seinem Berufsleben viel mit der EU-Politik und -Bürokratie zu tun hatte, beschreibt voller Enttäuschung, wie sehr Lobbyisten die Politik in Brüssel und Strasbourg prägen und wie stark ihn das abstößt. Wie wenig er sich repräsentiert fühlt, wenn rund 80% aller französischen EU-Parlamentarier – über alle Parteigrenzen hinweg – gegen ein wichtiges Abkommen stimmen und dieses trotzdem in Frankreich gültg wird.

Eine andere Bekannte erzählt, wie wenig sie den Medien vertraut. Weil diese von einigen wenigen Superreichen nicht nur besessen, sondern auch gesteuert würden. Diese Grafik habe ich in den vergangenen Tagen mehrfach in meiner Timeline gefunden. Ein dritter sagt, er sei immer wieder enttäuscht worden von den Menschen, die als Politiker seit Jahren und Jahrzehnten die französische Politik prägen. Die großen Probleme seien doch seit einer gefühlten Ewigkeit bekannt: Die Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vorstädten, die ungerechte Verteilung von Ressourcen, die Abschottung der Eliten an den Grands Écoles, die Unfähigkeit von Politik und Wirtschaft, ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, von denen Menschen leben können.

Und immer wieder der Hinweis, dass die Verlagerung von Kompetenzen nach Brüssel den Franzosen viele Entscheidungen aufgedrängt habe, die das Land in seiner Freiheit beschneiden, die seinen Aufstieg verhindern und seinen Abstieg beschleunigen. Immer und immer wieder höre und lese ich in diesen Gesprächen, dass die EU nur auf dem Papier demokratisch sei. Das ablehende Referendum und die trotzdem erfolgte Zustimmung der französischen Regierung zu den Lissabon-Verträgen wird als Sündenfall empfunden. Oder auch: Was nütze denn die EU und der Euro? Papiere, Ausbildung, Studium – all das werde, trotz vieler Zusagen, wenn es darauf ankommt, ja doch nicht in anderen EU-Ländern anerkannt.

Die Argumente sind verschieden, doch was alle eint, mit denen ich geredet oder geschrieben habe, ist die Tatsache, dass sie sich in der öffentliche Debatte stigmatisiert fühlen. Dass sie als schwarze Schafe in Familie und Freudeskreis und vor allem in der medialen Debatte sehen. Die Wahlempfehlungen gegen Le Pen – wofür auch immmer – machen sie wütend. Sie erkennen darin eine Hexenjagd, einen Lagerwahlkampf, der vor allem eines bewirke: Dass die Verantwortlichen sich nicht inhaltlich mit den brennenden Fragen unserer Zeit auseinander setzen müssen.

Für die, die Französisch können, ein Blick in eine ganz andere Filterblase:

Ich verstehe die Haltung meiner Bekannten jetzt ein wenig besser. Ich kann erkennen, dass wir in der Beschreibung der politischen Notwendigkeiten, in der Wahrnehmung der sozialen Ungerechtigkeiten, in der Einschätzung von gerecht und ungerecht ganz ähnlich denken. Es sind die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Beobachtungen ziehen, die uns grundlegend unterscheiden.

Ich verstehe nun einiges besser. Doch es bleibt dabei: Die Differenz bei der Bewertung der Lage, der Wunsch nach Abschottung anstelle eines gemeinsamen Einsatzes für mehr Menshclichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit, die massive Wut auf „das Establishment“ (das natürlich immer die anderen sind) – sie bleiben für mich schwer auszuhalten.

Ich werde nächsten Sonntag wieder für den #PulsofEurope demonstrieren. Denn ich bin und bleibe fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, sich für ein solches Europa der Menschen und der Menschenrechte einzusetzen. Ich habe durch die Diskussionen der vergangenen Tage aber auch erlebt, dass es (mir) wichtig ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, in Verbindung zu beiben, nicht loszulassen – auch wenn es wehtut.

#Vivel’Europe

Frankreichliebe – Europaliebe

Am Sonntag wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. Beziehungsweise bestimmen sie, wer es in den zweiten Wahlgang schafft und dann Präsidentin oder Präsident werden kann. Und je mehr ich von Freunden und Bekannten höre und in deutschen und französischen Medien lese, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Land, das ich liebe, sich grundlegender verändert hat, als ich es bisher wahrhaben wollte.

Meine Liebe zu Frankreich ist irgendwie einfach so entstanden. Ich bin in der Nähe der Grenze groß geworden und habe schon in der Grundschule die ersten französischen Vokabeln gelernt. Ganz selbstverständlich wollte ich unbedingt Französisch als erste Fremdsprache lernen. Und selbst wenn der erste Schüleraustausch in der sechsten Klasse ein kompletter Reinfall war (meine einige Jahre ältere Austauschpartnerin war zum ersten Mal verliebt und verbrachte ihre gesamte Freizeit mit ihrem Freund, während ich allein auf einem kleinen Dorf ohne andere Jugendliche festsaß und mit „bébé“ spielen konnte, dem dreijährigen Nachzüglerkind der Familie, das von allen so babyhaft behandelt wurde, dass es weder sprechen noch sicher laufen konnte oder wollte), habe ich mich unmerklich nach und nach unsterblich in dieses Land, seine Menschen, seine Sprache verliebt.

Außerhalb der Ferien radelten wir mit Freundinnen ins Elsass, kauften Baguette und Käse, und picknickten am Rheinufer – stilecht auf der französischen Seite.

Im Sommer nach dem ersten Austauschversuch war ich wieder in Frankreich. Diesmal bei einer Familie mit einem gleichaltrigen Mädchen, einem kleinen Häuschen mit Garten in einer wundervollen Kleinstadt. In den folgenden Jahren trafen wir uns immer wieder, mal in Deutschland, mal in Frankreich, wir plauderten in unseren beiden Sprachen, spielten mit den Haushühnern in Frankreich und fuhren begeistert mit der Wildwasserbahn im benachbarten Freizeitpark, wenn wir in Deutschland waren. Meine französische Freundin verdrehte den Jungs in meiner Clique reihenweise den Kopf. Ich lernte flirten, und verknallte mich in Diderot und französische Popmusik.

Und dann war da diese Begegnung in meinem ersten Langres-Sommer. An einem langen Wochenendtag besuchten wir die Großeltern der Familie. Gegen Ende des unenedlich langen und unendlich gemütlichen Familienessens, stand der Großvater auf, ging in ein Nachbarzimmer und kam mit einem Buch und einer Dose in der Hand zurück. Er drückte mir lächelnd beides in die Hand und die kleine, frankreichliebende, familiendynamik beobachtende Austauschschülerin, die ich war, saß plötzlich sprach- und ratlos inmitten der Großfamilie. Ich wusste gar nicht mehr, was ich sagen und wie ich die Situation einordnen sollte. Das Buch war „Mein Kampf“ und in der Dose steckten ein paar Reichsmarkscheine.

An die gespannten Blicke und die plötzliche, neugierige Stille am Tisch kann ich mich noch heute lebhaft erinnern. Und auch daran, dass es der Großvater war, der die Stille brach. Er war – neben meinem Vater – der erste Mensch, der mir von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Davon, dass er in Deutschland in Kriegsgefangenschaft geraten war. Dass er als Knecht auf einem süddeutschen Bauernhof arbeiten musste. Und dass die Bauernfamilie sehr nett zu ihm gewesen sei. Er habe genug zu essen gehabt und mit viel Geduld habe der Familienvater ihm ein wenig Deutsch beigebracht. Er durfte die Bücher in der guten Stube lesen – oder versuchen, etwas daraus zu verstehen – und er durfte mit der Familie gemeinsam am Tisch sitzen.

Buch und Geldscheine bewahre er auf, um sich immer an diese Menschlichkeit mitten im Krieg zu erinnern. Er konnte sogar noch immer einige Sätze auf deutsch sagen. Eine seiner Töchter hatte seine Liebe zur deutschen Sprache inhaliert und war Deutschlehrerin geworden. Europa war in allen weiteren Gesprächen an diesem Nachmittag und Abend der einzige logische Weg für die Zukunft.

Egal, wie viel ich später lernte und las über deutsch-französische Geschichte: Eindrücklicher habe ich nur sehr selten gespürt, was diese so junge Freundschaft zwischen zwei Völkern bedeutet. Zum ersten Mal habe ich mich an diesem Tag nicht nur als Deutsche gefühlt, sondern als Europäerin. Ich habe es in diesen Stunden als Dreizehn- oder Vierzehnjährige nicht bewusst wahrgenommen, nicht begreifen können, aber ich habe es wohl damals schon gefühlt: Dass wir alle, jede und jeder einzelne von uns, etwas zu einer friedvollen, menschlichen, hoffnungsvollen Wirklichkeit beitragen können.

Wenn viele Franzosen jetzt ernsthaft über einen „Frexit“ nachdenken; wenn Menschen, die ich seit Jahren kenne und schätze, davon sprechen, wie sehr Europa die Freiheit Frankreichs bedrohe; wenn die allgegenwärtige Angst vor dem Terror dazu führt, dass der Wunsch nach der Einschränkung von Freiheiten auch bei Menschen, die ich als weltoffen und kreativ kennengelernt habe, zu Forderungen führt, die auch Gleichheit und Brüderlichkeit einschränken würden, so dass diese nur noch für einige bestimmte Gruppen der Gesellschaft gelten sollen; dann blicke ich über die Grenze, die für mich lange nur noch auf dem Papier bestand, und verstehe die Welt nicht mehr.

Ich weiß, dass man für Liebe nicht immer Verständnis braucht. Dass man jemanden auch dann lieben kann, wenn man ihn gerade gar nicht versteht. Und doch hoffe ich, dass sich am Sonntag, und beim zweiten Wahlgang in vierzehn Tagen, viele Franzosen einlassen auf dieses Experiment, das Europa heißt. Auch wenn – und gerade weil – es keine einfachen Antworten verspricht. Dafür aber Begegnungen, ohne die wir alle so viel ärmer wären.

Vive la France. Vive l’Europe. Vive l’amitié.

Kneipenschild mit der Aufscrift: Heute empfehlen wir: Politisch sein!